Donnerstag, 05.02.2026, Stacion Sirena, Corcovado
Wir haben Urlaub, um 4:30 klingelt der Wecker. Morgens. Opfer müssen eben erbracht werden für tolle Erlebnisse. Treffpunkt um 5 vor der Bäckerei, es ist noch dunkel. Die ist überraschend voll und hat eine tolle Auswahl. Das meiste kenne ich gar nicht, also werden einfach 2 süße Sachen probiert, während Anja einen Tee und Katrin einen Kaffee schlürfen.

Mehrere Gruppen starten hier, Jeeps und Guides warten. Es ist schnell erkennbar, wer auf Tagestour geht, und wer 55 km durch den Urwald wandern will. Gepäck und Leute in die Jeeps, der Guide meint beim Einladen meines Rucksacks: „Too heavy!“ Ich versuche ihn zu beruhigen, dass ich das gewohnt bin, und da ja 3,5 Liter Wasser drin sind… „Too heavy!“ Jetzt ist es eh nicht mehr zu ändern, also los geht’s. Aber etwas nachdenklich bin ich schon.
Wir fahren raus aus Puerto Jimenez, dann in eine unbefestigte Seitenstraße. Am Ende geht es in ein breites Flussbett, das zur Regenzeit sichtlich viel Wasser führt, jetzt jedoch großteils trocken ist. Überall wachsen Pionierpflanzen, oder eben die, die es mögen, ein halbes Jahr lang abzusaufen und dann neu auszutreiben. Wir sehen Ibise und Löffler, genießen die holprige Fahrt, die überraschend lange dauert.




Um kurz vor 7 sind wir da, der zweite Jeep mit Gästen und unserem Guide Christian kommt auch bald. Wir sind 10 Leute, 2 Tschechen, 2 Franzosen, eine Amerikanerin, ein Ire und Schweizerin, und wir. Es bleibt bei einer sehr kurzen Vorstellung, wir wollen ja schließlich laufen, nicht quatschen. Hui, jetzt wird es abenteuerlich!




Ein schmaler, sehr guter Pfad führt durch das Dickicht. Es ist trotz Trockenzeit leicht matschig, Wurzeln machen den Weg holprig. So stolpern wir schnell, wenn wir in die Gegend schauen. Aber Wow! So grün und groß und vielfältig ist das alles hier!
Während ich ahnungslos auf das viele Grün starre, entdeckt Christian viele Kleinigkeiten und erzählt uns was dazu. Pflanzen, deren Blätter wie Klett an der Kleidung haften. Würgefeigen, die an anderen Bäumen hochwachsen, sie komplett einverleiben und töten. Blattschneiderameisen mit riesigen Bauten und Straßen voller wackelndwandernder Blätter.



Mehrmals geht es durch Bäche, dann heißt es Schuhe und Socken aus, durch das kühle, klare Wasser, und wieder rein in die Schuhe. Nass ist eh bald alles, dann sind auch nasse Füße egal. Die Klamotten kleben eh schon am Leib.

Wir sehen: 4 Affenarten: Brüllaffen, Kapuzineraffen, Klammeraffen, Totenkopfäffchen (kennen wir von Pippi Langstrumpf). Vögel, Frösche, Minifrösche am Bach, Echse, Kröten. Libelle mit gelben Punkten, die schwirren wie Helikopter. Überall Ameisen. Aras. Tukan. Termitennester und -straßen. Walking (wandering?) Palm. Pecari, das hiesige Wildschweinsurrogat.

Die Brüllaffen sind nicht so erfreut heute, sie machen Drohgebärden, schlagen sich mit ihren langen Armen unter die Achseln und brüllen dabei. Oder ist es eine Aufforderung, das Deo aufzufrischen? Wundern würde es uns nicht.
Im Primärwald, also Urwald, ist alles riesig, dicht, vielfältig. Es gibt kaum Licht, nicht einmal GPS. Alles ist feucht, aber trieft nicht. Es hat über 30°C und ist schwül wie im Dampfbad. Elektronik macht keine Probleme, auch die Linsen von Kameras und Fernglas bleiben sauber, da hatte ich mehr Sorgen als nötig.


Es geht mal leicht bergauf, mal bergab, aber es gibt keine nennenswerten Andtiege, keine Hügel. Mit dem Rucksack geht es gut – aber die Wärme! Am Ende habe ich über 5 Liter getrunken, war aber nur einmal den Wald mit Stickstoff versorgen. Wüste und Regenwald sind also gar nicht so verschieden.

Die letzten paar Kilometer führen durch Sekundärwald, der Übergang ist sehr plötzlich. Früher lebten hier rund 170 Menschen, bis der Staat sie reichlich ausgezahlt hat, um sich ein gutes anderes Zuhause suchen zu können. Bereits 50 Jahre ist die Gegend um die Station Sirena unberührt, aber es macht trotzdem einen riesigen Unterschied!
Urwald, einmal gestört und zerstört, braucht Ewigkeiten. Da Urwald direkt nebenan ist, und die Fläche am Sekundärwald nur einige Quadratkilometer beträgt, wäre hier vermutlich in einigen hundert Jahren der Unterschied verschwunden. Ist kein Urwald in der Nähe, oder wandern fremde Pflanzen und Tiere ein und machen sich breit, braucht es wohl abertausende von Jahren. Ist die Erde erst einmal weggewaschen, noch einmal länger.



Kurz vor 17 Uhr sind wir an der Station Sirena. Diese ist überraschend groß und sehr gut organisiert. Dutzense Leute arbeiten hier als Küchenkräfte, Putzmannschaft, Hausmeister, Techniker. Die meisten Guides sind Freelancer, die von den Büros engagiert werden, oft sehr spontan. Die Zahl der Guides erkennt man am Parkplatz der Spektive zur Mittagszeit.
Alles ist total offen gebaut, Fenster mit Glas gibt es keine, wie in den meisten Häusern Costa Ricas auch. Wir bekommen einen frischen, kalten Fruchtsaft und dürfen kurz die Füße hochlegen. Überraschenderweise gibt es WLAN, daher gab es ein paar Nachrichten aus dem Nirgendwo.

Katrin ist jetzt zum vierten Mal hier an der Station Sirena und beschreibt es wie Heimkommen, hier fühlt sie sich wohl. Wundervolle Natur, prima Klima, chilliges Leben und viel zu entdecken. Die Station hat sich über die Jahre ganz schön entwickelt, beim ersten Mal in 2008 waren es nur Matratzen auf dem Boden mit Mückennetz drüber. Selbst kochen war angesagt, Internet gab es natürlich auch nicht. Man durfte auch ohne Guides hierher, jetzt darf man ohne Guide nicht von der Station weg.
Sie macht auch gleich ihren Bat Detector klar und sammelt Fledermausarten anhand deren Rufe per App. Letztlich werden es 3 oder 4 – recht wenig. Aber das lieht auch daran, dass wir nachts nicht ohne Guide raus dürfen, schon gar nicht in Flip-flops: giftige Schlangen, die gern in die Knöchel beißen, bringen jeden schnell vom Wumsch ab. Außerdem wird nachts vieles wach, was tagsüber schläft. Das soll nicht gestört werden.
Dann Lager beziehen, Doppelstockbetten mit Mückennetz. Die Matratze ist in Plastik eingepackt, dann Stoff drüber, so schimmelt nichts. Ein einfaches Laken zum Zudecken genügt völlig.

Endlich eine Dusche (warmes Wasser ist überflüssig), dann essen: Reis mit Bohnen und Spaghetti, Gemüse und Salat. Uwe lernt: Scharfe Soße ist scharf. Don’t mess with Chili in Middle Americas. Jetzt sitzt ich da und schwitze noch extra! Aber von einem Inder habe ich gelernt, dass die Schärfe die Durchblutung an der Hautoberfläche fördert und der Körper damit mehr Wärme abgibt, so also die Kerntemperatur gut senken kann. Es ist lecker und reichlich. Ich habe noch literweise getrunken.
Kurz vor 8 Uhr sind wir im Bett, denn pünktlich um 8 gehen alle Lichter aus. Klack dunkel, kein Strom mehr. Nur Zikadenkonzert, Waldtiere, und das zarte Schnarchen der Leute um uns herum.
