Tag 23: Die Alternative zum Bus

Schlafen, yay. Früh aufstehen bringt heute nichts, bin ich doch wieder hier gefangen und von öffentlichen Verkehrsmitteln abhängig. Also schön bis um 8 gedöst. Blöd eigentlich, dass die Campingplätze den Zeltbereich so beleuchten. Zwar stolpert man dann nachts weniger über Zeltschnüre, aber dunkel ist es dann halt auch im Zelt nicht. Aber geht schon.

Hab ich Hunger? Ich weiß es gerade nicht, bin irgendwie verplant heute. Vermutlich hab ich Hunger, ja. Von den Nudeln von gestern ist noch ⅓ da, das ersetzt das Müsli. In der Gemeinschaftsküche für den riesigen Platz steht der kleinste Wasserkocher der Welt, damit mache ich Tee. Jetzt geht’s allmählich.

Ich hatte 2 Reiseradler erspäht, gehe hin und tausche mich ein wenig aus. Rick und Bernice aus den Niederlanden haben schon viel Erfahrung, echt wunderschöne Reiseräder, und gehen es wirklich gemütlich an. Scheinbar legen sie viel Wert auf gutes Essen, so schleppen sie nen Kopf Salat mit herum. Täglich fahren sie 30-50km, das genüge. Wenn es so schön ist, warum dann so weit fahren? Hmm. Irgendwie ticke ich offenbar anders. Ich mag es, mich durch die Landschaft zu bewegen. Und ich mag die Anstrengung auf dem Fahrrad. Aber vielleicht muss ich den Modus mal ausprobieren. Nach dem Sognefjell.

Ich ertrage es nicht, noch 6 Stunden auf den Bus zu warten. Ich könnte ein Taxi rufen, dann zur Fähre, und auf der anderen Seite für den 2. Tunnel noch ein Taxi. Teuer, aber ginge. Ich könnte mich fertig gepackt an den Kreisel vor den Tunnel stellen, und den Daumen raus halten. Oder… Hey, der Typ mit dem Fiat Bus, der so lässig im Stuhl chillt, der hat nen Fahrradträger ohne Rad drauf, den quatsche ich an. Frank und Yvonne kommen aus der Richtung, wo ich hin will, aber er würde mich durch den Tunnel fahren. Das Risiko, nicht zu wissen, wie ich durch den 2. Tunnel komme, gehe ich nach kurzem Überlegen ein, und auf einmal geht es ganz schnell.

Ganz nackig hängt mein Randonneur da hinten dran. Und mein Gepäck sieht neben der riesigen Kiste auf einmal sehr überschaubar aus.
Fast 7km Tunnel wäre ich echt ungern gefahren. Letzte Nacht hatte ich noch die Idee, früh um 4, wenn nix los ist, heimlich durch zu rollen. Neee.

Die Fähre ist gerade da, schnell verabschiedet. Danke euch beiden, ihr habt mich heute in Schwung und übers größte Hindernis gebracht! Und rauf aufs gerade belandende Schiff, von denen hier gleich 2 alle 20min hin und her pendeln. Kaum drauf, sehe ich nen Pickup mit Mountainbike hinten drauf. Perfekt. Der will aber wegen Corona und Vorerkrankung kein Risiko eingehen, verständlich. Und nun? Nun kommt mir mein Norwegisch zu Gute. Ich erkenne zielsicher einen gemieteten Sprinter, in dem ein junges Pärchen sitzt. Ja, sie haben Platz, könnte aber eng werden… Nee, quatsch, die Karre ist leer! Stellt sich raus, Petro und Heidi sind gerade zusammen gezogen, haben gerade noch Möbel transportiert, und bringen die Karre jetzt zurück nach Sogndal. Voll beladen lege ich meine Reisekiste in den Laderaum, und los geht’s. Yeah!

Wie lieblos dahin geworfen, aber ich hab es wirklich zärtlich abgelegt. Alleine schon wegen der Flasche Öl in der Seitentasche.
Die Fähre ist recht voll, auch 5-spurig, und rein elektrisch. Ratz fatz sind wir drüben.

Die beiden sind echt nett, und frisch verliebt. Total süß und herzlich. Wir unterhalten uns auf der Fahrt prächtig, dann geht es wieder schnell. Heidi weiß genau, wo sie mich am besten absetzt, wir wünschen uns gegenseitig alles Gute. Tausend Dank euch beiden! Ich verzurre das Gepäck jetzt ordentlich, und kaufe an der Tanke hier noch 2 Schokobøller. So bin ich bester Laune um 12 Uhr startklar, um die F55 in Richtung Sognefjell zu rollen. Ganz schön viel Vorgeplänkel, bis es mal los geht.

Genau da will ich hin. Leider ist ne Menge Verkehr, hoffe, das wird morgen ruhiger.
Eine kleine Tunnelumfahrung bringt mich an diesen Lachsfluss mit erstaunlich vielen Anglerstegen.

Weil ich nun schön viel Zeit habe, kann ich die Stabkirche von Urnes besuchen. Dazu verlasse ich die F55 und rolle nach Solvorn hinab, wo eine kleine unelektrische Fähre gelegentlich pendelt. Die halbe Stunde Warten verbringe ich mit vorsorglicher Kalorienzufuhr. Sonst passiert genau nichts. Das Örtchen ist beschaulich, aber das lokale Kaffee hat zu, sonst hätte es natürlich – wer hätte es gedacht – Süßteilchen mit Kaffee gegeben.

Sonnig und ruhig und sonnig. Daheim bricht gerade Herbstwetter los, und mir geht die viele Sonne auf die Nerven.
Liegt hier auf nem Pfosten und verschönert den Hafen. Hübsche Idee.
Autos müssen rückwärts drauf, Motorräder müssen wenden. Echt putzig das Schiffchen.
Da fahr ich später auf der rechten Seite hinter, noch 30km bis zum Ende.
Das Örtchen Urnes. Das ist echt abgeschieden, ruhig, und idyllisch. Sehr idyllisch.

Die Stabkirche steht natürlich oben, bei sachten 10% läuft mir in der blanken Mittagssonne der Schweiß, bis ich die 80hm rauf bin. Aber wie immer lohnt es sich. Dies ist die älteste Stabkirche Norwegens, wurde etwa 1130 erbaut, und ist die 4. Kirche an diesem Platz. Die Stäbe der Stabkirchen sind Baumstämme, die senkrecht aufgestellt die ganze Konstruktion tragen. Diese stehen hier eben schon seit 900 Jahren! Das Holz ist „malmfuru“, englisch „Ore-Pine„. Deutsch finde ich es gerade nicht. Total spannend, dass das so ewig haltbar ist. Eine kurze Führung in kleiner Gruppe erläutert spannende Details, dann noch Wasser auffüllen, und weiter geht’s.

Echt nicht groß, aber hübsch. Auf der Südseite bleich die Sonne das Harz aus, die Nordseite ist fast schwarz.
In der kleinen Ausstellung ein Modell der Stabkirche von Borgund. Da sieht man schön die Stämme stehen.
Über die Jahrhunderte wurde umgebaut, dann noch Reformation… Der Statik wurde nachgeholfen. Nicht hübsch, aber hält seit 400 Jahren so.
Über die Zeit fanden sich immer wieder hübsche Details ein, je nach Epoche mal dies, mal das.
Die Außenwand gen Norden. Vielseitig interpretierbar, präzise Erklärungen gibt’s nur mit Zeitmaschine.

In regelrecht sengender Hitze geht es nach Norden, dem Ende des über 200km langen Sognefjords entgegen. Die Straße ist schmal und einsam, die 3 Tunnels unbeleuchtet und eisig kalt. Hier wohnen Leute, schon seit 4000 Jahren. Irre. Und Obst wächst hier auch gut. Einige Wasserfälle gibt es entlang des Weges, aber es gab die letzten Wochen so wenig Regen, dass sie nicht spektakulär sind. Und hinlaufen müssen will ich heute definitiv nicht. Ist ja quasi ein Ruhetag heute.

Auch noch hinlaufen? Nee, heute nicht, danke. Ah, da hinten ist er ja, passt schon, kann weiter gehen. Heute nicht.
So macht die Straße Spaß, und ich schaffe es tatsächlich, ein paar kurze Pausen einzulegen. Juhuu.

Gegen 18 Uhr komme ich in Skjolden an. Hier ist der Fjord zu Ende, und ich für heute auch. Damit ich morgen top fit bin, gönne ich mir ne Hütte. Die Einrichtung ist sehr minimalistisch, mir genügt es aber für jetzt. Der See vor der Tür ist türkisblau und das Abendlicht leuchtet ihn herrlich aus. Ich muss aber Wäsche waschen, diesmal nicht nur Trikot und Radl Hose, sondern auch mein Handtuch, das etwas mieft. Der Rest geht noch gut – ein Hoch auf Merinowolle!

Ein Dutzend solcher Hüttchen stehen hier, die links ist meine.

Morgen steht ein anstrengender Tag an. Ich will so hoch ins Fjell wie bisher nie. Mit Tor Ove, der mich von Røldal nach Odda ein Stück begleitet hatte, bin ich in Kontakt geblieben. Er radelt morgen mit dem Rennrad die Strecke, startet früh in Sogndal. Ich bin gespannt, wo er mich ei holen wird. Ich tippe auf 900hm, dann werden wir ein Stück gemeinsam fahren. Da freu ich mich drauf. Und jetzt freue ich mich auf eine ruhige, dunkle Nacht. Mögen die vielen Kalorien ihren Weg in meine Beine finden.

Der Eidsvatnet bei Skjolden. Dahinter geht es morgen früh gen Fjell.