Tja, das ist gar nicht so einfach, das zur Ruhe Kommen. Eigentlich wollte ich heute zumindest nach Seljord, um nach Selma Ausschau zu halten und morgen dann übers Øyefjell nach Dalen zu fahren, was noch mal ne Tour wie die letzten beiden Tage wäre. Meine Beine sagen eindeutig, dass sie heute keine Pedale betätigen wollen. Trotzdem will ich unbedingt weiter, muss doch die Zeit maximal nutzen, und mit dem Wetter passt es so gut und…
Und erst allmählich spüre ich, was ich längst weiß, aber erst jetzt allmählich begreife: Nach einem Job, der mich von Termin zu Termin getrieben hat, bei dem es immer stapelweise unerledigte Arbeit gab, und ich mir selbst immer noch zusätzliche Aufgaben auferlegt habe, ist es verflixt schwer, nichts zu tun. Obwohl Zeit ist, und der Körper sagt: lass gut sein heute, fühle ich mich gedrängt, drängen ich mich selbst voran. Die gewohnte Sicht der Welt, dass Müßiggang gleich Zeitverschwendung ist, gilt hier aber nicht mehr. Gut, dass mich die eigenen Knochen Bremsen und unvorhergesagte Regenschauer mir die Entscheidung leichter machen, heute einfach hier zu bleiben. Gut, dass es hier keine privaten Projekte gibt, die man stattdessen erledigen kann. Gut, dass es hier keine Computer gibt. Ist ja auch echt schön hier. Also, zur Ruhe kommen.

Ein kleiner Rundgang über die Halbinsel verscheucht den letzten Bewegungsdrang. Herrlich finde ich die Flora hier, das Blaubeergestrüpp, die üppigen Flechten und Moose, die dunkleren Moorbirken. Dazu immer wieder Fels. Es ist Regen gemeldet, aber ungewiss, wieviel. Jedesmal, wenn es anfängt, grüble ich, ob ich nicht umdrehen soll. Aber spätestens morgen kann alles trocknen, und so schnell komm ich nicht wieder hierher. Also los, weiter. Socken nass, Zehen im Wasser? Egal. Hauptsache, die Kamera bleibt überwiegend trocken.





Nachmittags soll es mehr regnen. Zeit, was zu essen. Süßteilchen und Kaffee gibt es hier nicht, aber der wohlsortierte Minimarkt backt Brot frisch auf. Naja, also zugegeben, bei meinem Anspruch an Brot würde ich hier lieber von Brotsurrogat oder „sogenanntes Brot“ reden. Aber eigentlich geht es mir mehr um ne anfassbare Unterlage für Erdnussbutter und eingeschmuggelte, selbstgemachte Feigenmarmelade, die ich in einem Becher Erdnussbutter getarnt habe. Zugegeben, auch aus Gewichtsgründen. Noch ein bissl Käse als Abwechslung, und los geht das Mampfen. Bin zuversichtlich, dass das… ähm ja, nennen wir es der Einfachheit halber Brot… also dass das Brot morgen verputzt sein wird.


Jetzt noch studieren, nämlich die norwegische Sprache. Nach einem Jugendbuch kämpfe ich mich nun durch einen Roman. Dabei lese ich erst stirnrunzelnd eine Seite, dann les ich sie nochmal. Dann lese ich sie laut. Dann schaue ich alle unbekannten Wörter nach, begleitet von zahlreichen Oooohs und Aaaahs. Und dann les ich die Seite noch einmal. Wenn das geschafft ist, ist die Spannung so groß, wie die Geschichte weitergeht, dass ich übereifrig die nächste Seite beginne und anfangs wieder wenig verstehe. Und so weiter. 20 Seiten und 2 Stunden später kann ich nicht mehr.
Ansonsten passiert nicht viel, und trotzdem lerne ich was. Lektion 1: traue nie Deiner Fähigkeit, genau eine Sprudeltablette aus dem Röhrchen in eine volle Tasse Wasser zu schütteln. Lektion 2: ein Liter Tee am Morgen genügt vollauf, mehr muss nicht. Lektion 3: Waschbenzin heißt auf norwegisch „renset bensin“ und gibt es im Zweifel in der Apotheke. Das brennt sauberer, verstopft den Kocher nicht so schnell, stinkt nicht so sehr, und ist nicht so gesundheitsschädlich wie Autobenzin mit seinen ganzen Zusatzstoffen.
