Samstag 21.02.2026,Tortuguero
Die Frösche hier klingen wie Rauchmelder, denen die Batterie ausgeht. Dazu kommt Heinz, der Gecko, der unser Zimmer bewacht und gelegentlich laitstark schnalzt. Mit Ohrstöpsel geht’s gut, bis ich jäh aus den Träumen gerissen werde, ketzt com Wecker. Zum Glück zu müde zum protestieren, sind wir nur ein paar Minuten später mit den Rucksäcken beladen unterwegs: der große Rucksack auf dem Rücken, der kleine vor der Brust, die Stirnlampe bewahrt uns vor nassen Füßen durch Pfützentapserei.
Der Bus wartet, pünktlich kommt der Fahrer, und los geht’s durch die feuchte Nacht. Es hat knapp 25°C und 314% Luftfeuchtigkeit, die Scheiben beschlagen und Wasser läuft das Glas herab. Wieso hier nicht längst alles verschimmelt ist, muss am Dauerlüften liegen. Für die 25 km brauchen wir ne dreiviertel Stunde und zahllose Stopps. Am Ende ist der Bus halbvoll. Was wollen die ganzen Leute in Tortuguero? Achja, es ist Samstag, und auch Ticos machen Wochenendausflüge.

In Pavona geht’s auf die Boote, es ist 6 Uhr. Der Anleger ist eine einfache Rampe, die Boote schlank und schnell. Ein cleveres Design der Sitzverteilung sorgt automatisch für brauchbare Gewichtsverteilung. Bei einem so schmalen Boot kommt es schon sehr darauf an, dass keine Seite Überlast hat. So dirigiert der Kapitän ein paar Fahrgäste hin und her, lässt sie Plätze tauschen, bis wir top im Wasser liegen. Haha, Wortspiel! Sorry, ist gerade schon spät.


Dann gibt er Gas, und das Boot, das geschätzt 1,5 m breit und 12 m lang ist, düst mit 25 km/h über den braunen Fluss, in den Dschungel hinein. Der Kapitän weiß offensichtlich, was er tut. Das Boot hat ein sehr spezielles Steuerverhalten. Vor besonders scharfen Biegungen mit fieser Strömung nimmt er fast alle Fahrt raus, stellt das Boot quer, sticht schnell um die Ecke. Ein Drift in Zeitlupe. Und dann wieder Vollgas, auch vorbei an den großen Schildern, die ermahnen, man möge doch nur 15 km/h fahren, damit das Ufer nicht so stark erodiert. Geblitzt werden wir nicht, also Vollgas. Außer einigen Schwärmen weißer Reiher sehen wir nichts, nur grün-bunte Wände, umsonst die Kamera bereitgehalten.


Mitten im Dschungel tauchen plötzlich Anleger auf. Ein Zwischenstopp, dann den langen, breiten Kanal hinunter. Da taucht Tortuguero auf. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte. Ob ich mir überhaupt etwas vorgestellt hatte. Ich glaube nicht. Aber irgendwie hatte ich was anderes erwartet als betonierte Anleger, ein Dutzend Boote und breite Wellblechdächer über dem Kai. Bunte Häuser verschiedener Bauart, Restaurants mit offenem Obergeschoss und breitem Dach. Ein Funkmast, der mit Palmblättern… nennen wir es: geschmückt ist.

Aber klar, der Ort existiert seit einigen hundert Jahren, hier gab es lange Zeit ein Holzsägewerk, und erst seit ca. 1980 gibt es Strom. In den letzten 50 Jahren kam der Tourismus, inzwischen aus aller Welt. Auch im eigenen Land kennen alle Ticos Tortuguero, und viele waren schon hier. Das geht nur mit der entsprechenden Infrastruktur und vielen Booten, um rund 1000 Gäste am Tag zu befördern, bewirten, beherbergen.

Wir finden unsere Unterkunft, dort steht Kaffee in der Gemeinschaftsküche bereit. Oh, das tut gut. Es ist zwar erst kurz nach 7, aber unser Zimmer ist frei und wir dürfen es beziehen. Nehle, die Gastgeberin, ist vor 16 Jahren hierher ausgewandert und lebt jetzt mit ihren 2 Kindern hier. Die besuchen die Schule im Ort, schließlich ist Schulpflicht, die Alphabetisierungsrate liegt im Land bei 98%. Klappt sogar hier.
Auch ein schöner Kniff: überall im Land ist das Leitungswasser bedenkenlos trinkbar, und dabei sogar weniger gechlort als in USA oder Kanada üblich. Damit braucht niemand Wasser in Plastikflaschen kaufen. Das vermeidet die in vielen Ländern so übliche Schwemme an leeren Plastikflaschen in Landschaft, Gewässern und Meer. Echt clever, der Move.
Wir gönnen uns ein Frühstück, denn das hatten wir heute noch nicht, und uns knurren die Mägen. Anschließend tingeln wir durch den Ort, müssen aber bald wegen Regen zurück. Der dauert nicht lange, so ziehen wir wieder los, diesmal mit Regenschirmen bewaffnet. Aber die Schauer sind kräftig, zwingen uns unter Dächer. So verbringen wir fast den ganzen Tag: raus, nass, wo rein, essen, raus-nass-rein was trinken, raus-nass-rein, Strand,… Und erkunden so das Örtchen.






Durch das Wetter kommen wir nur wenig zum Fotografieren, aber ein paar neue Vogelarten finden wir auch heute. Dazu den Elephant Beetle, einen der schwersten Käfer überhaupt, und mit 12 cm Körperlänge schwer zu übersehen! Größer als viele Kolibris.

Es gibt viele Reisegruppen, die von Guides über die Insel geführt werden. Wir versuchen zu flüchten, kommen zum Schildkrötenmuseum der Schutzstation. Die gibt es schon bald 70 Jahre, und wir lernen, dass Tortuguero einer der bedeutendsten Brutplätze für 2 Schildkrötenarten ist. Wegen dieser imposanten Tiere wurde der Nationalpark eingerichtet. Wow.

Anschließend treffen wir Barbara, eine Biologin aus Deutschland, die seit 30 Jahren hier lebt und sich aktiv für das Miteinander von Mensch und Natur einsetzt, derzeit viel für Jaguare. Bei ihr haben wir für morgen eine Tour gebucht: früh morgens mit dem Kajak, nachmittags zu Fuß. Es geht also wieder um 5 Uhr aus den Federn… Nein, kein Federbett hier… Also aus dem Laken.
Von Nehle lassen wir uns ein Restaurant mit karibischen Varianten der hiesigen Kulinarik empfehlen und gehen bald danach auch schon wieder in unsere Bude. Währenddessen beginnt das Dorf zu brummen. Wir wurden vorgewarnt, dass es am Wochenende laut werden kann, und tatsächlich sind viele in Ausgehstimmung, die Bars füllen sich, die Musik wird lauter.
Irgendwie absurd: fernab der Straßen, mitten im Nationalpark, umgeben von Dschungel und Krokodilen, so nah am Schildkrötenbrutstrand – und Menschen essen im Restaurant wie in der Stadt, tanzen zu lauter Musik, trinken Alkohol und flirten und streiten und lachen und feiern in die Nacht. So sind wir Menschen wohl. Oder übel? Oder geht eben so das Miteinander? Ach, ich werde philosophduselig. Wahrscheinlich bin ich einfach müde. Ohrstöpsel for the win, gute Nacht.