Tag 17: Gletscher in Sicht

Spät geschrieben, lang geschlafen. Um 8 steh ich auf. Puh, frisch war es die Nacht, musste den Schlafsack, dessen Spitzname „Bratröhre“ ist, sogar zu machen. Ein blauer Himmel verspricht schönstes Wetter, ich komme nur allmählich in die Gänge. Richtig lebhaft werde ich, als mir Backduft in die Nase weht: hier werden frische Brötchen gebacken, sogar mit Sauerteig! Irre! Zwar kostet eins 17 Kronen = 1,70 €, ich nehme trotzdem 4 Stück – 2 für gleich, 2 für morgen. So darf das losgehen. Mjam!

Irre! Sauerteigbrötchen, selbst gemacht, leckerer als daheim.
Da bleibt das Müsli stehen. Dank Wasserkocher in der Küche braucht es den Benzinkocher heute nicht.

Der Berg gibt Schatten, Bäume geben Schatten, alles braucht länger zum trocknen. Noch ne Runde mit Kamera zum See. Dann werde ich noch 2 mal angequatscht und unterhalte mich ne Weile. Von Michi und Dagmar bekomme ich sogar noch Kaffee. Als die beiden sich davon machen, komm ich auch endlich in die Gänge. Um 12 Uhr sitze ich endlich auf dem Rad. Viel zu spät, die Sonne brät. Und erstmal geht es auf ner Hauptverkehrsader los. Unangenehm. Geht, aber schön ist anders. Die Routen, die ich mir ausgesucht habe, sind offenbar gut gewählt, denn meist ist es da einsam.

Überall Stromleitungen. Unterirdisch verlegen geht hier nicht, alles felsig.

Den ersten Tunnel, der im Berg sogar ne Schleife dreht, umfahre ich. Da rauscht ein Rennradler an mir vorbei, mit irre trainierten Beinen, wusch. Ich rufe ihm hinterher, ob er nicht ne Tasche von mir nehmen will, das sei prima fürs Training. Er macht langsamer, wir kommen ins quatschen, merken bald, dass wir es beide gleichermaßen lieben, uns über Berge zu quälen. Er begleitet mich, und ratz fatz haben wir 400hm hinter uns, die Hälfte der heutigen Tour. Danke, Tor Ove – sogar ein Namensvetter! Er ist kommendes Wochenende am Fuße der F55, der höchsten Passstraße Norwegens. Da will ich auch drüber. Vielleicht schaffe ich es bis dahin, dann sehen wir uns dort, verspricht er mir.

Als wir die große Straße verlassen und die alte Passstraße nehmen, brauche ich ne Pause, er nicht, so verabschieden wir uns. War aber ein gutes Tempo, und binnen 1h Fahrzeit schaffe ich 500hm. Mit dem Rennrad daheim gingen auch 700 oder 800, aber da sind 35kg weniger dran, und dann bin ich auch ausgeruht. Ich bin top zufrieden. Vor allem zickt mein Knie nicht! Hey, fleißig weiter dehnen und so, das wird ja tatsächlich! Als ich das feststelle, freue ich mich und gebe Gas. Naja, zumindest kurz. Die Beine sind trotzdem müde, so bremst mich der Berg schnell wieder ein, und ein ruhiger Tag wäre schon mal wieder gut.

Hmm, nur knapp unter den Grenzen, ich will es wagen.

Skigebiet ist hier. Der Blick zurück ganz nett aber sonst eher… Okay. Angenehme 8% Steigung, relativ konstant, so schraube ich mich weiter rauf. Die Luft wird allmählich ein wenig dünner – zumindest schiebe ich meine zunehmende Erschöpfung darauf. Im Kopf rechne ich aus, dass auf 1000m Höhe nur noch etwa 88% des Luftdrucks auf Meereshöhe herrschen müssten. So gehen wieder ein paar Minuten ins Fjell, in denen ich vor mich hin trete. Nee, hier ist nicht jede Minute spannend und abenteuerlich. Die längste Zeit hechle ich mühsam und langsam den Berg rauf. Das muss man sich schon antun wollen.

Yay! Hinten der See, an dem ich gezeltet hatte.

Aber dann flacht es ab, und ich bin auf dem Pass. Noch ne Kurve, und ich schaue auf den Folgefonna, den Gletscher, der westlich über dem Hardangerfjord liegt. „Dach der Welt“ fällt mir ein, denn er fließt nicht zwischen schroffen Gipfeln hinab, sondern bedeckt den ganzen Bergrücken. Kein Fels ragt oben hinaus. Und jetzt die Abfahrt, von knapp über 1000m bis hinab auf 0. Naja, also hoffentlich nur bis auf 5, denn Baden wollte ich nicht gehen. Aber auf die 5 kann ich gut verzichten, wenn sie trockene Füße garantieren.

Über den Pass, 1060m hoch, Blick auf den Gletscher Folgefonna. Wow.

Bald wieder auf der Hauptstraße geht es lang hinab, ewig rolle ich, trete etwas dazu, genieße das Rauschen, den Rausch. All das Tempo hab ich ja selbst aufgebaut, mühsam, Tritt für Tritt. Und jetzt entlädt sich die Lageenergie in Freude. Wooohooo!

Die 1000hm Abfahrt ist herrlich!

An der Straße liegen einige Wasserfälle. Besser: sie fließen. Oder gut, ja, sie fallen. Oder? Ach, egal, jedenfalls sind sie auch für norwegische Verhältnisse durchaus ordentlich, so dass ich öfter mal halt mache und fotografiere. Hier nur mal 3 der vielen. Irgendwann bremst man kaum noch. „Ah da wieder einer, auch ganz hübsch“ denke ich mir bei nem Fossen, der in Deutschland überregionaler Tourimagnet wäre. Hier werden Standards gesetzt.

Einer von vielen.
Und noch einer.

Und endlich in Odda. Zwischendurch hab ich gesehen, dass der Laden, in dem ich das Ladegerät für die Akkus der Kamera holen will, nicht mehr lange offen hat. Also zügig in die Innenstadt, und ich bin sofort überwältigt von den vielen Menschen, dem Verkehr, dem Betrieb. Auweia. Also rein in den Laden, Verpackung da gelassen, raus. Elektronik erinnert mich gerade eh zu sehr an IT und damit an die Welt, die ich ja aus meinem Kopf raus haben will.

Kaffee und Süßteilchen hätte ich gern, aber es ist schon 16 Uhr, ne Stunde hab ich noch zu fahren, und in dem Norf-Süd-verlaufenden Fjord ist bald die Sonne weg. Also weiter. Die Cafés machen eh gleich schon zu. Noch im Coop Kalorien shoppen. Heute gibt es Nudeln, ich hole Tomatensauce mit Knoblauch im Glas, Osaft, und die Liebmingsmüslikekse, die schon wieder verdampft… ääh, vermampft sind. Mehr brauche ich gerade nicht, und so sitze ich bald wieder auf dem Rad.

Odda am Ende des Fjords.
Mal wieder 2 Tunnel heute. Schnell das Rücklicht einschalten.
Blick zurück ist immer Grund für ne kurze Pause.
Und noch einer. Merke: oben Gletscher + viel Regen + warmer Sommer = Fossen ohne Ende

Die Fjorde haben ein ausgesprochen mildes Klima, und so wird hier Obst, ja sogar Erdbeeren angebaut. An Straßenständen kann man Saft und Früchte kaufen. Aber was will ich mit 3kg Äpfel? Vielleicht kann ich ja morgen mal fragen, was 1 Apfel kostet 🙂

Fjorde sind Obstanbaugebiet. Äpfel und Pflaumen am Straßstand zu kaufen.

Endlich komme ich an dem kleinen Campingplatz an. Eine Rezension auf Google lautete etwa „hier gibt’s ja nichts, nur ne winzige Küche, Selbstbedienung, winziger Platz…“ – perfekt, denke ich mir, und mache hier halt. Tatsächlich ist alles da, was man braucht. Platz aussuchen, um 19 Uhr kommt jemand, dann bezahlt man. Die Hütten hier sind auch sehr minimalistisch, eben genau das, was man für ein oder 2 Nächte benötigt, und nicht gleich ein Ferienhaus. Perfekt. Ich zelte aber natürlich. Lektion: meine Tollpatschigkeit beim Zeltaufbau ist ein guter Gradmesser meiner Erschöpfung. Morgen mach ich low.

Ich koche meine Nudeln auf dem Herd – viel zu viele, der ganze Topf ist voll! Aber ne Stunde später sind sie verschnabelt. Waren ja auch wieder über 2000kcal, die ich heute in Verdunstung und Reibungswärme verwandelt habe.

Eigentlich wollte ich weiter zum Vøringsfossen, aber als ich das geplant hatte, hab ich mir die Details nicht so genau angesehen. Jetzt sieht das gerade wie ein irrer Umweg aus. Das würde sich nur lohnen, wenn ich da oben zelten würde, oder weiter über die Hardangervidda fahren würde. Aber hoch fahren, Wasser angucken, und wieder runter fahren… Irgendwie gar nicht reizvoll gerade. Ich glaube, ich verschiebe das. Ich will ins Fjell, und ich will Passstraßen fahren, und Fjorde entlang. Das macht mir gerade mehr Freude. Also gibt es morgen ne kleine Tour mit wenig Höhenmetern, und den Vøringsfossen ein andermal.

Ähm… Fjordglühen?

Zwar hab ich jeden zweiten Tag jemandem knapp erzählt, was ich beruflich gemacht habe und weiter machen werde, aber irgendwie wird das immer surrealer, abstrakter, ferner. Die erlebte Realität hier jeden Tag ist derart anders, dass diese Arbeitswelt echt weit weg ist. Dabei habe ich erst 2 Wochen hinter mir, und es dürfen noch 4 weitere werden. Klar, wenn ich von meinem Beruf erzähle, flammt sogleich wieder der Enthusiasmus auf. Aber ich rede lieber über das hier und jetzt, oder höre Leuten zu, was sie bewegt, wie es ihnen hier ergeht.

Allmählich wird das Reisen hier normal. Aber es werden noch Kälte und Wind und Regen kommen. Die Tage werden spürbar kürzer. Es ist Spätsommer, und dafür gerade sehr angenehm. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn das Zelt nicht mehr trocken wird, ich ständig die Regensachen an- und wieder ausziehe, und am Tag noch weniger Zeit bleibt, weil es weniger Sonne und Licht gibt. Auch wird es im September einsamer werden, weniger Leute werden unterwegs sein. Es bleibt spannend.