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Tag 29: Nordfjord, Utvikfjellet, Byrkjelo

Ich stell mir den Wecker früh, denn wenn hier morgens schöne Wolkenstimmung ist, will ich das nicht verpassen. Dämmert es um 5 schon? Offenbar nicht. Also gut, 6 Uhr? Oh, dämmrig, aber ein dichter Nebelteppich hängt dicht überm Zelt, ausgebreitet auf den ganzen See. Soweit ich das beurteilen kann. Also nochmal schlummern bis um 7, aber da hat sich nichts geändert, außer dass es ein wenig heller ist. Na gut, ich schlaf einfach weiter.

Um 8 krabbel ich dann doch raus, und… Hui! Scheinbar hat sich der Wolkenteppich halbiert, und zwar der Länge nach, hängt jetzt über unsren Köpfen, während das andere Ufer bereits in der Sonne liegt. Der Chef meinte gestern, dass die Sonne gegen 10 Uhr erst über den Berg kommt, also ist gemütlich Zeit zum Frühstücken. Es gibt Blaubeermüsli und Tee.

Mystisch. Nein, nicht idyllisch. Vielleicht ein bisschen, aber mystisch trifft es besser. Ich genieße es.

Unweit strömt ein Bach in den See, dort soll es Forellen geben. Ein Norweger hat gestern Abend schon sein Glück versucht, und meinte, wenn er genug fängt, gibt er mir gern eine ab, wenn ich möchte. Ja klar, gern will ich! Er fängt genau eine kleine Forelle, die genügt nicht mal ihm zum Abendessen. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich die jetzt hier zubereiten sollte, aber er würde sie sogar frittieren.

Naja, abends wird es nix, heute früh versucht er erneut sein Glück. Ich leiste etwas Gesellschaft. Roar, gesprochen eher wie „Ru-Ar“, gönnt sich gerade ein Jahr Auszeit. Ich schätze ihn auf Anfang 50. Ruhig, freundlich, offen, interessant, den Eindruck macht er auf mich. Er lässt mich auch ein paar Mal seine selbstgebastelten Fliegenköder werfen. Aber mein Anglerglück ist nicht so dick heute. Er fängt noch eine und meint, die frittieren wir gleich, denn das muss ich probiert haben, besteht er. Na, Wäsche und Zelt müssen eh noch trocknen, ich hab Zeit, also sehr gern.

Und wie wir so sitzen und uns unterhalten, blicke ich auf, verstumme, und renne los, um die Kamera zu holen. Endlich hat es die Sonne geschafft, den Nebel zu durchdringen, reißt das erste Loch hinein, durch das wir den Berg mit Gletscher gegenüber sehen, der uns um 1300m überragt. Den Gipfel des Rammefjellbreen mit seinen 1856m sehen wir nicht, dafür sind wir zu nah dran. Aber das hat was Unwirkliches. Wir sitzen da und schweigen. Und knipsen.

Keine Ahnung, ob das Bild hier was her macht. Es war unwirklich schön.

Okay, ausgestaunt, jetzt geht es an die Forellen. In Roars Teflonpfanne mit Öl und Salz von mir werden die 2 Kleinen am Stück gebraten und anschließend genüsslich bis auf die letzte Gräte verputzt. So viel Respekt muss sein, dass da kein Fitzelchen Fleisch übrig bleibt. Sehr lecker, und was Besonderes. Unser Gespräch ist auch spannend.

So ist Roar in Japan aufgewachsen als Sohn christlicher Missionare, wurde selbst Theologe, und hat die letzten 20 Jahre in K-irgendwas-tan geholfen, die Bibel aus dem Türkischen in die dortige Sprache zu übersetzen. Er hat wohl organisiert und die Übersetzung gegen das hebräische Original gelesen, um Übersetzungsfehler zu Minimieren. Wow. Das ist jetzt fertig, also ein Jahr Auszeit. Nach Japan würde er gern, das macht aber gerade dicht, also erkundet er das eigene Land. Und dann…

Alle stehen am Ufer und glotzen und gaffen. Und hier ist das auch erlaubt, ist ja kein Verkehrsunfall, sondern Norwegen vom Allerfeinsten.
Ein bisschen später. Ich glaube, da ist das eine oder andere gute Bild in der Kamera, das gedruckt werden dürfte. Ich will hier leben.

Irgendwann kann man nicht mehr staunen, und so widme ich mich dem kommenden Wetter. Von Nordwesten rollt Regen heran, ich muss nach Südosten flüchten, und zwar schnell. Morgen ist noch schön, danach nicht mehr so, und dann wird es für ne Weile bäh. Wenn ich es bis südlich des Sognefjords schaffe, kriege ich die Bergenbahn und kann damit bis jenseits der Hardangervidda flüchten. Da soll es stabil und trocken bleiben. Je früher und je weiter ich in die Richtung komme, desto weniger pitsch patsch blubb.

So schlage ich Roars Angebot aus, mit seinem kleinen E-Auto bis ans Ende des Fjords zu fahren, sondern mache mich schleunigst auf den Weg. Heute geht es nicht so weit. Die Gegend ist weniger touristisch, und so sind die Campingplätze weniger fahrradfreundlich verteilt. Bis Byrkjelo will ich kommen, also erstmal am Nordfjord entlang und dann noch flink übers Utvikfjellet.

Die Autos durch den großen Tunnel, die Radler auf der alten Straße in Ruhe außen rum.

Außer ner Gruppe Rennradler, die sich für den samstäglichen Ausritt bereit macht und fröhlich grüßt, treffe ich keine Fahrradfahrer. Die Strecke ist recht eben, der Fjord freundlich, breit, wenig spektakulär, und ich will gern noch die letzten Sachen trocken kriegen, also gebe ich Gas und mache nur die nötigsten Pausen. Schön ist es hier, doch doch, nur halt bei weitem nicht derart zauberschön wie am Lovatnet. Stimmt schon, das mit Instadal.

Der Nordfjord ganz ruhig und still, von den hohen Bergen in der Ferne komme ich her. Dass das Wasser hier auch anders kann, lässt die Schutzmauer vor den Booten vermuten.

Und wieder finde ich es schön, mit dem Rad genau die richtige Geschwindigkeit zu haben, um das Land sich verändern zu sehen. Es geht schnell genug, so dass was passiert, aber langsam genug, dass man alles in Ruhe anschauen und aufnehmen kann. Und man kommt doch recht weit, es gibt merkliche Veränderungen. Die hohen Berge rücken ab, der 2-3km breite Fjord macht weite Kurven, die Hänge werden weniger steil.

Ah, übers Utvikfjell muss ich ja noch rüber. 620m rauf, na, das müsste doch eigentlich… viel weniger anstrengend sein! Seufz. Nee, flacher ist Norwegen über Nacht nicht geworden. Mit konstanten 8% Steigung geht es rauf, wo mich ein Skigebiet erwartet. Sehr hübsch. Hmja. Zu sehen gibt es nicht viel, alles unspektakulär, und meine Gedanken sind überwiegend bei der Wetterflucht. Also zügig die Abfahrt und in den Campingplatz von Byrkjelo gerollt, der sich als echt super herausstellt.

Letzter Blick zurück zum Nordfjord. Wir sehen uns wieder. Hier muss ich noch mehr erkunden gehen, die nächsten Jahre.
Abfahrt. Oh wow. Ich bremse mehrmals für Bilder, trotz Hunger. Auf den Zacken in der Mitte kann man rauf laufen, Eggjenibba, und die Aussicht auf den Jostedalsbreen genießen. Merken.

Richtig klasse ist, dass direkt nebenan eine Bäckerei ist, die zudem viele lokale Produkte anbietet, die es so im Supermarkt nicht gibt. Erst duschen, dann eines der letzten Brote ergattern, und im Supermarkt nebenan das Dinner erstehen. Es gibt wieder Kichererbsen in Öl und Curry angebraten, dazu Erbsen und Tomatenpatsche. Ich liebe das inzwischen! Und die Salzmenge hab ich jetzt auch gut raus.

Für den Abwasch gehe ich in die Küche, wo gerade 3 junge Mädchen in den 2 Spülbecken Rekorde in Sachen Schaumerzeugung aufstellen. Na, ich stell meinen Topf mit Löffel hin und gehe raus, um mit Zuhause zu telefonieren. Irgendwie machen die Mädels aber viel Geräusch, so schau ich doch mal rein – sie haben meine Sachen gespült! Das ist süß, und ich schaffe es, mich auf norwegisch zu bedanken. Naja, richtig sauber isses nicht, aber es genügt.

Später kommen die 3 nochmal neugierig bei mir am Zelt vorbei, fragen, ob ich heute lange gefahren sei. Naja, so 4 Stunden – erstaunte Gesichter. Aber das schwierige sei das Fjell gewesen – große Augen und offene Münder. Aber ich sei ja schon 4 Wochen unterwegs, von Oslo über den Lysefjord – niedliches Kinnladengeklapper. Ja, was alles so geht. Vielleicht hab ich gerade Träume geweckt. Vielleicht auch Albträume. Wer weiß.

Die Saison geht zu Ende, meines ist das Einzige Zelt. Letzte Nacht war hier wohl die erste Frostnacht. Ob ich morgen Eis vom Zelt abschlagen muss?
Wer entdeckt’s? Ich musste herzhaft lachen! Lokale Produkte, so so.
Ein Bildhauer verkünstelt sich hier ich konnte dem auf die Schnelle nicht folgen, aber der Tisch gefällt mir gut!

Morgen muss ich früh raus, über 90km und knapp 1000hm stehen an. Trocken wird das Zelt nicht sein, egal. Abends ne Hütte, denn übermorgen will ich schnell weiter. Auf halbem Weg der morgigen Etappe liegt der einzige Supermarkt entlang der Strecke, der sonntags geöffnet hat. Diese Details sind wichtig, brauchen erstaunlich viel Planungszeit. Essen gehen sprengt hier schnell das geplante Budget, und in verschwitzten Klamotten ist das eh für niemanden angenehm. Selbstversorgung muss ich gut planen, will ich doch nicht unnötig viel Mampf die ganze Zeit mit mir herum schleppen, aber auch von mehr als Nudeln mit Tütentomatensauce leben. Ja, so ganz aufs Geratewohl in die Welt hinein radeln, das kann ich doch noch nicht. Planen macht ja auch Spaß. Und schlafen. Aufs Schlafen freu ich mich jetzt am meisten.

Tag 28: Regenabfahrt und ins Instadal

Der Wind schüttelt nachts das Zelt gut durch, und Yr hatte recht, es regnet. Einen Wecker stell ich nicht, morgen ist es nicht weit, früh wach werde ich ohnehin. Es regnet zwar nicht beständig, aber doch immer wieder. Hm. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich den Ausblick nochmal mot weniger Wolken erleben darf. Stattdessen gibt es nur Wolken. Auch ne schöne Abwechslung. Hatte ich nicht neulich noch über zu viel Sonne und zu wenig Sonne geklagt?

Da jetzt raus? Naja, soll ja bald nachlassen. Lieber noch weiter schlummern.

Irgendwann wird es weniger, und ich quäle mich aus dem Schlafsack. Der Wind fährt nur noch sporadisch über’s Fjell und schüttelt die Tropfen vom Stoffpalast. Draußen ist es eigentlich hübsch. Das Moos leuchtet wieder saftig grün, die Flechten… nein, sie flechten nicht. Sehen aber auch wieder fit aus. Es gibt Blaubeeren, und ich glaube Wachholderbeeren, die Sträucher aber nicht höher als ne Hand breit ist. Bei mir gibt es Müsli zum Frühstück.

Landkarten aus Moos.
Kann man den eigentlich so essen? Ich bin mir unsicher, das Handy im Zelt. Verflixt.

Dann geht es los, packen. Über Nacht hatte ich die lange Unterwäsche an, war aber doch zu warm. Jetzt bereite ich mich auf ne kalte, nasse Abfahrt vor, also kurze Radlhose und Trikot, darüber die Softshellhose und das warme Langarmtrikot, darüber Regenhose, Regenjacke, Schuhüberzieher, und sogar die warmen Handschuhe pack ich aus. Endlich kommt das Zeug ordentlich zum Einsatz. Und gerade ist alles verstaut, nur die Isomatte fehlt noch, da regnet es nochmal heftig. Also nee, das warte ich ab. Ich liege im Zelt, döse, warte, lausche bedächtig dem Trommeln und Zeltgeschüttel.

Als Limit setzt ich mir 12 Uhr, dann muss ich los, damit das Zelt nachmittags noch trocknen kann. Etwas früher schon wird es besser, und ich Räume zusammen, belade das Rad. Zeltabbau ist wieder abenteuerlich, diesmal Wind von der anderen Richtung. Merkwürdig. Jedenfalls hab ich alle Hände voll zu tun, damit nichts weg fliegt. So, geschafft. Fast schon am Schwitzen, aber gleich wird es kühl. Fast 1000hm Abfahrt, aber diesmal hochkonzentriert. Trotzdem immer wieder Fotostopps, denn die Stimmung ist irre schön.

Die Wolken verziehen sich etwas, lauern jetzt weiter unten im Tal auf mich.
Schimmert da Blau durch? Später soll es sonnig werden, in Stryn ist es das angeblich bereits.
Da haben sie mich. Unter der Wolkendecke windet sich das Tal bis zum See, der windet sich weiter bis zum Fjord. Noch 40km bis Stryn.

Leichter Nieselregen begleitet mich, trocknet aber genauso schnell wie er nässt. Am See angekommen ziehe ich die Regensachen aus, die lange Hose auch. Strampeln macht warm. Und am See entlang ist es schön, die Berge kantig, von deren Höhen die Gletscher neugierig die Nasen ins Tal strecken. Knapp 20km geht es an dem See entlang, der türkisblau leuchtet, wie fast alle Gewässer hier, die von den dahinschmelzenden Gletschern genährt werden. Und es ist zur Abwechslung tatsächlich so gut wie flach, dazu ein wenig Rückenwind, heute rolltnes gut. Ich spüre auch wieder Kraft in den Beinen, das Gejammer über schlappe Schenkel sollte ein Ende haben.

Bloß ein kleiner See. Nix besonderes, nein nein. Einfach weiter fahren, gibt nix zu sehen.

Stryn. Alles hier ist nach Stryn benannt: Berge, Seen, Straßen, Dörfer, Flüsse. Der Ort selbst scheint regionales Zentrum zu sein. Hier gibt es doch bestimmt auch… jawollja! Kaffee und Süßteilchen, dazu ein Stück Marzipantorte! Das ist Nahrung für Körper und Seele, perfekt. Die Zimtkringel mit Vanillepudding sind aber auch echt fein.

Ah, Zivilisation hat doch auch was.

In Loen ist der letzte Supermarkt vor dem Zeltplatz im Lodalen, wo ich zelten will. Direkt davor steht ein Reiseradler aus Frankreich. Er ist vor 2 Monaten aufgebrochen, von Frankreich über Belgien, Niederlande, Deutschland, Dänemark nach Schweden. Corentin ist jetzt alleine unterwegs, nach 7 Wochen konnte seine Frau nicht mehr und ist nach Hause. Sie hat erst vor kurzem überhaupt Fahrradfahren gelernt und ist jetzt gleich diese große Tour gefahren! Wow. Er ist dann kurzerhand von Schweden an die Westküste Norwegens geflogen und radelt hier alleine weiter.

Das heißt, er wartet gerade auf 2 andere Franzosen, die mit dem Tandem unterwegs sind. Tandem… warte, da war doch was… Ja genau, bei der Abfahrt nach Lom bin ich an nem Tandem vorbeigekommen. Die beiden hatten gerade Pause gemacht, und ich war in Fahrt, so dass außer wildem Winken nix zu machen war. Ich geh schnell Mampf kaufen, in der Zwischenzeit trudeln die beiden ein. Chloé und Guillaume sind schon seit einem Jahr unterwegs, waren schon in halb Europa, sogar in der Türkei, und jetzt hier! Auf dem Tandem hat man noch weniger Platz für Gepäck. Ich staune und lerne.

Ein Tandem mit zerlegbarem Rahmen, so klappt es auch mit Bahn und Flugzeug. Die selbstgenähten Satteltaschen sind wahre Platzwunder.

Zu gern würde ich mich weiter austauschen aber mein Zelt ist nass, die Sonne senkt sich, ich hab Hunger. Und die 3 wollen gemeinsam weiter, müssen sich beraten. Also verabschiede ich mich flink und düse ins Instadal. Also eigentlich heisst es Lodalen, aber über Instagram ist da was viral gegangen, und jetzt strömen die Leute hierher, so dass ein Einheimischer es Instadal genannt hat. Zugegeben, die Story hab ich geklaut von Matthias, den ich in Hjelmeland getroffen habe, und der vor ner Woche hier war.

Lodalen. Jepp, definitiv instagrammable.

Auf nem kleinen, pragmatischen Zeltplatz recht weit hinten im Tal packe ich das patschnass Stoffbündel aus und hoffe, dass die letzten Sonnenstrahlen… Nee, da ist sie schon hinter dem Berg verschwunden. Na gut, das dauert jetzt etwas. Ich breite alle feuchten Sachen aus und bin froh, dass ich noch nicht mehrere Tage im Regen radeln musste. Erst mich waschen, dann darf ich auch noch die Waschmaschine benutzen und kriege einige Sachen endlich richtig sauber. Handwäsche im Waschbecken kann eben auch nur so viel. Trocknen müssen die Sachen morgen, denn der Tau fängt schon bald an, sich überall niederzuschlagen.

Alles schief. Upsi. Bin wohl beschwippst von dem Panorama. Idyllisch und so.
Improvisierte Wäscheleine, immerhin überdacht, gegen 10 kommt die Sonne über den Berg. Das passt schon.

Es lohnt sich, jeden Tag nach dem Wetter zu schauen. Eigentlich hatte ich vor, hier nen Tag Pause einzulegen. Aber nur die nächsten zwei Tage kann ich noch fahren, dann soll es 3 Tage heftig regnen. Hüttenzeit! Ich plane also, wie ich das am besten einrichte, und muss wohl wann anders länger hier bleiben. Schade. Aber im heftigen Dauerregen fahren mache ich nur, wenn es gar nicht anders geht. Vielleicht stehe ich dafür mal sehr früh auf und schaue, wie das Lichtspiel am frühen Morgen ist. Nach dem Regen heute könnte das sehr hübsch werden. Dafür muss ich jetzt aber aufhören mit Schreiben, ist eh schon wieder Mitternacht.

Gråskjegget – Graubart.

Was, äh, 4 Wochen sind jetzt rum? Ah, keine Zeit für eine Zwischenbilanz. Die kommt demnächst, wenn es regnet und ich in der Hütte sitze mit viel Zeit. Im Moment sind die täglichen Ereignisse zu intensiv, die Eindrücke so frisch, da geht das gerade nicht. Aber merkwürdig, dass „nur noch 2 Wochen“ für mich jetzt klingt, als wäre es bald vorbei. Dabei habe ich anfangs nicht gewusst, ob ich überhaupt 2 Wochen schaffe. Und jetzt… Ja, will ich überhaupt aufhören? Hmm. Na, die nächsten zwei Tage jedenfalls noch nicht.

Draußen funkeln abertausend Sterne. Sogar davon gibt es hier mehr als daheim. Daheim… manchmal soll ich meine Adresse angeben, und da muss ich echt überlegen. „Das grüne Zelt beim blauen Fahrrad“ wäre vermutlich nicht akzeptabel. Schade auch.

Tag 27: Gamle Strynefjellsvegen

Zwischen Lom und Stryn

Heute gibt es wenig Bilder, denn ich zelte etwas abseits, oben im Fjell, ganz wild und frei. Ich kann zwar Daten gut empfangen, aber der Upload dauert ewig und saugt den Akku aus, da das Handy auf voller Leistung funken muss. Nun aber zur Sache.

Gegen Gegenwind kann man also was tun, nämlich planen. Dank der vorzüglichen norwegischen Wetter-App Yr weiß ich, dass der Wind morgens noch mäßig, ab Mittag deutlich stärker wird. Um kurz nach 6 klingelt der Wecker, was nix macht, denn ich bin eh schon seit 6 wach. Und um kurz vor 8 verlasse ich den riesigen Zeltplatz, bei dem jemand mand versucht, jegliche Begrünung mit Kiefern zu realisieren. Sogar ne Hecke. Also los, gemütlich, aber mit hoher Trittfrequenz, um mit kleiner Kraft zügig zu sein. Die Etappe soll ja noch die strapazierten Treter schonen.

Der Dønfossen hat mich die ganze Nacht berauscht.
Leichte Bewölkung, schön, daß gibt spannender Fotos. Und weniger Sonnencremeverbrauch.

Ich fahre zwischen Breheimen und Reinheimen, zwei großen Gebirgsgebieten. Die Berge sind ganz anders als in Jøtunheimen. Nein, eigentlich sticht Jøtunheimen heraus mit den schroffen Zinken und Zähnen. Das hier ist typischer, die riesigen, rundgeschliffenen Berge, die hier das Tal um 1500m überragen. Eigentlich wie die Scottish Highlands, nur in groß. Gut, es fehlen Whisky-Distillerien und Dudelsäcke, stimmt. Norwegen ist dafür deutlich weitläufiger und einfach riesiger, und hat Gletscher, selbst wenn man mal weg von den Fjorden ist.

So groß und weit, und ich mach ein Knipsi-Bild mit dem ollen Handy. Heieiei.
Tolles Detail: gelb hinterlegte Schilder bedeuten immer Baustellen oder ähnliches, so dass man sofort weiß, jetzt kommt was, und aufmerksamer wird. Sonst sind Verkehrsschilder weiß hinterlegt, wie bei uns.

Der Wind hält sich in Grenzen, der Verkehr auch. Allmählich Gewinne ich an Höhe, fiese Steigungen gibt’s heute aber nicht. So bummeln meine Gedanken ungestört herum, während ich einfach vor mich hintrete.

Ah, das nächste Bild zeigt vielleicht etwas die Weite hier. Schau mal auf ner Karte, wo das etwa ist: etwa 50km westlich von Lom, 10km östlich von Grotli. Und dann schau mal, wo die nächsten Straßen sind. Und dazwischen ist einfach nur gigantisch tolle Landschaft. Irre. Mit dem Auto hab ich das so nie richtig wahrgenommen, denn was sind da schon 50km, das sitzt man eben ab und hört schöne Musik dabei. Und zu Fuß tappst man nur auf nem kleinen Fleckchen herum. Deshalb Fahrrad. Allmählich erschließt sich mir die tatsächliche Weite hier. Ich bin verliebt!

Ich will da immer einfach nur reinwandern.

Endlich geht es zum nächsten Höhepunkt der Reise, der alten Bergstraße nach Stryn, eben dem Gamle Strynefjellsvegen. Beim Stöbern auf der Karte nach kleinen Passstraßen bin ich darüber gestolpert, hab Bilder gegoogelt, und dann beschlossen, dass dieser Weg in der Tour nicht fehlen darf. Auf 900hm hab ich mich inzwischen auf der E15 hoch gearbeitet, da biege ich links ab. Kurz darauf ist die Straße unbefestigt, was aber nicht tragisch ist, nur etwas überraschend.

Kurz bin ich aus dem Wind, der schon etwas aufgefrischt hat, aber bald geht es bergauf mit Gegenwind. Okay, das dauert länger heute. Dafür fährt hier bestimmt niemand. Heh, doch jemand. Noch einer? Oha. Scheinbar ist die Strecke bekannt für ihre Schönheit, denn hier wird viel angehalten, ausgestiegen, fotografiert, eingestiegen, weitergefahren. Mit der schweren Beladung muss ich mich konzentrieren, manchmal schiebt es das Vorderrad unerwartet zur Seite. Aber alles geht gut, so eine schwere Karre fällt ja nicht schnell um.

Blick auf den Raudeggi, das Wasser im See türkis vom Gletscher.
Die Begrenzungspfosten sind stilvoll und sicher auch effektiv. Der Bart zerzaust und bald so grau wie der Granit. Tarnfarbe.

Gut 2 Stunden brauche ich für die 20km, so sehr pfeift es. Aber das macht das Erlebnis irgendwie eindrücklicher. Wenn Gletscherluft heilsam ist, dann bin ich jetzt definitiv komplett gesundet. Dieses raue Land vermisse ich daheim, da gehe ich vor die Tür und hab das Gefühl, ich bin noch drin, als wäre das Wetter kaputt. Hier ist der Unterschied zwischen drin und draußen irgendwie größer.

So freue ich mich auch auf mein Zelt. Solange ich in Bewegung bleibe, geht es, aber sobald ich anhalte, kühlt es mich ratz fatz aus. Heute will ich wild zelten, mit toller Aussicht. Die ganze Zeit schon halte ich Ausschau nach geeigneten Plätzchen und Wasser, das nicht vom Gletscher kommt (da sind zuviele Mineralien drin, das macht Durchfall). Es gibt einige, aber nicht mit toller Aussicht. Heute bin ich wählerisch.

Und gerade geht die Abfahrt los, muss ich scharf bremsen. Diese Perspektive hab ich online gesehen, und wollte sie selbst schöner ablichten. Just hier ist sogar ein feiner Platz, da hat offenbar schon mal jemand gezeltet, und Wasser gibt es auch, sogar ne Bank. Perfekt. Bis ich Fotos gemacht habe und mich entschieden habe, bin ich gut durchgefeoren und am Zittern. Die Daunenjacke rettet mich, so kann ich weitermachen, sonst hätte ich jetzt Schwierigkeiten. Unterkühlt war ich schon 2 mal draußen in der Wildnis, das ist kein Spaß. Bei dem Wind geht das in ein paar Minuten, wenn man verschwitzt Sachen an hat.

Okay, der Platz ist nicht so windgeschützt wie gehofft, und so muss ich eine Zeltleine zunächst an einem großen Stein festbinden, damit mir das gute Hilleberg nicht einfach davon fliegt. Echt jetzt. Mit etwas Mühe kriege ich das Zelt verankert, auf jeden Hering kommt noch ein dicker Stein, damit es sie nicht aus dem losen Untergrund herauswackelt. Nun kann der Wind rütteln, da passiert nix mehr.

Schnell werfe ich alles ins Zelt und mich dazu. In der vielbesungenen Bratröhre lasse ich mich dezent anrösten und vermisse ein Fenster. Schade, denn draußen scheint die Sonne Lichtspiele abzuhalten. Aber die Wolken hängen eh etwas tief, ich hätte gern noch ein Bild mit Gipfeln. Jetzt hab ich ja Zeit und kann warten.

Gaaaanz unten sieht man den See Oppstrynsvatnet, der liegt auf 29m. Ich liege auf 970m. Wow.

Gelegentlich schaue ich raus, mit dem Teleobjektiv bewaffnet. Sonne und Wolken lassen immer wieder Lichtstrahlen durch das Tal wandern und bescheinen mit großen Spots die Hänge. Nächstes Mal bringe ich ne ordentliche Ausrüstung für Zeitraffer mit. So stehe ich da und staune, gut eingepolstert in lange Unterwäsche, winddichte Sachen und der Daunenjacke, bis ich mich wieder aufwärmen muss.

Für die Nacht ist etwas Regen gemeldet, morgen gegen Mittag wieder Sonne. Mal sehen, was sich morgen noch ergibt. Einige Fotos sind auf jeden Fall toll geworden, ich freu mich drauf, sie daheim in groß zu sehen und zu entscheiden, welches gedruckt an die Wand kommt. Und ich freu mich wieder auf ne frühe Nacht und viel Schlaf.

Tag 26: So weit die Beine tragen.

Um die Pointe vorweg zu nehmen: sehr weit war es nicht. Überhaupt, dass ich es aus dem Zelt heraus geschafft habe, gleicht einem Wunder. Die halbe Treppenstufe, die vor dem Küchenhäuschen ist, schaffe ich nur mit festhalten herab. Lektion: Bergwandern und Fahrradfahren beansprucht verschiedene Muskeln. Bergauf gehen ist ähnlich wie treten, aber bergab ist definitiv anders. Wer dann noch versucht, im schwierigen, steilen Gelände mit norwegischen Extremläufern Schritt zu halten, brockt sich sein Übel ein. Und das darf ich heute auslöffeln. Nun gut, schauen wir mal, wie weit die Beine mich heute tragen. Aber wie gesagt, andere Muskeln, also geht Radeln noch. So einigermaßen zumindest.

Zunächst schlage ich mich mit Computern herum. Davon hab ich ja 3 dabei: Garmin Uhr, Garmin Fahrrad Navi, Handy. Die Uhr hab ich zur Pulskontrolle dabei, denn eigentlich will ich meinen Puls unter 140 halten, also keinen dollen Sport machen. Das passiert mir zu leicht, dass ich zu schnell bin, und nach ein paar Stunden gar nichts mehr geht. Zudem ist die Uhr gut, um Wanderungen aufzuzeichnen. Das Navi dient eben zur Navigation, und dazu, dass ich weiß, was mich erwartet, damit ich mir die Kräfte einteilen kann. Und das Handy dient dem ganzen Rest: Jagd nach Kalorien, finden und aussuchen von Zeltplätzen, mit Zuhause telefonieren, Bilder machen, stundenlang Blog schreiben. Ja, ich schreibe das hier alles mit 2 Daumen.

Theoretisch synchronisieren die Geräte fleißig, aber es ist wie Magie, oder ein Zaubertrick: man ist froh, wenn es klappt, weiß aber gar nicht, was eigentlich passiert. Und wehe es geht nicht. Ich wollte aber die Wanderung von gestern unbedingt auf Strava haben. Nunja. Irgendwann hatte ich den richtigen Zauberspruch gesagt (nein, der war nicht jugendfrei) die richtigen Runen in die Luft gemalt, und die Rituale des Neustartens korrekt durchgeführt, und schon – hex hex – hat es geklappt. Endlich. Um 10:30 war ich dann startklar.

Schon beim Zelt abschlagen, der überdigitalisierte Campingplatz. Jeder mit eigenem Türcode, Herren nur für die Herrentoilette. Meiner ging erstmal nur bei den Damen. Hmm.

Die Testfahrt, ob überhaupt was geht, ist nicht weit. Gleich hier in Lom steht eine Stabkirche, die schau ich mir gern an. Sie ist öfter vergrößert worden, so dient sie heute noch der gar nicht mal so kleinen Gemeinde als Alltagskirche. Aber es fehlt ihr etwas der verschrobene Charme und die witzigen Details. Trotz der vielen Umbauten hat sie aber noch das Flair einer Stabkirche, welches ich zu beschreiben nicht im stande bin.

Die Stabkirche von Lom
Doch ein lustiges Detail. Ist das vorsorglich für die Zombieapokalypse?
Der Drachenstil, die Holzschindeln, die Färbung von der Verwitterung… Ich mag das.
Das sollen Löwen sein, glaube ich. Könnte aber so ziemlich alles sein.
Spontan eine kleine Führung bekommen, sehr detailreich diesmal. Sehr hell drinnen, auch ungewöhnlich.
Hmja, das ist weniger Drachenstil. Immerhin brauchbar gut außer Sicht untergebracht.
Bescheiden geht anders. Niedlich aber die Taube mit akkurat gestalteter Unterseite.
Der Leuchter ist aus Holz und 400 Jahre alt. Ich glaub, der tropft übel. Ob man drunter stehen muss zur Buße?

Die zweite Testfahrt verläuft auch gut, und komplett innerhalb von Lom. Hier gibt es tatsächlich ne Bäckerei, die mir Aina auch empfohlen hat. Na, das ruft doch nach Süßteilchen und nem Brot auf Vorrat! Aber man merkt deutlich, dass Lom ne sehr touristische Stadt ist. Authentischen Kontakt bekommt man hier nicht.

Wie viele Zimtschnecken haben Sie? Nur 17? Naja, muss reichen…

Und endlich geht es wirklich los. Naja, eigentlich hab ich mich etwas davor gedrückt, immerhin ist es schon Mittag. Und der Wind hat auf West gedreht, genau gegen meine Richtung. Berge fahren finde ich okay, denn da kann man nicht cheaten. Aber Gegenwind hat was von Pech: paar Stunden früher oder später, oder an nem anderen Tag, und schon wäre man doppelt so schnell. Irgendwie kommt bei mir nicht der gleiche Ehrgeiz auf, als wenn ich die Schwerkraft bekämpfe.

Die Bauern wittern Regen, es duftet permanent nach Kuhpopo.
In einem Gebrauchtwarenladen entdecke ich die Faszienrolle meiner Träume. Leider stimmt das Packmaß nicht ganz.
Noch eine Stabkirche hier in Skjål? Nein, aber auch hübsch. Scheint der lokale Stil der Kirchen zu sein. Solche ortsgebundene Stile gibt’s in Deutschland ja auch.
Jemand mit 2 Spraydosen und ner prise Humor versüßt mir den Tag.
Ich weiß ja, wer Fan von alten Traktoren ist. Hier wohnt offenbar auch einer. Hab extra angehalten und jeden einzelnen fotografiert 🙂

Die E15, auf der ich fahre, ist die klassische Route zum weltbekannten Geiranger Fjord. Daher ist hier viel auf Saisontourismus ausgelegt, und in der jetzigen Spätsaison ist immer noch recht viel los. Ich biege aber vor dem Geiranger Fjord links ab auf den Gamle Strynefjellsvegen nach Stryn. Also heute biege ich nirgends mehr ab, außer zum letzten Supermarkt und direkt anschließend zum letzten Campingplatz, bevor der Anstieg beginnt.

Wie ich mich nämlich Kilometer für Kilometer gegen den Wind dahin schleppe, ertappe ich mich dabei, abzuschätzen, wie weit die es heute schaffen könnte. Dabei will ich schon längst nicht mehr. Also lass ich es. 30km sind geschafft und ein paar futzelige Höhenmeter, die ich morgen sicher nicht vermissen werde. Immerhin, besser als nix, und für heute allemal genug.

Ich weiß noch nicht genau, welche Karre meinen Zustand gerade besser beschreibt. Aber irgendwo dazwischen liegt die Wahrheit.
Ein Platz ohne Nachbarn, hier ist genau Platz für ein Zelt. Die Alternative wäre zu nah an der Straße, oder zu weit weg von der Küche.
Irgend ein Akku will immer gerade geladen werden. Dank einer netten Dänin im knuffigsten Wohnwagen der Welt nebenan habe ich erstmals den Luxus von Strom im Zelt. Wo ist denn jetzt der Adapter für die Beine hin?

Nach den letzten zwei eindrücklichen Tagen, dem Rausch von Sognefjell und Jøtunheimen, muss ja der Kater folgen. So nehme ich mir meine trübe Stimmung nicht krumm, sondern nehme sie hin, als was sie ist: das Tief nach dem Hoch, und morgen geht es weiter. Nicht jeder Tag kann bombastisch sein, egal wie toll die Erlebnisse und Landschaft.

Zum dauerhaften Glücklichsein sind wir Menschen eh nicht ausgelegt. Die Frage, die mich leitet, ist nicht „Was macht mich glücklich?“ sondern vielmehr „Wofür bin ich bereit zu leiden?“ Die Momente der Glückseligkeit sind immer kurz und vergänglich, das kann nicht Ziel sein, muss scheitern. Die meiste Zeit im Leben ist Arbeit und Schuften und Leiden. Und das ist okay. Also, wofür bin ich bereit zu leiden? Für Fahrradfahren in Norwegen allemal. Und sobald einem das mal klar ist, kann man das Leid auch einfacher hinnehmen. Da ist es trotzdem, aber es ist okay, und Teil des Ganzen. So, philosophischer wird es heute nicht mehr, versprochen.

Tag 25: Großer Butterstabzahn

Erst Bergwandern in Jøtunheimen…
… dann Radeln.

Nachts bin ich gelegentlich wach, es windet, ist kalt. Irgendwann schiebe ich den Kopf aus dem Zelt und schaue Sterne. So viele! Ich frage meine Beine, was sie vom Wandern halten, die Antwort ist eindeutig. Später nochmal: liebe Beine, wie sieht’s aus? – Nee! Na gut. Um 6 klingelt der Wecker, den ich mir ganz optimistisch gestellt hatte, denn es könnte ja sein, dass die Spaghetti inzwischen gut verwertet sind und in Bewegung umgesetzt werden können. Aber nein, es ist eisig – okay, 3°C – und alles ist nass. Ich warte auf die Sonne, die sich gegen 8 über den Berg schiebt. Und, liebe Beine? – Hm, neee.

Also erstmal Frühstück im Zelt, diesmal Müsli. Eine Packung reicht nur für 3 mal Frühstück. Danach melden meine 2-Kolben-Muskel-Motoren, dass ne Wanderung ja vielleicht doch… Also los! Ich bin genau heute hier, das Wetter ist genial, die Gelegenheit gibt es so schnell nicht wieder. Hopp jetzt, ich will bald los. Und so bin ich um 9:30 startklar für die erste Bergtour. Und zwar auf den Store Smørestabbtindan, was übersetzt etwa so viel heißt wie Großer Butterstabzahn.

Mein Rucksack. Danke, Niko, für’s Ausleihen des Adapters, mit dem aus ner Ortlieb Fahrradtasche ein Daypack wird.
Da hinten ragt er heraus, der Smørdtabbtindan. Sieht so wild ja nicht aus.
So dicht steht das Wollgras selten. Der absolute Megaflausch versüßt den Start.

Der Weg ist nicht ordentlich markiert, aber oft genug gegangen, dass ich ihn zunächst gut finde. Am Gletscherbach entlang geht es erst hinauf, dann hinüber, immer schön auf die Flanke des Berges zu. Erst 250hm geschafft, ein Viertel, und schon ne Stunde rum. Hmm. Naja, war ja auch Strecke dabei. Und Fotos. 3h rauf, 2h runter, so hatte ich kalkuliert. Mal sehen, ob das aufgeht. Allmählich kommt der Gletscher in Sicht, und dann bin ich am Gletschersee, auf dem kleine Eisbergchen, nur ein paar Meter groß, in der Sonne schwitzen. Kunstwerke. Gelegentlich fällt mal ein Brocken platschend ab. Ansonsten ein Ort für Meditation und Stille und einfach da sein.

Hmm, je näher, desto bedrohlicher wirkt der Zahn.
Auf 1500m bin ich im hochalpinen Gelände angekommen. Wow. Da will ich hoch? Ein riesiger Geröllhaufen mit Schneeresten oben drauf. Hmm.

Aber der Berg ruft, es geht weiter. Vom See fasziniert, folge ich nem kleinen Pfad am Ufer entlang, bis ich mich frage, wie ich wohl die Steilwand vor mir hochkommen soll. Ah, in der App UT, was so viel wie „draußen“ heißt, war der Weg doch verzeichnet. Oha, ich bin daneben. Ich quere den Hang zurück, steil, grasig, steinig. Das ist gefährlich. Fehler behebt man nicht durch husch husch, sondern mit Bedacht. So gehe ich langsam auf den eigentlichen Weg zu, der teilweise echt schwer erkennbar ist. Ich bin wohl etwas aus der Übung.

Nun geht es wieder, über einen Buckel auf 1700, eine felsige Senke, und dann hinan ans Geröllfeld. Die Vegetation bestand zuletzt nur noch aus Gras, Moos und Flechten, leider alles sehr trocken, da es kaum regnet. Dass diese Bäche viel Wasser führen, liegt auch am warmen Sommer, denn das ist Schmelzwasser. Die armen Gletscher, sollen ihr Wasser lieber als Eis behalten, ich würde auf den Bach verzichten wollen. Und plötzlich stehe ich an nem Flecken Altschnee, der leider so hart ist, dass an einen Schneeengel nicht zu denken ist. Schade.

Was das wohl heißt? Ob Slartibartfass das beschriftet hat?

Eigentlich bin ich ja zügig unterwegs, trotz halbschlapper Beine. Aber dass ich Norwegern im Bergwandern nix vormachen kann, hab ich schon mehrmals erfahren dürfen. So holt mich Aina ein, eine Krankenschwester aus Sogndal. Sie hat heute frei und genießt den Tag in den Bergen. Wir gehen zusammen weiter, was mir sehr recht ist, denn es wird kraxelig, Steinmännchen gibt es nur sehr selten, und sie ist deutlich geübter in der Wegfindung.

Ich schnaufe ganz schön, um mithalten zu können. Stellt sich raus, dass Aina Extremläufe absolviert. Ihr längster war nur, wie sie sagt, 42km und 3800hm, den sie in 8h geschafft hat. Mir fällt die Kinnlade zwischen die Steine. Aua.

Zusammen geht es gut voran. Es ist kraxelig, und ich bin froh um meine Klettererfahrung, wenn auch bescheiden, so hilft sie mir doch, das Gleichgewicht zu wahren und gute Griffe und Tritte zu finden. Alleine wäre es ein großes, so immerhin noch ein ordentliches Abenteuer. Und runter? Ach, das kommt später. Steil wird es, wir haben uns weit nach links gearbeitet, und stehen unvermittelt vor einer Kante. Die Aussicht… Ich will es heute nicht zu oft wiederholen, aber die Aussicht… Ach, ein Bild sagt mehr als ich zu formulieren im Stande bin.

Rechts oben unser Gipfel, unter uns nur Gletscher.

Das letzte Stück ist flacher. Und dann sind wir oben. Das Grinsen ist mir ins Gesicht gemeißelt, das Gipfelglück riesig! 2208m hoch wäre in den Alpen ganz nett, aber hier überragt mich der höchste Berg nicht viel. Der Galdhøpiggen ist mit 2469m der höchste Berg Norwegens, und übrigens gut zu sehen. Wenig spektakulär ist er allerdings, und die Wanderung auch nur 2h lang. Sagt mir ein Norweger. Hmja. Egal, ein andermal. Jetzt hier, und wir macheb Brot- und Fotozeit, und genießen es, bei Sonnenschein im T-Shirt hier sitzen zu dürfen.

Auf dem Dach Norwegens, mitten in Jøtunheimen.
Rechts unten der Gletschersee von vorhin, rechts ganz klein die Passstraße F55 Sognefjellsvegen erkennbar.

Mich kriegt man ja nur mit Gewalt von solchen Gipfeln runter. Aina hat aber später noch ne Verabredung zum Paragliding und muss los, und ich will lieber zu zweit das fiese Stück hinab. Zügig und gut geht es, diesmal wählen wir eine etwas bessere Variante. Als das Gröbste geschafft ist, bin ich ihr aber doch zu langsam. Sie gibt mir noch ein paar Tipps, was ich alles auf meiner Tour unbedingt erwandern muss, und düst davon. Regelrecht tänzelnd gleitet sie über die Felsen den Hang hinab. „Rock Dancing“ habe ich es spontan getauft, und es passt. Diese Leichtigkeit kenne ich, das mach ich auch sehr gern, nur sind heute die Beine zu schwer nach der gestrigen Etappe. Gemütlich verliere ich erneut den Weg und hab gerade keine Lust mehr. Ah, da war doch was… Pause! Und Essen!

Geologie zum Anfassen. Was muss hier passiert sein, dass das Gestein derart gefaltet wurde?
Wasser. Irre viel Wasser. Schönes, kühles Nass.

Endlich, um 15:30 bin ich zurück am Zelt. Jetzt will ich runter vom Fjell, ins bequeme Tal. 6h hab ich insgesamt benötigt für die Tour, das hat also gepasst, Pausen mit einberechnet. Nun trinken, packen, essen, packen, trinken, packen, trinken. Puh. Um 16:30 endlich Abfahrt, und 2 Stunden später bin ich in Lom. Nach der Bergtour konnte mich nichts mehr beeindrucken, so bin ich einfach geradelt, um anzukommen.

Blick zurück. Tschüss, Heim der Riesen.
So kann Norwegen auch: weite Täler, alles grün, schöne alte Höfe, drum herum Wald.

Der überdigitalisierte Zeltplatz mit Check-In Automat hat mich glatt überfordert, aber letztlich steht mein tragbares Nest jetzt wieder, gemampft ist auch, und alle Akkus sind geladen. Morgen kann es weitergehen. Mal schauen, wie weit, aber auf jeden Fall weiter.

Tag 24: Norwegens höchste Passstraße

Puh, gut geschlafen. Warm war es in der Hütte, musste mich fast gar nicht zudecken. Der seidene Hüttenschlafsack hat fast genügt. Gab ja auch keine Bettdecke hier, und überhaupt ist die Hytta äußerst spartanisch ausgestattet. Aber gut, heute war es besser als Zelten. Schließlich steht mir heute was Besonderes bevor.

Klein aber… spartanisch.
Was ist da wohl drin? Hmmm… Ich glaube, ich tausche die schwarzen Ortliebs gegen gelbe ein. Der Unterschied ist krass.

Um 6 bin ich bereits so wach, dass ich aufstehen könnte. Aber bringt nix, ich muss noch Nudeln shoppen, und der Supermarkt macht erst um 9 auf. Um 7 aufstehen, gemütlich frühstücken, packen… d

as Übliche. Das ist inzwischen schon derart Routine, dass es überhaupt nicht mehr anstrengend ist. Um 9 schnell Nudeln und Tomatenmark gejagt, dann geht es bergan.

Fette Beute! Tütentomatensauce hab ich noch, Öl auch. Das genügt als Dinner.

Es rollt gemütlich los, recht flach vergehen die ersten 5km gemächlich. Aber ich weiß ja was kommt: die Strecke, vor der ich den meisten Respekt habe. Und heute geht es wirklich mal ums Radfahren, zumindest überwiegend. Denn ich habe mir freiwillig ausgesucht, den ganzen Tag bergauf zu fahren, und behaupte dann noch dreist, das mache mir Spaß. Kann das wahr sein?

Laaaangweilig!
Ja, gut, äääh, soooo langweilig war es dann doch nicht. Aua.

Berge fahren ist ne ganz eigene Sache. Da spielt der Kopf ne große Rolle, und die Krafteinteilung. Man muss sich also kennen, mit den Kräften haushalten, und mit Erschöpfung gut umgehen können. Und man ist erst oben, wenn man oben ist. Abkürzen geht nicht. Das hat seinen Reiz, von den körpereigenen Endorphinen, die dabei gleich literweise ausgeschüttet werden, ganz zu schweigen. Man darf es auch als Quälerei bezeichnen. Nicht um sonst gibt es auf https://www.quaeldich.de/ alles zu „Hauptsache bergauf mit dem Rennrad“.

Langsam aber majestätisch erhebe ich mich übers Tal.

Ich bin gerade um ne Spitzkehre, da tönt es, als würde jemand Steine Klopfen. Ohweh, lauern hier Trolle? Oder ist das der norwegische Fjellspecht, der den Fels zerlegt? Nein, da kommt einer auf Rollski den Berg rauf, und zwar doppelt so schnell wie ich! Wow. Die Beinchen dürr, die Schultern kräftig, stakst er mit Stöcken den Berg rauf, als wären die Wikinger hinter ihm her. Ich will am liebsten absteigen und heim laufen! Ich Anfänger.

Wusch und zisch – hätte nie geglaubt, dass man auf Rollski derart flott ne 9% Steigung hoch saust.
Kleines Detail am Wegesrand. Die Füße schützen vor Nässe und Schnee, und ich denke, auch vor Nagern. Sieht man öfter hier.
Auf 550hm bin ich schon nicht mehr ganz frisch. ⅓ ist geschafft.

Ich hatte Petro und Heidi nochmal geschrieben, und sie empfahlen mir sogleich die Burger im Hotel in Turtagrø, das liegt auf gut 900hm, also ⅔ der Höhe. Klingt verlockend. Da würde ich auch Tor Ove erwarten, dass er mich dort einholt. Ich muss zwar ne gute halbe Stunde auf den Burger warten, aber das gönne ich mir: die erste warme Mahlzeit, die nicht aus dem Campingtopf kommt! Und lecker ist er auch.

Da trudelt auch Tor Ove ein. „Ove“ spricht sich übrigens genauso wie „Uwe“, ist die skandinavische Form. Er macht mit mir Pause, ist wie irre den Berg rauf. Hätte ich nicht wild gewinkt und gerufen, wäre er im Kletterflow glatt vorbei gefahren. Gemeinsam geht es weiter. Aber, aua, die Beine, und die ganze Zeit 8-10% Steigung. Zum Branich (da wo ich wohne) sind es nur 1,6km mit zarten 7-8%. Pah, da werde ich in Zukunft hochfliegen! Aber hier geht es mit 5-6km/h voran. Mehr geht nicht. Das Gepäck wiegt mein halbes Körpergewicht, so wirkt die Steigung wie 12-15%.

Omnomnom!

Gemeinsam schrauben wir uns rauf. Tor Ove teilt die Leidenschaft. Er sagt ganz klar, dass die Abfahrt nur der zweitgrößte Spaß ist. Bergauf ist ihm am liebsten. Er fährt sogar ne Heldenkurbel, also vorne 2-fach mit 39/52 Zähnen. Und hinten sehe ich auch nur kleine Ritzel, keine Rettungsringe und Pizzableche. Boah. Seine Frau wartet oben schon mit dem Mittagessen auf ihn. Na, muss noch etwas warten.

Schön hier.
Weiter oben. Noch schöner hier.

Es wird zäh, ich kämpfe. Die Oberschenkel sind leer, Vorder- und Rückseite. Jetzt muss der Kopf herhalten. Gut, dass Tor Ove da ist, aber auch alleine würde ich durchhalten, das weiß ich, kenne ich längst. Trotzdem halte ich jetzt das Wort „Strapazen“ für durchaus angemessen. Ich bin kein großer Radler, verglichen mit Eirik, der gestern tatsächlich die 285km zurück nach Oslo geradelt ist, 11:30h in Bewegung, 6000kcal verbraten. Oder Tor Ove, der hier locker flockig über die Berge gleitet. Oder mit vielen anderen. Ich bin einfach froh über das, was ich schaffe. Und ich schaffe das. Und dann bin ich endlich oben, auf Norwegens höchstem Pass!

Absolut der Hammer!
Danke, Tor Ove, für die Geduld, Gesellschaft, Tipps und das Vorbild.

Wow. Geschafft. Am Anfang der Reise wäre das nicht möglich gewesen! Trotz halb müder Beine heute früh ging es. Zwar mit Fluchen und Grollen und Kämpfen, aber ich hab es geschafft. Yeah! Der Rest der Reise ist Kür.

Die Landschaft ist einmalig. Wir fahren auf Höhe von Gletschern, Blick auf Jøtunheimen, welches herrlich schroffe Gipfel zeigt, durchsetzt mit viel Weiß. Das Wetter ist traumhaft. Als wir 2010 hier mit dem Auto entlang gefahren sind, hat es geregnet, und wir haben nur geglaubt, dass es hier hübsch sein muss. Aber wir hatten keine Ahnung! Oh wow. Ob ich gleich hier Zelten sollte?

Aber irgendwie zieht es mich zur Krossbu. Das ist eine Hütte des DNT, Den Norsk Turistforeningen, vergleichbar mit dem Alpenverein. Von den 500 Hütten sind die wenigsten bewirtschaftet, die meisten bevorratet. Diese hier ist bewirtschaftet und man kann daneben Zelten und für ein kleines Entgelt von 100 NOK, also rund 10 €, Dusche und Bad mitbenutzen. Ja, wieder nicht wild zelten, aber so gut wie. Also fast. Sozusagen beinahe.

Die Krossbu des DNT auf 1270m
Oha. Der zweite Schadensfall. Jetzt hab ich endlich nen Zahnstocher, yay! Und nein, ich hab den Zinken nicht vor lauter Hunger abgebissen!
Das kleine Zeltlager, schön verstreut. Hmm, da hinten guckt der Smørdtabbtindan raus. Kann man da rauf?

Tatsächlich könnte ich morgen hier wandern gehen. Der Weg auf den Smørdtabbtindan ist 6,5km einfach, aber mit 1000hm. Werde morgen früh meine Beine fragen, was die von der Idee halten. Wäre schon ne Gelegenheit, die so schnell nicht wieder kommt, vor allem mit dem guten Wetter. Ich spaziere spaßeshalber mal etwas bergan, aber bereits nach ein paar Minuten merke ich, dass zumindest die Spaghetti in die Beine eingelagert werden müssen. Ich schlaf mal drüber. Zur Not langsam, und zur allergrößten Not bleibe ich noch ne Nacht hier. War ja erst die halbe Packung Nudeln, und in der Hütte gibt es auch immer Mampf.

Abendspaziergang im Fjell. So Ist es recht.
Und weil es so schön flauschig ist, noch ein bisschen Wollgras, das hier überall steht. Ich kuschel mich jetzt auch hin. Gute Nacht.

Tag 23: Die Alternative zum Bus

Schlafen, yay. Früh aufstehen bringt heute nichts, bin ich doch wieder hier gefangen und von öffentlichen Verkehrsmitteln abhängig. Also schön bis um 8 gedöst. Blöd eigentlich, dass die Campingplätze den Zeltbereich so beleuchten. Zwar stolpert man dann nachts weniger über Zeltschnüre, aber dunkel ist es dann halt auch im Zelt nicht. Aber geht schon.

Hab ich Hunger? Ich weiß es gerade nicht, bin irgendwie verplant heute. Vermutlich hab ich Hunger, ja. Von den Nudeln von gestern ist noch ⅓ da, das ersetzt das Müsli. In der Gemeinschaftsküche für den riesigen Platz steht der kleinste Wasserkocher der Welt, damit mache ich Tee. Jetzt geht’s allmählich.

Ich hatte 2 Reiseradler erspäht, gehe hin und tausche mich ein wenig aus. Rick und Bernice aus den Niederlanden haben schon viel Erfahrung, echt wunderschöne Reiseräder, und gehen es wirklich gemütlich an. Scheinbar legen sie viel Wert auf gutes Essen, so schleppen sie nen Kopf Salat mit herum. Täglich fahren sie 30-50km, das genüge. Wenn es so schön ist, warum dann so weit fahren? Hmm. Irgendwie ticke ich offenbar anders. Ich mag es, mich durch die Landschaft zu bewegen. Und ich mag die Anstrengung auf dem Fahrrad. Aber vielleicht muss ich den Modus mal ausprobieren. Nach dem Sognefjell.

Ich ertrage es nicht, noch 6 Stunden auf den Bus zu warten. Ich könnte ein Taxi rufen, dann zur Fähre, und auf der anderen Seite für den 2. Tunnel noch ein Taxi. Teuer, aber ginge. Ich könnte mich fertig gepackt an den Kreisel vor den Tunnel stellen, und den Daumen raus halten. Oder… Hey, der Typ mit dem Fiat Bus, der so lässig im Stuhl chillt, der hat nen Fahrradträger ohne Rad drauf, den quatsche ich an. Frank und Yvonne kommen aus der Richtung, wo ich hin will, aber er würde mich durch den Tunnel fahren. Das Risiko, nicht zu wissen, wie ich durch den 2. Tunnel komme, gehe ich nach kurzem Überlegen ein, und auf einmal geht es ganz schnell.

Ganz nackig hängt mein Randonneur da hinten dran. Und mein Gepäck sieht neben der riesigen Kiste auf einmal sehr überschaubar aus.
Fast 7km Tunnel wäre ich echt ungern gefahren. Letzte Nacht hatte ich noch die Idee, früh um 4, wenn nix los ist, heimlich durch zu rollen. Neee.

Die Fähre ist gerade da, schnell verabschiedet. Danke euch beiden, ihr habt mich heute in Schwung und übers größte Hindernis gebracht! Und rauf aufs gerade belandende Schiff, von denen hier gleich 2 alle 20min hin und her pendeln. Kaum drauf, sehe ich nen Pickup mit Mountainbike hinten drauf. Perfekt. Der will aber wegen Corona und Vorerkrankung kein Risiko eingehen, verständlich. Und nun? Nun kommt mir mein Norwegisch zu Gute. Ich erkenne zielsicher einen gemieteten Sprinter, in dem ein junges Pärchen sitzt. Ja, sie haben Platz, könnte aber eng werden… Nee, quatsch, die Karre ist leer! Stellt sich raus, Petro und Heidi sind gerade zusammen gezogen, haben gerade noch Möbel transportiert, und bringen die Karre jetzt zurück nach Sogndal. Voll beladen lege ich meine Reisekiste in den Laderaum, und los geht’s. Yeah!

Wie lieblos dahin geworfen, aber ich hab es wirklich zärtlich abgelegt. Alleine schon wegen der Flasche Öl in der Seitentasche.
Die Fähre ist recht voll, auch 5-spurig, und rein elektrisch. Ratz fatz sind wir drüben.

Die beiden sind echt nett, und frisch verliebt. Total süß und herzlich. Wir unterhalten uns auf der Fahrt prächtig, dann geht es wieder schnell. Heidi weiß genau, wo sie mich am besten absetzt, wir wünschen uns gegenseitig alles Gute. Tausend Dank euch beiden! Ich verzurre das Gepäck jetzt ordentlich, und kaufe an der Tanke hier noch 2 Schokobøller. So bin ich bester Laune um 12 Uhr startklar, um die F55 in Richtung Sognefjell zu rollen. Ganz schön viel Vorgeplänkel, bis es mal los geht.

Genau da will ich hin. Leider ist ne Menge Verkehr, hoffe, das wird morgen ruhiger.
Eine kleine Tunnelumfahrung bringt mich an diesen Lachsfluss mit erstaunlich vielen Anglerstegen.

Weil ich nun schön viel Zeit habe, kann ich die Stabkirche von Urnes besuchen. Dazu verlasse ich die F55 und rolle nach Solvorn hinab, wo eine kleine unelektrische Fähre gelegentlich pendelt. Die halbe Stunde Warten verbringe ich mit vorsorglicher Kalorienzufuhr. Sonst passiert genau nichts. Das Örtchen ist beschaulich, aber das lokale Kaffee hat zu, sonst hätte es natürlich – wer hätte es gedacht – Süßteilchen mit Kaffee gegeben.

Sonnig und ruhig und sonnig. Daheim bricht gerade Herbstwetter los, und mir geht die viele Sonne auf die Nerven.
Liegt hier auf nem Pfosten und verschönert den Hafen. Hübsche Idee.
Autos müssen rückwärts drauf, Motorräder müssen wenden. Echt putzig das Schiffchen.
Da fahr ich später auf der rechten Seite hinter, noch 30km bis zum Ende.
Das Örtchen Urnes. Das ist echt abgeschieden, ruhig, und idyllisch. Sehr idyllisch.

Die Stabkirche steht natürlich oben, bei sachten 10% läuft mir in der blanken Mittagssonne der Schweiß, bis ich die 80hm rauf bin. Aber wie immer lohnt es sich. Dies ist die älteste Stabkirche Norwegens, wurde etwa 1130 erbaut, und ist die 4. Kirche an diesem Platz. Die Stäbe der Stabkirchen sind Baumstämme, die senkrecht aufgestellt die ganze Konstruktion tragen. Diese stehen hier eben schon seit 900 Jahren! Das Holz ist „malmfuru“, englisch „Ore-Pine„. Deutsch finde ich es gerade nicht. Total spannend, dass das so ewig haltbar ist. Eine kurze Führung in kleiner Gruppe erläutert spannende Details, dann noch Wasser auffüllen, und weiter geht’s.

Echt nicht groß, aber hübsch. Auf der Südseite bleich die Sonne das Harz aus, die Nordseite ist fast schwarz.
In der kleinen Ausstellung ein Modell der Stabkirche von Borgund. Da sieht man schön die Stämme stehen.
Über die Jahrhunderte wurde umgebaut, dann noch Reformation… Der Statik wurde nachgeholfen. Nicht hübsch, aber hält seit 400 Jahren so.
Über die Zeit fanden sich immer wieder hübsche Details ein, je nach Epoche mal dies, mal das.
Die Außenwand gen Norden. Vielseitig interpretierbar, präzise Erklärungen gibt’s nur mit Zeitmaschine.

In regelrecht sengender Hitze geht es nach Norden, dem Ende des über 200km langen Sognefjords entgegen. Die Straße ist schmal und einsam, die 3 Tunnels unbeleuchtet und eisig kalt. Hier wohnen Leute, schon seit 4000 Jahren. Irre. Und Obst wächst hier auch gut. Einige Wasserfälle gibt es entlang des Weges, aber es gab die letzten Wochen so wenig Regen, dass sie nicht spektakulär sind. Und hinlaufen müssen will ich heute definitiv nicht. Ist ja quasi ein Ruhetag heute.

Auch noch hinlaufen? Nee, heute nicht, danke. Ah, da hinten ist er ja, passt schon, kann weiter gehen. Heute nicht.
So macht die Straße Spaß, und ich schaffe es tatsächlich, ein paar kurze Pausen einzulegen. Juhuu.

Gegen 18 Uhr komme ich in Skjolden an. Hier ist der Fjord zu Ende, und ich für heute auch. Damit ich morgen top fit bin, gönne ich mir ne Hütte. Die Einrichtung ist sehr minimalistisch, mir genügt es aber für jetzt. Der See vor der Tür ist türkisblau und das Abendlicht leuchtet ihn herrlich aus. Ich muss aber Wäsche waschen, diesmal nicht nur Trikot und Radl Hose, sondern auch mein Handtuch, das etwas mieft. Der Rest geht noch gut – ein Hoch auf Merinowolle!

Ein Dutzend solcher Hüttchen stehen hier, die links ist meine.

Morgen steht ein anstrengender Tag an. Ich will so hoch ins Fjell wie bisher nie. Mit Tor Ove, der mich von Røldal nach Odda ein Stück begleitet hatte, bin ich in Kontakt geblieben. Er radelt morgen mit dem Rennrad die Strecke, startet früh in Sogndal. Ich bin gespannt, wo er mich ei holen wird. Ich tippe auf 900hm, dann werden wir ein Stück gemeinsam fahren. Da freu ich mich drauf. Und jetzt freue ich mich auf eine ruhige, dunkle Nacht. Mögen die vielen Kalorien ihren Weg in meine Beine finden.

Der Eidsvatnet bei Skjolden. Dahinter geht es morgen früh gen Fjell.

Tag 22: Flink mal übers Aurlandsfjell

Früh brauche ich heute nicht aufstehen, bin aber schon um 7 wach. Irgendwie verliere ich heute ständig meine Flip-flops. Oha, da löst sich ja die Sohle ab, bei beiden gleichzeitig, und die Riemen werden locker. Also nach dem Frühstück endlich mal nen Kabelbinder verwenden. 3 Wochen ohne Reparatur waren ja auch schon Luxus.

Genau zwischen den Zehen, jetzt halten sie noch 3 Wochen. Hoffe ich.

Meine Fähre nach Flåm kommt erst um 13:20, und anders komme ich nicht weg. Verfloxt, dabei bin ich jetzt fit, bereit zum Pedalieren und Fjelle überqueren. Ich schlage die Zeit tot, aber mir ist echt langweilig. Irgendwann packt es mich, und ich packe. Und jetzt?

Mit Schwimmkörpern am Rahmen könnte ich vielleicht…. Hmmm…

Wenn ich die frisch aufgebaute Energie nicht gleich verbraten will, bliebt nur herum sitzen und warten. Im Café gibt es auch Touritand, mitunter von der ganz üblen Sorte, das muss ich zeigen.

Barocke Troll-Engelchen? Und eine Art… Krug? Hmja, schnell wegschauen, das kann nicht gesund sein, so lange da drauf zu starren.

Ein anderer Gast bekommt frisch gebackenen Apfelkuchen mit Vanilleeis. Mein Müsli ist viel zu lange her, sowas brauche ich jetzt auch. Und gerade genieße ich die gute Kost, kommt die Fähre um die Ecke. Die brauch noch ein bisschen, und abfahrbereit bin ich ja schon lange. Die Fähre fährt übrigens elektrisch und fast komplett geräuschlos. Nur das Wasser ist zu hören. Das hat echt was. Kein Knattern, Brummen, Qualmen. Immer mehr Fähren in Norwegen fahren mit Strom, das ist klasse. Jetzt endlich los nach Flåm.

Die Crew ist noch die selbe und begrüßt mich herzlich. Verstecken kann ich mich echt nicht.
Das beschauliche Aurlandsvangen, da werde ich gleich durchradeln, und dann links den Berg hoch und dahinter weiter.
Flåm ist Touridorf. Ohweh.
Eine der berühmtem Flåmsbana, die Bahn, die nach Myrdal führt, wo man Anschluss an die Bergenbahn hat, die Oslo und Bergen verbindet. Bahnstrecken sind in dieser Landschaft selten.

Ich rolle los, den Fjord zurück nach Aurlandsvangen. Dort geht der Berg los. Und was für einer. Der Garmin, den ich inzwischen auf den Namen „Piepsi“ getauft habe, verrät, dass es jetzt über 16km mit 7% Steigung auf knapp 1300m rauf geht. Auweia. Mal sehen, wie weit ich komme. Die Straße wird schnell schmal, und noch bevor ich aus dem Ort raus bin, werde ich auf die Prüfung gestellt: Lieber jetzt ne Hütte nehmen, oder die nächsten 10km mit 8% bergan? Schnell weiter, bevor genug Sauerstoff ins Hirn vordringt und zweifelhafte Denk- und Entscheidungsprozesse in Gang bringt.

Eine gute Übung für das Sognefjell, das die nächsten Tage ansteht.
Aufsteigen oder Absteige? Vielleicht gilt die Steigung ja nur für Autos, das Schild sagt nix über Fahrräder.

Die Straße ist schmal, aber arg viel befahren. Es ist Samstag und bestes Wetter, auf 600hm wurde ein Parkplatz mit Aussichtssteg errichtet, da pilgern alle hin. Bald kommen jene, die mich gerade erst überholt haben, wieder entgegen. Wenn das so schnell geht, dann kann es so toll nicht sein, und dann ist danach hoffentlich Ruhe. Unter dem Aurlandsfjell führt ein knapp 25km langer Tunnel hindurch, darum sollte hier oben eigentlich wenig los sein.

Kurz vor der Aussichtsplattform hab ich am Straßenrand dieses Motiv. Yay. Ich bin hier auf 550hm.

Der reinste Trubel da. Gerade wie ich ankomme, kommt ein Rennradler daher. Er quatschemt mich an, wir gesellen uns zueinander. Scheinbar gibt es hier weit weniger Rennradler als in Deutschland. Wir knipsen uns gegenseitig, und er mag gern mit mir zusammen fahren. Meine Warnung, dass ich sehr gemütlich unterwegs sei, beantwortet er damit, dass das völlig okay sei. Also gut, dann mal los. Mal sehen, wie weit ich durchhalte.

Lang zieht sich der Aufstieg hin. Garmin hat leider recht, da gibt es nix zu rütteln.

Eirik, so heißt mein Kumpane, ist geduldig und will auch nach mehrmaligem Angebot nicht alleine davon rasen. Können könnte er locker, ist viel fitter als ich und minimal bepackt. Er ist mit dem Zug von Oslo nach Haugastøl, dann den Rallarvegen nach Flåm, und jetzt übers Aurlandsfjell. In Lærdal nimmt er ein Hotel, und morgen fährt er die 300km bis Oslo. Wow! Irre. Und wie wir erzählen, vergehen Zeit und Höhenmeter, und auf einmal sind wir oben. Huch! So hoch war ich dieses Jahr noch nie.

Der verrückte Eirik. Abgefahren, was er fährt. Danke fürs geduldige Begleiten!

Und da war jetzt der Unterschied zwischen Sport und Reisen. Diese Auffahrt war Sport. Meine Beine sind leer und freuen sich auf die Abfahrt. Mein Puls war bei 160 und damit deutlich über dem, was für ne Reise gut ist. Ich hab auch sicher nicht so viel von der Landschaft genossen. Aber es war trotzdem total super! Denn diese Form von Sport mach ich gerne, und das hier machen zu können, ist einfach irre. Beim nächsten Urlaub mit Auto hier kommt das Rennrad mit.

Das Fjell ist fjellig, hie und da liegt noch Restschnee vom letzten Winter, es geht ein wenig auf und ab. Die 300hm, die wir hier höher sind als ich bisher war, merkt man an der Landschaft deutlich. Es wäre länglich, das beschreiben zu wollen, leider. Auch hier ist viel los, überall stehen Camper, aber kaum Weißware. Eirik erzählt, dass bis vor Corona hauptsächlich ausländische Urlauber mit WoMos unterwegs waren, aber die letzten zwei Jahre sind auch viele Norweger im eigenen Land am Reisen. Und da gerade Wochenende ist, sind hier viele Einheimische und stellen sich ins Gelände.

Fjell. Hier könnte ich ewig fahren.

Das dehnt das Jedermannsrecht ganz schön. Streng genommen ist es nämlich nur Unmotorisierten erlaubt, sich überall für eine Nacht niederzulassen. Fragt mich nicht, wozu E-Bikes zählen! Erstmal muss Norwegen mit den vielen WoMos klar kommen. Norwegen macht auch Werbung mit dem Jedermannsrecht, das findet Eirik auch nicht gut. Aber er kann verstehen, dass die Leute es nutzen. Es ist schon echt fantastisch, und die meisten gehen verantwortungsvoll damit um.

Endlich der letzte Buckel geschafft, jetzt 17km Abfahrt. Das im Hintergrund ist Jøtunheimen.

Beim Anstieg war in der Ferne der Gletscher Hardangerjøkulen zu sehen, jetzt blicke ich auf den Jostedalsbreen, den größten Gletscher weit und breit. Und Jøtunheimen ist zu sehen, da werde ich in 2 Tagen sehr nah dran vorbei kommen, wenn ich übers Sognefjell fahren werde. Oh wow. Noch größer, weiter, höher? Geht das überhaupt?

Eine Abfahrt die ist lustig, eine Abfahrt die ist schön…

Der Wind bläst kalt aus Norden. In der Sonne ist es schön, im Schatten regelrecht eisig. Dies lässt mich schnell entscheiden, dass ich übers Fjell und hinab nach Lærdal fahre, anstatt doch noch wild zu Zelten. Hmja. Irgendwie schade, aber ich freu mich auch auf ne Dusche. Die Abfahrt ist frisch, trotz langer Klamotten. Hui, früh am Morgen ohne warm gefahren zu sein wäre das hart geworden. Irre schnell verändert sich die Landschaft. Und nur wenige Fotostopps, Wasserfälle und Vegetationsstufen später sind wir unten, sehe ich den Fjord. Wieder der Sognefjord, aber ein anderer Arm – der Lærdalsfjord.

Die Sonne steht schon tief, als wir um 19:30 in Lærdal einrollen.

Eirik geht ins Hotel, ich auf den Zeltplatz direkt dahinter. Kurz überlege ich, ob nein Hotelzimmer nicht doch auch mal nice wäre., aber 150 Euro für ne Nacht schrecken mich ab. Und dann müßte ich noch essen gehen… Nee. Der Campingplatz ist leider riesig, aber ganz nett. Er liegt an der E5, ähnlich wie der in Gudvangen an der E16. Sind immerhin ja auch nur 40km Tunnel dazwischen.

Ich gehe einkaufen und checke den Busfahrplan. Oha, erst um 15:25 fährt ein Bus, und ohne komm ich nicht weiter. Ein langer Tunnel verbietet mir die Durchfahrt. Danach Fähre, und wieder ein reiner Autotunnel. Als Alternative dazu gibt es nur den Bus. Hmja. Dann kann ich morgen wenigstens ausschlafen und mich erholen. Und vielleicht fahre ich gleich bis nach Sogndal mit dem Bus, um nicht auf der E5 fahren zu müssen. Ach, das schau ich mir morgen nach dem Frühstück an.

Diesmal sind es zu viele Nudeln. Ich bin noch zu erschöpft, als dass ich so viel essen könnte, wie ich müsste. Naja, dann halt zum Frühstück.

War das jetzt cool heute, oder daneben? Radreisen war das jedenfalls nicht. Eine Nacht oben im Fjell wäre bestimmt auch schön gewesen, da würden sich jetzt keine Leute kurz vor Mitternacht laut lachend unterhalten. Aber es hat Spaß gemacht, alleine schon zu sehen, dass ich an einem Nachmittag fahren kann, was vor 3 Wochen am ganzen Tag nicht möglich gewesen wäre. Und Eirik und ich sind jetzt auf Strava verbandelt. Ich freu mich schon drauf, seine zukünftigen verrückten Touren als Inspiration zu nehmen. Das mit dem Bike Packing muss ich jedenfalls noch lernen.

Tag 21: Was war, was wird.

48 Beutel Tee. 2 Gläser Erdnussbutter, 2 ½ Gläser Marmelade. 1 Liter Öl (nicht Øl!), 3 Flaschen Blaubeersirup. 3 Packungen Müsli, 4 Laibe Brot.

An 16 Tagen geradelt, 54h 49min im Sattel, 904 km gefahren, 13.299hm rauf und runter. 7 Fjorde erfahren, 1 Gletscher gesehen, 3 Dutzend Tunnels getunnelt, Wasserfälle aufgehört zu zählen. Darf’s noch etwas mehr sein? Gern! Soviel zu den Zählbaren Dingen. Und sonst so?

Die Boote schaukeln wie meine Seele in aller Ruhe leicht hin und her.

Etwas nach mir kommen die Lüneburger aus ihrem Nest gekrochen und gesellen sich zum gemeinsamen Mampfen zu mir. Wir tauschen Tipps, Geschichten und Campingplatzempfehlungen aus, und ich kann noch meine bestmögliche Abschätzung geben, wo auf deren Weg noch ein Fleckchen Schnee zu finden sein könnte, um ein cooles Filmprojekt von Seya vollenden zu können. Hey, wenn es fertig ist, will ich es auch gern bewundern dürfen, okay?

Anschließend geht Casjen noch ne Runde am Kai angeln, und ich probiere mal, ob ich das im letzten Jahr Gelernte noch kann – und tatsächlich fliegt der Gummifisch schön hoch und weit. Leider beißt bei meinen 3 Würfen nix, das wäre jetzt echt der Hit gewesen, hätte ich mir noch mein Abendessen aus dem Fjord gezaubert.

Der Fjord ist fast 400m tief aber bis zur Mitte werde ich nicht. Trotzdem fällt der Boden steil ab, so viel sieht man im klaren Wasser und spürt man mit dem Gummifisch.

Anschließend gibt es zum Ausgleich zur gestrigen Bulliführung eine flinke Zelt Führung, dann müssen die 4 auch los. Es kehrt Ruhe ein auf dem kleinen Platz, und ich schlendere durch die wenigen Straßen. Irgendwie treibt es mich wieder bergan, aber nach kurzer Zeit wird klar, daß ich heute keine Bergwanderung machen sollte, wenn ich bald wieder radeln will. Das Herz sagt Wandern, die Beine sagen Pause, der Kopf beschließt: lieber bald Radeln.

Warum hier Felsen verankert werden müssen, erschließt sich mir nicht. Aber genau so fühlen sich meine Beine an.
Bald kommt die Fähre wieder vorbei. Statt sich zuzuwinken, fotografiert man sich heutzutage gegenseitig. Albern.

Zu Mittag gibt es Käsebrote. Abendessen hab ich auch gejagt, diesmal mit Plastikkarte als Köder, und bei der Gelegenheit herausgefunden, wie man etwas zu ner Poststelle bestellen oder verschicken kann. Das ist praktisch, will ich doch bei der anstehenden Bundestagswahl meine Stimme nicht durch Urlaub abhanden kommen lassen.

Dann ins Café, welches ja, wie alles hier im Ort, auch dazu gehört. Dort kann ich einer weiteren Waffel nicht widerstehen, natürlich mit Kaffee. Der Wikingerroman wird weiterstudiert, und streckenweise kann ich ihn bereits flüssig lesen. Auch schafft mein Hirn inzwischen, Gesprochenes besser in Worte zu zerlegen und deren Bedeutung zu erschließen, bevor mein Gegenüber meint, ich hätte nen inneren Blue Screen. Yay.

Der simple Grund, warum man hier gerne sitzt. Ja genau: der Schatten ist Gold wert. Die Aussicht muss man halt ertragen.

„Weißware“ nennen die Lüneburger das, was hier jetzt abends eintrudelt. Bald ist mein kleines Zeltchen eingepfercht zwischen großen weißen Kisten, und irgendwer lässt laut Musik laufen. Ich koche etwas griesgrämig, schaue heute nicht einladend in die Gesichter, und verziehen mich zum Mampfen an den ruhigen, einsamen Kai. Da ist es besser. Vielleicht sollte ich morgen mal wild zelten, endlich. Das blöde bei Pausentagen im Zelt ist, dass mir die Alleine-Zeit fehlt, die ich sonst auf dem Rad genieße.

Zum Vergnügen wird das ornithologische Aufräumkommando etwas trainiert. Mutiger wurden sie leider nicht.

So, 3 Wochen mache ich das also nun schon. Wow. Ich war mir nicht sicher, ob ich nach einer Woche nicht vielleicht genug hätte, und jetzt denke ich, dass die übrigen 3 Wochen doch gar nicht genug sein werden! Allerdings ist das Wetter derzeit ungewöhnlich schön und gut. Das wird so nicht bleiben. Ich bin zwar materiell gerüstet für echtes norwegisches Wetter, mental wird sich das aber erst noch erweisen. Die norwegische Wetter-App heißt „Yr“, und das bedeutet „Nieselregen“. Noch Fragen?

Ich habe Lust, weiter zu fahren. Ja. Es ist intensiver als gedacht, und natürlich anders als gedacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich derart oft herzlich schönen Anschluss finde. Und ich hätte gedacht, dass ich mehr Fotoprojekte verfolgen würde, statt wie jetzt eher Gelegenheitsfotos mit der DSLR zu machen – die sind vermutlich auch schon schön, aber eben eher zufällig. Ich hatte gehofft, dass ich jeden Tag fahren kann, und nicht so viel Pause benötige, aber das kommt vielleicht noch, denn fitter werde ich offenbar.

Beim Bergwandern gibt es eine gute Regel zum Abschätzen, wie lange man für eine Etappe benötigen wird, und die klappt bei mir auch hier beim Radeln. Dazu muss man wissen, wie viele km man pro Stunde schafft, und wie viel Höhe man pro Stunde schafft. Für die anstehende Etappe errechnet man daraus die Zeit, die man für die Strecke benötigen wird, und die Zeit, die man für die Höhe benötigen wird. Vom diesen 2 Zeiten nimmt man die größere, und addiert ⅓ der kleineren. Das kommt ziemlich gut hin. Das ist die Zeit in Bewegung, auf diese kommt nochmal ⅓ bis ½ für Pausen, Fotos, Einkaufen, Essen, Orientieren, Umziehen drauf. Damit kann ich jetzt gut kalkulieren, was umso wichtiger wird, je kürzer die Tage werden.

Steil geht steil hier, ist Verlockung für mich. Ich freu mich nach so viel Zeit am Fjord wieder aufs Fjell.

Ist die Arbeit vergessen? Tatsächlich denke ich sehr wenig daran. Die überwältigende Realität hier verdrängt Gewesenes schnell, setzt Gefühle frei. Die Idee, den Kopf frei zu kriegen, funktioniert gut. Ob ich wirklich in nen anderen Modus komme, oder nur den selben Modus mit anderer Aktivität fahre, kann ich gerade gar nicht sagen. Dazu muss ich später diesen Blog lesen 🙂 Auf jeden Fall bin ich froh, dass ich dies hier tue, freue mich oft, genieße es hier. Zelten macht immer noch Spaß, und Radfahren auch. Also ist es wohl gut, schlussfolgert meine Ratio, und stimmt damit mit meiner Emotio bestens überein. Schon wieder huu-huuut der Kauz und ruft den Schlaf herbei. Huuuuu.

Tag 20: Halbzeitpause

Ich schlafe aus, um 8 Uhr macht mich der Verkehr endgültig wach. Es ist halt die E16, einer der Hauptverbindungswege quer durch, da fahren viele LKW, und die hört man dank der steilen Felswände elendig weit. Also, hey, wirklich viele sind es nicht, aber für hiesige Verhältnisse schon, und zum Weiterschlummerrn allemal. Immerhin fuhr nachts fast nichts. Nun gut, raus aus den Federn. Ein Zelt hat ja auch keine Toilette.

Weiter geht es mit der Fähre, eigentlich bis Flåm (das „å“ wird immer gesprochen wie unser „o“) und dann nach Aurlandsvangen, wo der Zeltplatz genauso wie hier an der E16 liegt. Dieser Lärm stresst mich ungemein, lässt mich keine Ruhe finden. Hmpf. Da hab ich wenig Lust drauf. Da meine Beine beim bloßen Anblick des Rades widerwillig aufbegehren, beschließe ich kurzerhand, 2 Pausentage einzulegen, einen davon bei nem Fährenzwischenstop in Undredal. Da führt die E16 im Tunnel und mit Abstand vorbei, dort sollte genau nichts los sein. Zumindest kein Straßenlärm. Einen kleinen Lebensmittelladen soll es auch geben. Wunderbar, das klingt nach nem Plan.

Leider sind die Angaben zu den Fährzeiten verschieden, ml heißt es 9, dann 10, dann 9:30 oder such 12 Uhr. Eigentlich will ich hier schnell weg. Ob ich 9:30 schaffe, wenn ich aufs Frühstück verzichte? Die Hotline verrät mir, als das Büro endlich besetzt ist, dass die eine Fährgesellschaft dieses Jahr gar nicht fährt, nur die andere. Da solle ich schauen. Die sagt 12:00. Also doch erstmal Frühstück. Immerhin taugt das Brot aus Vossevangen was, und Multesyltetøy macht glücklich. Gemütlich packe ich zusammen und bin um 11 am Kai.

11 Uhr und die Sonne ist noch nicht unten. Die Felskante, die man von unten aus sehen kann, ist 800-1000m über mir, die Berge dahinter 1500-1700m hoch. Kein guter Platz für Solaranlagen.

Am Fährkai stehen nur Schilder nach Kaupanger. Also was jetzt, Flåm oder Kaupanger? Autofahrer wissen auch nichts Genaues. Nebenan ne Tourifalle mit allem Gedöns, das ein Norge-Ersti im Landschaftsrausch unbedingt kaufen muss, um es daheim in ner Schublade verschwinden oder Staub fangen zu lassen. Die Angestellten dort verweisen mich auf die Crew der Fähre. So unorganisiert kenne ich das gar nicht!

Käsehobel, Plastiktrolle, Wikingerbootteelichthalter… Wer denkt sich so nen Quatsch eigentlich aus? Wobei Käsehobel echt praktisch sind!

Die Lösung ist einfach: es fahren um 12 Uhr gleich zwei Fähren, eine Autofähre nach Kaupanger, und eine Tourikreuzfahrtfähre nach Flåm, wo ja keine Straße hinführt. Die Straße führt durch zwei elend lange Tunnels, die für Radler verboten sind, mir bleibt nur die Fähre. Letztere nimmt mich auch samt Radl mit, man wisse aber nicht, ob man in Undredal anlegen könne, weil Wind. Hmja. Mal sehen.

Alle drängen, als ob man stehen gelassen werden könnte. Mein Rad hält die Meute auf Abstand.
Da steht es, einsam als Gepäckstück verwahrt.
Es gibt Kaffee, den gönne ich mir. Der Wind bläst ihn mir aber beim Trinken aus dem Becher ins Gesicht. Gut, dass dies kein Tretboot ist bei dem Gegenwind.

Sieh da, nur 5km am Fjord entlang wäre noch ein sehr ruhiger Zeltplatz gewesen. Schade, daß hätte mir sicher besser gepasst, aber bis dort hätte ich es gestern nicht mehr geschafft. So trotzig war ich dann auch nicht.

Dass da Leute einfach wohnen und jeden Tag dort leben… unverschämt!

Achtung, jetzt kommen einige Bilder vom Fjord. Wer davon schon genug hat, einfach weit runter scrollen. Es ist krass. Der Lysefjord war schon schön, ist lang, fast schnurgerade und wird hinten immer steiler und höher. Hier ist es hingegen verwinkelt, nach jeder Kurve ist es wieder spannend. Die Felswände sind noch höher, über 1000m hoch. Das Lichtspiel ist fantastisch! Hier würde ich gern zu jedem Wetter entlang, früh, nachts, zur blauen Stunde, zum Fjordglühen… Und so verfalle ich fast schon ins Knipsen, wechsle ständig die Objektive, renne vom Bug zum Heck und wieder zurück.

Hinter uns die Autofähre, am Heck die Fotos für Insta
🙂
Das ist alles nur ein kleiner Seitenarm hier! Ganz da vorn zweigt ein anderer ab. Gigantisch.
Die Autofähre weiter hinten, und vorhin sind wir an dem fernen Berg vorbei. Die Ausmaße hier sind krass.
Könnte ein Tiellfoto sein. Was ist das für ein Nebel?

Merkwürdig für die Wetterlage ist, dass ein Nebel im Fjord hängt, ganz licht und vage. Er hebt die Sonnenstrahlen schön hervor, aber erklären kann ich es mir nicht. Und warum riecht es so, als würde dieser Kahn hier mit Holz befeuert werden? Wirkte gar nicht wie ein Dampfschiff.

Oha.

Die überall ausgerufene Waldbrandgefahr ist real. Ich vermute, dass einige Paddler hier gelagert und die Glut nicht vollständig gelöscht haben. Der Wind hat sie neu entfacht und den Berg hinauf getragen. Später erklärt mir eine Einheimische, dass auch herabstürzende Steine Funken schlagen können, welche dies auszulösen vermögen. Aber für mich sieht es aus wie ein prädestinierter Ort für ein Nachtlager. Am Nachmittag versucht sich ein Heli im Löschen, zwar nicht ohne Wirkung, aber es qualmt bis in den Abend hinein.

Der Wind steht günstig, ich darf in Undredal von Bord gehen. Das geht über die wegen Flut steil angelegte Planke nur mit Unterstützung der Crew, die mich auf die Schnelle noch nach meiner Reise ausfragt. Ich verabschiede mich mit „Bis morgen!“, dann will ich ja weiter nach Flåm. Jetzt aber erstmal hier ankommen. Und hier ist es auch wirklich nydelig und hyggelig, ein wahrlich friedvolles Fleckchen voll Ruhe. Selbige finde ich auch sehr bald, und spätestens als eine frisch gebackene Waffel mit hausgemachtem Karamellkäse samt ner Tasse Kaffee vor mir stehen, bin ich ganz im Hier und Jetzt.

Undredal. Zauberschön.
Ein hübscher, sehr kleiner Zeltplatz, hier ist keine Hektik. Die findet den Weg gar nicht hierher.
Ganz hinten der Qualm vom Feuer. Und gaaaanz hinten geht der Fjord noch weiter.
Vel bekomme!

Lesen, Duschen, Fotos vom ornithologischen Reinigungsdienst (Spatzen) machen. Oh, hier kann man wandern? Hmm, heute ganz bestimmt nicht. Das Knie ist gut, die Oberschenkel aber sind verkatert und benötigen ihre Auszeit. Ich bleibe 2 Tage. So. Als die Fähre von Flåm zurückkommt, sitze ich noch immer im Café. Die Crew sieht mich, ich winke fröhlich, sie lachen, ich rufe „Bis übermorgen!“, sie lachen noch mehr.

Ich kaufe Möhrchen, Tiefkühlerbsen, Tomatenmatsche und eine Flasche Öl. Das Currygewürz fungiert echt als Emulgator. Der Topf war wieder fast voll. Bin froh, dass ich so viel essen kann. Zu wenig Kalorien bedeuten nämlich, dass man keine Lust hat, sich zu bewegen. Dann kann man auch gar nichts dagegen machen, man will einfach nicht. Und man kann nicht was anderes wollen, als was man gerade will. Und dann bewegt man sich nicht, hat keine Lust drauf, will liegen bleiben, oder gleich heim. Das haben wir 2012 auf den Lofoten gelernt, als wir mit Rucksack und Zelt dort 3 Wochen unterwegs waren und jeder 3 kg abgenommen haben. Das sind 1000kcal am Tag zu wenig, der halbe Grundumsatz! Und da hatten wir oft keine Lust, jenen kleinen Hügel rauf zu gehen, um die Aussicht zu genießen, oder dort noch um die Kurve zu schauen, um die Gegend zu erkunden. Abnehmen will ich hier ganz sicher nicht, neinnein.

Später komme ich mit einer Familie aus Lüneburg ins Gespräch, die mit nem modernen Bulli unterwegs sind. Sie selbst sind alle 4 fahrradbegeistert, waren schon öfter in Norwegen (aber als Flachlandtiroler noch nicht mit dem Rad), und Bulli-erfahren. Obwohl alle schon längst ausgewachsen kommen sie prima zu viert darin unter, ohne Zelt nebendran. Der Sohn, der neben der Schule im Fahrradladen schraubt, schaut sich die abgerissenen Schrauben meine Seitenständers an und meint, ohne Spezialwerkzeug gehe da nix. Dann checkt er das Rad kurz durch, weil es ihm Spaß macht, und er so eines in der Art auch gern hätte, um damit zu reisen. Danach bekomme ich, weil ich echtes Interesse am Bulli-Dasein geäußert habe, eine ausführliche Tour durch viele durchdachte Details und tolle Einfälle, die von viel Erfahrung und Überlegung Zeugen. Ich versuche mir vieles zu merken und begreife, wie herrlich primitiv ein Zelt doch ist. Trotzdem, wenn Camper, dann sowas.

Wir quatschen uns regelrecht fest! Herrlich. Also so ein Bulli hat echt was. Und die 4 sind klasse. Danke euch für den herrlichen Austausch! Morgen beim Frühstück geht es vermutlich weiter. Aber ihr seid auch schuld daran, dass ich heute keine Retrospektive zur Halbzeit schreiben kann, ist nämlich schon wieder spät. Halbzeit ist aber auch erst morgen, und da wird vermutlich wirklich weniger passieren. Ich bleibe hier, laufe vielleicht ein wenig herum, schaue mir die eher weniger spektakuläre Stabkirche an, und werde Zeit haben zum resümieren. Inzwischen ruft ein Kauz in die Nacht, der Wind rauscht in den Bäumen. Einzig enttäuscht bin ich davon, dass ich immer noch so lange brauche, um zu erkennen, wenn ich ne Auszeit brauche. Aber diese Erkenntnis ist ja auch schon ein guter Anfang. Jetzt lass ich mich in den Schlaf Huu-Huuu-en.