
Tief und fest geschlafen, längst nur noch am Schlummern, wirft mich um 8 die Sonne endgültig aus dem Zelt. Ich bin verplant, hab schwere Beine und mach mir viel zu viel Müsli. Zum Tee kochen hab ich keinen Nerv, hab ja auch noch Osaft. Frühstück ohne Tee ist denkbar, und auch möglich. Hätte ich nie gedacht.
Die Italiener haben ihre Motorräder schon fast fertig gepackt. Die fahren auf dem Weg nach Kristiansand noch flink in Lysebotn vorbei. 350km, passt schon – Höhenmeter will ich gar nie niemals nicht wissen. Motoren sind echt irre. Das wird einem irgendwie erst so richtig klar, wenn man nen Berg hoch schnauft, und dann zieht ein tonnenschweres Auto mal eben – wuuusch – an einem vorbei und beschleunigt bergauf auf ein Tempo, das ich bergab niemals haben will. Im Auto ist das natürlich völlig normal, aber was da für Energien freigesetzt werden… Krass.
Aber ich muss erstmal los. Die beiden Reiseradler neben mir sind etwas motivierter und kommen besser in die Gänge, und irgendwie treibt mich das an. Klar, ich könnte hier auch nen Tag Pause machen, aber ich mag den Platz nicht, ist zu groß, ungemütlich. Ich fahr mal los, zur Not Zelte ich irgendwo unterwegs. Bis nach Røldal packe ich es heute wohl kaum. Irgendwann ist auch der Müsliberg aufgemampft und die vielen Kleinigkeiten finden ihren Weg in die vielen Taschen. Los jetzt. Immerhin, um 10 Uhr bin ich unterwegs.

Noch nicht ml aus dem Ort raus, hab ich 100hm und mache Pause. Dehnen, warten. Das mach ich jetzt regelmäßig, denn gestern war hart und kontraproduktiv für’s Knie. Dieses merke ich auch deutlich. Grmpf. Also mal sehen, jeden Meter, den ich heute fahre, brauche ich morgen nicht zu fahren. Bald geht es an den Fluss, und dann auch bergauf. Garmin meldet: 840hm über 17km, dann sei ich im Fjell. Puh. Bald schon die nächste Pause, und die nächste. Die beiden anderen Radler, die ne gute viertel Stunde vor mir los sind, sehe ich sicher nicht mehr.

Unten noch ruhiger, wird der große Bach bald zur Klamm. Tief eingeschnitten, die Straße immer höher darüber. Bald im Hinterdorf, dort die Schranke, welche den Pass für den Winter schließt. Und dann 1.5km mit 11% – ich schiebe. Ja, nicht nur da, später schiebe ich auch nochmal. Diesen Steigungen bin ich heute nicht gewachsen, mir fehlt die Power, die Oberschenkel sind lahm, die Motivation ist löchrig, und das Knie jault bei sowas auch laut. Zum Zelten noch viel zu früh, und hier geht das eh nirgends, also gibt es nur eine Richtung: rauf.

Pause steht mal wieder an, und hey, da ist ja sogar ne Bank mit Tisch, und Wasser fließt hier auch. Und da picknicken gerade die beiden Radler. Irre. Bin ich doch nicht so langsam heute, oder sind die auch nicht schneller? Ich mampfe total leckere Müslikekse, meine neuen Favoriten hier. Wir plaudern und fahren gemeinsam weiter. Er ist irre fit, sie hat nen beneidenswert leichten ersten Gang und macht es sich damit gemütlich. Dazwischen bin ich unterwegs, passt ganz gut. Ach ja, natürlich Deutsche. Sonst tut sich das ja keiner an.



Allmählich kommen wir doch hoch. Das Tempo ist irre niedrig, aber ist ja auch steil und lang. Letztes Jahr bin ich auf den Kandel bei Freiburg geradelt, das war nicht höher. Puh. Zum Glück mache ich Fotos, das sind auch kurze Pausen. Und irgendwie schaffen wir es rauf, wieder aufs Fjell. Wow. Der große Anstieg liegt hinter uns. Es ist 14 Uhr, meine Beine werden nicht müder, aber auch nicht fitter. Ist okay, damit geht es weiter. Und das Knie hält sich wacker, wenn auch nicht toll. Ich glaube, wenn ich die Fähren nochmal alle prüfe, könnte das echt noch gut werden.



Hier oben fühle ich mich irre wohl. Es ist nie flach, geht wie ne Achterbahn kurz steil rauf, runter, kurz gleiten, sachte anziehen, plötzlich steil, immer Kurven, immer neue Ausblicke, neue Seen und Berge und Kurven und kleine Teiche mit Wollgras und Felswände. Und Kurven. Und Pausen.



Und dann ist es geschafft, ab jetzt geht es nur noch bergab. Immerhin rauf auf 960m hab ich mich getreten, direkt vom Meer unten. Die beiden Reiseradler haben mir geholfen, haben mich mit gezogen, ohne ziehen zu müssen. Ich bedanke mich bei ihnen, auch sie haben es genossen, mal jemanden dabei zu haben. Sie wollen wild Zelten und morgen gen Osten, dann bald heim. Naja, heim müssen sie, wollen noch lange nicht. Aber unsere Wege kreuzen sich wohl nicht mehr, und so verabschieden wir uns, und ich rolle gen Tal. Trotz Sonne ist es frisch, und ein Leibchen gegen das Lüftchen hält mich warm.


Der Übergang ist krass: eben noch im Gebirge oben, geht es zwischen steilen Felsen hindurch, und plötzlich öffnet sich alles, vor mir liegt Røldal. Wow. Da ist es wieder, das Gefühl, das ich in Lysebotn hatte! Nicht ganz so intensiv, aber ich genieße den Moment, verweilte einige Zeit hier oben und freue mich einfach.


Weiterfahren wäre nicht möglich. Ich bin platt, als ich auf den Zeltplatz rolle. Nur WoMos, kiene Zelte, keine Radler. Hm, wohin nur? Wie ich da stehe, kommt einer auf mich zu und meint, die hätten da ne Bank-Tisch-Kombo in Beschlag genommen, die könnte ich sicher brauchen, und da sei noch Platz. Dankbar für die Entscheidungshilfe und die nette Art folge ich Michael, der mit Dagmar in nem uralten Mercedes T1 „Bremer“ unterwegs ist. Das ist deutlich weniger spießig, die beiden sind cool drauf.

Ich bin echt durch, habe Probleme, das Zelt aufzubauen. Fast schon peinlich. Ich darf Garmin und Handy laden, und die beiden teilen ihre frisch gebratenen Spiegeleier mit mir. Also erstmal Brotzeit und quatschen. Und wie ich mich zum Duschen aufmachen will, packt Michael seine Kamera aus. Ich schiele aufs Modell und staune: ganz nah an meinem. Ob er das Ladegerät dafür dabei habe, frag ich. Ja klar, hat er. Und so darf ich, nur noch nen halben Tagesritt von Odda und dem dort auf mich wartenden Ladegerät, hier meinen Akku laden. Also da fängt man echt an, an Vorhersehung zu glauben! Ich krieg mich nicht mehr!


Wir sitzen noch lang und erzählen. Total spannend, und schön. Seit 30 Jahren fahren sie ihren Bremer, und wollen gar nicht mehr anders. Dagmar holt nen Kirschlikör raus, während wir über das Reisen, die Arbeit, die Camper, und vieles mehr sinnieren. Leider komm ich wieder erst spät ins Zelt, aber das hat gut getan.
Heute war wieder ein echt schöner Tag. Miefig angefangen, aber hat sich schön gemacht. Die wundervolle Landschaft und die zufälligen Begegnungen lassen diesen Urlaub wie ne echte Reise anmuten. Es ist auch kein Urlaub, jedenfalls ungewöhnlicher als alles, was ich bisher hatte. Und das ist gut so. Die alte Welt ist schon ganz weit weg. Ich glaube, ich mach hier was richtig.