Samstag, 14.02.2026, Bagaces
Das Verbrennen von Erdöl, um möglichst laut durch die Gegend zu huschen, scheint nur sehr langsam aus der Mode zu kommen. Hier ist es besonders Freitags abends besonders hip, ganz so wie es in Puerto Jimenez war. Obwohl wir fast 50 Meter von der Hauptstraße weg sind, vibriert die Matratze vor lauter aufgemotzten Moppeds. Aber irgendwann sind alle müde, und nachts ist selbst die große Landstraße stundenlang unbefahren. Letztlich schlafen wir gut.
Anjas Magen rumpelt – oh nein! Ist noch nicht so schlimm, aber große Anstrengungen werden wir vermeiden. Ich bin ja auch noch etwas schlapp. So frühstücken wir und packen mal wieder. Allmählich sind wir gut eingespielt, alles hat seinen Platz, und ratz fatz ist die Bude leer und wir sind unterwegs. Es geht zum Rincón de la Vieja, einem Nationalpark um den gleichnamigen Vulkan.
Die Fahrt dorthin ist schön. Bei Abfahrt regnet es, aber kaum sind wir aus Bijagua raus, hört es auf, und bald darauf kommt Sonne. Endlich. Bijagua liegt auf gut 500 Metern fast auf dem Pass zwischen den Vulkanen. Der Wind drückt von Nordost, und wir fahren auf die Südwestseite, also die Leeseite. Die Landschaft ändert sich bald zu Trockenwald, alles ist karg. In den 4 Monaten Trockenzeit fällt hier fast kein Regen, viele Bäume werfen während ihre Blätter ab. Das ist wirklich faszinierend in diesem Land: 20 km weiter, und komplett anderes Wetter, andere Vegetation, andere landwirtschaftliche Nutzung.
Über Vulkanausläufer führt die kurvige, aber sehr gute Straße, wir genießen die Fahrt deutlich mehr als die Holperpiste gestern. Auch die trockene Wärme tut gut – allerdings meinte Katrin heute früh: „Ihr werdet euch den kühlen Regen bald zurückwünschen.“ Mal sehen, wann es soweit ist.

Der Vulkan ist noch aktiv, hat alle paar Jahrzehnte deutliche Aktivität, ganz im Gegensatz zum Nationalpark, in dem heute trotz Samstag wenig los ist. Das ist gut. Auf dem Weg hierher sehen wir die ersten Windfarmen, die bei dem hiesigen Wind keine hohen Masten benötigen. Der Vulkan wird geothermisch genutzt, und weitere Anlagen sind in Bau. Costa Rica ist bereits heute CO²-neutral und baut weiter aus für unser gemeinsames Klima.

Katrin war schon einige Male hier und wandert heute alleine zu einem Wasserfall, gut 10km hin und zurück. Anja und ich machen die Touri-Tour, den von Katrin „Blubberpfad“ genannten Weg. Wir erfahren bald auch warum sie ihn so nennt: an mehreren Stellen sind große Schlammlöcher, aus denen schwefelige Dämpfe blubbern. Das stinkt gewaltig nach faulen Eiern. Noch eindrucksvoller als der Geruch ist aber das Gefühl, unter den eigenen Füßen einen aktiven Vulkan zu haben. Da drüben treten seit Jahren fortwährend heiße Dämpfe aus, und hier, nur 5 Meter weiter, stehen wir auf vermeintlich festem Boden. Huiuiui.




Es ist heiß, die Sonne knallt, und heizt uns mächtig durch. Wir trinken nach dem Blubberpfad viel, sitzen im Schatten, und beobachten, wie 2 Kiskadee direkt auf einem Türschanier der Station ein… nein: gleich 2 Nester bauen. Ach, diese Dusseltierchen! Das kann doch nicht gut gehen.


Wir laufen Katrin noch ein wenig entgegen, um ein bisschen weg von amerikanischen Touristen und rein in den Zauberwald zu kommen. In dem stehen einige prachtvolle Bäume, deren sicher 3-stelliges Alter wir nur vage erahnen können. Da fliegt uns ein riesiger, himmelblauer Falter entgegen und fast zwischen den Füßen hindurch! Ein Blauer Morpho, den wir auch in Corcovado schon bewundern durften. Die kennt man sonst nur aus Schmetterlingshäusern. Überhaupt hat es schöne Schmetterlinge, die es zuhause nicht gibt. Allerdings können wir die weder erkennen noch fotografieren, so fokussieren wir uns auf die Tierchen, bei denen wir bessere Chancen haben.



Bald schon kommt uns Katrin entgegen, wir gehen gemeinsam zurück zur Station und fahren weiter. Jetzt führt die Straße fast schnurstracks den Berg hinab. Perfekt für Seifenkistenrennen, wäre nicht alle paar hundert Meter wieder ein Reductor, ein Bremshubbel, der es in sich hat. Auf Schrittgeschwindigkeit runter, sonst kracht es gewaltig, das lernen wir schnell.
Heute treffen wir Max, Katrins Lebenspartner. Der hat auch endlich Urlaub und ist alleine angereist. Er hat es geschafft, ohne nennenswerte Spanischkenntnisse mit dem Bus von San Jose nach Bagaces zu kommen und sogar vor uns da zu sein. Ob ich das geschafft hätte? Ich bin mir gar nicht so sicher, denn ich versuche ja oft erst sauber zu planen und verlasse mich auf schriftliche Informationen. Max geht da anders ran, und offenbar passt das ganz gut zu diesem Land.

Er findet auch unsere heutige Bleibe. Das ist nicht so einfach, denn nicht alle Straßen haben Namen, und Hausnummern gibt es nicht. Die postalische Adresse lautet dann eher sowas wie: „Beim Kiosk rechts, dann nach dem blauen Haus das dritte Tor“ – und wenn der Kiosk mal weg ist, oder das blaue Haus grün gestrichen wird, ändert sich die offizielle postalische Adresse von einigen Dutzend Leuten. Wow. Aber wenn man den Namen der Unterkunft hat und einfach die Nachbarn in der Straße fragt, klappt es eben auch. Fazit: Bürokratische Organisiertheit tötet zwischenmenschliche Kommunikation und Zufallsbegegnungen.
Die Wohnung ist luxuriös, frisch renoviert, wenn auch nicht ganz fertig. Für uns reicht es allemal. Zum ersten Mal werfe ich die Klamotten ohne jegliche Gedanken einfach auf den Boden. Okay, dass das Besteck ganz unten im Kühlschrank seinen Platz gefunden hat, haben wir dann auch irgendwann herausgefunden. Und im Bad, das wunderbar neu und sauber zum Duschen einlädt, ist ein klitzekleiner Bärchenspiegel mit Tape an die Wand geklebt. Eine Waschmaschine gibt es auch, aber die können wir nicht bedienen. Da müsste man erst mit dem Schlauch die richtige Menge Wasser einlassen, später in die Schleudertrommel umladen, … Nee, keine Experimente heute. Ein paar Sachen waschen wir flink von Hand, den Rest breiten wir aus und merken jetzt so richtig, wie klamm alles in den 3 schwülen Regentagen in Bijagua geworden ist.
Nachmittags gehen wir Batidos trinken, Max genießt seine erste große Mahlzeit nach der Anreise. Lecker Kuchen und Torten gibt es auch, dooferweise habe ich aber noch nicht wieder den Appetit dafür entwickelt. Mir geht es wieder sehr gut, und Anja scheint es nur schwach erwischt zu haben: schlapp, durstig, müde, aber wohl keine 3 Tage ausgeknockt. Puh. Jetzt kommt nur die Hitze dazu, die ihr auf den Kopf schlägt, und der damit verbundene Flüssigkeitsverlust. Zu viel draußen herumlaufen ist da nicht gut.
Einkaufen ist angesagt, denn die nächsten 2 Nächte verbringen wir auf einer Ranger Station im Nationalpark Palo Verde. Dort versorgen wir uns selbst, müssen also alles mitnehmen. Gefühlt 30 kg Zeug kaufen wir: Yucca, Chayote, Tomaten, Nudeln, 3 Ananas, Mango, Papaya, …
Abends gehen wir in einer Soda essen, in der wir nur Einheimische sehen – ein gutes Zeichen, finden wir. Es ist günstig, gut, reichlich, super nett, und vor allem sehr lecker. Draußen hat es auch abends um 8 Uhr noch knapp 30°C, aber die Luft ist trocken. Nichts ist klamm, und wir sind weniger klebrig. Trotzdem freu ich mich jetzt auf eine Nacht mit Klimaanlage und tiefen Schlaf.
