Tag 5: über das Øyfjell

Auf Strava heiße ich übrigens „Uwe von den Pfoten“

Nie wieder ein Zeltplatz so nah an Hauptverkehrsstraßen, wenn es sich vermeiden lässt. Die 3 Nächte davor waren geprägt von absoluter Stille, und jetzt erlebe ich, was für nen irrsinnigen Krach wir Menschen mit uns bringen. Klar, Tür zu und 3-fach-Verglasung, dann ist Ruhe im Haus. Aber Vogelnester haben das nicht. Hm. Und Zelte auch nicht. Ein bisschen muffelig starte ich in den Tag, die umtriebigen Elstern halten mich eh schon seit 6 Uhr wach. Ja, auch manche Vögel, so schön und schlau sie sein mögen, machen ganz schön Radau.

Tee macht wach. Sehe ich schon wach aus? Braucht wohl ein bisschen, bis er wirkt.

Neben dem Zelt steht eine winzige Hütte. Eigentlich Ein Witz von einer Hütte. Da sie gerade leer steht, mache ich es mir vor dem Eingang bequem. Am See Zelten ist schön, aber morgens ist alles nass. Wenn man zeitig los will, muss man diese Nässe meiden. Die Sonne kommt erst spät über den Berg und kann gar nicht so früh mit dem Trocknen anfangen. Über Nacht hab ich alle Taschen im Zelt, damit keine Feuchtigkeit rein zieht. Ich werde nie wieder behaupten, dass ein 3-Personen-Zelt mit großem Vorzelt zu groß für mich alleine ist. Und immer wieder komme ich zu dem Schluss, wie praktisch doch Häuser sind. Außer halt, dass man sie so schlecht mitnehmen kann.

Um 9 geht’s los. Die Sonne scheint, im Schatten ist es frisch. Die Straße erst breit und norwegisch voll (= deutsch fast unbefahren), geht es nach Flatdalen, also Flachtal. Wenn ein Tal nichts hat, außer dass es flach ist, und dieses Merkmal das Tal so sehr von den umliegenden Tälern abhebt, dass es namensstiftend ist, dann wisst ihr, was mich sonst erwartet. Die wenigsten Täler heißen Flatdalen. Oder aber die Einwohner haben den Namen demokratisch gewählt, was ja immer zu den miserabelsten Benennungen führt.

Ja, stimmt. Flaches Tal – keine Selbstverständlichkeit.
Es gibt tatsächlich noch verrücktere Gefährte. Ok, klar, das ist Kunst. Man beachte aber den Allradantrieb!

Das schön Schreckliche an der guten Planung ist ja, dass mein Garmin Fahrradtachonavi genau weiß, wann welche Steigung kommt, und mir das auch sagt, sogar als Grafik im Display anzeigt. Inklusive durchschnittliche Steigung, noch zu erstrampelnde Höhe, und dass ich erst ganz unten bin. Ich weiß ja ganz gern, was auf mich zukommt, so kann ich die Kräfte gut einteilen. Aber ein bissl deprimierend ist es morgens schon: 9km mit 4%, dann 3 km Ruhe, dann 6km mit 4%. Fieserweise geht es zwischendurch auch mal bergab, so dass sich da auch schnell mal Abschnitte mit 10% reinschmuggeln. Aber solange die überschaubar kurz (100hm) sind, geht das. Zum Glück lenkt die Landschaft meinen Blick zunehmend vom Tacho ab.

Zwischen Fels und Fels fließt ein Bach so tief unten, dass ich ihn partout nicht sehen kann
Jetzt gleich auf. Der schafft Steileres als ich.
Ob das der gleiche Künstler ist? Oder sammelt da jemand liegen gebliebene Reiseräder ein?
Ist so schön, da kann ich mich nicht auf ein Bild beschränken.

Endlich oben im Fjell. Und wenn man denkt, hier ist nur Fels, wird man von Bauernhöfen und großen Seen überrascht. Erstmal Pause. An einem winzigen Supermarkt hab ich mir Osaft gekauft, das scheint meine neue Wunderwaffe zu sein. Dazu ein Käsebrötchen, und schon radel ich auf 800m durch gebirgige Landschaft voller Moore, Fels und lichterem Wald. So wollte ich das, so ist es herrlich. Die Straße ist längst schon fast gänzlich unbefahren, auch für norwegische Verhältnisse. Hab ich schon erwähnt, dass ich hier überall LTE Empfang habe?

Grün und flach. Prima zum wild Zelten, oder? Hmm… Zumindest gehen die Heringe gut in den Boden.

Bald geht es auch mal schön bergab. Ich rolle gemütlich, will es heute bei 60km genug sein lassen. Der Campingplatz ist winzig, Zelter kommen hier scheinbar eher selten vorbei. Trotzdem kein Problem. Ne Dusche gibt es nicht, aber im See kann man baden, was ich auch gleich tue, mit der Radhose als Badehose. Ist ja ne Triathlonhose, die kann das, und ist auch gleich schön sauber. Auf dem Platz gibt es gelegentlich Konzerte. Die Bühne hat etwa 3m², die Musik ist von lokalen Künstlern. Ich muss mal „Løse Fugler“ (lockere Vögel) auf Spotify anhören, die spielen wohl morgen hier.

Und schon wieder das Zelt am See, Premiumplatz mit der besten Aussicht. Und der meisten Sonne.
Morgen und am Wochenende gibt es Konzert. Sowas gibt’s auch nur auf den kleinen Plätzen.

Mein Norwegisch kommt mir hier sehr zu Gute. Ich verstehe zwar Gesprochenes nur schwer, aber das wird hoffentlich auch besser jetzt. Und ich komme echt ins Gespräch mit Leuten! Wer außer Norwegern spricht schon die Sprache, wer lernt das freiwillig? Wenn man Englisch und Deutsch kann, ist Norwegisch echt einfach. Die Grammatik ist wie die Deutsche, nur etwa 1/3 davon. Und sowas wie „slappe bein“ versteht man sofort, wenn es ums Radeln geht 😉

Heute war ein guter Tag. Und jetzt spielt der ältere Herr der netten Nachbarn aus dem Wohnmobil auf dem Akkordeon mir gänzlich unbekannte Lieder, durchaus anspruchsvoll und schön. Die Sonne senkt sich über den See, die Luft wird angenehm kühl, der Himmel ist blau. Die Welt ist gut.