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Tag 39: Zurück nach Dalen am Bandak

Ein Grad. Brrrrr. Ein popeliges Grad hat die Nacht mir gelassen, um den Tag anzufangen. Der Himmel ist klar, und alles ist nass vom Tau. Ich glaube, so nass war das Zelt noch nie. Da die Etappe heute verhältnismäßig kurz ist, habe ich bis 8 geschlafen, und hoffe, dass es die Sonne bald über den Berg schafft. Müsli und Tee genieße ich am stillen Fluss, natürlich in die Daunenjacke eingekuschelt. Bald schafft es die Sonne, und das große Trocknen kann losgehen. Zweimal ziehe ich das Zelt in die Sonne und packe es als letztes ein. Den vom Atem feuchten und vom Innenzelt vollgetropften Schlafsack lege ich auf einer Holzbank in die Sonne. Wird schon.

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Alleine reisen ist bemerkenswert wortlos. So vergehen die 2 Stunden, bis ich abfahrbereit bin, ohne ein gesprochenes Wort. Zu zweit würde man sich stets austauschen und abstimmen, egal wie eingespielt man ist. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, auch daran, dass es nur mein Tempo gibt. Ich bin gespannt, wie das zu zweit werden wird. Aber abends hab ich ja gelegentlich Gesellschaft, und da läuft die soziale Synchronisation wie gewohnt, also stelle ich mich jetzt nicht auf massive Umgewöhnung ein. Jetzt gerade genieße ich es so aleine und wortlos und selbstbestimmt.

Bis ich um kurz nach 10 mit weitgehend trockenem Zelt loskomme, sind es 8°C und ich lasse die langen Sachen an. Nach 3 km kommt der Anstieg, der stetig mit 7% Steigung rund 400hm erklimmt, wobei mir nach 50hm bereits der Schweiß läuft und die langen Sachen hinten auf die Gepäckrolle wandern. So ist es besser, sogar im Schatten.

Der letzte sonnige Tag fürs erste. Passt bestens zu diesem pittoresken Tal.

Irgendwann höre ich ein regelmäßiges Klopfen. Vom Fahrrad scheint es nicht zu kommen, nein. Aber es erinnert mich an etwas. Aber was? Ah ja, genau, der Felsspecht, ääh, also, der Rollskifahrer am Sognefjell. Und tatsächlich kommt wieder einer angerauscht, irre schnell den Berg hoch. Er lässt sich auf mein Tempo herab, denn er dreht gerade nur eine kleine morgendliche Runde, und wir quatschen.

Aron Åkre Rysstad lebt von diesem Sport, ist Profi-Langläufer und beantwortet geduldig meine Anfängerfragen, der ich noch nie nen Rollski aus der Nähe gesehen habe. Ich muss mir mal dringend so nen Wettkampf anschauen. Er dreht bald um, sprintet vorher die letzten Meter – ich sprinte mit! Aber er zieht mit über 20km/h die 7% Steigung hinauf an mir vorbei – wow. Wir vernetzen uns auf Strava, ich bin gespannt, was für Touren und Zeiten er so fährt. Dann dreht er um und düst hinab, mit 70, 80, manchmal sogar 90 km/h, gebremst wird mit Pflugstellung und vermutlich wild qualmenden Rädchen. Krass.

Sogar die Schafe sind schneller als ich. Eben gucken sie noch niedlich, aber ungekämmt zieren sie sich vor der Kamera.
Hier war ich schon mal vor gut 4 Wochen. Ja, jetzt ist genug mit Idylle hier. Das Setesdal sieht mich jedenfalls wieder, wandern kann man da nämlich auch sehr schön.
Hier war ich auch, aber da floss deutlich mehr Wasser. Ich Vergleiche die Bilder, der Unterschied ist erheblich. Tja, entweder Sonnenschein oder tolle Wasserfälle.

Schön einsam ist die Straße, nur alle paar Minuten kommt mal ein Auto, einmal sogar ein Radler entgegen. Das letzte Mal, an Tag 7, war ich noch ganz hin und weg von der großen weiten Landschaft hier, inzwischen hab ich mehr gesehen. Es ist immer noch schön, aber es geht eben weg vom schönsten Teil, eher hin zum gemäßigten. Eigentlich wäre es auch toll, zurück bis Oslo zu fahren, die Entwicklung rückwärts zu erleben. In Gedanken kann ich das noch tun, denn ich weiß noch unglaublich viele Details, dank Blog und langsamer Reisegeschwindigkeit. Die Variante, von Oslo mit vielen Stopps zum Fjord zu fahren, kann ich jedenfalls sehr empfehlen. Gern dann noch bis an die Küste, das taugt auch sehr.

Die Achterbahn im Fjell, das werde ich vermissen.
See, Berg, Straße, Weite… das Übliche Idyll.

Geklettert war ich wieder schnell, eilig hab ich es nicht, also kann ich gediegen Pausen machen. Erst am Wasserfall mit Zuhause telefoniert, dann am See Käsebrote gegessen. Hier gibt es Nøkkelost, das ist Käse mit Kümmel und Nelken, sehr lecker. Zusammen mit Tomatenmark auf dicke Brotscheiben gibt das mein Lunch.

Kein Troll weit und breit, der mich ärgern könnte, also kann ich ne Pause riskieren.

Endlich geht es nur noch bergab. Irgendwie waren die letzten zwei Tage doch anstrengend, und heute tritt es sich doch schwerer. Erstaunlicherweise gehen lange Anstiege gut, aber diese Achterbahn, das stete Auf und Ab, das zehrt ganz schön. Belastungswechsel sind es wohl, die ich heute nicht so gut wegstecken kann. Also huiii, die lange steile Abfahrt zum Bandak geht es in engen Serpentinen hinab! Laut johlend und lachend komme ich unten an und lass mich gemütlich in den Ort rollen, um gleich mal im Supermarkt einzufallen. Was brauche ich eigentlich alles? Inzwischen habe ich ne feste Einkaufsliste und hake nur noch an oder ab. Yay, Marzipan! So viel Emergency Fuel brauch ich sicher nicht mehr, aber schaden tut es auch nicht. Bei Marzipan lasse ich mir von „brauchen“ vorschreiben, ob ich es kaufe oder nicht.

Fast wie ein Fjord. Fjordesque, sozusagen. Die nächsten Tage laufe ich mal da oben am Rand lang, da führt ein Wanderweg entlang.

Der Zeltplatz hier war super, jetzt ist Saisonende und der Platz schon recht leer. Ich sehe nur ein Zelt und sonst niemanden. Aber die Gebäude sind offen, auch wenn die Rezeption unbesetzt ist. Die Sonne steht auch schon viel tiefer als noch vor einem Monat, und will sich bereits am frühen Nachmittag hinterm Berg verkrümeln, muss aber noch mein Zelt fertig trocknen. Schon wieder muss es husch husch, und ich unter die Dusche und Sachen waschen. Diese kurzen Tage bringen Stress, solange es hell ist, dafür viel Ruhe, sobald der Tag rum ist.

Da, das wird mein Tattoo! Genau so will ich das haben.

Ich schaue nochmal bei der immer noch unbesetzten Rezeption vorbei, da trudeln zwei Reiseradler ein! Niemand da, und dann sowas. Freudig begrüße ich sie, sie freuen sich, ich zeige ihnen den Platz, kenne mich ja vom letzten Mal hier noch bestens aus. Clarisse und Romain sind vor 5 Monaten in Grenoble gestartet. Sie haben die Wohnung aufgelöst, Jobs gekündigt und nehmen sich ne Auszeit. Erst wollten sie nach Australien, Neuseeland, mit nem Camper herumreisen. Aber das war ihnen dann zu viel CO2 für ihr Vergnügen. Also der Entschluss, Europa mit dem Fahrrad kennen zu lernen, angefangen mit ihrer ganz eigenen Tour de France. Den Winter werden sie in Trondheim verbringen und kommen dort per TravelWorks unter: Arbeit gegen Kost und Logie.

Wir kochen und essen zusammen. Die Franzosen gönnen sich natürlich ein richtiges Gericht, und merken auch an, dass es nirgendwo auf ihrer Reise so gutes Essen zu kaufen gibt wie bei ihnen im Land. Das muss ich neidlos zugestehen. Nach Norwegen kommt man definitiv gar nicht wegen der kulinarischen Vielfalt. Die armen, ich hoffe, die Erlebnisse und die Landschaft entschädigen hinreichend.

Einig sind wir uns darin, dass das tollste am Reisen die Begegnungen sind, sowie das selbstbestimmte Handeln. Natürlich gibt es immer Gegebenheiten, die das Handeln einschränken, seien es Wetter, Wege, Budget oder Fahrpläne, aber niemand anderes bestimmt über den Terminkalender. Diese Freiheit von Zwängen und die Freiheit zum selbstbestimmten Handeln sind herrlich. Ich muss versuchen, das im Job irgendwie einigermaßen umzusetzen, sonst brauche ich bald wieder so ne Pause. Das wäre aber keine Lösung, nur Symptombehandlung. Mal sehen, was da geht.

Ich mag auch die intensive Abwechslung zwischen spannendem Austausch und stundenlang alleine wortlos durch die Welt gleiten. Im Deutschen gibt es ja den Begriff der Waldeinsamkeit, des schönen Gefühls, alleine im Wald zu sein. Ich möchte gern den Begriff der Radeinsamkeit prägen: das gute Gefühl, ungebunden und alleine mit dem Rad in der Welt unterwegs zu sein. Ob das für ne Stunde daheim oder für ne Weltreise ist, ist egal, das Gefühl kommt in mir immer wieder schnell auf. Vielleicht passt das Wort gut auf mein zukünftiges Tattoo…

Fahrrad müde, Fahrrad schlafen. Dann mach ich das besser auch mal.

Tag 38: Um den Totak und durch das Setesdal

Still. Es ist irre still hier. Keine Menschen, keine Autos, kein rauschendes Wasser, kein Wind. Nur gelegentlich ein Tier in den Bäumen. Ich schlafe zwar gut, aber doch zu kurz. Wieso trifft man hier immer so interessante Menschen?

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Keine Schneckenplage, aber das Zelt ist sehr nass vom Tau. Wer glaubt, hier im Norden seien die Tage ja immer noch viel länger, der irrt. Klar, im Sommer schon, aber am 21. September ist Tag-Nacht-Gleiche, da dauert der Tag überall auf der Welt genau 12 Stunden, und bis dahin ist es nur noch ne gute Woche. Die Sonne kommt zu spät über den Berg, alles ist kühl und nass. Das gebratene Gemüse aus der Lunchbox ist noch lecker, aber kalt. Zum Aufwärmen hab ich keine Lust, zu viele Umstände. Das Zelt wandert wieder nass in den Packsack, und ich wandere wieder in die noch feuchten Fahrradklamotten. Nach dem dringend nötigen Waschen gestern konnten sie nicht mehr trocknen. Nunja.

Um 9 bin ich startklar. Zumindest technisch. So richtig Lust hab ich nicht. Wie das manchmal so ist: Du stehst auf und weißt genau, was du heute tun wirst. Und womöglich hast du dich darauf gefreut und viel vorbereitet dafür. Jetzt ist es soweit, und du magst gar nicht. Macht aber nix, man kann Sachen auch machen, ohne Lust drauf zu haben – besonders, wenn man weiß, dass es hinterher doch wieder toll gewesen sein wird. So verbiete ich dem kleinen Teufelchen, das mich zum faulen Herumlungern überreden will, den Schnabel, und fahre los.

Die Strecke führt um den See Totak. Der ist 306m tief, wurde wie ein Fjord vom Gletscher ausgehobelt. Und er ist lang. Die Bergwände werden immer steiler, felsiger, richtig schön. Norwegen hat ja irre viele Seen. Der Tinnsjå, an dem ich gestern früh noch war, ist 460m tief, liegt aber nur auf 190m, und ist 35km lang. Aber was sagen schon Zahlen. Wenn man das Gefühl hat, der See hört gar nicht mehr auf, und wenn das Bild des Sees sich auf dem Weg mehrmals wandelt, dann gewinnt man eine vage Vorstellung von dessen Größe. Drauf paddeln wäre auch mal schön.

Der Totak, entwässert in den Fluss Tokke, der in den Bandak mündet. Da fahr ich morgen hin, mit geringfügigem Umweg.
Blick zurück. Diesen coolen Effekt der verschmierten Kamera kriegt nicht mal Insta hin.

Irgendwie war das Frühstück nicht das Wahre. Nächstes Mal besser wieder Kohlenhydrate in Form vom Marmeladenbroten oder Müsli, das hat bisher besser funktioniert. Aber auch die fehlende Stunde Schlaf merke ich deutlich. Nach dem See geht es endlich bergauf, das kann ich gut, da werde ich wach. Oben geht es nur kurz, dafür sehr hübsch, übers Fjell, bevor es hinab nach Haukeli geht, wo es den ersten Supermarkt gibt. Bisher war ich in der Einöde, alle 5 Minuten mal ein Auto, und wenn man jemanden sieht, wird sofort wild gegrüßt. Echt schön.

Fels und Wald, blauer Himmel. Musste wieder zur Sonnencreme greifen, dachte eigentlich, das wäre vorbei. Trotzdem kühl mit 10°C

Haukeli ist kein Ski-Ort, sondern ne normale Stadt. Also, ein Dorf. Immerhin gibt es sogar 2 Supermärkte, und der Spar (ja, hier gibt es die Kette „Spar“) ist super, denn erstens hat er leckerste Süßteilchen, und zweitens ne kleine Stube mit Selbstbedienung an der Kaffeemaschine. Zahlen tut man für den Becher an der Kasse, füllen tut man ihn selbst, vielleicht klammheimlich auch zweimal, nennt sich dann „med påfyll“, also mit Nachfüllen. Hier merke ich erst, wie kühl es draußen doch ist. Die kurzen Sachen heute früh waren vielleicht doch optimistisch, ging aber. Bin wohl nordisch akklimatisiert.

S&K. Und „Karri“ ist Curry. Tut man hier in den Kaffee, seit die Wikinger in Indien… Quatsch. Meines ist leer, und hier gab es endlich gescheite Gewürze. Also gleich zugegriffen.
Prima ausgestattet und wieder diese herrliche Vertrauensbasis. So funktioniert Gemeinschaft irgendwie schöner.

Die Pause tat gut, waren ja immerhin schon 450hm und 37km, also knapp die halbe Höhe und ein Drittel der Strecke heute. Mit S&K-Antrieb geht es jetzt die längste Steigung des Tages rauf, danach kommt nur noch welliger Kleinkram. Am Ortsausgang steht ein großes Zelt, Sami verkaufen hier alles vom Rentier: Geweihe, Felle, Dörrfleisch und noch mehr, sowie andere Handarbeitsprodukte. Ich hätte doch mal rein gehen sollen, sowas hatte ich ja noch nie gesehen. Nächstes Mal bestimmt. Diesmal will ich zügig bergan, ist ja noch weit und schon Mittag, und wurde gleich wieder zur Pause gezwungen.

So ein Rentierfell ist bestimmt schön warm. Ob so ein Geweih ein guter Abstandhalter am Fahrrad in Deutschland wäre?

Eine Baustelle lässt den Verkehr stauen. Die Felswand ist steil, und in der Wand sind Arbeiter, die lose Steine abschlagen, bevor diese von alleine demnächst herunter purzeln. Ich staune nicht schlecht, als aus 50m Höhe ein großer Brocken herab fällt, an der Felswand aufschlägt und zerbirst, und unten kopfgroße Geschosse in der Straße und daneben einschlagen. KaBäämm! Ja, da warte ich gern. Von nem norwegischen WoMo-Fahrer werde ich angesprochen und wir vertreiben uns die Zeit mit einem kleinen Reiseaustausch – bequem auf Englisch diesmal.

Weiter oben waren noch mehr Arbeiter in der Wand. Die Straße war ziemlich zerdellert, die Leitplanke regelrecht zerschlagen.

Das Gute an solchen Baustellen, die für ne Weile dicht machen, ist, dass ich danach erstmal in Ruhe fahren kann und niemand überholt. Ich wundere mich nicht schlecht, wie flott die 400hm vergehen. In den ersten Wochen war sowas Quälerei, jetzt denke ich „ach, nur 400, das ist ja locker.“ Die Aussicht auf das Tal ist schön, da muss ich wohl auch mal lang fahren. Ein andermal.

Da unten lang ginge es schneller zum Bandak. Aber wer will hier schon schnell ankommen?

Es passiert doch plötzlich, der Übergang von Wald und Hang zum Fjell, zum Obendrauf. Auf einmal ist überall Wasser, die Straße geht nur noch leicht auf und ab, die Bäume sind klein oder weg, und etwas weiter in der Ferne erheben sich Berge. Herrlich.

Diese kleinteilige Landschaft bringt ständig Abwechslung. An hunderten solcher kleiner Gewässerchen rolle ich heute vorbei.
Da wird wohl gebaut, wo kein LKW hinfahren kann. Der geübte Pilot transportiert im Minutentakt riesige Säcke Material.
Bilderbuch. Bald wird auf Wandern gewechselt, dann geht’s in so ne Wildnis hinein.

Pausen brauche ich heute keine nennenswerten mehr. Dachte ich. Irgendwann lassen dann doch die Kräfte nach, und ich melde Notfall: Zeit für Marzipan! In großen Bissen verschlinge ich die restlichen 100g, und das nur 2km vor dem Supermarkt in Bykle, in dem ich heute Kalorien jagen muss – danach kommt keiner mehr. Ist auch der erste seit Haukeli, also seit fast 60km. Fjell heißt eben auch: wenig Infrastruktur. Im Winter sind viele Pässe gesperrt, also gibt’s da nix außer privaten Hütten und Touri-Kram.

Aber es ist ja eh besser, nicht mit Heißhunger einkaufen zu gehen, also genieße ich jeden Bissen, bevor ich die letzten Meter zum Shoppen rolle. Zu meiner großen Enttäuschung ist das Marzipan dort gerade aus. Aber die Etappe morgen ist nur die Hälfte der heutigen, also werde ich das schon auch ohne schaffen. Zum Dinner gibt es wieder Kichererbsen, Tiefkühlerbsen und vorgewürzte Tomatenpatsche, mein Leibgericht. Wie immer reichlich Öl, Curry und Salz anheizen, die abgetropften Kichererbsen anbraten bis sie wild herumspringen, dann Erbsen und Tomatensauce drauf. Damit die Erbsen vorher schnell auftauen, fülle ich eine meiner Trinkflaschen mit heißem Wasser und lege die Tüte Erbsen drauf. Es wird immer weiter optimiert. Aber das Kochen kommt ja erst später, noch kaufe ich ein.

Im Supermarkt entdecke ich noch ein tolles Werkzeug, das ich am liebsten mitnehmen würde, aber bei uns daheim lohnt sich das kaum. Na, was ist das wohl?

Eine Lemmingfalle? Oder für die Pflege von Wikingerbärten? Oder die billige Version eines folkloristischen Musikinstruments?

Nach dem Fjell ging es allmählich hinab ins Setesdal, immer an der Otra entlang. Es wurde waldiger, das Flüsschen breiter. Idyllisch. Nach Bykle wird es auf einmal steil, das Tal tiefer eingeschnitten, und rechts, dann wieder links, dann wieder rechts blanke Felswände, hunderte Meter hoch. Gewaltig. Die Kinnlade klappert irgendwo unten in den Speichen. Überhaupt bin ich heute sehr froh, dass ich schon so viel Übung auf diesem Rad habe, so kann mein Blick oft und lang in der Landschaft verweilen, ohne dass ich die Spur verliere. Und hier lohnt es sich, langsam zu machen und zu genießen.

Ich fahre durch ein Bilderbuch.
Von vielen tollen Stellen konnte ich keine Aufnahmen machen, wegen zu schnell am abwärts sausen, doofen Stromleitungen, fiesem Gegenlicht, oder einfach weil es kein Fotomotiv ergab. Das Setesdal ist meilenlang irre schön.

Allmählich reicht es doch, die Sonne steht tief und ich muss das Zelt noch trocken kriegen, sonst wird es schwierig. Also hopp, ich gebe Gas und fahre auf den Campingplatz Flateland. Wie war das? „Stengt“ heißt „geschlossen“? Stengt for sesongen. Ja, das braucht keine Übersetzung. Verfloxt! Aber warte, vor 2km war doch ein kleiner Campingplatz, eigentlich nur Hütten… Website? Nix. Infos im Web? Gar nix. Nur ne Telefonnummer. Egal, ich düse hin und stelle das Zelt auf, Hauptsache trocken, denn hier in Flateland versteckt sich die Sonne bereits hinter dem Berg.

Puh, so ne lange Etappe und jetzt nochmal ein Sprint, aber es geht. Der Platz ist winzig, an der Rezeption steht ein Schild, man soll sich einfach ne Hütte nehmen und per Vipps bezahlen, einer weit verbreiteten skandinavischen Bezahl-App, die ich nicht nutzen kann. Egal, Zelt muss trocken werden. Ratz fatz steht das Zelt, und am Sanitärhäuschen gibt es draußen Wasser, ich könnte also einfach so hier bleiben und in der Otra baden. Trotzdem rufe ich die Nummer an, und kurz später kommt der Besitzer, der vermutlich im Haus gegenüber wohnt, und sperrt die Duschen und Toilette auf, macht den Strom an. Eigentlich hätten sie schon zu, aber ich darf gerne bleiben, Barzahlung ist natürlich kein Problem. Manchmal sind die guten alten Papierscheinchen doch noch zu was gut.

Endlich wieder ein Premium Platz, und das Bad ganz für mich alleine.

Duschen, Kochen, Mampfen, ständig Sachen räumeln, weil irgendwas trocken werden muss, oder was anderes getrocknet ist, oder jetzt was ins Zelt kann, oder was für später vorbereitet werden kann, oder ein Akku Hunger hat. Die Sonne ist bald weg, es wird schnell kühl, alles beginnt schon feucht zu werden. Alles ins Zelt und zu machen, ich mach mich auch fertig: trinken, Klo, Zähne putzen, und ins Zelt. Die Bilder hab ich beim Essen aussortiert und quälend langsam ins Netz gequetscht, jetzt kann ich schreiben. Es wird eh schon richtig dunkel, ob vor dem Zelt oder im warmen Schlafsack macht auch keinen Unterschied. Außer, dass hier warm ist.

Ein letzter Blick zur blauen Stunde. Idyllisch, mal wieder.

Der Tag wurde doch noch gut. Ich glaube, dieser komische Winterstellplatz der letzten Nacht hat auch zu meinem Miesmut beigetragen, daß war kein feiner Zeltplatz, sondern eher mit einem anti-Flair behaftet. Dafür entfaltete sich die Strecke heute wunderschön. Rauf aufs Fjell, an Seen entlang, der Fluss beginnt, und ich begleite diesen bergab bis ins tiefe Tal.

Eigentlich könnte ich weiter an der Otra entlang und wäre in 2 Tagen in Kristiansand, am Südzipfel. Das ergäbe auch ne nette Story, ne schöne Reise, und hätte nen feinen Endpunkt. Mit dem Bus käme ich binnen einen Tages locker ins Zielgebiet. Aber es reizt mich mehr, ohne Bus und Bahn dahin zu gelangen, wo ich hin will. So werde ich morgen die Strecke nach Dalen zurück fahren, die ich an Tag 7 hierher gefahren bin. Auch schön, und vor allem nochmal ein wenig Fjell.

Tag 37: rauf in die Hardangervidda

So, ausgeregnet hat es sich. Das Zelt noch nass, aber mit nem kleinen Lappen kriege ich das meiste Wasser runter, so dass ich, nach dem Frühstück mit köstlichem Bäckerbrot, um 9 bereits startklar bin. An den Bergen hängen Wolkenbänder auf halber Höhe, das ist echt schmuck. Die Straße nass, aber das ist egal. Der Verkehr hält sich am Sonntagmorgen sehr in Grenzen, zumindest bis ich in Rjukan bin. Dort hab ich schon ein Drittel der Strecke geschafft, aber nur einen kleinen Teil der Höhe. Trotzdem zur Belohnung einen Kaffee an der Tanke, für Süßteilchen ist noch kein Platz im Magen.

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Der Gaustatoppen ragt hoch vor mir auf, hat aber noch seine Schlafmütze auf. Zwar soll die Sonne heute durchkommen, aber wann? Und wo überall? Ich wäge ab, ob ich nicht doch die 1000hm am Stück hinaufstrampeln will, ganz optimistisch, um vielleicht doch die Aussicht vom Gipfel genießen zu können, aber wer weiß wie wolkenverhangen der Rest des Landes ist. Also lieber nicht.

Wolkenbänder am Tinnsjå.
Schlafmütze auf dem Gaustatoppen. Nee, die ist blickdicht, das bringt nix.

Bisher ging es gemächlich bergan, nach Rjukan auf einmal steil. Und wieder mäßig, und wieder steil… egal, heute komme ich überall rauf. In Rjukan stand schon ein hübsches, großes, altes Wasserkraftwerk, weiter oben gibt es nochmal eines. Tatsächlich ist das schon über 100 Jahre in Betrieb und auch recht berühmt, denn im zweiten Weltkrieg haben die Deutschen hier schweres Wasser hergestellt für die Entwicklung von Atombomben. Die Alliierten haben das mit mehreren Versuchen sabotiert und letztlich zum Erliegen gebracht, daran erinnert ein Kriegsdenkmal. Ja, Kriegsdenkmäler gibt es in Norwegen einige, und die meisten erinnern an Heldentaten gegen die Deutsche Besatzungsmacht. Ist ein bisschen komisch, das als Deutscher zu lesen.

Ein bisschen Wasser fließt ja doch noch.
Das berühmte Kraftwerk Vemork, heute inklusive Museum. Dafür hatte ich aber keinen Kopf heute.

Danach führen steile Kehren den Berg hinauf und ein kleiner Tunnel kürzt das fieseste Stück ab. Außen am Tunnel führt ein Pfad, den radel ich entlang, in der Hoffnung, einen schönen Ausblick auf den Rjukanfossen zu bekommen. Der Ausblick ist da, aber der Fossen fosst nicht. Der Vergleich ist heftig. Eine Tafel erzählt die rührende Sage vom Mari-Steig, da sieht man den Fossen schön fossen. Die Realität ist ernüchternd trocken. Schade.

So soll es fließen…
… Aber da fosst heute nix.

Nach dem Tunnel ist der Pfad zu Ende, und ich fluche über mein überpacktes Übergepäck denn eine Leitplanke wird mir zum Leid, ich schaffe es nicht, mein Rad da drüber zu heben. Grrrr! Ich muss tatsächlich die Hälfte abladen, bevor es mir gelingt. Das mit dem Bike Packing muss ich mir nochmal genauer anschauen.

Da ging kein Weg dran vorbei. Grrrr.

Bald bin ich oben, die Laune gut, die Beine fit. Und endlich am Møsvatn, einem großen See, der insgesamt 11 Kraftwerke speist. Dem leitenden Architekten wurde sogar eine Büste gestiftet. Im Sommer fährt eine kleine Fähre bis ans andere Ende, gut 30km hinein in die Hardangervidda, so dass man seine Tour fernab der Straße starten kann. Allerdings ist die Saison schon vorbei. Ein Wasserflugzeug bringt einen stattdessen zu nem beliebigen See, oder bietet Rundflüge.

Tatsächlich kommt gerade eines gelandet, und ein ordentlich mit Wanderkram bepackter Norweger steigt ein. Verrückt. Mit dem Wasserflugzeug zur Hytta. Ja, die meisten norwegischen Familien haben eine Hytta, und die ist auch oft genutzt. Die kann überall stehen, inzwischen ist der Bau stark reguliert, und das ist gut so, sagen die Einheimischen. Ich esse den übrigen halben Kuchen und bin damit sehr glücklich, der war echt lecker. Mit dem Antrieb schaffe ich die übrige Strecke locker.

Der Møsvatn
… und dessen Aufstauer.
Flugtaxis gibt es hier schon lange.

Die Herbstfarben sind auch hier schön bunt, und ich schaue viel in die Landschaft. In der Ferne sind die… Ja, nicht Berge, aber mehr als Hügel… also die Bergchen der Hardangervidda und laden zum hineinwandern ein. Die Vidda ist voller großer Seen, Hütten des DNT und sonst nicht viel. Sie liegt zwischen 1000m und 1400m, klimatisch aber hochalpin. Ah, doch, neuerdings gibt es den Fjellreven, den Polarfuchs hier wieder! Das ist schön. Oh, und Lemminge gibt es hier auch. Scheinbar gibt’s die derzeit reichlich, auf der Straße hier rauf habe ich sehr viele geplättet gesehen. Die armen Kleinen. Aber wenn so viele überfahren werden, dann muss die Vidda dieses Jahr voll sein mit den kleinen flauschigen Nagern.

Schnurgerade Achterbahn durch die Vidda
Hier ist Skigebiet, auf dem Bild sind hunderte Hütten, fast alle gut getarnt mit Grasdach.

Also die Ski-Orte sind wirklich selten hübsch, zumindest nicht ohne Schnee. Rauland macht da keine Ausnahme. Kein Wunder, im Sommer ist hier nichts los, kaum jemand wohnt hier, und im Winter brummt der Landestourismus. Ich schaue in der Tiger-Butikk, also dem Lädchen in der Esso Tankstelle, ob die was verkaufen, was mein Abendessen verfeinern würde, aber da gibt es nichts. Also los, die letzten Kilometer, der schöne Teil war schon, nur noch kurz bis zur Dusche.

Um den See namens Totak geht es morgen rum. Rechts hinten unter den Skipisten soll der Zeltplatz irgendwo sein.

Nach etwas Suchen finde ich den gar nicht mal so tollen Zeltplatz, der eher ein Winterstellplatz für WoMos ist. Offenbar mietet man sich so einen für nen Winter und kommt dann regelmäßig zum Skifahren her, so machen das hier einige. Auf Zelten sind sie nicht so eingerichtet, aber es gibt ne Dusche, weiches Gras, ebenen Boden und Sonne. Zum See sind es leider ein paar hundert Meter, aber mir ist gar nicht so nach Sachen gucken. Zelt aufbauen und trocknen, duschen und waschen und Sachen trocknen, Fahrradkette schmieren und Bremsen nachstellen.

Das einzige Zelt, und nur 2 Wohnwagen besetzt. Das wird ruhig heute.

Spaghetti mit Tütentomatensauce. Und irgendwie geht alles schief. Einen Topf mit heißem Wasser vom Sanitärhäuschen bis zum Zelt tragen ist schon immer knifflig. Kocher auf nen herumliegenden Holzklotz gestellt, los gehts. Sauce ins Wasser rühren, anheizen. Was macht die Schnecke da? Bitte keine Schneckenplage jetzt! Weggeschnippt. Das Wasser kocht, ich breche die für den kleinen Topf viel zu langen Spaghetti entzwei, und da entgleitet mir ein Teil hinab ins hohe, dichte Gras. Grrrr! Dezent fluchend versuche ich die jetzt schön kurzen Spaghetti aus dem Gras zu suchen und in den Topf zu werfen, und gleichzeitig den Kocher zu regulieren, der entweder volle Pulle oder aus ist. Und herumzurühren, denn auch Spagetti können anbrennen, wenn man nur so wenig Wasser wie möglich nimmt. Die Sauce ist ja schon eingerührt, Wasser abgießen ist nicht. Ich hab 2 Hände zu wenig und werde unleidlich.

Die Sonne ist auch zu heiß, ich sitze schon im Schatten des Zeltes, der Kocher heizt, ich bin frisch geduscht und fange das Schwitzen an. GRRRR! Irgendwann mach ich den Kocher aus, den Deckel drauf und lass es ziehen. Wird schon. Ein bissl räumel ich, denn nach der zweiten Schnecke kommt mir schnellstens alles ins Zelt. Tatsächlich quellen die Nudeln gut, und bald beginnt endlich der große Mampf.

Eine Frau aus einem der Wohnwagen kommt vorbei, quatscht kurz, weist mir den Weg zum See, das sei schön da. Gut, nach dem Essen. Sie selbst wohnt hier seit nem Monat und für 3 weitere, denn sie geht hier zur Universität, die es erst seit 4 Jahren gibt. Borghild ist über 50 und macht gerade ihren Master in Archäologie, mit dem sie zusammen mit der Uni Trondheim ein Museum aufmachen möchte. Ihr liegen Textilien der Wikinger und des Mittelalters am Herzen, Geld ist da, aber niemand, der es kann. Also hat sie beschlossen, dass sie das jetzt macht.

Nach dem Essen schnell der Abwasch, die Sonne steht schon tief. Das Zelt schneckensicher machen, Kamera schnappen und zum Ufer des Sees joggen. Aua, Seitenstechen, kein Wunder, frisch vollgefuttert. Aber ich bin noch rechtzeitig an dem wieder mal zu breiten Strand und kann endlich zur Ruhe kommen. Das Licht ist schön. Ich suche Steine zum springen lassen und endlich fällt der aufgestaute Ärger ab. Ich entspanne. Was hat mich denn so aufgebracht? Irgendwie waren es viele Kleinigkeiten auf den letzten Metern. Grmpf. Hätte nicht gedacht, dass mich das so aus der Ruhe bringen kann.

Ruhig wie der See. Vielleicht wäre ein Haus am See doch das Richtige.

Ich schlendere weiter, komme zur Kirche, gehe über den Friedhof, auf dem uralte Grabsteine ohne jede Inschrift stehen, mit Flechten überzogen. Zurück am Zelt bin ich ruhiger. Vielleicht war das Radeln doch wieder zu sportlich. Und da fällt mir ein, dass ich noch Essen von gestern in der Lunchbox habe! Auweia. Hoffentlich ist das morgen früh noch genießbar, dann gibt es das als Frühstück.

Ich schaue noch bei Borghild vorbei und bedanke mich dafür, dass sie mich an den See gebracht hat. Ohne sie wäre ich im Zelt geblieben. Sie bietet mir nen Tee an und erzählt von sich, das ist tatsächlich spannend. Norweger wechseln übrigens häufiger mal den Beruf, und sie arbeiten recht lange. Das Studium ist nahezu kostenlos, und jeder könne alles werden, ist sie überzeugt. Sie selbst lebt sehr bescheiden, aber hat ihr Ziel und richtet alles daran aus. Dafür, dass sie aus einfachsten Verhältnissen kommt, hat sie es doch noch weit gebracht und eine lebensbejahende Einstellung entwickeln können, nach vielen Rückschlägen im Leben. Irgendwann bin ich aber müde und will ins Zelt, so wünschen wir uns gegenseitig viel Erfolg mit unseren Lebensplänen und ich tappse unter einem grandiosen Sternenzelt zum Stoffzelt.

Wer braucht da noch Nordlichter?

Morgen gibt es ne lange Etappe. Ich stelle mich nochmal auf die Probe, jetzt an den letzten Tagen. Und ich freue mich drauf. Schöne Strecken sollen es sein, wurde mir mehrfach bestätigt. Ich habe nie das Gefühl, ich kann hier die Eindrücke ordentlich wiedergeben, hoffe, dass es einigermaßen gelingt. Mal sehen, ob es morgen nochmal was Neues gibt, oder ob ich Norwegen jetzt in all seinen Varianten bereits erlebt habe. Aber auch wenn es altbekannte Landschaftsbilder werden, so bin ich nach wie vor davon begeistert. Eigentlich bin ich schon längst nicht mehr im Entdeckermodus, sondern beim Genussradeln. Und jetzt gleich beim Genussschlafen.

Tag 36: Berge im Nebel, Pause am Tinnsjå

Nix mit Strava heute. Nix mit früh aufstehen. Nix mit husch husch und los los. Nachts tröpfelt es romantisch aufs Zelt und ich schlafe bis 8 Uhr aus. Irgendwann landet ein Vögelchen auf dem Zelt und piepst wild. Ob da jemand Brotkrümel einfordern will? Nicht mit mir, also nicht jetzt. Später.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Die Morgenstimmung überträgt sich. Ich bin ruhig und entspannt.

So regnerisch ist es heute gar nicht, aber die Berge sind komplett in Wolken. Ein paar Norweger erzählen später dass sie auf den Gaustatoppen gewandert sind, ein in dieser Gegend mit 1883m herausragender Berg, von dessen Gipfel man 1/6 Norwegens sehen kann. Könnte. Heute sieht man nicht viel, aber die Wanderung sei trotzdem nett gewesen. Zum 3. Mal bin ich hier bei diesem Ausguckberg, und wieder keine Sicht. Verfloxt.

Ich frühstücke und lade Akkus. Zur Abwechslung gibt es nen anderen Saft, nämlich Preiselbeersaft, sauer und sehr lecker. Die wachsen hier reichlich, so dass gestern ein Bayer, der alleine unterwegs war, der Sammelwut erlag und spontan Marmelade gekocht hat, und heute ergeht es einer Studentin ähnlich mit Preisel- und Blaubeeren. Das Leben ist schon hart.

Die Campingküche hier ist super, und es gibt überdachte Tische direkt am See. Perfekt.

Shoppen muss ich noch, und bei dieser toll ausgestatteten Küche kann ich sogar Gemüse in der Pfanne machen. Zum Glück gibt es einzelne Zwiebeln zu kaufen, dazu geschnittenes Tiefkühlgemüse und Kartoffeln, sowie die inzwischen 5. Halbliterflasche Öl. Oh, die Erdnussbutter ist ja auch fast leer… Na, für ein Frühstück reicht es gerade so noch. Da fällt mir ein, dass ich Erdnussbutter ja auch ins Essen machen könnte! Warum erst jetzt? Schnell, ich brauch Rezepte!

Einen Bäcker gibt es hier auch, der ist gleichzeitig Café und Dorftreff. Und da gibt es tatsächlich Sauerteigbrot aus dem Holzofen! Ja, mit etwas Glück muss man hier nicht darben. Da freue ich mich schon auf morgen früh! Und Kuchen, hmm, so nen ganzen kleinen Kuchen mit Persipan? Ja klar, den krieg ich weg, und wenn nicht, dient der Rest morgen als Süßteilchen für unterwegs. Morgen ist ja Sonntag, und da hat so gut wie alles zu, und Tankstellenware muss nun doch nicht sein.

Vom Zeltplatz führt ein Pfad über die Insel ins Zentrum. Also „Zentrum“ ist übertrieben, eher: die große Kreuzung mit Tanke, Supermarkt und Bäcker. Aber das ist halt das Zentrum. Also dahin führt der kleine Pfad, und zwar über eine Insel. Derzeit ist aber der eine Wasserlauf der die Insel zur Insel machen soll, trocken.

Und die Trockenheit ist echt ein Problem. So sehr, dass die geplante Unterkunft, in der wir gern am Sognefjord bleiben würden, uns absagen muss, denn nach Monaten ohne Regen ist die Quelle versiegt. Sie bauen Wassertanks auf für Dusche und Klo, und kaufen Wasserflaschen zum Kochen. Auweh. Auch so ziemlich alle größeren Seen sind deutlich unterfüllt, auch hier am Tinnsjå ist deutlich zu sehen, dass der Wasserstand ein paar Meter höher sein sollte.

Warum ist’s mal wieder richtig Sommer? Ein Sommer, wie er früher niemals war?
Hier kann ich schnell arm werden. Schnell entscheiden, dann Augen zu und raus, sonst gibt’s ein Unglück.

Den Tag verbringe ich mit lesen, essen, unterhalten, essen, Unterkunft suchen, essen, Fahrradroute schon wieder neu planen. Und essen. Der Kuchen ist übrigens sehr lecker, wenn auch nicht so ansehnlich, dass mir in dem trüben Licht ein brauchbares Bild gelingen will. Jeder kennt die Bilder von Gerichten, die einfach nur bäh aussehen, obwohl das Essen eigentlich super lecker ist. Muss nicht sein. Food Photography ist ne Kunst für sich. Mit Brot schaff ich das inzwischen halbwegs, aber mit anderem Mampf klappt das eher selten.

Gelegentlich verirrt sich ne Wolke dann doch mal bis ganz nach unten.

Ja, außen passiert heute nicht viel. Und in mir? Die Frage stelle ich mir auch und warte auf Antworten. Erkenntnisse. Vieles habe ich bereits gesagt, aber ein Resümee taucht noch nicht auf. Es fehlt die konzentrierte Reflektion, oder Abstand gewinnen. Beides klappt gerade nicht, denn für die Reflektion ist das Schreiben, das ja eher ein Selbstgespräch ist, gerade zu dünn. Und Abstand hab ich nicht, da noch mitten drin.

Jedenfalls habe ich seit Tagen (oder Wochen?) nicht mehr in den Begriffen gedacht, die noch vor 2 Monaten mein Leben dominiert haben. Der Lebensrhythmus ist völlig anders. Der Abstand zum alten Arbeitsleben so groß, dass sogar der Kontrast von Büro zu hier verblasst. Irgendwie war früher anders, jetzt ist besser. Ich versuche mich zu erinnern, wie ich meinen Wecker je nach anstehenden Meetings gestellt habe, meine Essenspausen nach der Arbeit getaktet waren, und meine Gedankenwelten alle halbe oder ganze Stunde wechseln mussten, oft zwischendurch mit zahlreichen Unterbrechungen, so dass ich mich selten tief und entspannt einem Thema widmen konnte. Urks, wenn ich das lese, klingt es gruselig.

Ja klar, ich brenne noch immer für gute Software, für User Experience, und wie man das erreicht. Ich bin immer noch irre neugierig darauf, auszuprobieren und zu erfahren und erforschen, wie wir besser und bessere Software bauen können. Gerade heute wurde ich wieder gefragt, was mein Job ist, und ich habe leidenschaftlich erzählt. Aber hoffentlich kann ich diesen Arbeitsmodus vermeiden, der es mir erscheinen ließ, als wären Pausen unmöglich, weil es immer zu viel zu tun gibt.

Oben vernebelt, unten verschwommen reflektiert. Äh. Das trägt als Metapher jetzt nicht wirklich.

Ich werde mich langsam zurückfinden und aufpassen müssen, dass mich die Leidenschaft für die Sache nicht aufzehrt. Ein Freund hat mich vor einiger Zeit bereits gewarnt, dass man so in ein Burnout rennen kann, so wie es ihm passiert war.

Inzwischen regnet es beständig, ich sitze im Zelt und lausche dem Tröpfeln. Morgen früh soll es aufhören, und im Laufe des Tages sogar die Sonne ein bisschen durchkommen. Also kann ich weiter, und werde wieder in die Höhe kraxeln. Vorhin haben sich zwei Pizza gemacht und ich hab wohl zu hungrig geschaut, wir haben uns kurz an der Ofentür unterhalten und später bringen sie mir 2 große Stücke, die ihnen zu viel waren, und die ich dankbar und gern gegessen habe. Jetzt ist ein Teil meines Abendessens in der Lunchbox, in der ich sonst nur den Käse transportiert hatte. Damit gibt es morgen neben Süßteilchen sogar ein Mittagessen! Und Marzipan hab ich auch noch… Alles wird gut.

Tag 35: Imingfjell und runter an den Tinnsjå

Kalt war es. Ja klar, bin ja auch noch recht weit oben, auf 850hm. Gestern war spät, ich glaube, mein Eintrag hier war nicht der Beste. Naja. Hauptsache die wichtigsten Erinnerungen sind festgehalten, sonst sind die doch immer erschreckend schnell verblasst. Ein Tagebuch ist dies ja eigentlich, von mir für mich, und du darfst spicken. Nach dem Abend mit Per Morten und Beata, und Ove und Mette, da war ich zu müde. Außerdem hat mir Per Morten viele spannende Sachen erzählt, die würde ich gerne alle hier schreiben, das wäre aber zuviel.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Also erstmal Frühstück. Auf 7:30 hab ich optimistischer Weise den Wecker gestellt und stehe tatsächlich auch auf. Ist ja verhältnismäßig spät. Das Zelt ist gar nicht mal so nass vom Tau. Ist immer besonders doof, wenn man zu weit aus den Knien geht und mit dem Rücken die Innenseite des Zeltes trocken reibt. Bäh. Oder wenn man das Zelt aufmacht und es erstmal schön auf den Schlafsack tropft. Hmpf. Überhaupt ist oft alles klamm und eingeweicht morgens. Aber ich hab inzwischen Übung.

Die Sonne hilft nur mäßig mit dem Trocknen, während ich wieder 5 Brotscheiben dick mit Erdnussbutter und dem letzten Rest Himbeermarmelade zusammen mit nem Liter Schwarztee genieße. Damit hab ich jetzt 4 Gläser Marmelade durch, zusammen mit 6 Laiben Brot, und etwa 5 Packungen Müsli. So genau weiß ich das nicht mehr. Süßteilchen bleiben ungezählt, sind vermutlich auch unzählige.

Niemand ist wach, da rolle ich bereits los. Naja, „bereits“ heißt heute 9:45. Und gleich geht’s bergauf, auf den letzten Teil des Dagalifjells. Unten ist es echt fad. Vielleicht erschließt sich einem die Schönheit hier auch erst nach einer Weile, oder es trifft einfach nicht meinen Geschmack, der ja in den letzten Wochen sehr von Fjord und Fjell geprägt wurde. Oben ist es, natürlich, wieder wunderschön. Und hier hat der Herbst noch mehr Einzug gehalten, so mein Eindruck. Kann auch sein, dass ich jetzt mehr Details wahrnehme. Jedenfalls hab ich Mühe, den Blick auf der Straße zu halten.

Ja genau. Irgendwie nicht spannend. Meditatives Hügelrollen ist angesagt.
Oben wieder schön. Vielleicht muss ich doch mal in Nordnorwegen Radeln gehen, wenn es dort tagelang so aussieht.
Die Farben… Irre! Ich kann nur hoffen, dass das einigermaßen rüber kommt. Sonst bitte auf die Bilder von der dicken Kamera warten.
Oben, yay! Übrigens überall Hütten, vermutlich für den Winter, dann ist hier Langlauf und Skitouren gehen angesagt.

Dann die Abfahrt, die wird schön, aber frisch werden. Ach, überhaupt, mit den Klamotten, das ist so ne Sache. Im Merino Shirt geschlafen, dann Softshell Hose und Pullover drüber, ins Bad. Dann Daunenjacke drüber und Frühstück. Alles packen und vorbereiten, schließlich komplett umziehen in Triathlonhose und Fahrradtrikot. Heute geht es erstmal bergauf, heißt: kurze Sachen, und bald läuft schon der Schweiß. Kurz vor ganz oben flacht es meist ab, Wind kommt auf. Rechtzeitig die langen Sachen anziehen, nicht zu früh, sonst schwitze ich die total voll, und dann wird es kalt. Nicht zu spät, sonst bin ich schon ausgekühlt. Jetzt vor der Abfahrt drückt der Wind Wolken hoch. Regenjacke, oder geht’s? Ich versuche es ohne.

Unten Pause, dann lange Sachen ausziehen für den nächsten Anstieg, hinten auf die Rolle schnallen, damit sie trocknen. Kurz vor oben wieder die langen Sachen drüber, und so weiter. Ich hatte eigentlich gehofft, dass die geniale Softshell Hose mit all ihren Lüftungsmöglichkeiten auch für bergauf taugt, aber sogar bei 8°C und Nieselregen läuft mir in kurzen Sachen der Schweiß, die lange Hose wäre bald nass und dann würde ich oben im Wind auskühlen. Entweder muss ich da nochmal recherchieren, wie das besser geht, oder das ist halt so. Warme Täler, fiese Steigungen, kühle Bergluft und lange Abfahrten machen das nicht einfach.

Wieder unten, jetzt auf 600hm. Die Talwände sind wieder steiler, gefällt mir gut.
Ah, endlich darf ich schneller bergauf. 80 sind erlaubt, es hat 9% Steigung, macht etwa 7km/h, die fahre ich. So rechnet man das doch, oder?

Ich bin erstaunt. Es läuft. Der dritte Tag in Folge, und es geht gut. Die Etappen sind ordentlich, aber ich hab Kraft in den Beinen wie… vermutlich wie nie zuvor. Klar, mir ist das Grinsen während des Kletterns nicht ins Gesicht gemeißelt, aber es ist verdammt cool zu spüren, wenn die Beine wie Kolben auf und ab stampfen und einfach immer weiter stampfen, unaufhörlich. Und wenn ich laufe, also mit den Füßen auf den Boden treten statt in die Pedale, spüre ich ungekannte Kraft. Yeah!

Die langen U-Täler sind hier das absolut typische Landschaftsbild, gibt es aber in vielen Ausprägungen.
Okay, ja, oben bin ich kaputt. Aber hier waren wir vor Jahren mal, hier gab es doch… Kaffee und Süßteilchen?
Wichtig zubwissen: „stengt“ heißt „geschlossen“. Meh.

Sobald ich über die Kante komme, ist Wind da. Diesmal von vorne. Ich suche das letzte windgeschützte Plätzchen und erholen mich kurz, ziehe mich um (s. o.) und dann geht es 10km über das relativ flache Fjell, ganz den Elementen ausgesetzt. Das ist auch das Besondere in diesen von Gletschern geschliffenen Höhen: ohne Wald und kleinteilige Landschaftsstrukturen ist das Wetter gewaltig. Es gibt kein Verstecken, kaum Richtungswechsel, man ist dem ausgesetzt. Das macht auch das Wandern in der Hardangervidda so anspruchsvoll.

Ein großer Stausee, immer wieder Hütten, und erstaunlich flache Hochebene.

Westlich erstreckt sich die Hardangervidda, wo ich jederzeit gerne wieder wandern möchte. Irgendwann schaffe ich es vielleicht auch mal mit Ski hier zu touren, von Hütte zu Hütte, das wäre der nächste Traum. Besonders gut Skifahren muss man dazu nicht können, aber mit Schnee umgehen, da fehlt mir die Erfahrung, also Biwak bauen, Hütte freischaufeln und versorgen, das tagelange Leben im Schnee. Ich bin mal Ende Februar mit Schneeschuhen auf den Similaun (Alpen, 3600m), samt Zelten auf dem Gletscher, und habe da gelernt, wie viel man falsch machen kann, also wie wenig ich vom Leben im weißen Element weiß und kann. Aber das kann ja noch werden.

Nicht mal ein Stein ist da, um das Rad anzulehnen. Aber schön weit hier. Oben und (fast) flach.

Es geht an die Abfahrt, die Straße ist wieder schön schmal, Leitplanken gibt es nicht, wegen des Schnees im Winter alleine schon. Es braucht Konzentration beim Fahren, egal mit welchem Gefährt. Und plötzlich Stau. So viele Autos fahren hier doch nicht, höchstens alle 5 Minuten mal eines. Ich rolle an der Autoschlange vorbei sehe ein zerdellertes Auto, das von nem Kranwagen über die Hangkante hochgezogen wird, das versperrt die Straße. Leute aus den wartenden Autos stehen herum, ich meine „Das war ja knapp“, denn ich dachte, der wäre nur gerade auf der Kante hängen geblieben. Nein, der war schon den Hang runter! Seit einer halben Stunde läuft die Bergungsaktion. Erstaunlicherweise fehlt vom Fahrer jede Spur. Beruhigend finde ich, dass das Auto fast noch ganz ist, ich hätte mir die Folgen deutlich drastischer ausgemalt. Puh.

Schönes weites Land. Und gleich die Abfahrt!
Heieiei, Abfahrt, nicht Abgang. Uffbasse.

Nach dem steilsten Stück herab ist mir nach Pause. Da, ein kleiner Einkaufsladen mit Dagligvare, also Alltagsbedarf. Stellt sich raus, da ist alles Selbstbedienung. Für eine Krone, also 10 Cent, öffnet sich die Türe. Drinnen ein kleiner Supermarkt und Kaffee und Süßteilchen! Juhuu! Zum Glück ist doch jemand vom Laden da, denn so ganz komme ich mit dem Konzept nicht klar. Der Kassenbon ist wichtig, der QR Code darauf öffnet die Türe nach draußen.

Da setze ich mich und genieße. Ein Mann fragt, ob der Kaffee gut sei. Nunja, okay ist er. Er verschwindet im Laden, kommt bald wieder, wir unterhalten uns. Er stammt aus Ungarn, seine Partnerin aus Portugal, seit langem leben sie in Norwegen. Wir tauschen unsere Beobachtungen über Norweger und den sich wandelnden Lebenswandel aus.

Ziemlich americanized wird das Land, was schade ist. Und jeder will Direktor oder Chef oder sonstwas Besonderes werden, die einfachen Arbeiten übernehmen zunehmend Osteuropäer. Jeder erwarte, dass alles sofort fertig und bereit ist, also kein Kochen sondern lieber zu Subways. Eigentlich sei die klassische norwegische Küche sehr gut, aber das bekommt man höchstens in teuren Restaurants. Der Wohlstand der Norweger kombiniert mit dem Wohlstandsgefälle zu nahezu allen anderen europäischen Ländern führt zu Umständen, die er mit Saudi Arabien vergleicht: elitäre Einheimische und billige ausländische Arbeitskräfte zweiter Klasse. Vermutlich ist es hier nicht so drastisch, dennoch keine schöne Entwicklung. Wohlstand bringt Anspruch mit sich. Das ist schwierig für eine Gesellschaft, in der es den meisten sehr gut geht.

Ich rolle weiter, noch 17km und 500hm bergab, das sind noch welche von den gekauften Höhenmetern. Es wird immer wärmer, aber jetzt habe ich keine Lust zum Umziehen, so versuche ich nur leicht zu treten und halte gelegentlich an für Fotos.

Ein gar nicht mal so kleiner half Dome. Immerhin 400m hoch, die Felswand selbst vielleicht die Hälfte.
Hat hier jemand Alex McCandless von „Into the Wild“ gespielt?
Und weil wir es schon lange nicht mehr hatten: ein Fossen.
Und noch einer. Ich muss mal im Mai und Juni her, wenn die Bäche all das Wasser der Schmeeschmelze führen.

Da, unvermittelt bin ich in Austbygde, dessen Zeltplatz toll sein soll. Ich kaufe noch Dinner, Marmelade (diesmal Kirsche) und Sirup (die 5. Flasche, glaube ich). Hey hier gibt es sogar nen Bäcker! Na, da werde ich morgen vorbeischauen, die Sachen sehen gut aus.

Morgen soll es regnerisch werden, der nasseste Tag. Ganz hab ich dem Wetter nicht entkommen können, aber Yr verrät mir, dass dort, wo ich noch vor kurzem war, jetzt an Radeln nicht zu denken wäre. Ich werde nen Tag Pause machen, und dann sind es noch 4 Tage. Nur noch 4. Komisches Gefühl, wenn ich mir vorzustellen versuche, nicht mehr jeden Tag weiter zu reisen. Wie das wohl wird?

Am Tinnsjå, da sitze ich gerade im Dunkeln am Ufer und schreibe.

Der Zeltplatz ist gut, die Dusche groß, im Preis inklusive, und nagelneu. Duschen wie daheim. Die Küche ist die beste bisher: modern, voll ausgestattet und groß. Hier läuft viel auf Vertrauensbasis – also auf diesem Platz. Die Campingplätze reichen von „Melde dich erst an, dann machen wir die Schranke auf, hier die Chipkarte mit der du alles bezahlst. Und hier unser Regelwerk.“ bis zu „Such Dir nen Platz, wir kommen heute Abend vorbei zum bezahlen. Geh bitte pfleglich mit allem um.“ Meist sind die Kleineren auch die Entspannteren. Der Verkniffenste bisher war von Deutschen geführt, wofür ich mich etwas geschämt habe.

Ich nutze die Küche, vor welcher es Tische und Bänke hat. Da löffel ich direkt aus dem Topf. Spart Geschirr und macht Spaß. Zwei junge Deutsche setzen sich zu mir an den Tisch, wir unterhalten uns. Max und Anna sind Studenten, zum ersten Mal in Norwegen, und bereits nach 3 Tagen begeistert. Das nächste Mal wollen sie Schweden gleich auslassen. Dabei haben sie noch keinen Fjord gesehen! Sie haben Fragen, ich antworte gern und gebe Tipps, schnell stellt sich heraus, dass wir ähnlich ticken. Hoffentlich spielt das Wetter noch mit. September kann hier sehr schön sein, kann aber auch ungemütlich werden. Ich wünsche den beiden eine schöne Reise und würde zu gern ihre Gesichter sehen, wenn sie zum ersten Mal einen Fjord erfahren. Ah, falls ihr mitlest, mir fällt gerade noch der Månafossen hinten im Frafjord ein. Vielleicht lässt sich das noch in eure Tour basteln, wenn ihr dort in der Gegend sein solltet.

Knapp 20°C und fast windstill. Norwegen ist kaputt.

Beim Zeltaufbau heute war ich total entnervt. Grauslig war das. Irgendwas hat nicht gestimmt, aber ich wusste nicht, was. Und ich weiß es immer noch nicht. Inzwischen bin ich wieder ausgeglichen und guter Laune. Aber da war was doof. Ich wüsste gern, was, denn vielleicht lässt sich das ja vermeiden. Zu wenig getrunken? Zu warm? Hätte ich mich erstmal einfach ins Gras legen sollen?

Ich glaube, das ist die Spannung zwischen „ich bin da, endlich geschafft, puh“ und „ich bin da, jetzt geht’s los, viel zu tun“. Einerseits ist der anstrengende Teil erledigt, andererseits gibt es den ganzen Kleinkram zu erledigen, und zwar am besten schnell, solange noch etwas Sonne da ist und Haare und Sachen trocknen können und die Läden offen haben und es hell ist… Vielleicht vergleichbar damit, wenn man von der Arbeit nach Hause kommt und Haushalt sowie private Projekte warten. Nur dass hier keine Couch steht, auf die man sich erstmal werfen kann, und Prokrastinieren ist auch keine Option. Beim Wandern ist das auch manchmal so gewesen, und das wird schnell sehr nervig, vor allem wenn man zu zweit ist und es beiden so geht. Muss mal überlegen, wie ich das besser hinkriegen kann. Erfahrungen und Tipps sind herzlich willkommen.

Tag 34: mit dem Zug ins Fjell

Mh, ich mag nicht mehr in Hütten schlafen, die sind viel zu warm und stickig. Heute Nacht geht’s wieder ins Zelt. Damit ich es auch ja rechtzeitig zum Zug schaffe, stehe ich um 6:30 auf, frühstücke Müsli und Tee, mache alles fertig. Der Rest schläft noch. Erst als ich mein Rad belade, schaut ein verschlafene Gesicht aus der Nachbarhütte. Etwas zu früh bin ich anfahrbereit, da kann ich nochmal kurz an den See. Das Wetter ist freundlicher als erwartet, soll mir recht sein. Da, wo ich vor 3 Tagen noch war, regnet es viel. Ich bin in der richtigen Richtung unterwegs.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Mit dem Gepäck war die Hütte dann auch voll.
Morgens am See in Voss. Ich mag diese Wolkenbänder.

Am Bahnhof wird es dann nochmal spannend. Ich will, wie gestern schon erprobt, mit der App VY ein Ticket kaufen, da sagt sie mir, dass für den Zug um 9 kein Platz mehr für Fahrräder sei. Auweia! Haben da noch mehr aufs Wetter geschielt und kurz entschlossen den Trip zum Rallarvegen gebucht? Hätte ich nur gestern schon… Aber das hilft jetzt auch nix. Was kann ich tun?

Im doofsten Fall kann ich erst den Zug 4 Stunden später nehmen, dann komm ich heute abend spät an, oder ich komme nicht so weit. Aber erstmal kann ich ja im Zug die Lage checken. Man kann auch im Zug noch ein Ticket lösen, und wenn ich samt Rad erstmal drin bin und der Zug fährt, wird alles gut. Für ein Fahrrad mehr ist immer Platz. Am Ticketautomat kann man übrigens kein Fahrrad dazu buchen, da wählt man dann ne Kinderkarte, kostet die Hälfte. Das lerne ich aber erst später.

Just wie der Zug einfährt, kommt die mahnende Durchsage, man solle doch bitte vor Fahrtantritt sein Ticket lösen. Ich gucke unschuldig. Der Schaffner steigt aus, ich geh direkt auf ihn zu und frage, wo die Fahrräder rein kommen. Ob ich nen Platz dafür reserviert habe. Äh, hätte ich müssen? Am Automaten gehe das nicht… Wider Erwarten verweist der Schaffner nicht auf den späteren Zug, er ist nicht mal genervt, sondern packt an und macht möglich. So sitze ich bald in der Bergenbahn, und das Ticket kostet nun sogar noch weniger als mit der App. Doch nicht alles logisch hier, aber ich bin happy und unterwegs nach Finse.

Die Fahrt ist irre. Ich wollte schon lange mal hier fahren. Und tatsächlich erlebt man in kurzer Zeit den Übergang von unten rauf ins Fjell, die Aussicht ist klasse. Ich empfehle in der Richtung Bergen-Oslo einen Platz auf der rechten Seite am Fenster. Der Zug ist recht voll, aber die meisten scheinen ihn regelmäßig zu nehmen, und interessieren sich wenig für das Draußen. Zügig gewinnen wir an Höhe, konstant mit 70km/h klettern wir hinauf.

Schnappschuss aus dem Zug 1
Schnappschuss aus dem Zug 2
Schnappschuss aus dem Zug 3

Viel Aufwand wird betrieben, um die Strecke ganzjährig in Betrieb zu halten. So ragen die Tunnelröhren weit aus dem Berg heraus, um die Eingänge vor Schnee zu schützen. Große Holzzäune schützen vor Schneeverwehungen. Überhaupt sind es etliche Tunnels und Galerien, und dadurch, dass hier keine Straße läuft und damit auch keine Häuser stehen, führt die Strecke, wenn auch nur für kurze Zeit, durch unberührte Landschaft.

Hier sieht man toll die kurzen Tunnels und Galerien mit Schneeschutz
Abschied in Finse. Danke, liebe Bahn.
Ah ja, der Rallarvegen ist offenbar sehr beliebt. Wow.

Nach Finse kommt man nicht mit dem Auto, also mit der Bahn, dem Rad oder zu Fuß. Der Rallarvegen war die Straße, die für den Bau der Bahnstrecke genutzt wurde. Heute ist sie eine unbefestigte und sehr beliebte Fahrradstrecke von Haugastøl nach Flåm. Kaum einer fährt in. Der anderen Richtung – außer mir. Und Damit wären wir wieder bei Wind und Planung: ich hab irre Rückenwind, und es geht leicht bergab. Die Ärmsten, die mir entgegen kommen, sind dick eingemummelt und strampeln kräftig, während ich grinsend vom Wind dahingeschoben werde. Kühl wird es mir nur, wenn ich anhalte.

Der Hardangerjøkulen versteckt sich, nur eine Zunge leckt unter der Wolke durch.
🙂

Nach 10km Suche ich ein windgeschütztes Plätzchen und esse Kekse, denn das Frühstück ist bereits 4 Stunden her. Nicht, dass das wenig gewesen wäre, aber naja, Mägen knurren zu lassen ist gerade nicht so meine Art. Die „Mondlandschaft in Grün“, wie es eine Dänin zu Anfang der Fahrt mal ausdrückte, ist gar nicht mehr so grün. Es haben sich alle möglichen Herbstfarben eingeschlichen. Da die Pflanzen alle sehr klein sind und auch die Biotope eher kleinflächig sind, muss man genauer hinschauen, um zu erkennen, woher die Farben eigentlich kommen. Blaubeerpflückenderweise hab ich ein paar Stichproben genommen.

Blaubeeren mit gelben und grünen Blättern, Flechten in neongrün und curry-orange
Bunt.
Noch mehr bunt. Und Blaubeeren, maximal ein Dutzend pro Pflanze.

Es ist schön hier, aber nicht so spektakulär. Wir haben beim Wandern in der Hardangervidda immer wieder erlebt, dass sich die Schönheit hier mit den Tagen richtig offenbart. Bei der letzten Tour sind wir ab dem 3. Tag einfach nur glückselig durch die traumhaften Farben gelaufen. Hier gibt es kein Aaah und Oooh, weil ein Fjord so tief, ein Berg so majestätisch, eine Aussicht so gigantisch ist. Es ist eine andere Schönheit, die sich auf dem Fahrrad nicht so schnell erschließen lässt. Klar ist es toll, hier zu fahren, aber wem das gefällt, der muss hier mal wandern gehen. Mindestens 4 Tage.

Ein Güterzug, schnell gebremst und erwischt.
Das Wetter bessert sich, die Wolkendecke hängt höher. Sogar Sonne? Na, jetzt nicht übertreiben!

Haugastøl ist voll auf Tourist ausgelegt. Pause will ich erst in Geilo machen. Die Fahrt ist zügig, aber unspektakulär, die Straße breit und viel befahren. Dankbar für den Rückenwind düse ich dahin. Geilo stellt sich als Ski-Ort heraus. Alles ist für den Winter ausgelegt, die Hügelhänge sind voller Pisten und Lifte. Verkehr hat es auch reichlich. So kaufe ich ein paar industrielle Backwaren als schnellen Zucker und bleibe nicht lange. Ein Bild kann ich gar nicht machen, will ich gerade auch gar nicht. Ist eher so meh.

Oberhalb von Geilo, Skiresort, überall wird gebaut.

Dann geht es ne etwas ruhigere Straße in Richtung Dagalifjell. Zwar hab ich bereits 350hm in den Beinen, der Anstieg läuft trotzdem locker. Ob ich endlich meinen Rhythmus gefunden habe? Die Straße ist gesäumt von kleinen Birken, die schon voll auf Herbst umgefärbt sind. Die Landschaft hier ist eher sanft hügelig, Aussicht hat man selten. Dafür erstrecken sich die Wälder ewig weit. Passieren tut nicht viel. Ich fahre eher meditativ rauf und runter, bis ich in Dagali am kleinen Supermarkt ankomme, um mir ein Dinner zu kaufen.

Wie praktisch. Heute geht’s bis Dagali.
Doch auch hübsch. Aber halt keine Fjorde.

Ich will Gepäck abbauen, also esse ich heute Spaghetti. Die trage ich seit Tagen also „sollte ich doch mal wild Zelten“-Mampf mit mir herum. Dazu ne gute Soße im Glas und Spitzpaprika, das wird lecker. Der Zeltplatz ist ziemlich abgerockt, tut aber, was er soll. Duschen, waschen, kochen, essen. Außer mir sind nur ganz wenige hier, als direkte Nachbarn hab ich 2 Paare in Wohnmobilen.

Der eine, Ove, kommt auf mich zu und stellt mir ein Bier hin. Eiskalt, das brauche ich jetzt sicher. Die anderen quatschen mich auch an. Später machen sie Feuer. Ich setze mich dazu, und wir haben einen lustigen Abend. Ein weiteres Bier lehne ich nicht ab, aber mehr dann nicht, ist schlecht für die Regeneration. Schade eigentlich, mit Norwegern betrinken wäre auch mal nice. Soviel zum Thema, Norweger seien ja so verschlossen.

Per Morten spricht mich sogar genau darauf an, ob Norweger wirklich so unzugänglich wären, wie man sage. Ein bisschen schon, ja, man muss ne Art Schwelle überwinden, bevor sie sich auf ein Gespräch einlassen, dann geht es aber gut. Ich weiß nicht, ob es eher Zurückhaltung oder Verschlossenheit ist. Jedenfalls habe ich keinerlei Probleme hier. Das mag vielleicht an meinem Sonderstatus als Reiseradler liegen, oder dass ich alleine unterwegs bin. Oder daran, dass ich gelegentlich manche sozialen Signale einfach ignoriere. Oder an meiner Art, auf Menschen zuzugehen. Wie auch immer, es ist schon wieder viel zu spät.

Ein Fluss unweit des Campingplatzes, der genau das richtige Rauschen und Gluckern hat. Perfekte Soundkulisse.
Ich bin auf 750hm, hier ist im Winter viel Langlauf angesagt. Ich hab das erst für Wanderwege gehalten.
Diese Tisch-Bank-Kombos weiß ich inzwischen sehr zu schätzen.

Ah, ein Gedanke ist mir noch wichtig. Das kam auch im Gespräch heute auf, nämlich das Erarbeiten der Landschaft. In Voss bin ich heute früh auf 100hm los, und in Finse auf 1200hm ausgestiegen. Das fühlte sich wie cheaten an. Und ich war gar nicht richtig oben, obwohl ich mit der Nase während der Zugfahrt an der Scheibe geklebt hatte. Es war nicht so echt und intensiv, als wenn ich die Höhe erstrampelt hätte. Mehr so, wie wenn man mit der Seilbahn auf nen Gipfel fährt statt rauf zu wandern. Morgen darf ich mir Höhe wieder hart erarbeiten, und auf der Etappe danach erst recht. Da freu ich mich jetzt umso mehr drauf.

Tag 33: Dorf – Vikafjell – Stadt

Och, eigentlich will ich ja gar nicht raus. Zumindest ein Teil von mir versucht mich zu überreden, dass ich doch einfach hier bleiben könnte. Die Freundschaft mit Jøtul könnte ich genüsslich vertiefen und die Planung mal Planung sein lassen. Scheinbar will etwas in mir sesshaft werden. Ob es Nomaden früher auch so ging? Erst Bewegungsdrang, aufbrechen, umherziehen, irgendwann nach nem schönen Plätzchen schauen und dann wieder ein Weilchen da bleiben, bis das Weiterziehen wieder reizvoller erscheint, als das Dableiben.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Aber nix da, sesshaft werde ich wieder früh genug sein. Klar, der leichte Nieselregen trägt sicher auch dazu bei, nicht raus zu wollen, aber bei 12°C schwitze ich trotzdem in kurzen Klamotten. Gestern hab ich in der Hütte irgendwann einfach vor mich hin transpiriert, 23°C bin ich offenbar nicht mehr gewohnt. Jetzt geht es mit dezenter Kühlung von außen steil bergan. Jetzt mit voller Beladung kann ich auch wieder ordentlich fahren.

Das dörfliche Örtchen Vik i Sogn. Die kleine Wolke hat sich im Fjord verlaufen, Mama und Papa sind wohl schon weiter gezogen.

600hm mit 8-9%, das ist 4 mal die Branichstraße am Stück. Der Wind ist hier noch ruhig, soll aber oben im Fjell genau gegen mich blasen. Mal sehen. Und irgendwie fahren hier ständig große LKW beladen mit Steinen herum. Das habe ich öfter gesehen und wundere mich, denn wenn es eines überall in Norge gibt, dann sind es doch Steine. Es geht gut, die Pause hat sich gelohnt.

Gegen Ende denke ich dann doch, dass entweder Piepsi spinnt und das hier viel steiler als 9% ist, oder die Power doch schon wieder raus ist, bis ich 50hm weiter merke, dass ich im 3. Gang fahre! Gelegentlich gehe ich aus dem Sattel in gemütlichen Wiegetritt, um die Belastung abzuwechseln, dabei schalte ich ein paar Gängenhoch. Und danach hatte ich wohl das Runterschalten vergessen. Jetzt geht es wieder gut. Tja, wenn der Sauerstoff in den Beinen gebraucht wird, kommt oben manchmal nicht mehr so viel an.

Die Birken kriegen Herbstlaub. Die kleine Wolke möchte bitte aus dem Sognefjord abgeholt werden.

Nur 1h 15min später bin ich oben, also am Ende der großen Steigung, und hinein geht es in einen Tunnel. Vorher noch die langen Sachen überziehen – besonders praktisch ist da die Hose, deren Beine ich bis zum Knie aufzippen kann und somit nicht die Schuhe aus- und wieder anziehen muss, mit dem unvermeidlichen Gleichgewichtsgehampel. Noch einen LKW abwarten und los. Ich pfeife ein paar Liedchen, denn der Sound hier drinnen ist irre.

Da, ein Fleckchen blauer Himmel! Ob es Hoffnung gibt? Hat Yr sich vielleicht geyrrt?

Auf der anderen Seite komme ich im Fjell heraus, dem Vikafjell. Und es ist ungemütlich und windig. Das ist zwar kein Nieselregen, aber mehr als Nebel, als ob eine dichte Wolke zu Boden sinkt. Werde ich gerade durchweicht? Oder trocknet das doch schnell genug ab? Würde mir in Regensachen zu warm werden? Ich beschließe, die kleine Steigung von 100hm, die demnächst kommt, noch abzuwarten, und dann die Regenschicht überzuwerfen.

Will ich da raus? Hmm.

Das Fjell bekommt Herbstfarben. In die unzähligen Grüntöne mischen sich Rot, Orange, Gelb. Die Schattierungen sind unglaublich. So karg es aussehen mag, es trägt Reichtum und Schönheit. Besonders mit diesem Nebelwolkenregen, der kühlen Luft (inzwischen 7°C) und dem frischen Wind fühle ich mich ein bisschen wie in arktischen Gefilden. Die nördliche Tundra muss ähnlich sein.

Einzig wenig idyllisch sind die LKW, und das scheinen immer wieder die gleichen zu sein. Ich grüße, sie grüßen zurück, wir nehmen beiderseits Rücksicht. Sie überholen mit viel Abstand und nur, wenn es sicher ist, und ich schaue, dass ich Ausweichstellen gut nutze, oder fahre kurz von der Straße und halte an, wenn es zu eng wird. Wenn ein 40-Tonnen-Gigant einmal bremsen und wieder auf 80 km/h beschleunigen würde, wie weit käme ich wohl mit der dafür gebrauchten Energie?

Herbstmode. Hinten die Linie ist meine Straße.

Des LKW-Rätsels Lösung ist eine lange Straßenbaustelle. Dafür karren die so viel Material hin und her. Tatsächlich stehen die Norweger in Sachen Straßenbau den dafür gerühmten Schweizern in nichts nach. Es gibt sogar zahlreiche Straßenbaumuseen, bisher hatte ich aber nie Gelegenheit, eines zu besuchen.

Der Gegenwind aus Süden bläst natürlich Wolken rauf, die sich hier abregnen, oder zumindest dem Berg nicht mehr ausweichen können und gemächlich kollidieren. Die Regensachen sind nötig und gut, auch die neongelben Schuhüberzieher kommen drauf. Eine Käppi hält die Kapuze der Regenjacke gerade und etwas Regen aus den Augen, die Brille verschwindet in der Tasche, denn ohne sehe ich inzwischen mehr. Jetzt ist besser, so könnte ich den ganzen Tag fahren.

Froh bin ich auch um die extra langen Schutzbleche. Das vorne verhindert unnötiges Spritzwasser und damit Dreck auf die Kette, das Hintere wäre zum Nutzen eines Mitfahrers, damit dieser dicht auf im Windschatten fahren könnte, ohne vollgeschmoddert zu werden. Mir bringt das Hinteren jetzt wenig, außer ein paar Gramm Gewicht, aber wer weiß, mit wem ich mal zusammen fahren werde.

Viel zu sehen gibt es nicht, und Pausen sind auch nicht attraktiv. Der Magen meldet Füllstandsuntergrenze, aber hier oben ist es recht unwirtlich, da muss man einfach durch. Gleich geht es bergab, und unten ist sicher besser. Die Abfahrt ist spannend. Erstmal die Bremsen testen… Ha, einwandfrei. Aber jetzt ist richtig Nebel, ich sehe ein paar zig Meter in alle Richtungen. Dann geht das so:

Rollen, Rechtskurve, dann Bodenwellen, rechts ein Bach? Linkskurve, Oh, ne Felswand links, Achtung Schlagloch, Rechtskurve, tatsächlich ein Bach! Schemenhafte Hügelrücken, Linkskurve, rollen rollen wie schnell bin ich? Rollen Haarnadel rechts! LKW hinter mir? Nee, selber so laut. Oh, Bodenwellen, Wasserfall voraus, Haarnadel links, gleich wieder rechts herum. Wolkenschwaden eilen vorbei. Vage Aussicht? Bremsen, Foto!

Unter der Wolke. Wow.

Bergauf ist intensiv, und bergab ist intensiv. Die zwei sind total verschieden, ich liebe beide. Weiter geht es etwas weniger spannend, dafür mit mehr Yr. In einem Bushaltestellenhäuschen esse ich Müsli kekse, die sind sogar viel besser als Bixit Haferkeksenoder Hobbits. Noch ein Stückchen Marzipan hinterher, jetzt kann ich bis Voss durchradeln.

Höhenluft bekommt Bächen nicht so, die werden ganz wild davon. Hier unten hat er sich ausgetobt, liegt tief schwarz in der kurzen Klamm.

Endlich in Vossevangen radel ich ohne große Erwartungen auf den Campingplatz, der aber überraschend klein und nett ist. Ich hadere noch, ob ich zelten und ein nasses Zelt riskieren will, das womöglich morgen nur schwer trocken zu kriegen sein wird, oder einfach ne kleine Hütte nehme. Erstmal Yr checken, das hilft aber nicht weiter. Also plaudere ich mit dem Besitzer, der überraschend Neuseeländer ist und mir erstmal nen Kaffee anbietet. Letztlich gibt er mir ne kleine Hütte für nen Sonderpreis, den mir der Kiwi von sich aus anbietet. Ich bin ein paar Sorgen los und kann in die Stadt, um Kalorien zu ergattern und den Bahnhof auszuchecken.

Morgen geht es nämlich mit der Bahn weiter. Damit erfülle ich mir einen lange gehegten Wunsch, mit der Bergenbahn zu fahren. Die Strecke ist irre schön, gibt es auf Youtube, und Wikipedia schreibt auch ausführlich darüber. Allerdings fahre ich nur bis Finse, ein kleines Stück. Mehr verrate ich noch nicht, so ganz sicher ist das alles nämlich auch noch nicht. Aber damit morgen früh alles glatt geht und ich den Zug um 9 ohne Stress bekomme, schaue ich mich heute schon mal um.

Und während Vik wie gesagt eher dörflichen anmutet, macht Voss einen auf Stadt. Der Buss- und Zugbahnhof kann sich sehen lassen, Architektur wird hier gelebt. Autos gibt es auch viel mehr, Leute wollen auffallen durch Klamotten, Gehabe, Düfte, Schminke, Laute Motoren, aber sie schauen einen nicht an, und wenn man grüßt, ist man komisch. Irgendwie kommt es mir albern vor, dieses städtische Verhalten: auffallen wollen, aber nicht bereit zum Kontakt zu sein.

Busbahnhof und große Holzhäuser, wirklich architektonisch toll.
Okay, auch hier fahren Züge auf Gleisen und werfen nicht etwa von Wandertrollen getragen oder so. Kriege ich hin, morgen.
Eine Gleisunterführumg, bei der ich ohne Vorbehalt vom Boden essen würde. Dazu voll accessible und in jeder Hinsicht top.
Nochmal die modernen Holz(hoch?)Häuser. Cool, was so alles geht.
Direkt daneben und mittendrin die alte Steinkirche. Und irgendwie beißt es sich nicht.

Ich laufe durch die Einkaufsstraße. Diese Gerüche! Der eigentümlich Geruch eines Klamottenladens, der auf die Straße weht. Dann eine Pizzeria (kleine Pizza 10€, geht sogar) mit lockenden Düften. Wohlparfumierte Damen passieren, die Duftwolke bringt mich zum Luftanhalten. Ein Sportgeschäft mit dieser speziellen Mischung aus Schuhsohlen und Trainingskleidung. Alten Männer sitzen vor dem Café, das könnte ich hier mit geschlossenen Augen erschließen.

Nach dem quasi geruchsfreien Fjell, in dem ich jedes einzelne vorbeifahrende Auto rieche, ist das hier gerade Overkill. Irgendwie genieße ich die Erfahrung, das alles zu erschnüffeln, als wäre es ewig her, dass ich das erlebt habe, und nicht nur einen Monat. Aber ich habe jetzt Distanz dazu, als wäre ich der Fremdkörper, der nicht hierher gehört. Einen Tag halte ich das aus, aber ich freue mich schon wieder auf das Draußen.

Die Einkaufsviertelmeile
Pizza. Hmmm. Aber nein, eine kleine macht mich bestimmt nicht satt, und ich will da nicht rein und bestellen und warten müssen. Lieber selbst was kochen.

Echt ne kleine Stadt. Dabei hat Vossevangen selbst gerade mal 5.000 Einwohner, mit Umland 14.000, aber hier brummt es. Ja, Brummen, irgendwie sammeln sich hier alle mit lauten Motoren und Vorheige-KFZ. Einkaufen und zurück zur Hytta. Eine Stunde Stadt ist genug.

Jeder Platz ist anders, und man weiß nie, wie es wird. Ist auch ein reizvoller Teil des Reisens.

Ich geh noch am See entlang und lass Steinen übers Wasser springen. Das entspannt. Hier hat es seit 2 Monaten nicht wirklich geregnet, darum ist der See recht leer. Dafür war der letzte Winter so kalt, dass das Eis auf dem See einen ganzen Meter dick war. Ungewöhnliches Wetter. Die Gletscher schmelzen auch hier rapide dahin. Dass der Meeresspiegel steigt, ist kein Thema, denn Skandinavien hebt sich selbst langsam aus dem Meer – eine Folge der letzten großen Eiszeit, als Norwegen unter 2km dickem Eis begraben war, dessen Gewicht die Kontinentalplatte herabgedrückt hatte, so dass sie sich jetzt wieder hebt.

Aber der Golfstrom ist ein Thema. Grönlands Eis schmilzt, und das Schmelzwasser verlangsamt den Golfstrom bereits. Ohne die Wärme aus der Karibik hätten wir in Deutschland richtig eisige Winter, und hier in Norwegen könnte die Küste zufrieren. Bis die Gletscher dann wieder soweit wachsen, dass sie die Täler überrollen, wird es noch lange dauern, aber die Winter wären richtig lang und hart.

Öl hat Norwegen reich gemacht, und das ist immer wieder politisches Thema, so wie derzeit im Wahlkampf. Alles Öl, das aus dem Boden gepumpt wird, wird verbrannt werden. Norwegen ist bereits reich und längst nicht mehr so vom Öl abhängig wie vor Jahren noch. Darum mehren sich Überlegungen, kein Öl mehr zu fördern. Die radikalsten Forderungen im Wahlkampf setzen den Förderstopp auf 2035. Ohweh, Menschheit, so wird das nix.

Entspannt da liegen wie das Wasser. Das ist jetzt erstmal Programm.

So, morgen geht es wieder früh raus. Urlaub und Ausschlafen gehen nicht immer gut zusammen. Ich hab die letzte Runde Radeln zusammengestellt, Es warten 383km und 5300hm auf mich. Das sollte in 7 Tagen zu schaffen sein. Die Zahlen sind planbar, die Erlebnisse weniger. Ich habe mir wieder kleine Straßen übers Fjell ausgesucht, auf denen ich wieder viel erleben darf, und freue mich sehr drauf. Irgendwie bin ich süchtig.

Tag 32: Pause im Nebel

Früh geht es wieder raus, denn ich will nicht den Schlafrhythmus stören, und mit der Vermieterin Marita Tistel gleich morgens ins Dorf runter fahren, um den Einkauf zu erledigen. Etwas planlos stöbere ich als nahezu einziger Kunde durch den großen Supermarkt und weiß, frisch vollgefrühstückt, gar nicht, worauf ich heute Abend Lust haben könnte. Nunja, es findet sich Tiefkühlgemüse und Kartoffelpüree, kurz Pü, aus der Tüte. Das ist das doofe, wenn man alleine unterwegs ist: die meisten Portionen sind zu groß, und ich will vermeiden, unnötig Wasser in Form von nicht-trockenen Lebensmitteln herum zu tragen.

Ein paar Kaminanzünder und ein leerer Karton werden mir später helfen, den Ofen zu heizen. Wirklich kalt ist es nicht, Wärme tut aber gerade gut. Und wie ich durch die erste Straße schlendere, bewaffnet mit Kamera und dem Teleobjektiv im Gepäck, wird mir klar, dass ich einfach nur die Beine hochlegen will. Um 9 fährt der Bus vom Kommunehuset wieder rauf, den nehme ich. Ein Foto vom Ufer des Fjords gibt es noch, dafür ist Zeit.

Eigentlich ist Vik i Sogn ein knuffiger Ort. Mehrere Cafés, eine Pizzeria, ein großes Gemeindehaus, viel Aktivität und sogar eine weltbekannte Softwarebude, Highsoft, gibt es hier. Die Bevölkerung beträgt seit vielen Jahren rund zwoeinhalb tausend, wobei sie derzeit etwas überaltert, verrät mir Marita. Sie selbst ist Bäuerin, Apothekerin und Hüttenvermieterin, hat also 3 Jobs. Und Mutter. Gestern haben 2 Kühe gekalbt. Ob sie geschlafen habe? Ja, ach, dafür sei im Winter Zeit.

Ihr gefällt es hier immer noch sehr, und sie geht auch gern und oft raus zum Wandern und Natur genießen. Das höre ich von vielen Norwegern, die in solch schönen aber eben auch etwas abgelegenen Gegenden wohnen. Ich habe die Frage öfter gestellt, ob sie von hier seien, und sie es hier immer noch schön finden, oder nicht doch mit der Zeit abstumpfen oder gern woanders hin wollten. Alle haben sofort, ohne Zögern, ohne aufgesetzte Freundlichkeit oder „muss man jetzt ja so sagen“-Getue gesagt, dass sie gerne hier sind. Aina ist nach der Schule von Sogndal an die Südküste, ist aber wieder zurück und nennt nun Jøtunheimen ihren Backyard, ihren Park hinterm Haus. Und das stolz und breit grinsend.

Für die Sicht oberhalb von 50 Metern gilt der Premium-Tarif, der ist nicht inklusive. Buchen Sie noch heute…

Ich buche die Busfahrt, und die bringt mich zügig nach oben. 3 Euro für 350hm sind ein fairer Deal, finde ich. Unten liegt schwer die Wolkendecke knapp über dem Wasser, oben, also nicht oben sondern eher nicht-ganz-so-weit-unten, wechselt es. Mal in der Wolke, mal zwischen den Wolken. Spannende Fotos könnten das werden, aber ach, dabei kann man kaum die Füße hochlegen. Keine Fototour heute.

Ja, es gibt auch faule, füllige, lahme Norweger. Nicht alle sind Sportskanonen. Als wir 2010 das erste Mal hier waren, haben wir irgendwann angefangen, nach beleibten Leuten Ausschau zu halten, und sehr wenige gesehen, die nicht offensichtlich Touristen waren. Seither habe ich oft erzählt, dass die Leute hier alle sooo sportlich seien. Das hat sich stark geändert. Darauf hab ich auch einige einheimische Bekanntschaften angesprochen, und die meinten, es sei eine Mischung aus Faulheit, Luxus, Smartphones und Ernährung. Statistiken über die Jahre wären da echt interessant, zusammen mit ein paar Studien, wie sich das Alltagsleben hier verändert hat.

Jetzt wurde auch der Basis-Tarif nochmal gestutzt. Auch gut, dann gibt es überhaupt keine Versuchung, den Pausentag durch unnötiges Herumlaufen zu stören.

In 9 Tagen sehe ich Anja wieder. Juhuu, endlich! Sie kommt mit dem Auto her, wir treffen uns, und verbringen hier noch ein paar Wochen zu zweit. Ohne Fahrradfahren. Obwohl, vielleicht dreh ich zum Spaß mal ne Runde, mal sehen. Aber erst einmal bucht sie die Fähre, und ich suche und buche eine Unterkunft. Jetzt, da ich viel gesehen habe, und weiß, dass es tausend schöne Plätze hier gibt, kann ich mich gar nicht entscheiden. Da geht der halbe Tag dahin.

Aber jetzt ist das auch fixiert und ich habe zum ersten Mal auf dieser Reise einen festen Zeitrahmen. Die Variable in der Gleichung ist nun hauptsächlich das Wetter, und so überlege ich Routenoptionen, knoble mit Strecken und Höhenmetern, jongliere mit Zeltplätzen. Es gibt schon noch einige Strecken, die ich gern fahren würde. Und da ich zurück in das Gebiet komme, in dem ich die ersten Tage gefahren bin, staune ich nicht schlecht darüber, was ich mir inzwischen alles zutraue. Yeah, das wird cool!

Das Blümchen hat dem Premium-Tarif gebucht. Ich gucke verstohlen aus zweiter Reihe mit.

Ich prüfe nochmal das Fahrrad, und tatsächlich ist nichts zu tun. Die Bremsbeläge reichen für nochmal so viel. Der Luftdruck hält locker 10 Tage ohne 1 Bar abzusinken, aber den sollte ich morgen mal wieder prüfen. Ich fahre die Schwalbe Mondial, ausgewiesene Reiseradreifen, mit 4,5 bar. Die fahren auch noch mit 3 bar, dann halt mit viel mehr Rollwiderstand, aber komfortabler, und noch lange nicht grenzwertig.

Dank kga und Julian, die mir geholfen haben, die Speichenspannung vor der Tour zu prüfen, hat auch kein Rad nen Schlag oder Achter, kein bisschen. Dabei müssen die Laufräder einiges ab können, denn der Rahmen ist ungefedert und schwer bepackt. Noch sollte ich die Reise nicht vor dem Ende loben, aber mit so wenig technischen Problemen, also genau null Probleme am Fahrrad, hatte ich nicht zu hoffen gewagt. So, das ist geschrieben, mal sehen, was morgen passiert. Naja, 3 mal am Tag fährt auf der Strecke ein Bus.

Wirklich gefährlich war tatsächlich die kurze Probefahrt eben, bei der ich die Bremsen geprüft habe. Das letzte Mal, als ich das Rad unbeladen gefahren bin, war in Undredal, also vor gut 2 Wochen. Jetzt legt es mich fast hin, ich habe Mühe, den Lenker zu halten und geradeaus zu fahren! Hilfäääh! Schnell zurück, ohne Gepäck kann ich das nicht mehr. Morgen werde ich ja eh sehen, ob die Bremsen in Ordnung sind.

Erinnert an Schwarz-Weiß-Fernsehen. Vielleicht ist das der Grün-Grau-Tarif?

Der Ofen heizt schön. Das ist ein alter Jøtul 600, den ich aber noch lange nicht beherrsche und somit ständig am regulieren bin. Mach ich zu lange nix, verpufft das Holz regelrecht, oder die Flamme geht aus. Wie ich den korrekt belade, und ob das Holz überhaupt taugt, das weiß ich alles nicht. Macht aber Spaß, damit den Tag zu verbringen. Und es wird besser mit der Zeit. Entweder hat das alte Gusseisen Mitleid mit mir, oder ich lerne tatsächlich dazu. Jedenfalls ist es schön warm, Tee und Erdnüsse und Schokolade und Himbeersaft schmecken prächtig.

Die Beine, ja, ich will nicht meckern, neinnein, kein Gejammer. Es ist aber spannend zu fühlen, wie die Kraft zurückkehrt. Die alte-Männer-Geräusche lassen allmählich nach und ich bin zuversichtlich, dass ich wieder einige Tage strampeln kann. Ich freu mich auch drauf. Mit Wolken, Nebel, Nieselregen wird es dann wohl die authentisch norwegische Erfahrung, die mir ja fieser Weise bisher vorenthalten blieb.

Ein bisschen schade ist es ja schon, dass das Ende dieser Reise, und damit auch dieses Blogs, absehbar ist. Zumindest die erste Staffel ist bald fertig. Wann die zweite Staffel erscheint? Hm, da kann ich leider gerade gar keine Aussage zu machen. Aber die nächsten Folgen sind ungekürzt, und wer weiß, vielleicht kommt ja noch ein großes Finale. Vielleicht auch nicht. Ist ja alles Impro-Theater hier. Das ist auch ein ziemlich improvisierter Schluss für heute. Ist schon wieder spät, und auch wenn meine Uhr bestimmt schon wieder glaubt, ich schlafe schon längst, müssen jetzt die Augen zu. Ein letzter Blick auf Yr genügt mir als Cliff Hanger vollends.

Wir sind doch noch heiße Freunde geworden.

Tag 31: Zurück über den Sognefjord

Gut geschlafen hab ich, oh ja. So ein Bett hat was für sich, zur Abwechslung. Nur seltsam ruhig ist es in einem Haus, wenn man so lange keine akustische Isolation hatte. Irgendwas mieft. Ich fürchte, ich muss doch mal gründlich alles prüfen, denn müffelnd will ich nicht in Supermärkte und Cafés einfallen. Am Pausentag dann, der ja auch immer Waschtag ist.

Gut gefrühstückt fällt mir ein, dass ich ja etwas Tee in die Flaschen füllen kann. Das gibt vielleicht nen extra Schub den Tag über. Ich hab ja Flaschen aus Edelstahl, denn ich mag den Plastikgeschmack einfach nicht, den jedes Wasser nach ner Weile in den üblichen Trinkflaschen annimmt. Da hab ich schon bestes Quellwasser, das mag ich auch so genießen, eben mit etwas Tee oder Blaubeersirup. Nur den Nuckelaufsatz hätte ich daheim lassen können. Beim Rennradfahren will man ja keine Sekunde verlieren oder den Tritt unterbrechen, nur um den Durst zu löschen, aber ich trinke eigentlich immer nur im Stillstand, damit tut es dann auch ein einfacher Schraubverschluss.

So, genug geplant und vorbereitet, jetzt packen und Hütte putzen. Das Rad schiebe ich den kurzen, aber steilen Pfad hinauf, trage die Taschen hinterher und belade dann zwischen Blaubeeren das Schlachtross. Um 9 Uhr geht es los, und zwar gleich achterbahnartig bergauf.

Einerseits wüsste ich gerne, wie viel die Karre derzeit wiegt, andererseits bin ich froh, es nicht erfahren zu können.
Blick zurück. Das ist Nieselregen da hinten. Im Norwegischen heißt das „Yr“. Die Regeln der effizienten Sprachevolution lassen vermuten, dass es Yr hier öfter gibt als in Süddeutschland.
Die Birken haben es echt nicht leicht hier oben. Die Formen reichen von lustig über gruselig bis bemitleidenswert.

So richtig flink kletterte ich die Steigung heute nicht rauf. Vermutlich ist ein Pausentag wirklich dringend nötig. Dafür ist außer leichtem Yr das Wetter brav, die Landschaft hübsch, und in kurzen Sachen geht es bei 8°C mit überschaubar viel Schwitzen ran. Oben wie immer schnell warm anziehen, denn ohne Steigung wird es schnell kühl. Und dann endlich, nach der langen Auffahrt auf das Gaularfjellet, kommt die steile Abfahrt.

Aber erst der Ausblick. Genau an der Kante hat sich ein Architekt verausgabt und im Dreieckstil eine merkwürdige Kombination aus Toilette, Infopunkt, Ausblick und Tribüne geschaffen. Ob es hier Veranstaltungen gibt? Konzerte gar? Ich wüsste spontan nicht, welche Art Musik zu dem Traum aus Stahlbeton inmitten urzeitlichen Fjells passen würde. Vermutlich bin ich einfach Banause, und Architekturfans wären begeistert, das mag ich nicht ausschließen.

Dreieckstraum inklusive Solarpanels. Wo ich stehe gibt es folgenden Ausblick…
Das hat was von Kalligraphie.

Die Geräusche während der Abfahrt wechseln. Leises Rollen geht in das Summen der Reifen über, wird abgelöst vom Rauschen des Windes, übertönt nur vom vollkehligen Jubelschrei „Woohooo!“ oder wahlweise auch „Yippiiieh!“, gegen Ende auch noch weniger klar artikuliert. Aber erst setzt vorsichtig das kontrollierte Schleifgeräusch der Bremsen ein, das Sturmtoben nimmt ab, die Reifen rollen laut, die Bremse jetzt auf Höchstleistung. Dann in die Spitzkehre, die Reifen geben jetzt alles, das gröbere Seitenprofil brummt um die Kurve, Bremse schnell lösen und schon rauscht der Wind wieder um die Ohren. Wuuusch.

Natürlich braucht es volle Konzentration, denn unversehens tauchen Bodenwellen auf, gilt es doch mal ein Schlagloch zu umkurven, was mit dem trägen Bock kein Leichtes, mit meiner bisweiligen Übung aber gut machbar ist. Bremspunkte wollen gut gewählt sein, denn die meiste Bremsleistung überlasse ich dem Fahrtwind – je schneller ich rolle, desto länger halten die Bremsbeläge. Gut für die Umwelt und so. Und trotzdem will ich die Landschaft sehen, das Rollen genießen, die hart erstrampelte Belohnung. Intensiv ist das.

10 Minuten und 650hm später erblicke ich den Sognefjord. Fotostopps zwischendurch waren diesmal nicht drin, mangels Lust zum Anhalten.
Die Fjordabstinenz war nicht lange, und doch bin ich wieder verzaubert.

Wann mach ich heute eigentlich Pausen? Hmm, jetzt nicht, jetzt ist mir kühl. Oben auf dem Fjell hatte ich gleich lange Sachen angezogen, für die Abfahrt die Regenjacke drüber. Die ist winddicht und hat mich vor dem Erfrieren gerettet. Die dicken Handschuhe hab ich leider tief in einer der hinteren Taschen vergraben, so sind auch die Fingerchen etwas ausgekühlt. Erstmal warm strampeln. Bis zur Fähre sind es ja nur 15km am Fjord entlang.

Von da hinten kam ich.
Kunst am Fähranleger. Ah ja.

Die Fähre ist bald da, kostet mal wieder nichts für Radler, da Teil des Straßennetzes. Es gibt wieder einen Salon, also Sitzplätze im Warmen, und auch Kaffee. Zumindest theoretisch. Erst wird die Maschine gereinigt, dann will sie kein Handy per kontaktloser Bezahlung. Letztlich fische ich die Kreditkarte aus dem Geldbeutel und stecke sie ein – und schon gibt es heißen, schwarzen Kaffee. Das tut gerade gut. Der Blick aus dem Fenster zeigt mir, dass ich die Wetterflucht nicht zu früh angetreten bin. Im Süden hängen die Wolken hingegen höher, wirken heller.

Die App Norgeskart ist übrigens auch super. Die hat nicht nur das staatliche Kartenmaterial mit irrer Auflösung samt Offline-Fähigkeit, sondern auch die Seekarten, unter anderem. So kann ich immer schauen, wie tief der Fjord hier gerade ist, und schlucke heftig, als ich sehe, dass es unter mir gerade über 1000m tief hinab geht. Das ist Tiefsee mitten im Landesinneren, 80km von der eigentlichen Küste entfernt. Genauer, das ist schon die Grenze zum Bathypelagial. Ich brauche ne Weile, bis ich merke, dass mir der Mund offen steht.

Ich bin immer noch fasziniert davon, dass Fähren fester Teil der Straßen sind.
Blick nach Norden, wo ich herkomme. Puh.
So viel Technik im Einsatz, um Natur zu genießen. Naja, mit dem Ruderboot hätte ich nen Tag extra einplanen müssen.

So, noch 15km, 400hm, eine Stabkirche und Einkaufen trennen mich von der nächsten Hütte. Ich mag die ersten Meter rauf zum Vikafjell heite schon machen, dann wird die Etappe nicht so hart. Oh, und ein Zaun trennt mich von prall gefüllten Apfelkisten. Oha, ich hab Hunger, außer nem kleinen Stückchen Marzipan unterwegs noch nichts gegessen. Aber gleich bin ich am Supermarkt, da geht bestimmt was. Nur 10km bis dahin…

Reiche Ernte.
Der 2,8km lange Tunnel ist für Radfahrer gesperrt, dafür die alte Straße am Ufer entlang prima in Schuss. Und ruhig. Es ist verblüffend ruhig hier, sobald der Verkehr außer Hörweite ist.

Der Sognefjord, und ich weiß, ich wiederhole mich, aber trotzdem, diese Erfahrung muss ich mitteilen. Also, der Sognefjord ist gewaltig. Ich habe versucht, das mit Fotos einzufangen, oder mit Videos. Es gelingt nicht. Ich habe überlegt, wie ich das beschreiben kann. Ich kann nicht. Nicht angemessen, erscheint mir. Es folgt ein Versuch.

Den Lysefjord kann man einfach überblicken, der ist 40km lang, also steigt man auf den Preikestolen und schaut drauf. Passt. Den Hardangerfjord bin ich von Odda bis Ulvik entlang gefahren, dafür hab ich eineinhalb Tage gebraucht. Krass, aber erfahrbar im eigentlichen Sinne des Wortes. Ander der Sognefjord, den ich nun schon mehrere Tage begleitet, aber dennoch nur gestreift habe. Ich habe, in Vik angekommen, ein Bild gemacht, das sieht so aus, als würde man den Sognefjord entlang schauen. Aber das ist quer rüber! Okay, in nen kleinen Seitenarm rein, aber trotzdem. Völlig irre.

Blick quer (!) über den Sognefjord. Standpunkt auf Google Streetview

Ich sammel mich und gehe shoppen: Kekse, Saft, Dinner, Ertestuing, Erdnussbutter. Backwaren… nee, die sehen nach nix aus hier. Da gibt es bestimmt was Besseres im Ort. Nachdem ich die reiche Beute verstaut habe, frage ich eine Frau, die aussieht, als würde sie antworten. Tatsächlich hat sie eine Empfehlung, wir unterhalten uns noch kurz und ich bringe sie zum Träumen, wie sie möglichst bald, wenn die letzten Kinder aus dem Haus sind, auch mal länger frei machen und unterwegs sein können. Mir knurrt der Magen.

Dafür ist der empfohlene Käsekuchen so lecker, dass das erste Stück verdampft, bevor die Kamera gezückt ist. Den Himbeersaft, für den Vik berühmt ist, gönne ich mir später. Jetzt bin ich startklar für die Stabkirche, die sich mir in den Weg geschlichen hat. Tatsächlich hab ich sie zufällig auf Google Maps gesehen, als ich die Details für heute ausbaldowert habe. Die Bilder sehen hübsch aus, ich hab noch Zeit, da wenig Pausen gemacht, also los.

Nom. Nomnomnomnomnom.
Ein Erdbeerfeld! Allerdings bestens gesichert hinter 2 Meter hohem Elektrozaun. Ob sonst die Elche alles aufessen würden?

Von der Stabkirche Hopperstad hatte ich noch nie gehört, dabei ist sie besonders. Denn um 1870 wurde sie von einem perfektionistischen Architekten restauriert, und zwar weitgehend in den ursprünglichen Zustand zurück versetzt. Bei den meisten Stabkirchen werden die Umbauten, die über die Jahrhunderte vorgenommen wurden, als Teil der Geschichte genommen. Hier wurde jedoch weitestgehend alles zurückgebaut, so dass man einen guten Eindruck davon bekommt, wie sie vor 900 Jahren wohl war.

Ich bin gerade der einzige Besucher und bekomme quasi eine Privatführung, kann viele Fragen stellen und Vergleiche zu den bereits besuchten Stabkirchen ziehen. Das ist sehr spannend. Anschließend habe ich ausgiebig Zeit zum Fotografieren. Draußen herrscht eh gerade wieder Yr, so dass ich mir Zeit lasse. Endlich wieder richtig Spaß mit der Kamera. Hier muss man mal zu zweit her, einer mit Taschenlampe, der andere mit Stativ und Kamera.

Stabkirche Hopperstad. Richtig schön passend die finstere Blutbuche.
Einer der Drachenköpfe, der etwas vor Witterung geschützter steht, ist tatsächlich 900 Jahre alt. Aus Holz!
Blick vom Boden senkrecht hoch. Sorry für die Schlieren, zu spät gesehen.
Der Teer zieht Zapfen vom Dach. Der Regen perlt prächtig vom geteerten Holz ab.
Hier wird gerade geteert. Jede Schicht ist wirklich dünn, ganz tropffrei geht es aber nicht.

So, schon 16:30, Zeit für die letzten 300hm, die sich ganz schön ziehen. Garmin aka Piepsi zeigt mir schon den ganzen Anstieg an, von dem ich heute aber nur ⅓ bewältige. Das genügt mir auch vollauf. Endlich biege ich ein zum Tistel Camping. Die haben wegen der Pandemie auf ihre 2 großen Hütten reduziert, und genau eine ist frei. Heute früh hatte ich angerufen und reserviert, sicher ist sicher. Wieder runter rollen zum großen Zeltplatz hätte ich nicht gewollt. Ah, und schön ist das Häuschen.

Regen macht die Berge schön.
Nein, das ist nicht meine Unterkunft, aber ich mag die alten Scheunen und Schuppen. Auch hier der Nagerschutz schön ausgearbeitet. Andere haben eine Schieferplatte auf den Grundpfosten liegen.
Zufrieden. Hinten unten der womöglich erstmal letzte Blick auf nen Fjord.
Dusche, Sachen waschen, wohlfühlen.

Ich checke das Wetter, und es scheint, als wären die beiden nächsten Tage nur etwas nieselig. Also kann ich hier einen Tag Pause machen. Juhuuu! Das fühlt sich sofort gut und richtig an. Und kaum setzt sich das gute Gefühl tief in die Bauchgegend, empfinde ich gleich die Vorfreude, gut erholt und kräftig über das Vikafjell fahren zu können. Denn ganz ehrlich, wenn man nicht wie gewohnt vom Fleck kommt, ist der Spaß irgendwann auch begrenzt.

Mein Lieblingsrezept: Kichererbsen in Öl, Curry, Salz anbraten bis sie irre kichern, dann den Rest dazu. Wenn gut heiß, dann fertig.

Morgen bleibt mein Reiserad an der Hauswand stehen. Ich muss nochmal einkaufen gehen, also 350hm runter, aber das geht mit Bus, per Anhalter oder zu Fuß. Vielleicht erkunde ich den Ort ein wenig, das dürfte aber schnell gehen. Und dann lege ich die Füße hoch, mach Feuer im Holzofen und regeneriere vor mich hin.

Ich habe jetzt einen Monat lang niemanden getroffen, der mich kennt. Von den Reaktionen derer, denen ich begegne, glaube ich darauf schließen zu dürfen, dass dieses Selbstexperiment am gelingen ist. Ziel war ja, den Kopf frei zu kriegen, im Hier und Jetzt sein, aber tätig, ungebunden aber zielgerichtet. Das tut gut, das kriege ich gespiegelt von all den Zufallsbegegnungen. Ich bin gespannt darauf, wie mich diejenigen wahrnehmen werden, die mich schon gut kennen. Bis dahin werden aber noch ein paar Wochen vergehen. Aber jetzt ist es doch spät geworden, morgen kommen mir bestimmt noch einige Gedanken dazu. Heute irgendwie nicht mehr.

Tag 30: Jeden Tag ein Fjell

Um 6 klingelt der Wecker. Wer hat den denn bitte gestellt? Wenn es da keinen guten Grund für gibt… Achso, ja, der nahende Regen, das nasse Ungemach. Ich stehe auf. Dank neuer Kopfkissenkonstruktion hab ich besser geschlafen. Bisher hab ich Hose, Pulli, langes Trikot zusammengelegt und unter das Kopfende der Isomatte. Hmm, war immer bissl doof. Früher hatte ich auch schon einfach die Wasserflasche unter die Isomatte gelegt, aber die rutscht doch immer wieder weg. Jetzt hab ich die kurzen Radltrikotsachen und das lange Oberteil in die Hülle der Isomatte gestopft und das Ganze als Kopfkissen verwendet. So werden die Sachen, die ich morgens in der Kühle anziehen will, über Nacht nicht feucht, und es ist bequemer. Ha. 4 Wochen, und es wird weiter optimiert.

Abends hatte ich schon alles für das Frühstück in den Beutel des Schlafsacks gepackt, den ich jetzt zur Küche schleife, um auf dem Herd Tee zu kochen und im Warmen ein paar Scheiben Walnussbrot (das aus Lom) mit Erdnussbutter und Himbeermarmelade (das 4. Glas Syltetøy inzwischen) zu genießen. Naja, eigentlich bin ich gar nicht richtig hungrig, aber ich weiß genau, dass ich sonst in einer Stunde schnell ohne Zucker im Blut und damit ohne Druck auf dem Pedal bin. Essen als Funktion. Hm.

Als ich fertig bin, schläft hier alles noch. Um 8 geht es los. Das Zelt wiegt heute etwa doppelt so viel, denn es ist klatschnass. Auweia. Hoffentlich krieg ich das noch trocken, bevor der Regen los geht. Jetzt geh erstmal ich los und rolle am frühen Sonntagmorgen fast ohne Verkehr und Wind gen Süden.

Mein Schlachtross. Nur mit Mühe kann ich es heben, ne Treppe rauf tragen ist ausgeschlossen. Aber es rollt schön. Ich hab halt etwas Luxus dabei 🙂
10°C, keine Sonne, kein Wind. Perfekt.

Am Jølstravatnet, einem 20km langen See, nehme ich doch das Nordufer, obwohl Tor Ove mir das Südufer empfohlen hatte, da dort die ruhigere und schönere Straße sei. Ruhig ist es aber eh, und ich will heute Höhenmeter sparen. Ältere Straßen haben davon gewöhnlich mehr. Zudem sieht die Südseite schöner aus, und das sieht man im Großen nur von der Nordseite. So wie wenn Du die Wahl hast, in einem neuen, hässlichen Gebäude mit Blick auf das hübsche, alte Gebäude zu wohnen, oder umgekehrt. Jedenfalls sichte ich nicht nur diese schönen Sonnenstrahlen im Seitental, sondern auch noch nen Seeadler. Alles richtig gemacht.

Wolken, Berge, Sonne, See… Ich sollte mal nen knackig kurzen Begriff für diese Kombi erfinden.
Geht schon mit flach, wenn sie wirklich wollen. Die Talwände sind aber auch verzeihend unsteil. Nicht flach, aber nicht steil – unsteil halt. Oder wie heißt das?
Kunst am Ende des Sees. Der Realismus ist umwerfend.

Zeit für die erste Pause, denn 45km sind schon geschafft, es ist 10 Uhr, Zeit für das 2. Frühstück. Gestern beim Bäcker gab es nicht nur Backwaren, sondern auch Fastfood. Und von der Pizza waren noch Stücke über, die sie kurz vor Ladenschluss günstig verscherbelt haben. Meine Informatikervergangenheit schlug voll durch, und ich nahm gleich 2 mit. Kalte Pizza vom Vortag auf großen Hunger, das weckt Erinnerungen!

P. G. A. = på grunn av = auf Grund von. Hält nicht mehr lang, muss weg. Gibt es auch im Supermarkt gelegentlich.

Gerade bin ich am Mampfen, rollt ein Rennradler… Nein, ein sehr leicht bepackter Reiseradler ein! Wow, so kann das gehen? Justin hat gerade seinen Bachelor fertig und nimmt sich etwas Zeit, bevor er sich ins Arbeitsleben stürzt. Recht so. 2 Wochen ist er mit dem bisschen Gepäck bereits unterwegs, da sind sogar Schlafsack und Zelt dabei, aber kein Kocher, 2. Paar Schuhe, Essen für 3 Tage, und ganz sicher keine 400g Marzipan, mein Emergency Fuel, oder sonstiger Luxus wie Buch, Sprachführer oder DSLR Kamera. Aber da kann ich was von lernen. Wir fahren ein Stück zusammen, was gut geht, bis der erste kleine Hügel kommt. Da merke ich den Unterschied. Aua. Naja, für’s Training kann das Rad nicht schwer genug sein.

Bike Packing nennt sich die Disziplin, und das Rad fällt in die Kategorie Gravel Bike. Nice.

Er düst viel auf großen Straßen dahin, ich bevorzuge ja die kleinen, abgelegenen. Und so trennen sich unsre Wege schnell wieder, als ich in Richtung meines heutigen Fjells abbiege, dem Rørvikfjellet. Ja, auf dem Schild steht ein anderes, aber das kommt erst morgen, ist auch das Höhere. Da Justin nicht weit von mir daheim wohnt, treffen wir uns vielleicht mal auf ne Tour im Odenwald. Er ist auch ne Bergziege, das passt also.

In Dragsvik werde ich den Sognefjord queren, und dann geht es übers nächste Fjell nach Voss. Das sieht gerade echt noch ganz schön weit weg aus. Puh.

Kaum bin ich von der schnöden, vielbefahrenen E39 runter, ist Ruhe, und ich kann direkt mit dem Genießen anfangen. Ja, die kleinen Straßen sind’s. Und weil es bergauf geht, finde ich neue Ausreden für kurze Pausen, nämlich Grünzeug fotografieren. Ist bisher viel zu kurz gekommen, will ich gern noch ein wenig nachholen. Nach ein wenig Regen sieht es auch schon viel grüner aus.

Ein Wald aus Moosen am Wald. Niedlich!
Okay, hier benötige ich Botanikerunterstützung. Vor allem: essbar? Und wenn ja, wie oft?
Schön ist auch der düstere Wald voll Moos. Kuschelig. Da will man Troll sein.

Puh, ja, in der Ebene fahren verwöhnt ganz schön. Es geht in Wellen bergan, gelegentlich etwas runter, aber mehr rauf. Und dann noch mehr rauf. Ich hatte erst überlegt, ob ich bis Dragsvik durchziehen könnte, allerdings erscheint es mir gerade eher unwahrscheinlich, dass ich morgen dann überhaupt weit fahren könnte. Ich hab mir auch schon ne schöne Hütte für heute ausgesucht, die steuer ich erstmal an und schau dann weiter. Ab da wären es noch 45km und 400hm bis Dragsvik, also ne halbe Tagesetappe. Mal sehen.

Da fällt mir ein weiterer Pausenzeitvertreib ein, nämlich Bächlein ablichten. Wasser fließt hier in vielen Formen vom Berg, ne kleine Auswahl will ich kurz zeigen. Übrigens alles bedenkenlos trinkbar, wenn nicht gerade Schafe herumlungern.

Typ 1: zahmes Bächlein zwischen Moorbirken und Blaubeeren. Idyllisch.
Typ 2: der Moosfall vor Granit. Puristisch.
Typ 3: Felsentreppe gerahmt von Moos und Farn mit Andeutung von da-geht-noch-mehr. Rauschend.

Immer schön viel Pausen machen, und schwupps, schon ist man oben. Die Aussicht ist mal wieder fein, und das zweite Pizzastück wird regelrecht eingeatmet. Ein Rennradler kommt daher, wir unterhalten uns. Er fährt seit 20 Jahren, im Winter mit dem Mountainbike und Spikereifen. Ich beneide ihn maßlos. Hier hat es so wenig Rennradler, dass man sich gern ein wenig unterhält. Das ist schön. Der Odenwald ist ja derzeit derart vollgestopft, da höre ja sogar ich auf zu grüßen. Er fährt in die andere Richtung, also genieße ich die Abfahrt alleine. Heute ist es nicht ein großer Buckel, sondern mehrere kleine. Jetzt erwarten mich nur noch 250hm, dann hab ich es geschafft. Oder ich ziehe durch… Mal sehen.

Oben auf dem Rørvikfjellet, in der Ferne immer noch der Jostedalsbreen.
Alte Brückenreste in Viksdalen. „Vik“ heißt übrigens „Bucht“, drum gibt es hier viele Namen mit Vik-dies und Vik-das.

Auf den letzten Metern werde ich doch langsam. Heute ziehe ich nichts mehr durch. Sehnsüchtig erwarte ich Hov Hyttegrend, dessen Rezension viel versprochen haben. Aber nicht zu viel. Es ist irre knuffig hier! Verstreut im lichten Kiefernwald stehen kleine Hütten mit Gras und Bäumchen auf den Dächern. Einfach eine aussuchen, Schlüssel steckt, Rezeption ist erst abends besetzt. Zumindest jetzt in der Nebensaison läuft das so.

Der Vertrauensvorschuss, den ich hier oft erfahren darf, ist gewaltig, und führt mich zu einem wie selbstverständlich verantwortungsvollem Umgang – eben nicht wegen Regeln und Kosten und Verboten, sondern wegen Vertrauen, das mir entgegen gebracht wird, und dass ich ganz natürlich nicht enttäuschen, sondern eher bekräftigen will.

So kann ne Rezeption gestaltet sein, liebe Hotelfachleute.
Meine Hytta. Das Zelt steht in den Blaubeeren zum Trocknen. Geht auch ohne Sonne ganz fix.
Zwischenmahlzeit. Statt sie einzeln zu essen, mag ich es, mir gleich ne halbe Hand voll in den Mund zu werfen und Instant-Marmelade zu machen.

In Hörweite ist ein kleiner Wasserfall. Überhaupt sind entlang der Straße etliche davon, so dass ein Wanderweg eingerichtet wurde. Gegen die Wasserkraftindustrie hat man sich erfolgreich gewehrt und das alte Turbinenhäuschen wurde nicht modernisiert. So bleibt der natürliche Wasserlauf mit voller Menge erhalten. Die Steine lassen ahnen, was hier fließen kann.

Der Likholefossen mit stylischer Fußgängerbrücke drüber, die mich aber in den Fotos stört. Links das alte Maschinenhäuschen.
Hmm, ist da noch was zu machen?
Mit der Kamera hab ich schöne Langzeitbelichtungen gemacht, mit dem ollen Handy geht das nicht. Grrrr.
Ja ja, 3 Bilder vom selben Wasserfall… Aber ehrlich, die Sonnenstrahlen rocken einfach. Idyllisch, mal wieder.

Abends gibt es endlich mal wieder Ertestuing, Erbseneintopf. Die Hütte hat Dusche und Küche, ist zweckmäßig aber vollständig eingerichtet. Perfekt. Hier wäre ich gern 3 Tage geblieben, um den Regen auszusetzen, aber der Regen dauert länger. So muss ich morgen schon früh weiter ziehen. Schade. Aber hierher komm ich nochmal, das ist sicher.