Eigentlich könnte ich heute schon wieder weiter. Eigentlich. Aber eigentlich braucht Heilung meist länger, als man glaubt. Der Bewegungsdrang ist fies, ich will am liebsten loshüpfen und laufen und treten und düsen. Immerhin läuft eine kleine, fast vollständig impulskontrollierte Testfahrt hervorragend. Morgen geht es weiter als nur zum Supermarkt. Impulskontrolliert bleibe ich heute auch weitgehend mit der Kamera, es gibt nicht schon wieder die gleichen Bilder vom selben Fjord – auch wenn das Licht heute wirklich wieder anders ist, und ich immer noch gern einfach raus schaue. Aber das würde sicherlich langweilig. Überhaupt darf es hier im Blog auch mehr geben als nur Landschaftsbilder, oder?
Früh bekomme ich Besuch, diesmal gefiedert. Meine Ornithologenhotline verrät mir, dass es ein Flussuferläufer ist, der hier meine Terrasse abschnabelt und bis auf nen Meter an mich heran kommt. Nur die Glasscheibe und 300mm Objektiv trennen uns. Entsprechend bildfüllend ist der kleine Piepmatz auf den Sensor gepinselt. Leider fehlt mir die Übertragung der Bilder aufs Handy, da bin ich gerade gänzlich unvorbereitet, also bleibt nur der schäbige Versuch, das Bild vom Kameradisplay abzufotografieren. Ich weiß, das ist unwürdig für sowohl mich als auch das süße Vögelchen, aber mir bleibt gerade keine Wahl. Mal schauen, was dabei herauskommt.

Oh, gar nicht so übel. Auf der Kamera ist der Kleine natürlich gestochen scharf. Besonders scharf war auch, als später 3 Mittelsäger vorbeikamen, 2 Männchen und ein Weibchen. Die waren nur 20m vom Ufer und haben Grünzeug verschnabelt, sich geputzt, und gelegentlich getaucht. Als einmal einer der Herren tauchen war, springt ein Fisch nen guten halben Meter aus dem Wasser, schier über nen anderen Mittelsäger drüber! Ganz knapp hab ich es verpasst. Aber Fische sehe ich hier öfter welche springen, ganz einzeln, scheinbar einfach so. Keine Ahnung, was für ne Party da unter Wasser abläuft, oder ob der dann ne Wette verloren hat oder so. Die springenden Fische sind auch nicht gerade winzig, eher so 30-40cm lang. Plitschplatsch.

Der kleine Sandstrand ist kurz, und trotzdem gibt es was zu entdecken. Zum Beispiel eine Qualle, die so merkwürdig gefärbt ist, dass es wirkt, als habe der Strand ein Auge, das mich anschaut. Ich habe als Kind nie mit Quallen gespielt und kenne nur ein paar gruselige Geschichten mit den üblichen zu treffenden Gegenmaßnahmen, auf die ich gerade verzichten möchte. So lasse ich das Strandauge liegen und gehe meines Weges. Ich starre gar nicht so lange zurück, würde ja eh zuerst blinzeln müssen.


Im Supermarkt kaufe ich Abendessen. Später gibt es Nudeln, angebratene Paprika, Erbsen, darüber grünes Pesto. Und ich kaufe Marmelade, denn meine Solbær (schwarze Johannisbeere) ist leer. Endlich gibt es Moltebeere! Die gibt’s nur im Norden, ist teuer, und was Besonderes. Moltebeere sind ganz kleine Pflanzen, von denen jede nur genau eine Beere trägt, so groß wie eine Himbeere. Sie wachsen rot und reifen auf gelb ab. Sie reifen auch gepflückt in der Sonne über 2 Wochen gut nach. Im Fjell wachsen sie wild, kultivierter Anbau ist bisher nicht wirtschaftlich tragbar gelungen. Ich hoffe, ich finde noch ein paar oben im Fjell zum direkt essen. Norweger essen sie gern an Weihnachten, heiß mit Sahne und etwas Cognac. Bis dahin friert man sie ein.


Verkehrsschilder sind hier übrigens auch lustig. Zum Glück verrät das Bild, um was es hier geht – eben nicht um dampfende Flatulenzen. Muss mal schauen, ob ich noch mehr solcher false friends finde 🙂

Die nydelige (=niedliche) Hytta ist übrigens super eingerichtet. Man weiß nie so genau, was man bekommt wenn man aufs Geratewohl eine mietet, aber hier fühle ich mich echt wohl. Hyggelig ist das richtige Wort, übersetzt sich am besten mit gemütlich. Und wie ich aus dem Fenster schaue, sehe ich noch 2 ganz merkwürdige Vögel. Muss später nochmal die Hotline bemühen, um herauszufinden, was das ist.



So, jetzt die Pflicht, dann die Kür. Dank Rückmeldung weiß ich, was ich zu tun habe: Dehnen, Dehnen, Dehnen, und am besten noch ne Faszienrolle bemühen. Dabei bin ich gar nicht in Dehnemark, aber ist ja auch Skandinavien. Auf dem Papier zumindest. Eine Faszienrolle hab ich schnell improvisiert. Aua, das muss gut tun, so wohlig wie das schmerzt. Haben Wikinger eigentlich auch unter verklebten Faszien gelitten, oder waren damals die Betten nicht so weich, so dass sich da über Nacht eh alles entklebt hat? Naja, Hauptsache es hilft.


So, die faule Pflichtpause geht zu Ende. Morgen wird wieder gen Norden gestrampelt. Es wird nach Sauda gehen, über einen Berg, eine Fähre, und durch 2 Tunnels, ne Weile am Saudafjorden lang. Insgesamt ne überschaubare Etappe, die eher als Anfahrt zu den nächsten Highlights zählt: Pass über das Røldalfjellet, Hardangerfjord, Ladegerät für die Kamera, Vøringsfossen. Ich bin rund herum erholt, ruhig, weitestgehend gesund und recht ausgeglichen. Jetzt noch dehnen, Voltaren, und dann schon schlafen. Endlich mal wieder früher. Bis morgen.
