Sonntag, 15.02.2026, Palo Verde
Stockduster ist es, da klingelt der Wecker. Ich bin aber auch angenehm ausgeschlafen, und ich glaube, mich hat nachts nichts gebissen. Zudecken ist übrigens nicht nötig. Einfach auf sie Matratze legen, den Ventilator laufen lassen, und irgendwann einschlafen. Aber jetzt: los geht’s, dem Sonnenaufgang entgegen!
Anja und ich laufen den Kilometer zum Steg, und bis wir da sind, ist es fast schon taghell. Gleich geht die Sonne auf… gleeeeeiiich… Plopp! Und schon ist es Tag. Aber das Spektakel läuft, nämlich überall um uns herum. Frösche quaken laut, alle Enten begrüßen den Morgen, Schwärme fliegen mal hier rüber, dann doch lieber wieder dort rüber. In der Ferne sind Schwärme von Reihern. Schwärme! Ein Greif sitzt auf einem einsamen Pfosten, der ernährt sich aber von Schnecken, die Enten brauchen hier nichts zu befürchten. Wir bleiben über eine Stunde und sehen mehrere Reiherarten, Muskatenten, Jacana, Wood Stork, Limpkin, Rosa Löffler, Fischadler, und abertausende schwarzbäuchige Pfeifenten.




Ich fotografiere hier mit einem wilden Mix. Vieles entsteht mit meinem Fairphone 5. Auf der Nikon D750 habe ich das einfache 70-300 mm f4,5-5,6. Das ist für sein Gewicht optisch ziemlich gut. Klar fehlt Licht, aber vor allem nervt der langsame Autofokus. Mit 300 mm geht zwar schon einiges, aber in dem weiten Sumpfland ist es nur hilfeeich, wenn was Großes über uns hinwegfliegt, wie zum Beispiel ein rosa Löffler. Für alles, was weiter weg ist, kommt Anjas neue Nikon Coolpix P950 zum Einsatz. Der Chip ist winzig, aber die 2000 mm kombiniert mit der hervorragenden Bildstabilisierung sind der Hammer für alles, was sich nicht bewegt.



Der Rückweg zum Frühstück gestaltet sich langwierig, da wir noch mehr entdecken: einen Specht mit seiner Höhle, einen riesigen Zaunkönig namens Rufous-backed Wren, viele Inkatäubchen und andere Tauben, und so weiter. Ein Aguti rennt unter dem Mangobaum rum, und ein Nasenbär sagt auch hallo. Also… buenos dias – Deutsch kann der gar nicht, klar. Ein Mangobaum ist besonders groß, den hätte ich so gern daheim im Garten, mit dem passenden Gewächshaus drum herum!


In der großen Küche, die wir ganz für uns haben, schnippeln wir uns frisches Obst, machen Tee und futtern, als es draußen plötzlich laut wird. Vor der Station ist ein Bereich eingezäunt, offenbar für Rinder, und die werden jetzt von Cowboys auf Pferden lautstark eingetrieben. Ein paar hundert Kühe kommen zusammen, alle sehr hell, mit großen Hörnern, sehr tiefen Stimmen. Der Tag wird arbeitssam für die Cowboys: die Jungtiere werden zu Pferde aus der Herde gelöst, mit dem Lasso gefangen, auf die Seite gelegt, dann bekommen sie ein Brandzeichen. Es sind viele, und sie brauchen bis spät in den Nachmittag.

Natürlich gibt es viel Muuuh, viel Staub, viel Mief. Aber das Spektakel ist sehenswert, und das Handwerk der Cowboys beachtlich! Ganz fertig werden sie heute nicht, machen erst abends um 7 Feierabend, es ist natürlich bereits dunkel. Das passt bei mir übrigens nicht zusammen: diese Temperaturen und so früh dunkel.
Wir sind aber noch am Vormittag, Anja und ich gehen wandern. Naja, „wandern“ will ich es gar nicht nennen, denn es sind nur knapp 5 km und 200 hm, durch die 35°C wird es aber mächtig anstrengend. Der Weg führt durch den Trockenwald, Laub bedeckt den von vulkanischem Gestein geprägten Weg. Sogar Pilze vergammeln nicht, sondern vertrocknen und bleiben liegen. Vögel sehen wir keine, dafür Pecari, den Wildschweinersatz. Duften tun sie auch ganz ähnlich. Das meinte bereits Guide Christian im Corcovado: man riecht sie erst und sieht sie dann. Oben gibt es eine wunderschöne Aussicht über das Sumpfland und den Fluss. Das Vulkangestein ist pieksig, wir suchen 2 glattere Stellen im Schatten und ruhen aus.

Ein Vögelchen komnt neugierig und hüpft uns regelrecht um die Köpfe!

Wir machen uns an den Abstieg, werden gnatschig, weil warm. Und Sonne. Der Wald ist echt tot zu der Tageszeit. Aber halt, da duftet es doch… Und es raschelt… Und da sind sie, die Pecari! Ein Rudel schleicht durchs Gestrüpp – eben genau wie Wildschweine. Das Letzte schaut uns argwöhnisch an, mir gelingt ein Schnappschuss, dann sind sie weg. Und wir endlich wieder an der Station. Zeit für Siesta.


Eidechsen waren natürlich unterwegs, die Iguanas sind auch fröhlich draußen, lungern auf der Straße herum, auch um die Station sind sie aktiv. Eines ist auf dem Vordach aus Wellblech, das holpert ganz schön. Oh, apropos holpern: daheim hat ja einer unserer cleveren Vorbesitzer ein großes Blechdach unter den großen Kastanienbaum gebaut, so dass es im Oktober immer reichlich rumpelt. Hier hat jemand ein Blechdach unter einen Mangobaum gebaut. Auch Mangos fallen herunter. Aber Mangos sind größer und schwerer als Kastanien. In der Stille der Siesta donnert es gar gewaltig!
Wir vertüddeln den Mittag. Katrin meint: „Einfach so dasitzen und dabei schwitzen, genau so ist es wunderschön!“ Ich kann das auch nach über 2 Wochen so noch nicht nachfühlen. Schwitzen selbst ist nicht das Problem. Aber zu heiß, und ich werd blöd, also richtig dumm, wie mit Fieber, und das mag ich gar nicht. Zudem bewege ich mich gern, dabei schwitze ich auch gern. Nur ist durch die Hitze meine Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt: normales Wandern, und man kann mich anhand der Schweißspur auf dem Boden verfolgen. Und dann hab ich ganz schnell keine Lust mehr. Zudem sind Muskeln in ihrer Leistung stark eingeschränkt, wenn es zu warm wird. Das mag ich auch nicht.
Wir sehen hier Dinge, die gibt es eben nur bei Hitze, und diese Dinge sind wunderschön. Der Preis ist für mich aber durchaus hoch. Auch ist die Sonne der permanente Feind, vor dem es sich zu verstecken gilt. So schmieren wir uns für den Sonnenauf- und Untergang gleich mit 2 Schichten Chemie ein: Sonnenschutz und Insektenschutz. Woanders kann ich mich mit Klamotten schützen, hier ist es dafür zu heiß. Eine Natur, in der ich ohne chemische Schutzschichten körperlich versehrt werde, ist mir vielleicht ein bisschen zu arg. Immerhin, körperlich verkrafte ich es, und Anja mag meine kühlen Unterarme, die permanent transpirieren und Wärme abführen. Nun, ein Fazit soll es noch nicht sein, aber eine Zwischenfeststellung, so dass ich es selbst nicht vergesse.
Nachmittags raffen Anja und ich uns auf, wir wollen noch einen Wanderweg wagen. Morgen fahren wir weiter, also ist jetzt die letzte Gelegenheit dafür. Wie lang kann man für 2km schon brauchen? Wir verabreden uns mit Max und Katrin zum Sonnenuntergang am Steg und marschieren los. Nach Kapuzineräffchen sehen wir Brüllaffen, Pecari, Aguti, dazu Great Curassow (unmöglich zu fotografieren, immer im Gestrüpp). Es geht bergan, und sehr bald haben wir einfach keine Lust mehr. Umkehren ist aber auch keine Option, also los, durch.


Neben dem breiten Sumpfland, durch das der Fluss führt, ragt eine lange Kante aus vulkanischem Gestein auf, gut 200 Meter hoch. Wir sind dahinter und fast ganz oben, ein Abstecher führt zu einem Aussichtspunkt. Anja mag nicht, der Weg ist auch fies, ich düse alleine rauf – und werde belohnt mit einer tollen Sicht im goldgelben Licht der späten Nachmittagssonne. Wow. Aber keine Zeit, die Sonne wird ja bald wieder abgeschaltet.

Durch staubtrockenes Laub, das scharfkantige Steine überdeckt, arbeiten wir uns steil bergab, da dringt ein lustiges Rufen zu uns: zwei Gelbnackenamazonen spielen im Geäst und rufen amüsant. Genießen können wir es kaum, zu heiß, keine Nerven. Schade. Lifer, und keine Nerven. Als wir zum Steg kommen, macht die Sonne gerade Plopp, und das Licht geht aus. Etwas über eine Stunde für 2 popelige Kilometer. Das dürfte Schneckenrekord für uns sein.

Katrin und Max hatten das Auto genommen, fahren zurück. Anja und ich laufen, denn auf der Straße sitzen jetzt im fast-Dunkeln Nachtschwalben. Früher hießen sie Ziegenmelker, aber so wie Raubvögel heute Greifvögel heißen, wurden auch Ziegenmelker umbenannt. Raubvögel rauben nicht, und Ziegenmelker melken keine Ziegen. Nachtschwalbe klingt schöner. Und sie klingen schön, lassen ganz zarte Töne durch die frühe Nacht schweben, und das ist gut so, so können wir feststellen, welche Art es genau ist.
Bei der Unterkunft kochen wir, heute gibt es Nudeln mit Tomatensoße. Nach 2 Wochen ist das eine willkommene Abwechslung zu Reis mit Bohnen. Auf dem Weg zum Bad sehe ich zum ersten Mal im Leben einen Skorpion in freier Wildbahn. Daneben eine Geißelspinne. Etwas weiter ein gigantisches Panzerinsekt, das aussieht wie eine laufende Festung, 5 cm lang und 2-3 cm breit. Und das Gras guckt mit funkelnden Augen zurück. Ein Brüllaffe hat es sich in der Nähe der Toiletten (und unseres Zimmers) eine Nachtstatt gesucht und brüllt noch genüsslich in die frische Nacht hinein. Schlafen? Ja, irgendwann dann bestimmt auch mal. Danke, Haus und Dach. Danke, Türen und Boden. Danke, Moskitonetze.