Donnerstag 19.02.2026, Montezuma
Es ist noch dunkel, da lassen wir uns aus dem Schlummer klingeln. 5:30 ist es, genau richtig, um in der Morgendämmerung nach Vögeln zu schauen. Der Ort feiert in die Nacht und schläft lang, so ist jetzt alles ruhig. Wir gehen zum breiten Strand, da ist das Licht gut, und wir genießen, so als Bonus, den Sonnenaufgang über dem Meer. Seit wir in Ramberg wohnen, ist das goldene Licht der Sonne nah am Horizont selten geworden, das bringt die Lage im Tal eben mit sich.






Wer übrigens seit Uvita darauf wartet, wie ich versuche, Kokosnüsse zu knacken, der ist bisher genauso enttäuscht wie ich selbst. In den Orten seither gab es keine Kokosnusspalmen, oder nur so wenige, dass auf nichts Brauchbares zu hoffen war. Und hier werden wohl sämtliche Kokosnüsse von Leuten eingesammelt und entweder selbst verspeist, oder teuer an Touris verkauft. Ich zähle auf die Karibik, sonst wird es noch ein paar Jahre dauern, bis ich es endlich ausprobieren kann. Hmpf.

Wir frühstücken schnell, denn um 8 Uhr soll der Bus ans Ende der Halbinsel Nicoya fahren. Den wollen wir nehmen, um im ältesten Nationalpark des Landes, dem Cabo Blanco, bis an den Strand zu wandern. Aber es fährt kein Bus, zumindest jetzt nicht. Ein Einheimischer weiẞ das, und bietet uns seinen Fahrservice für wenig Geld an. Dankend nehmen wir an, so fährt uns der alte Luis gemütlich zum Park. Er kennt hier wohl jeden, grüßt jeden und wird gegrüßt. Montezuma ist sein Heimatort, hier hat er sein ganzes Leben verbracht. So zeigt er uns noch ein paar Orte entlang des Weges und erzählt ein bisschen.

Nationalparks sind streng bewacht gegen Holzeinschlag, Wilderer, Siedler, Tierhalter. Entsprechend haben sie Öffnungszeiten, staatliches Personal in Uniform, und kosten Eintritt. Das ist gut so, denn so wird das Wirtschaftsmodell des Landes, das seit 1970 zunehmend auf Ökotourismus beruht, überhaupt erst tragbar. Die Ranger nehmen ihren Job ernst, und jeder Besucher muss sich in ein Buch eintragen. Ob das nur für die Vermisstensuche genutzt wird, halte ich für unwahrscheinlich, goffe auf guten User Research.
Diese Ecke der Halbinsel Nicoya ist feuchter, die Luft schwüler. Das verspricht schöne Erlebnisse auf der Wanderung. Und gleich am Anfang des Weges sehen wir eine 10-spurige Ameisenautobahn. So dicht und eng und vielspurig haben wir noch keine Ameisenstraße gesehen!
Kurz danach die ersten Vögel. Dann machen wir etwas Strecke. Es ist ja kurz nach 8 und noch relativ kühl, also nur 30°C, da wollen wir etwas vorankommen und lieber später schlendern und schauen. Der Nationalpark wurde auf private Initiative hin 1963 eingerichtet und der Wald darf seither ungestört wachsen, immerhin schon über 60 Jahre lang. Das sieht man, es ist durchaus wild und vielfältig.

Ungewohnt ist, das permanent irgendwo ein welkes Blatt herabfällt und der Boden bedeckt ist mit trockenem Laub – und trotzdem ist der ganze Wald grün. Aber hier hat es ja auch Blüten und Früchte zur selben Zeit am Baum. Permanente Erneuerung über das Jahr hinweg, statt wie bei uns der große Laubabwurf im Herbst.
Wir würden gern den Long-tailed Manakin sehen. Sein eindeutiges Pfeifen ist ständig zu hören. Es tönt weit, wir hören es aus verschiedenen Richtungen, auch mal von ganz nah. Aber zu sehen kriegen wir ihn einfach nicht! Ein Specht mit herrlich rotem Kopf und punkiger Frisur, der Pale-billed Woodpecker, trommelt immer wieder an hohle Bäume, dass es knallt wie Schüsse, immer genau 2 mal.

Hier stehen tolle Bäume. Überhaupt ist Costa Rica voller toller, uralter Bäume, nicht nur in den Nationalparks. Mangels botanischer Detailkenntnis und wegen akuter Synonymknappheit erspare ich mir ausladende Beschreibungen, die letztlich doch nur münden würden in hohe, dicke, alte, große, breite, wilde, starke, uralte, ururalte, urururalte Bäume. Bäume halt. Find ich toll. Ich lehn mich gern gegen alte Bäume, schließe die Augen, und spüre ins Holz. Und dann werde ich ganz ruhig.
Hier geht das nicht mit allen Bäumen, denn einige sind unfassbar pieksig, und andere giftig. Der Ranger am Eingang ermahnte alle Besucher: „Don’t touch this tree, don’t eat this fruit. It’s poisonous. Don’t touch anything. Everything here is poisonous.“ Alles hier sei giftig. Stimmt natürlich nicht. Aber ich verstehe gut, warum er das tut. Zu viele Menschen glauben, die unberührte Natur müsse ja gut zu uns sein, wenn wir ihr nur mit innerem Frieden begegnen. Diese Naivität wird schnell bestraft, und die Ranger haben die Arbeit. Dann lieber so.



Der Weg ist gut, nur ein bisschen warm. Katrin nimmt später den Bus hierher, Max verbringt den Tag am Strand, so sind Anja und ich zu zweit allein. Wir entdecken, dass Nasenbären klettern können. Und Ameisenbären auch! Einer hängt kopfüber an einem abgestorbenen, abgebrochenen Ast, der nur noch an Lianen hängt und das Heim von Termiten ist. Da hängt das dicke Felltier, mit dem Schwanz in eine Astgabel geklammert, und mit seinen seltsamen Pfoten festgekrallt, und putzt den ganzen Stamm mit seiner schnellen, langen, dünnen Zunge von Termiten frei. Die krabbeln ihm durchs Gesicht, können ihm wohl aber nichts anhaben. Er zerlegt den Ast mit Krallen und Zähnen, dass es staubt, um an die Termitenfüllung zu kommen. Und als er fertig ist, schafft dieses so ungelenk wirkende Bärchen es tatsächlich, sich herumzudrehen und wieder rauf zu klettern, zurück auf lebendiges Geäst. Irre.



Der Wald fühlt sich ein bisschen an wie bei uns daheim, das ist seltsam. Man kann recht weit schauen, auf dem Boden liegt Laub, ein Wanderweg führt hindurch, hohe Bäume und lichter Unterwuchs. Allerdings war’s das an Ähnlichkeit. Keine Pflanze hier wächst bei uns daheim. Hier hängt oft alles voll Lianen, die dickste dicker als mein Oberschenkel. Die Klangkulisse ist komplett anders. Dazu viele Schmetterlinge (2 mal sehen wir heute den Blue Morpho!), einige große Spinnen, dazu Affen und deren Gebrüll. Keinerlei Nadelbäume. Und doch fühle ich zum ersten Mal hier eine Vertrautheit mit dem Wald, kann mir diese aber nicht erklären.
Am Strand rasten wir, denn es ist heiß. Hab ich das schon erwähnt? Falls nicht: boah, ist das heiß! Also was mampfen, trinken, und bald wieder losstapfen. Andere baden hier, es gibt sogar eine Süßwasserdusche, aber danach g sich trocknen lassen und neu mit Sonnencreme einschmieren, dann ist die Abkühlung auch schon wieder verflogen. Lieber später nochmal baden gehen.




Katrin holt uns ein, sie trifft uns am Strand. Sie geht ne Runde baden, meint aber danach, Abkühlung ginge anders. Offenbar ist das Wasser hier im Flachbereich über 30°C warm. Zurück gehen wir ein Stück gemeinsam, beobachten zusammen. Aber der Rückweg ist beschwerlich, wir sind überhitzt. Während ich sonst zwar ordentlich am Transpirieren war und am Ende vom Tag sehr klebrig, kann man mich diesmal einfach anhand der Schweißspur verfolgen. So sehen wir denn auch recht wenig. Aber da erspäht Anja doch noch den Manakin, wenn auch nur kurz. Zwar keine Beobachtungsfreude, aber der Lifer zählt.


Wir hören Donner in weiter Ferne, über dem Festland kracht es ordentlich. Bis hierher kommt aber nicht einmal ein Tropfen. Aus dem Park raus, versuchen wir kurzerhand unser Glück per Anhalter. Jedes Auto hält, das dritte fährt bis Montezuma. Nice. Dort gönnen wir uns reichlich Snacks zwecks Elektrolytaufnahme – die beste Entschuldigung, um Chips zu mampfen! In der Hoffnung, einen Bluejay (quasi eine blaue Elster) aus der Nähe zu sehen, gehen wir nebenan im Sano Banano (sic!) einen Batido trinken, denn dort sollen die Bluejays um die Tische hüpfen. Leider kommen die wohl nur zum Frühstück, aber gut geht’s uns trotzdem.

Zum Sonnenuntergang tolle ich noch ein letztes Mal durch die Brandung, während Anja auf sicherem Boden einen Eisvogel erspäht. Abends gehen wir gemeinsam mit der Geburtstagsrunde von gestern, modulo zwo wegen Erkältung, in einer Soda essen. Das ist auch weitgehend der Abschluss des gemeinsamen Urlaubs, denn morgen werden Katrin und Max direkt an die südlichere Karibikküste fahren, während Anja und ich uns auf den Weg nach Tortuguero machen, ziemlich im Norden der Karibikküste.


Unser Plan: Morgens um 6:30 fährt (ziemlich sicher) der Bus, dann um 9 die Fähre nach Puntarenas, dort mit dem Stadtbus zum Terminal, großer Bus nach San Jose, Taxi zu einem anderen Terminal, und nochmals mit einem großen Bus bis nach Cariari. Ob das klappt? Und wann wir ankommen werden? Heute hatten wir Abenteuer mit Wildnis, Wandern und Hitze. Morgen folgt Abenteuer mit Infrastruktur, Fahrplänen und Hitze. Es ist schön, zu wissen, dass wir im Zweifel Geld auf das Problem werfen und ein Taxi nehmen können. Aber lieber kaufen wir von dem Geld noch ein paar Andenken oder Kaffee. Es wird jedenfalls spannend. Gute Nacht.