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Tag 19: Trotzig nach Gudvangen

Trotzig sein kann ich. Ha! Das ist das Motto des Tages, jawohl. Erstmal steh ich trotz wamem Kuschelfeeling um 7 auf. Trotz Regen in der Nacht ist das Zelt schon fast trocken, denn der Wind weht kräftig. Trotz der extra Meter, gegen welche die Beinchen protestieren, gehe ich und pflücke mir ein paar Pflaumen – wurde mir gestern erlaubt – und schneide sie, trotz großem Hunger, geduldig ins Müsli. Und trotz der müden Oberschenkel und des schönen Fleckchens hier fahre ich weiter. Irgendwie muss ich, zumindest noch eine Etappe, dann ist ja vor dem großen Pass nach Lærdal eh Pause angesagt. Also los.

Frisches Obst hatte ich zuletzt in einem anderen Land.
Der kleine Fjordarm mit seinem sehr milden Klima, der wettergeschützten Lage, und dem riesigen Hotel.

Erstmal geht es rauf. Klar, wenn man am Ende vom Fjord ist, gibt es hier keine Alternativen. Es geht durch schönen Wald, es ist ruhig, läuft gut. Geht doch. Oben auf 370m angekommen bläst mir gewaltig der zelttrocknende Wind entgegen. Ja, da war doch was, dieses wesentliche Element, das bisher so zahm war. Ich trotze dem Lüftchen, das mich trotz Sonne und Anstrengung immer wieder frösteln lässt. Dafür isses hier hübsch, und die baldige Abfahrt macht Spaß. So, wieder unten.

Kaum oben, gibt es nen See. Ist hier echt die Regel.

Mir kam vorhin schon ein weißhaariger Mann auf nem Mountainbike entgegen, der kommt nun von hinten ran, als ich mich orientiere muss – trotz Navi. Stellt sich raus, er ist taub, und immer gewesen, spricht aber völlig normal und wohl akzentuiert, liest Lippen als wäre es nix. Und das als Norweger auf Englisch! Ich muss ihn bewundern, das ist echt stark. Er hat seine Tour fast hinter sich, wünscht mir eine gute Reise, und schon kämpfe ich alleine gegen den Wind, jetzt aber dazu bergauf. Ich werde etwas grimmig und – du hast es erraten – trotzig.

Ein Wasserfall entschädigt etwas, und der sonst so doofe Wind zaubert eine hübsche Regenbogenfahne. Als ich oberhalb des Fossen auf dem Parkplatz das Rad abstelle, stelle ich enttäuscht fest, dass die Sicht von hier nix taugt. Ich drehe mich um und sehe statt dessen mein Rad auf der Seite liegen. Ja, der Ständer, die bisher beste Investition, hat aufgegeben. Genauer: die beiden Schrauben sind gerissen. Vermutlich hat der Wind hinterhältig am fein austarierten Lenker gezerrt, diesen zur Seite geworfen, und der Schwung war dann zuviel für die armen Schräubchen. Jetzt fluchen ich lauthals. Grrr.

Hübsch.
Nicht hübsch.

Trotzig rase ich weiter, Pause gibt es jetzt erst recht nicht. Ich jage jetzt Kaffee und Süßteilchen. So. In Vossevangen nehme ich 30hm in Kauf dafür. Auf Empfehlung einer Passanten hin lande ich in einer „Bakeri“ (was das wohl heißt?) und finde Süßteilchen. Kaffee will ich so verschwitzt im Trikot nicht drinnen trinken, draußen ist ne Hauptstraße. Auch durch die fast-Fußgängerzone fahren ständig fette Karren. Trotzdem suche ich mir dort ne Bank und vertilge die heiß begehrten Kalorien, trinke dazu aus meinen Radlflaschen. Boah, viel zu viele Leute, Lärm, Betrieb… hätte ich eigentlich von Odda noch wissen können. Die Hoffnung auf ein gemütliches ruhiges Café wie in Drammen hat mich getrieben. Also doch nix mit Pause und weiter.

Großes Örtchen mit Einkaufsstraße und jeder Menge Mampf.
Mein Mampf für den Kampf.

In 20km gibt es nen Joker. Das ist ne Supermarktkette, die auch sonntags geöffnet hat, recht kleine Läden hat, aber unglaublich gut sortiert sind. Da will ich Pause machen. Bis dahin ist viel Verkehr. Ich bemühe mich, nicht aufzuhalten, gerade den großen Lastern will ich nicht zur Last werden. Immer geht es nicht. Es ist stressig. Puh. In der Ferne zeichnen sich hohe Berge ab. Und das Schild, das einen Schneekettenanlegeplatz für LKW ausweist, verheißt die nächste Steigung. Yay. Trotzig wie ich bin, kämpfe ich mich mit Zimtschneckenantrieb hinauf und sinke letztlich ziemlich erschöpft auf die Bank vor dem Joker.

4 Farbstreifen
Bald bergauf. Wie schön.

Neben mir machen 3 Busfahrer Pause. Ich versuche herauszufinden, warum mein Garmin meint, ich müsse noch 500hm hinauf – das würde ich trotz beliebig vieler Süßteilchen heute nicht schaffen, passt aber so gar nicht zu dem Landschaftsprofil, das ich im Kopf habe. Ich frage die edlen Herren, und erfahre, dass der Stalheimskleiva Vegen gesperrt ist. Das wäre die Umfahrung zweier Tunnels für Radler, und mit 18% die steilste offizielle Straße, und das immerhin auf 1km! Aber ich darf durch den Tunnel rollen, und werde damit Aussicht und Nervenkitzel gegen Bremsbeläge und Zeit tauschen. Ist mir heute recht.

Teils stehen die alten Brücken noch und sind durchaus sehenswert.
Irgendwo da hinten muss es in den Sognefjord gehen. Schön auch zu sehen, mit wie viel Abstand ich zumeist überholt werde.

Und tatsächlich rolle ich nur noch runter. Die Tunnels sind steil, ich bin froh, dass ich die nicht hoch muss. Erst 1,2 km, dann 1,1km geht es rauschend hinab. Überholen musste mich da niemand. Und als ich unten herauskommen, sind es zwar noch 8km bis zum Wasser, aber ich verrenke mir den Hals, so hoch sind die Wände hier, so eng das Tal. Wow. Nun bin ich fast da, und bremse trotzdem immer wieder, um Bilder zu machen. Das ist das Schöne am Fahrrad: ich kann jederzeit stehen bleiben und behindere niemanden sonderlich. Aber dann bin ich wirklich da und schlage flink und geübt, nur geringfügig tollpatschig, das Zelt auf. Geschafft, trotz allem.

Tadaaa!

Einkaufen muss ich noch, aber erst nach der Dusche. Den Kilometer bis zum Joker radel ich, auch wenn mir nach 5 Tagen im Sattel jetzt der Hintern weh tut. Laufen dauert zu lange. Der Joker ist Tankstelle, Post, Supermarkt und Fastfoodbude, und vielleicht noch mehr, in einem. Und wie in jedem Supermarkt gibt es auch hier ein Regal mit Süßigkeiten zum selbst zusammenstellen. Kinder mit begrenztem Budget in Form einiger Münzen in der Hand können hier Stunden zubringen, um ihre Tüte Süßkram zu optimieren. Lustig mit anzuschauen.

Der alles-in-einem Outpost. Ein echter Joker halt.
Süßkramwahl, gibt es hier überall.

Am Ufer liegen unzählige Kanus und Kajaks. Scheinbar ist das hier der Renner. Mal schauen, vielleicht schaffen wir es im September noch, das auszuprobieren. Lust hätte ich schon drauf, aber nicht jetzt. Ich hab das Fahrrad, um das Land zu erkunden.

Müssen die gerettet werden? Wollen die nicht lieber schwimmen? Ob ich sie ins Wasser schieben sollte?

So, ich bin immer noch etwas trotzig. Essen hilft, vor allem Schokolade. Aber jetzt ist mir klar, was ich heute früh bereits geahnt hatte. Also, gut, es war mehr als nur ne Ahnung, ich geb es ja zu: Ich brauche nen Pausentag, oder zwei. Ob ich morgen hier bleibe, weiß ich noch nicht. Der Platz ist cool, den gibt es auch schon lange, ist prima in Schuss und recht ausgefallen. So gibt es ne ausgebaute Scheune mit kleiner Musikbühne, Bar, Billiard, und Wikingerthron und vielem mehr. Im Juli rockt die Bude vermutlich ganz schön doll. Nur ist jetzt gerade nix los. Ich wüsste nicht recht, was ich hier machen soll… Naja, erstmal ausschlafen, dann wird es mir schon klarer sein.

Trotz ist ne treibende Kraft. Etwas zu trotzen kann helfen. Und ein bisschen trotzig sein hat ja auch was von Durchsetzungsvermögen. Oder Sturheit. Na, jedenfalls bin ich froh, dass ich meinen Trotz diesem Tagebuch habe anvertrauen können. Ich musste beim Schreiben schon sehr viel über mich selbst schmunzeln, und das ist gut so. Dafür schreibe ich ja auch, um den Tag zu reflektieren. Morgen nehme ich mir die Zeit und lese selbst die letzten Tage durch. Dann weiß ich vermutlich gleich, was wir fehlt. Zum Beispiel ne ordentliche Tastatur…

Tag 18: Fjordrollen

Ah, schön geschlafen. Ein ganz kleiner Zeltplatz hat was für sich. Hier standen auch gar keine großen weißen WoMos, sondern eher Autos mit Zelt und umgebaute Busse und sowas. Die typischen WoMo-Camper packen ja ihren Klappsitz aus, glotzen erst aufs Handy, dann auf den Grill, und wenn es draußen zu kühl ist, rotieren die Satellitenschüsseln, und sie glotzen in die Röhre. Bloß nicht weg vom WoMo, bloß nix erleben. Ja, ich übertreibe, aber wirklich nicht viel. Nicht alle sind so, aber man kann von der Fahrzeugausstattung fast schon ein bisschen auf die Erlebnisfreude schließen.

Na, hier war es anders, und sehr angenehm. Irgendwann mitten in der Nacht ist wer losgefahren, vermutlich zur Trolltunga. Überhaupt, in Røldal und auch hier: nahezu jeder war gerade oder will gleich morgen auf die Trolltunga. Google es, wenn es dir nix sagt. Das Bild kennst du garantiert. Angefangen hat das wohl erst vor einigen Jahren, und seither hat Norwegen Mühe, die Touriströme zu kontrollieren. Die Wanderung ist nicht ohne mit 13km hin, 1000hm dazu, und 13 km zurück, dazu noch stundenlang anstehen für das Foto. Das in Sandalen, Shorts, ner Fanta und nem Snickers bewaffnet… Da freut sich die Bergrettung.

Aber ich kann es auch verstehen, denn schön ist es da oben durchaus. Wir sind vor einigen Jahren 6 Tage durch die Hardangervidda gewandert und kamen aus der Wildnis von oben her zur Trolltunga, ohne zu wissen, wie überlaufen das ist, daher weiß ich, dass es da hübsch ist. Andere Geschichte. Ich rolle heute den Hardangerfjord entlang, und früh geht es los, denn ich will mich gern erholen. Um 10:45 geht die Fähre von Utne nach Kinsarvik, die will ich kriegen, und damit den Nachmittag pedalfrei haben. Es rollt auch gut heute früh, ausgesprochen gut.

Blauer Himmel? Ich mag nicht schon wieder Sonnencreme nehmen müssen!
Ein riesiges Land, oben Fjell, dann steil, unten an der schmalen Fjordküste ein Streifen landwirtschaftlich nutzbar. Da ist menschliches Leben.

Es zieht zu. Nein, das stimmt nicht. Eher bilden sich Wolken, wie Bänder auf einer Höhe entlang der Fjordwand. Als würde sich der Fjord elegant einen flauschigen, kuschelweichen, weißen Schal um die Schultern legen, und das Haupt noch von der Sonne wärmen lassen. Danke. Das gibt schöne Bilder, macht nicht so warm, und vermeidet Sonnenbrand.

Und dann die Sonnenstrahlen durch das Wolkenband! Yeah!
Vielmehr als Fjord gibt es heute nicht zu sehen, sorry.

Ich liege gut in der Zeit, aber die Wolkenstimmung lässt mich immer wieder bremsen und Bilder machen. He, was ist das da? Die Fähre von Kinsarvik nach Utne? Ob ich es vor ihr zum Anleger schaffe? Hmpf, so viel zu „ruhiger, gemütlicher Tag“. Mein sportlicher Ehrgeiz ist geweckt, und es geht schön flach – also jetzt echt richtig wirklich flach – dahin. Das bin ich gar nicht gewohnt, trete fast wie am Berg, und auf dem Tacho steht immer was zwischen 25 und 30 km/h. Wow.

Wer ist schneller? Gemütlicher hat es sicherlich der Kapitän.

Ich bin tatsächlich etwas schneller da, und darf zur Belohnung verschnaufen. Auch diese Fähre ist kostenlos für Fußgänger und Radler, sehr cool. Von den Autos werden die Nummernschilder gescannt, darüber wird abgerechnet. Im Salon gibt es Kaffee! Süßteilchen vielleicht auch? Nee? Ah verflixt.

Die Sicht ist phänomenal! Hab auf der App Norgeskart noch gespickt, wie tief der Fjord ist. Also da, wo ich gezeltet habe, waren es 380m, hier wo die Fähre gerade fährt und mehrere Fjordarme zusammenlaufen, sind es über 700m! Die Berge daneben sind teils über 1500m hoch. Ich sag ja, Fotos taugen nix, um das zu vermitteln, sind höchstens ein müder Abklatsch des Erlebten. Naja, muss genügen. Umgekehrt ist es ja auch gemein, wenn das Foto genial, die Realität dann ernüchternd ist. Dann lieber so.

Die Dame hat den Schal nun um die andere Schulter gelegt. Ich will hier wochenlang Zeitraffer machen!
Da sieht man, wer hier regelmäßig fährt. Die drücken sich nicht die Nase an der Scheibe platt.

Es ist 11:30, nur noch 30km vor mir, jetzt hab ich wirklich Zeit. Gemütlich und mit schön hoher Trittfrequenz, also minimalem Krafteinsatz, pedaliere ich weiter. Öfter sehe ich Obst zu kaufen, leider nie jemand dabei, den ich fragen könnte, ob ich einfach ne handvoll Früchte kaufen kann. Ein ganzes Körbchen kriege ich nicht zerstörungsfrei transportiert. Dann würde ich lieber gleich Marmelade kaufen.

Obst am Straßstand, Bezahlung auf Vertrauensbasis

Bald ist das Highlight von heute zu sehen, die Hardangerbrua. „Bru“ heißt „Brücke“, das „a“ am Ende ist der bestimmte Artikel. Brücken sind hier eindeutig weiblich, so wie Hytta. Klar. Hier heißt eh alles Hardanger-irgendwas, also auch die einzige Brücke im zweitgrößten Fjord Norwegens. Als wir 2010 hier waren, befand sie sich noch in Bau, wurde erst 2013 fertig gestellt. Wir sind noch mit der Fähre übers Wasser. Übers Meer. Irre, dass dies das Meer ist.

Noch fast 10km bis zur Brücke.

Autos fahren durch nen Tunnel, darin ein Kreisel zum Abzweigen, geradeaus oder über die Brücke. Mit dem Rad werde ich umgeleitet und darf auf ruhigem Wege mit Ausblick ran. Ich komme auf den Rastplatz, mampfe Lieblingsmüslikekse, und warte, bis die vielen Leute weg sind, bevor ich Bilder mache. Ja, das Bauwerk ist ne Attraktion. Immerhin überspannt die Brücke 1380m, die Fahrbahn ist 55m über dem Wasser, die Pfeiler sind 200m hoch!

Über der Brücke gibt es nen Rastplatz mit Ausguck.
Die Spur rechts ist für Fußgänger und Radfahrer. Absolut vorbildlich hier.
Drüben geht es für Autos direkt in nen 8km langen Tunnel, ich hingegen komme runter an die Straße entlang des Fjords.
So, genug Bilder von dem Ding.

Ich zeige so viele Bilder davon, weil dieses gigantische Bauwerk vielleicht etwas hilft, die Größe des Fjords zu vermitteln. Die Brücke wirkt klein in der Landschaft, fragil und nichtig. Irre.

Da der Verkehr durch den Tunnel verläuft, ist die Strecke am Fjord entlang sehr ruhig. Und so rolle ich gediegen den Rest bis nach Ulvik. In dem kleinen Örtchen steht ein gigantisches Hotel, von dessen Business Model ich mir keine Vorstellung machen kann. Was fahren Leute hierher ans Ende des Fjords, um in einem riesigen Hotel zu wohnen? Hier kann man ja auch nicht viel machen. Bleiben die Gäste dann ne ganze Woche? Was machen die den ganzen Tag lang? Merkwürdig.

Der Campingplatz ist dagegen super. Eine prima ausgestattete Küche lässt keine Wünsche offen, die Duschen sind ordentlich und kostenlos und schön heiß, die Hütten sehen gemütlich aus. Natürlich Zelte ich. Heute früh kam die Sonne zu spät über den Berg, so dass das Zelt patschnass ist. Geregnet hatte es nicht, aber hier gibt es jeden Morgen richtig viel Tau. Ich dusche und wasche Trikots, und danach ist das Zelt schon trocken. Hier ist es schön.

Zelt am Wasser, mal wieder der Premiumplatz 🙂

Heute muss ich mich regelrecht wehren, damit ich nicht gefüttert werde. Nein, abgemagert bin ich definitiv nicht! Aber als Radler bekomme ich hier von vielen Respekt und Ermutigung, sogar viele Motorradfahrer grüßen oder geben nen Daumen hoch. Ich kriege Übung, meine Story kurz zu fassen. Im Moment sag ich gern „Yeah, I chose my suffering. And it seems I tend to like it“. Ich kann aber auch einige Tipps und Infos geben, was sich zu sehen und erleben lohnt. Da schau ich natürlich vorher, woran die Leute interessiert sind, wie wandertauglich sie sind, wo sie etwa hin wollen. Macht Spaß, aber irgendwie ist dann doch der Tag wieder rum. Wieder kein Nickerchen.

Camping per Wasserflugzeug? Naja, bisher lagen fast alle Zeltplätze am Wasser.

Heute waren meine Muskeln das Limit, nicht das Knie. Danke vor allem an Manfred und Holger für die Tipps, was ich machen kann, aber auch Dank für jeden Zuspruch! Das hilft schon, wenn man alleine im Zelt sitzt und sich fragt, wie lange man wohl noch durchhält. Ich glaube, das geht jetzt ganz weg. So kann ich mich voll auf die kommenden Abenteuer freuen!

Tag 17: Gletscher in Sicht

Spät geschrieben, lang geschlafen. Um 8 steh ich auf. Puh, frisch war es die Nacht, musste den Schlafsack, dessen Spitzname „Bratröhre“ ist, sogar zu machen. Ein blauer Himmel verspricht schönstes Wetter, ich komme nur allmählich in die Gänge. Richtig lebhaft werde ich, als mir Backduft in die Nase weht: hier werden frische Brötchen gebacken, sogar mit Sauerteig! Irre! Zwar kostet eins 17 Kronen = 1,70 €, ich nehme trotzdem 4 Stück – 2 für gleich, 2 für morgen. So darf das losgehen. Mjam!

Irre! Sauerteigbrötchen, selbst gemacht, leckerer als daheim.
Da bleibt das Müsli stehen. Dank Wasserkocher in der Küche braucht es den Benzinkocher heute nicht.

Der Berg gibt Schatten, Bäume geben Schatten, alles braucht länger zum trocknen. Noch ne Runde mit Kamera zum See. Dann werde ich noch 2 mal angequatscht und unterhalte mich ne Weile. Von Michi und Dagmar bekomme ich sogar noch Kaffee. Als die beiden sich davon machen, komm ich auch endlich in die Gänge. Um 12 Uhr sitze ich endlich auf dem Rad. Viel zu spät, die Sonne brät. Und erstmal geht es auf ner Hauptverkehrsader los. Unangenehm. Geht, aber schön ist anders. Die Routen, die ich mir ausgesucht habe, sind offenbar gut gewählt, denn meist ist es da einsam.

Überall Stromleitungen. Unterirdisch verlegen geht hier nicht, alles felsig.

Den ersten Tunnel, der im Berg sogar ne Schleife dreht, umfahre ich. Da rauscht ein Rennradler an mir vorbei, mit irre trainierten Beinen, wusch. Ich rufe ihm hinterher, ob er nicht ne Tasche von mir nehmen will, das sei prima fürs Training. Er macht langsamer, wir kommen ins quatschen, merken bald, dass wir es beide gleichermaßen lieben, uns über Berge zu quälen. Er begleitet mich, und ratz fatz haben wir 400hm hinter uns, die Hälfte der heutigen Tour. Danke, Tor Ove – sogar ein Namensvetter! Er ist kommendes Wochenende am Fuße der F55, der höchsten Passstraße Norwegens. Da will ich auch drüber. Vielleicht schaffe ich es bis dahin, dann sehen wir uns dort, verspricht er mir.

Als wir die große Straße verlassen und die alte Passstraße nehmen, brauche ich ne Pause, er nicht, so verabschieden wir uns. War aber ein gutes Tempo, und binnen 1h Fahrzeit schaffe ich 500hm. Mit dem Rennrad daheim gingen auch 700 oder 800, aber da sind 35kg weniger dran, und dann bin ich auch ausgeruht. Ich bin top zufrieden. Vor allem zickt mein Knie nicht! Hey, fleißig weiter dehnen und so, das wird ja tatsächlich! Als ich das feststelle, freue ich mich und gebe Gas. Naja, zumindest kurz. Die Beine sind trotzdem müde, so bremst mich der Berg schnell wieder ein, und ein ruhiger Tag wäre schon mal wieder gut.

Hmm, nur knapp unter den Grenzen, ich will es wagen.

Skigebiet ist hier. Der Blick zurück ganz nett aber sonst eher… Okay. Angenehme 8% Steigung, relativ konstant, so schraube ich mich weiter rauf. Die Luft wird allmählich ein wenig dünner – zumindest schiebe ich meine zunehmende Erschöpfung darauf. Im Kopf rechne ich aus, dass auf 1000m Höhe nur noch etwa 88% des Luftdrucks auf Meereshöhe herrschen müssten. So gehen wieder ein paar Minuten ins Fjell, in denen ich vor mich hin trete. Nee, hier ist nicht jede Minute spannend und abenteuerlich. Die längste Zeit hechle ich mühsam und langsam den Berg rauf. Das muss man sich schon antun wollen.

Yay! Hinten der See, an dem ich gezeltet hatte.

Aber dann flacht es ab, und ich bin auf dem Pass. Noch ne Kurve, und ich schaue auf den Folgefonna, den Gletscher, der westlich über dem Hardangerfjord liegt. „Dach der Welt“ fällt mir ein, denn er fließt nicht zwischen schroffen Gipfeln hinab, sondern bedeckt den ganzen Bergrücken. Kein Fels ragt oben hinaus. Und jetzt die Abfahrt, von knapp über 1000m bis hinab auf 0. Naja, also hoffentlich nur bis auf 5, denn Baden wollte ich nicht gehen. Aber auf die 5 kann ich gut verzichten, wenn sie trockene Füße garantieren.

Über den Pass, 1060m hoch, Blick auf den Gletscher Folgefonna. Wow.

Bald wieder auf der Hauptstraße geht es lang hinab, ewig rolle ich, trete etwas dazu, genieße das Rauschen, den Rausch. All das Tempo hab ich ja selbst aufgebaut, mühsam, Tritt für Tritt. Und jetzt entlädt sich die Lageenergie in Freude. Wooohooo!

Die 1000hm Abfahrt ist herrlich!

An der Straße liegen einige Wasserfälle. Besser: sie fließen. Oder gut, ja, sie fallen. Oder? Ach, egal, jedenfalls sind sie auch für norwegische Verhältnisse durchaus ordentlich, so dass ich öfter mal halt mache und fotografiere. Hier nur mal 3 der vielen. Irgendwann bremst man kaum noch. „Ah da wieder einer, auch ganz hübsch“ denke ich mir bei nem Fossen, der in Deutschland überregionaler Tourimagnet wäre. Hier werden Standards gesetzt.

Einer von vielen.
Und noch einer.

Und endlich in Odda. Zwischendurch hab ich gesehen, dass der Laden, in dem ich das Ladegerät für die Akkus der Kamera holen will, nicht mehr lange offen hat. Also zügig in die Innenstadt, und ich bin sofort überwältigt von den vielen Menschen, dem Verkehr, dem Betrieb. Auweia. Also rein in den Laden, Verpackung da gelassen, raus. Elektronik erinnert mich gerade eh zu sehr an IT und damit an die Welt, die ich ja aus meinem Kopf raus haben will.

Kaffee und Süßteilchen hätte ich gern, aber es ist schon 16 Uhr, ne Stunde hab ich noch zu fahren, und in dem Norf-Süd-verlaufenden Fjord ist bald die Sonne weg. Also weiter. Die Cafés machen eh gleich schon zu. Noch im Coop Kalorien shoppen. Heute gibt es Nudeln, ich hole Tomatensauce mit Knoblauch im Glas, Osaft, und die Liebmingsmüslikekse, die schon wieder verdampft… ääh, vermampft sind. Mehr brauche ich gerade nicht, und so sitze ich bald wieder auf dem Rad.

Odda am Ende des Fjords.
Mal wieder 2 Tunnel heute. Schnell das Rücklicht einschalten.
Blick zurück ist immer Grund für ne kurze Pause.
Und noch einer. Merke: oben Gletscher + viel Regen + warmer Sommer = Fossen ohne Ende

Die Fjorde haben ein ausgesprochen mildes Klima, und so wird hier Obst, ja sogar Erdbeeren angebaut. An Straßenständen kann man Saft und Früchte kaufen. Aber was will ich mit 3kg Äpfel? Vielleicht kann ich ja morgen mal fragen, was 1 Apfel kostet 🙂

Fjorde sind Obstanbaugebiet. Äpfel und Pflaumen am Straßstand zu kaufen.

Endlich komme ich an dem kleinen Campingplatz an. Eine Rezension auf Google lautete etwa „hier gibt’s ja nichts, nur ne winzige Küche, Selbstbedienung, winziger Platz…“ – perfekt, denke ich mir, und mache hier halt. Tatsächlich ist alles da, was man braucht. Platz aussuchen, um 19 Uhr kommt jemand, dann bezahlt man. Die Hütten hier sind auch sehr minimalistisch, eben genau das, was man für ein oder 2 Nächte benötigt, und nicht gleich ein Ferienhaus. Perfekt. Ich zelte aber natürlich. Lektion: meine Tollpatschigkeit beim Zeltaufbau ist ein guter Gradmesser meiner Erschöpfung. Morgen mach ich low.

Ich koche meine Nudeln auf dem Herd – viel zu viele, der ganze Topf ist voll! Aber ne Stunde später sind sie verschnabelt. Waren ja auch wieder über 2000kcal, die ich heute in Verdunstung und Reibungswärme verwandelt habe.

Eigentlich wollte ich weiter zum Vøringsfossen, aber als ich das geplant hatte, hab ich mir die Details nicht so genau angesehen. Jetzt sieht das gerade wie ein irrer Umweg aus. Das würde sich nur lohnen, wenn ich da oben zelten würde, oder weiter über die Hardangervidda fahren würde. Aber hoch fahren, Wasser angucken, und wieder runter fahren… Irgendwie gar nicht reizvoll gerade. Ich glaube, ich verschiebe das. Ich will ins Fjell, und ich will Passstraßen fahren, und Fjorde entlang. Das macht mir gerade mehr Freude. Also gibt es morgen ne kleine Tour mit wenig Höhenmetern, und den Vøringsfossen ein andermal.

Ähm… Fjordglühen?

Zwar hab ich jeden zweiten Tag jemandem knapp erzählt, was ich beruflich gemacht habe und weiter machen werde, aber irgendwie wird das immer surrealer, abstrakter, ferner. Die erlebte Realität hier jeden Tag ist derart anders, dass diese Arbeitswelt echt weit weg ist. Dabei habe ich erst 2 Wochen hinter mir, und es dürfen noch 4 weitere werden. Klar, wenn ich von meinem Beruf erzähle, flammt sogleich wieder der Enthusiasmus auf. Aber ich rede lieber über das hier und jetzt, oder höre Leuten zu, was sie bewegt, wie es ihnen hier ergeht.

Allmählich wird das Reisen hier normal. Aber es werden noch Kälte und Wind und Regen kommen. Die Tage werden spürbar kürzer. Es ist Spätsommer, und dafür gerade sehr angenehm. Ich bin gespannt, wie es wird, wenn das Zelt nicht mehr trocken wird, ich ständig die Regensachen an- und wieder ausziehe, und am Tag noch weniger Zeit bleibt, weil es weniger Sonne und Licht gibt. Auch wird es im September einsamer werden, weniger Leute werden unterwegs sein. Es bleibt spannend.

Tag 16: Übers Fjell nach Røldal

Tief und fest geschlafen, längst nur noch am Schlummern, wirft mich um 8 die Sonne endgültig aus dem Zelt. Ich bin verplant, hab schwere Beine und mach mir viel zu viel Müsli. Zum Tee kochen hab ich keinen Nerv, hab ja auch noch Osaft. Frühstück ohne Tee ist denkbar, und auch möglich. Hätte ich nie gedacht.

Die Italiener haben ihre Motorräder schon fast fertig gepackt. Die fahren auf dem Weg nach Kristiansand noch flink in Lysebotn vorbei. 350km, passt schon – Höhenmeter will ich gar nie niemals nicht wissen. Motoren sind echt irre. Das wird einem irgendwie erst so richtig klar, wenn man nen Berg hoch schnauft, und dann zieht ein tonnenschweres Auto mal eben – wuuusch – an einem vorbei und beschleunigt bergauf auf ein Tempo, das ich bergab niemals haben will. Im Auto ist das natürlich völlig normal, aber was da für Energien freigesetzt werden… Krass.

Aber ich muss erstmal los. Die beiden Reiseradler neben mir sind etwas motivierter und kommen besser in die Gänge, und irgendwie treibt mich das an. Klar, ich könnte hier auch nen Tag Pause machen, aber ich mag den Platz nicht, ist zu groß, ungemütlich. Ich fahr mal los, zur Not Zelte ich irgendwo unterwegs. Bis nach Røldal packe ich es heute wohl kaum. Irgendwann ist auch der Müsliberg aufgemampft und die vielen Kleinigkeiten finden ihren Weg in die vielen Taschen. Los jetzt. Immerhin, um 10 Uhr bin ich unterwegs.

Die Norweger und ihre gepflegten Rasen. Ich komme d nochmal drauf zurück, versprochen.

Noch nicht ml aus dem Ort raus, hab ich 100hm und mache Pause. Dehnen, warten. Das mach ich jetzt regelmäßig, denn gestern war hart und kontraproduktiv für’s Knie. Dieses merke ich auch deutlich. Grmpf. Also mal sehen, jeden Meter, den ich heute fahre, brauche ich morgen nicht zu fahren. Bald geht es an den Fluss, und dann auch bergauf. Garmin meldet: 840hm über 17km, dann sei ich im Fjell. Puh. Bald schon die nächste Pause, und die nächste. Die beiden anderen Radler, die ne gute viertel Stunde vor mir los sind, sehe ich sicher nicht mehr.

Unten noch ruhiger, wird der große Bach bald zur Klamm. Tief eingeschnitten, die Straße immer höher darüber. Bald im Hinterdorf, dort die Schranke, welche den Pass für den Winter schließt. Und dann 1.5km mit 11% – ich schiebe. Ja, nicht nur da, später schiebe ich auch nochmal. Diesen Steigungen bin ich heute nicht gewachsen, mir fehlt die Power, die Oberschenkel sind lahm, die Motivation ist löchrig, und das Knie jault bei sowas auch laut. Zum Zelten noch viel zu früh, und hier geht das eh nirgends, also gibt es nur eine Richtung: rauf.

So richtige Freude kommt heute gar nicht auf. Bin ich schon abgestumpft? Nee, das Land ist immer noch irre schön.

Pause steht mal wieder an, und hey, da ist ja sogar ne Bank mit Tisch, und Wasser fließt hier auch. Und da picknicken gerade die beiden Radler. Irre. Bin ich doch nicht so langsam heute, oder sind die auch nicht schneller? Ich mampfe total leckere Müslikekse, meine neuen Favoriten hier. Wir plaudern und fahren gemeinsam weiter. Er ist irre fit, sie hat nen beneidenswert leichten ersten Gang und macht es sich damit gemütlich. Dazwischen bin ich unterwegs, passt ganz gut. Ach ja, natürlich Deutsche. Sonst tut sich das ja keiner an.

Da hinten kommt schon das Oben in Sicht, yeah!
Na, was bedeutet das wohl? Fe ist Vieh, und Rist ist Rost. Also macht es gleich wieder BRRRRRR wenn ich über den Viehrost fahre, der den Schafen fies den Weg abschneidet.
Wer entdeckt das Haus?

Allmählich kommen wir doch hoch. Das Tempo ist irre niedrig, aber ist ja auch steil und lang. Letztes Jahr bin ich auf den Kandel bei Freiburg geradelt, das war nicht höher. Puh. Zum Glück mache ich Fotos, das sind auch kurze Pausen. Und irgendwie schaffen wir es rauf, wieder aufs Fjell. Wow. Der große Anstieg liegt hinter uns. Es ist 14 Uhr, meine Beine werden nicht müder, aber auch nicht fitter. Ist okay, damit geht es weiter. Und das Knie hält sich wacker, wenn auch nicht toll. Ich glaube, wenn ich die Fähren nochmal alle prüfe, könnte das echt noch gut werden.

In den Nordhängen der Berge liegt noch Schnee vom letzten Winter!
Und überall Wasser, sogar ganz oben.
Ja, das bin ich. Hier nicht Radeln zu dürfen wäre Bestrafung!

Hier oben fühle ich mich irre wohl. Es ist nie flach, geht wie ne Achterbahn kurz steil rauf, runter, kurz gleiten, sachte anziehen, plötzlich steil, immer Kurven, immer neue Ausblicke, neue Seen und Berge und Kurven und kleine Teiche mit Wollgras und Felswände. Und Kurven. Und Pausen.

Verkehr ist wenig. Hauptsächlich WoMos und Motorräder. Nur ein Karlsruher überholt eng, sonst echt lässig.
Wollgras, leider schon ganz zerzaust. Da würde man gern Zelten, weil hübsch, aber wo das steht, ist es immer nass.
Der letzte Anstieg, nochmals 120hm. Kurz vor der Kuppe der Blick zurück. Hier könnte ich jeden Tag fahren.

Und dann ist es geschafft, ab jetzt geht es nur noch bergab. Immerhin rauf auf 960m hab ich mich getreten, direkt vom Meer unten. Die beiden Reiseradler haben mir geholfen, haben mich mit gezogen, ohne ziehen zu müssen. Ich bedanke mich bei ihnen, auch sie haben es genossen, mal jemanden dabei zu haben. Sie wollen wild Zelten und morgen gen Osten, dann bald heim. Naja, heim müssen sie, wollen noch lange nicht. Aber unsere Wege kreuzen sich wohl nicht mehr, und so verabschieden wir uns, und ich rolle gen Tal. Trotz Sonne ist es frisch, und ein Leibchen gegen das Lüftchen hält mich warm.

Diese Seen, dieses Blau, dafür bremse ich gern. Und dahinter lässt sich das Tal erahnen, in das es hinab geht.
Tadaaaa!

Der Übergang ist krass: eben noch im Gebirge oben, geht es zwischen steilen Felsen hindurch, und plötzlich öffnet sich alles, vor mir liegt Røldal. Wow. Da ist es wieder, das Gefühl, das ich in Lysebotn hatte! Nicht ganz so intensiv, aber ich genieße den Moment, verweilte einige Zeit hier oben und freue mich einfach.

Noch 400hm bis unten. Ist nur ein See, kein Fjord diesmal.
Die Kreuzung. Schaffe ich es noch bis Odda? Sind von hier  ja nur 500hm. Nee, mach ich morgen.

Weiterfahren wäre nicht möglich. Ich bin platt, als ich auf den Zeltplatz rolle. Nur WoMos, kiene Zelte, keine Radler. Hm, wohin nur? Wie ich da stehe, kommt einer auf mich zu und meint, die hätten da ne Bank-Tisch-Kombo in Beschlag genommen, die könnte ich sicher brauchen, und da sei noch Platz. Dankbar für die Entscheidungshilfe und die nette Art folge ich Michael, der mit Dagmar in nem uralten Mercedes T1 „Bremer“ unterwegs ist. Das ist deutlich weniger spießig, die beiden sind cool drauf.

Ich bin echt durch, habe Probleme, das Zelt aufzubauen. Fast schon peinlich. Ich darf Garmin und Handy laden, und die beiden teilen ihre frisch gebratenen Spiegeleier mit mir. Also erstmal Brotzeit und quatschen. Und wie ich mich zum Duschen aufmachen will, packt Michael seine Kamera aus. Ich schiele aufs Modell und staune: ganz nah an meinem. Ob er das Ladegerät dafür dabei habe, frag ich. Ja klar, hat er. Und so darf ich, nur noch nen halben Tagesritt von Odda und dem dort auf mich wartenden Ladegerät, hier meinen Akku laden. Also da fängt man echt an, an Vorhersehung zu glauben! Ich krieg mich nicht mehr!

Direkt neben uns gärtnern ein paar Ziegen die jungen Triebe zurecht.
Da hat sich was verlaufen. Ein nagelneuer Zetrus 6×6. Der gehört auf Expedition, nicht hierher! Den WoMo-Vergleich gewinnt der einsame Besitzer, ich kriege Nackenschmerzen vom Kopfschütteln

Wir sitzen noch lang und erzählen. Total spannend, und schön. Seit 30 Jahren fahren sie ihren Bremer, und wollen gar nicht mehr anders. Dagmar holt nen Kirschlikör raus, während wir über das Reisen, die Arbeit, die Camper, und vieles mehr sinnieren. Leider komm ich wieder erst spät ins Zelt, aber das hat gut getan.

Heute war wieder ein echt schöner Tag. Miefig angefangen, aber hat sich schön gemacht. Die wundervolle Landschaft und die zufälligen Begegnungen lassen diesen Urlaub wie ne echte Reise anmuten. Es ist auch kein Urlaub, jedenfalls ungewöhnlicher als alles, was ich bisher hatte. Und das ist gut so. Die alte Welt ist schon ganz weit weg. Ich glaube, ich mach hier was richtig.

Tag 15: Fährenfahrgefahr

Es ist schon spät, ich bin kaputt. Muss mich kurz fassen heute. Also: Urlaub, halb 7klingelt der Wecker. Frühstück, Dehnen, Packen, Hausputz, um 9 auf dem Rad. Fühlt sich gut an, geht gut los, gemächlich. Mache Pausen, ganz brav. Uwe brav, Knie brav. Wetter brav. Landschaft wild.

Blick zurück, nach 2 Stunden bin ich gemütlich 600hm rauf. Pausen sind gut, Zeit lassen, ist ja nicht weit heute.
Garten am Wegesrand erfreut mich immer wieder

Hinab, yay, ins Tal des Flusses Suldalslågen. Schöner Fluss, den geht es gemütlich hinab bis nach Sand. So heißt der Ort, an dem die Fähre mich rüber nach Ropeid bringen soll. Pause, Dehnen, mampfen. Yeah, so geht das gut. Mir geht es gut.

Der Suldalslågen, echt hübsch.

Kleine Überraschung: Keine Fähre, seit 2015 nicht mehr. Lektion heute: alle Etappen und Fähren im Detail prüfen. Besser so. Also Umweg von 30km, insgesamt noch 55km, es ist 13 Uhr. Das passt doch gut, geht doch nur am Fjord entlang. Hmmm. Zum ersten Mal fahre ich ohne Plan, welche Höhen und Tiefen mich erwarten, und das bringt bald tiefe Erkenntnis: fahre in Norwegen nicht aufs Geratewohl drauf los, wenn du nicht weißt, wie viel es rauf und runter geht.

Die Strecke ist schön, anders als bisherige Fjorde. Fjord ist halt auch nicht gleich Fjord. Endlich fahre ich nicht mehr nach Süden, biege ab, durch nen Tunnel mit Steigung. Dann noch einer. Ich gewöhne mich dran. Endlich an der Brücke, die über den Fjord führt. Davor 2 Tunnel, dahinter einer. Seit Sand hab ich schon 4 Tunnels hinter mir, es folgen noch etwa trölf, mal bergauf, mal bergab. Runter ist definitiv lustiger.

Hinten die Brücke über den Fjord. Sie hat die Fähre abgelöst.
Sand am anderen Ufer. Ich bin gar nicht bis ins Dorf, obwoh es nett sein soll. Vielleicht hätte ich ja jemanden überreden können, für mich Fähre zu spielen?

Natürlich ist das zu viel heute. So brav erholt, und jetzt fressen mir die Höhenmeter die Zeit und Erholung auf. Auweia. Es läppern sich ganz schön viele zusammen. Sorry, an was Anderes kann ich heute nicht mehr denken, das beschäftigt mich einfach. Natürlich zickt das Knie wieder. Bis Sand war alles super, aber 1700hm am Tag sind einfach zuviel. Umso mehr freue ich mich, als es am Ende lange sacht bergab geht.

Die Straße führte zwischen 50 und 250hm am Fjord entlang, die Sicht war immer wieder klasse.

Und letztlich schaffe ich es um 18 Uhr auf den großen Campingplatz, der ein bissl übermäßig reguliert ist. Mir sind die Kleinen lieber. Dafür hat er nicht mal nen Kiosk, so dass ich noch nach Sauda rein Düse und Kalorien shoppe – wieder 7km . Es wird früh kühl heute, vielleicht bin ich auch nur ein bissl erschöpft. Strava meint, ich hätte heute 3600kcal verbraten. Wieviele Nudeln wären das? Ach, ich mach den Topf einfach mal voll, dazu Tomatensoße mit Knoblauch. Duschen, Kram räumeln, Essen… ratz fatz ist es duster.

Ob ich morgen wieder radeln kann? Oder muss ich hier ausharren? Oder radel ich mal los, schau wie weit es geht, und Zelte wild? Bis Røldal sind es wieder 1100hm. Hmm. Ich glaub, ich schlaf erst mal aus, so bis um 8, das wär mal was. Schau mer mal, dann seh mer schon.

Diesmal nicht so romantisch idyllisch wie sonst. Aber es sind noch ein paar Nudeln da. Mjam!

Tag 14: Bewegungsdrangkontrolle

Eigentlich könnte ich heute schon wieder weiter. Eigentlich. Aber eigentlich braucht Heilung meist länger, als man glaubt. Der Bewegungsdrang ist fies, ich will am liebsten loshüpfen und laufen und treten und düsen. Immerhin läuft eine kleine, fast vollständig impulskontrollierte Testfahrt hervorragend. Morgen geht es weiter als nur zum Supermarkt. Impulskontrolliert bleibe ich heute auch weitgehend mit der Kamera, es gibt nicht schon wieder die gleichen Bilder vom selben Fjord – auch wenn das Licht heute wirklich wieder anders ist, und ich immer noch gern einfach raus schaue. Aber das würde sicherlich langweilig. Überhaupt darf es hier im Blog auch mehr geben als nur Landschaftsbilder, oder?

Früh bekomme ich Besuch, diesmal gefiedert. Meine Ornithologenhotline verrät mir, dass es ein Flussuferläufer ist, der hier meine Terrasse abschnabelt und bis auf nen Meter an mich heran kommt. Nur die Glasscheibe und 300mm Objektiv trennen uns. Entsprechend bildfüllend ist der kleine Piepmatz auf den Sensor gepinselt. Leider fehlt mir die Übertragung der Bilder aufs Handy, da bin ich gerade gänzlich unvorbereitet, also bleibt nur der schäbige Versuch, das Bild vom Kameradisplay abzufotografieren. Ich weiß, das ist unwürdig für sowohl mich als auch das süße Vögelchen, aber mir bleibt gerade keine Wahl. Mal schauen, was dabei herauskommt.

Flussuferläufer inspiziert die Terrasse, reinigt die Fugen.

Oh, gar nicht so übel. Auf der Kamera ist der Kleine natürlich gestochen scharf. Besonders scharf war auch, als später 3 Mittelsäger vorbeikamen, 2 Männchen und ein Weibchen. Die waren nur 20m vom Ufer und haben Grünzeug verschnabelt, sich geputzt, und gelegentlich getaucht. Als einmal einer der Herren tauchen war, springt ein Fisch nen guten halben Meter aus dem Wasser, schier über nen anderen Mittelsäger drüber! Ganz knapp hab ich es verpasst. Aber Fische sehe ich hier öfter welche springen, ganz einzeln, scheinbar einfach so. Keine Ahnung, was für ne Party da unter Wasser abläuft, oder ob der dann ne Wette verloren hat oder so. Die springenden Fische sind auch nicht gerade winzig, eher so 30-40cm lang. Plitschplatsch.

Federkleid geputzt, jetzt ausschütteln, damit das Gefieder wieder schön fluffig ist.

Der kleine Sandstrand ist kurz, und trotzdem gibt es was zu entdecken. Zum Beispiel eine Qualle, die so merkwürdig gefärbt ist, dass es wirkt, als habe der Strand ein Auge, das mich anschaut. Ich habe als Kind nie mit Quallen gespielt und kenne nur ein paar gruselige Geschichten mit den üblichen zu treffenden Gegenmaßnahmen, auf die ich gerade verzichten möchte. So lasse ich das Strandauge liegen und gehe meines Weges. Ich starre gar nicht so lange zurück, würde ja eh zuerst blinzeln müssen.

Da schau her, es schaut zurück.
Knapp oberhalb der Wasserlinie wächst dieses Kraut. Sieht hübsch aus, aber der Gärtner hat das Namensschild nicht dazu gesteckt. Was ist das?

Im Supermarkt kaufe ich Abendessen. Später gibt es Nudeln, angebratene Paprika, Erbsen, darüber grünes Pesto. Und ich kaufe Marmelade, denn meine Solbær (schwarze Johannisbeere) ist leer. Endlich gibt es Moltebeere! Die gibt’s nur im Norden, ist teuer, und was Besonderes. Moltebeere sind ganz kleine Pflanzen, von denen jede nur genau eine Beere trägt, so groß wie eine Himbeere. Sie wachsen rot und reifen auf gelb ab. Sie reifen auch gepflückt in der Sonne über 2 Wochen gut nach. Im Fjell wachsen sie wild, kultivierter Anbau ist bisher nicht wirtschaftlich tragbar gelungen. Ich hoffe, ich finde noch ein paar oben im Fjell zum direkt essen. Norweger essen sie gern an Weihnachten, heiß mit Sahne und etwas Cognac. Bis dahin friert man sie ein.

Der ganze Supermarkt ist so klein wie die Nudelabteilung eines durchschnittlichen Rewe, aber es gibt sogar glutenfreie Kost.
Natürlich bekommt man auch alles, um angeln zu gehen, inklusive Rute. Ob die noch ans Fahrrad passt? Vielleicht senkrecht als Fahnenmast mit Norwegenflagge dran?

Verkehrsschilder sind hier übrigens auch lustig. Zum Glück verrät das Bild, um was es hier geht – eben nicht um dampfende Flatulenzen. Muss mal schauen, ob ich noch mehr solcher false friends finde 🙂

Die nydelige (=niedliche) Hytta ist übrigens super eingerichtet. Man weiß nie so genau, was man bekommt wenn man aufs Geratewohl eine mietet, aber hier fühle ich mich echt wohl. Hyggelig ist das richtige Wort, übersetzt sich am besten mit gemütlich. Und wie ich aus dem Fenster schaue, sehe ich noch 2 ganz merkwürdige Vögel. Muss später nochmal die Hotline bemühen, um herauszufinden, was das ist.

Lustig finde ich die Treppe über der Küchenarbeitsplatte. Hübsch auch das einzige Bild in der Bude, ganz links.
Mein Vorbild – ich übe den lässigen Blick noch. Meine Pfeife muss ich auch noch fertig schnitzen.
Ob die Piepen piepen?

So, jetzt die Pflicht, dann die Kür. Dank Rückmeldung weiß ich, was ich zu tun habe: Dehnen, Dehnen, Dehnen, und am besten noch ne Faszienrolle bemühen. Dabei bin ich gar nicht in Dehnemark, aber ist ja auch Skandinavien. Auf dem Papier zumindest. Eine Faszienrolle hab ich schnell improvisiert. Aua, das muss gut tun, so wohlig wie das schmerzt. Haben Wikinger eigentlich auch unter verklebten Faszien gelitten, oder waren damals die Betten nicht so weich, so dass sich da über Nacht eh alles entklebt hat? Naja, Hauptsache es hilft.

Sowas lässt sich doch bestimmt alle 2 Tage mal auftreiben. Ob man das daheim als Naturfaszienrolle gewinnbringend vermarkten könnte? Immerhin kein Plastik.
Die Kür: Kaffee, Buch, Tin Whistle. Ich flöte brauchbar, gut genug, dass es mir alleine Spaß macht, solange es niemand hört.

So, die faule Pflichtpause geht zu Ende. Morgen wird wieder gen Norden gestrampelt. Es wird nach Sauda gehen, über einen Berg, eine Fähre, und durch 2 Tunnels, ne Weile am Saudafjorden lang. Insgesamt ne überschaubare Etappe, die eher als Anfahrt zu den nächsten Highlights zählt: Pass über das Røldalfjellet, Hardangerfjord, Ladegerät für die Kamera, Vøringsfossen. Ich bin rund herum erholt, ruhig, weitestgehend gesund und recht ausgeglichen. Jetzt noch dehnen, Voltaren, und dann schon schlafen. Endlich mal wieder früher. Bis morgen.

Die Rechte ist meine. War meine. Schöne Erinnerungen werde ich damit verbinden.

Tag 13: Fahrzeugwechsel?

Kein Bild von Strava, keine Tour, nicht mal ein Spaziergang. Heute bewege ich mich nicht. Trotzdem stehe ich um 7 auf, denn der Tag ist schön, und ich will die Morgenstunden und Lichtspiele im Fjord nicht verpassen. Ich verbringe viel Zeit mit Recherche. Doof, eigentlich wollte ich nicht so sehr am Handy hängen, aber es gibt 3 Themen: Knieschmerzen, Fotoakku, Lenkerschlackern. Ja, voll beladen schlackert der Lenker während der Fahrt, teils schon direkt beim Anfahren. Trotzdem ist es stabil, und oft wird es gerade beim zügigen Fahren besser, jedenfalls nie schlimmer. Aber eins nach dem anderen.

Morgenstimmung, Blick nach Südost. Müsli leer, und hier gibt es keines zu kaufen. Dann halt Brotsurrogat.

Um den Fotoklubb Odda zu kontaktieren, müsste ich mir den Facebook Messenger installieren – das geht ja mal gar nicht! Wie ich was zur Postfiliale bestellen kann, finde ich partout nicht heraus. Also doch jemanden zufällig finden, der ein passendes Ladegerät dabei hat? Doof, dass Nikon da mal wieder was Eigenes erfunden hat. Schön wäre ja, wenn die Kamerahersteller sich einigen könnten. Oder wenigstens alle Nikon Kameras den gleichen Akku hätten. Dann hätte ich ne faire Chance, jemanden zu finden. Aber so wäre es ein Glücksspiel, und das mag ich nicht. Ich rufe den Vermieter an und bitte um Hilfe beim Bestellen. Zusammen finden wir nen Elektronikmarkt in Odda, da komme ich demnächst eh vorbei. Die Reservierung gilt eigentlich nur für einen Tag, aber ich schreibe flink ne nette Mail hin und habe binnen Minuten Antwort. Das Teil wird auf mich warten. Yeah!

Mit dem Vermieter unterhalte ich mich noch ein bisschen. Er scheint Ende 30 zu sein, ist Landwirt und hat 30 Kühe und 80 Schafe, letztere haben alle je 2 Lämmer. Herbst und Weihnachten ist hier wohl die Zeit für Lammfleisch. Eigentlich war er Ingenieur für Ventiltechnik auf Offshore Ölförderplattformen, aber die Familie seiner Frau hatte diesen Hof hier, und so wurde er Landwirt. Jetzt ist er viel draußen und genießt es, nicht mehr so viel vor dem Rechner zu sitzen. Seine Frau ist Lehrerin, sie haben 3 Kids und jede Menge zu tun. Trotzdem fragt er mich nach etlichen Details meiner Reise, ist echt interessiert. Später kommt er noch bei meiner Hytta vorbei und studiert mein Rad, fragt nach den ganzen technischen Details. Feiner Typ!

Nicht viel später, 2 Frühstück.

So, das Knieproblem. Es scheint das ITBS, oder auch Läuferknie zu sein. Symptomatik und Lokalisierung stimmen. Ursachen gibt es dafür beim Radeln hunderte! Von Verspannungen im Rücken über verschieden lange Beine, schräge Haltung, zu hoher Sattel, zu niedriger Sattel, zu weiche Schuhsohlen, verkürzte Muskeln… Auweia. Für vieles bräuchte ich nen Sportmediziner oder Orthopäden, oder ein Bike Fitting. Aber ich kann mich von der Seite auf Video aufnehmen und mir das anschauen, und mit den Faustregeln der Sitzposition abgleichen.

Gesagt, getan, und schon wandert der Sattel nach vorne und unten. Die gereizte Sehne muss sich trotzdem noch erholen, die Hytta ist noch einen Tag frei, und so werde ich wohl morgen nochmal hier bleiben. Und ich werde jetzt regelmäßig bestimmte Muskeln dehnen. Dann bin ich hoffentlich so weit erholt, dass ich noch 4 Wochen radeln kann, ohne dass es alle 2 Tage zur Quälerei wird. Den Berg hoch quälen ist okay, solange nur die Muskeln schreien ist alles gut. Aber diese Schmerzen zeigen an, dass da was am Kaputtgehen ist. Nee nee.

Da liegen ja Boote vor der Tür. Und gehört da nicht auch eines zur Hütte? Hmm… Das Gepäck passt da gut rein, sogar das Rad müsste nicht hier bleiben. Oder ich tausche Rad gegen Boot?

Aber bevor der Tag entspannt weiter gehen kann, will ich verstehen, warum mein Lenker so schlackert, das ganze Rad schlingert. Nicht nur nervt das, sondern es belastet sicher das Material, und im dümmsten Fall wird es auch gefährlich. Tatsächlich gibt’s auch hierfür etliche mögliche Ursachen.

Ich dachte immer, es käme von der schweren Kamera in der Lenkertasche. Aber vermutlich ist es die Gepäckrolle hinten, die recht hoch liegt, schwer ist, und einfach nicht wirklich fixiert ist. Das heißt, das gesamte Gepäck hinten wabbelt, obwohl alles gut verzurrt ist. Das schaukelt sich dann auf.

Aber ich habe ne Idee, wie ich das beheben kann. Bisher hatte ich das Zelt nur unter die Gepäckrolle geklemmt. Das Zelt werde ich mit nem Zurrgurt fixieren, und hoffe, dass damit alles stabiler wird. Ich hab noch ein paar Gurte dabei, und sogar einen auf der Straße gefunden und mitgenommen. Das scheint also auch lösbar. Juhuu!

Hmm, ein Tretboot ist das aber nicht.

Ja, ein Boot gehört zur Hytta, und der Vermieter macht mich schnell mit der Handhabung vertraut. Gut, dass ich letztes Jahr schon ein bisschen Boot gefahren bin. Das hier ist aber kleiner, und gerade ist es windig. Ich warte auf schönes Abendlicht und die damit einhergehende Flaute. Dann geht’s aber los.

Wusch! Das Örtchen ist Jøsenfjorden
Da führt keine Straße hin. Ganz hinten sind Häuser, vermutlich für Arbeiter des Wasserkraftwerks.

Ich fahre den Fjord ganz nach hinten, das sind gut 7km. Die Wände und Felsen sind überraschend abwechslungsreich. Und gewaltig. Dabei ist das jetzt kein bekannter Superfjord, zu dem alle hin rennen, sondern halt einfach einer von vielen. Ich verfalle ins Knipsen, muss mich bremsen, sonst muss ich auch noch ne Speicherkarte in Odda kaufen.

Einmal sehe ich nen großen Vogel. Zu groß für nen Kolkraben, fliegt nicht wie ne Möwe, aber ein Adler ist es auch nicht. Verflixt, weg ist er. Später fliegt er nochmal, und jetzt macht sich mein jahrelanges Training bezahlt: schneller Griff zur Kamera, flink alles eingestellt, anvisiert, fokussiert, abgedrückt. Ha! Im Kasten, der Vogel. Also, das Bild, versteht sich. Zum Bestimmen genügt es. Und was ist es? Wer hat es erraten? Ein Graureiher. Tadaaa. Naja, keine aufregende Sichtung, die haben wir ja auch daheim zur Genüge, aber ein Moment Spannung und Nervenkitzel. Und schön sind Reiher allemal.

Krass, die Wände. Und irre, wo sich überall was Grünes festkrallt.
Kein Wohnhaus. Glaube ich. Aber wofür hier ne Hütte steht, erschließt sich mir nicht. Auf jeden Fall ein schönes Motiv.

Zwei Stunden bin ich unterwegs. Wenn ich in der Mitte fahre, merke ich kaum, dass ich voran komme. Näher am Ufer wird klarer, dass die Nussschale doch ganz flott sein kann. Etwas haarig ist es schon, alleine zu steuern, Objektive zu wechseln, und Fotos zu machen, denn die Wellen schieben mich ganz schön herum. Aber es geht gut, macht auch Laune. Nur laut ist es, und der Zweitakter stinkt.

Ich wechsle doch nicht das Verkehrszeug, bleibe beim Strampeln, auch wenn ich mit nem Boot schön alle Fjorde abfahren könnte. Aber mit einem Seekayak will ich das jetzt auf jeden Fall mal machen. Die Stille wird vom Motor so gnadenlos zerrissen, es tut mir richtig leid. Sorry liebe Schweinswale, Fische, Möwen.

Und jetzt hab ich es doch getan, zum Zeitvertreib Benzin verbrannt – das verurteile ich ja als nicht mehr zeitgemäß. Deshalb würde ich auch nicht mehr zum Spaß Motorrad fahren, wie ich es früher tat. Doch wollte ich das Bootfahren hier einmal probieren, und weiß jetzt, warum ich das geräuscharme Fortbewegen aus eigener Kraft auch auf dem Wasser gern will.

Und in Odda kauf ich noch ne Bluetooth Tastatur. Mir brechen gleich die Daumen ab. Gute Nacht!

Tag 12: Auszeit in Jøsenfjorden

Irgendwie nur an der Küste entlang, und trotzdem Höhenmeter gemacht. Ist hier immer so, auf 10km gibt’s 100hm gratis dazu.

Also dieser Zeltplatz war… Seltsam. Sanitäranlagen für Herren drängen sich auf 6m², mit 2 Waschbecken, 2 Toiletten, eine Dusche. In letzterer gibt es genau einen Haken, um Sachen aufzuhängen, der aber den Haken hat, dass das daran Aufgehängte nass wird sobald man duscht. Also wirft man seine Sachen auf eines der beiden Waschbecken und hofft aufs Beste. Für die Damen sieht es nicht besser aus. Und so ist hier alles, das Ganze Ding ist ein einziges zusammengepuzzeltes Vorgartencamping, das nur existiert, weil es weit und breit keinen ordentlichen Campingplatz gibt. Der eigentliche Besitzer ist ebenso in die Jahre gekommen wie das… ähm… Anwesen, und hat den Betrieb an einen jungen Polen abgegeben, der weder Norwegisch spricht, noch jemals im Leben Zelten war. Das alles ist ja schön erheiternd, aber nicht erholsam. Also muss ich heute weiter.

Die Gjestgiveri. Ich stehe auf der Hauptstraße, auf dem Grün standen die WoMos, direkt hinterm Haus die Zelte. Nunja.
Dafür war die Aussicht verhältnismäßig okay. In diese Richtung. Blick nach links, und 200m weiter ist der Fähranleger.

Ich hab keine Lust, nur für Tee den Kocher aufzubauen, also gibt es Müsli mit Kaltgetränk. Immerhin ist es nicht so nass vom Tau heute, und ich kann zügig Zelt und Zeug zusammenpacken. Thomas flickt seinen platten Reifen, weil es so Spaß macht, gleich 2 mal. Damit kommen die beiden später los, aber heute bin ich extra langsam, die holen mich sicher noch ein. Die junge Familie von gestern ist schwuppsdiwupps weg. Bei WoMos sieht man im Gegensatz zu Zeltern nie, wie weit der Aufbruch schon ist. Aber wir schreiben uns.

Also los jetzt, 200m zum Fährkai, ich reihe mich mit den Autos ein. Die Fähre hier ist Teil der Straße, gleich 2 Schiffe pendeln den ganzen Tag lang hin und her. Sie sehen auch aus wie ein Stück 5-spurige Straße, die halt schwimmt. Man kann sogar einfach durchgucken. Und für unmotorisierte ist die 3km lange Überfahrt sogar kostenlos.

Ein kleineres Boot hätte es für mich auch getan. Aber gut, hier fall ich nicht auf.
Erstaunlich leise fährt der Kahn. Auch vom Ufer aus sind die großen Pötte fast nicht zu hören. Voll ist es gerade nicht der hintere Teil komplett leer.
Das Stück Straße gleitet mit zarten 15 km/h dahin und bringt mich gemütlich nach Nesvik.

Es nieselt, ist leicht windig, ich hab schon die Regenjacke an, und tüddel ganz gemütlich die ersten 30hm rauf. Am Ufer entlang sollte es ja flach sein, möchte man meinen. Naja, vielleicht gilt das hier als hinreichend flach, wenn keine Steigung höher als 100hm ist. Ein halber Branich, was ist das schon. Dafür wechselt die Aussicht öfter, das hat was für sich. Auch die Felsen und Tunnels sind hübsch und machen die kurzen Fahrt sehr abwechslungsreich.

Das Straßenstück legt wieder ab.
Eine Lachsfarm. Bäh.

Unterwegs sehe ich eine Lachsfarm. Esst keinen Lachs. Ehrlich. Fast aller Lachs, den es in Deutschland zu kaufen gibt, kommt aus hiesigen Lachsfarmen. Letztes Jahr hatte ich Gelegenheit, mit einem Arbeiter einer solchen Lachsfarm zu sprechen, der dort filetiert. Ich erspare euch hier die Details, darüber gibt es Dokus. Zusammenfassend: das wollt ihr nicht essen. Auch wenn „Wildlachs“ drauf steht, kommt es von so einer Farm. Holt lieber was vom Forellenteich um die Ecke.

Einer von 5 Tunnels. Macht Spaß, und drin ist trocken. Bis auf einen, da hat es drinnen mehr geregnet als draußen!
Gaaaanz da hinten zum hellen Grün am Ufer will ich hin. Bin also fast schon da. Das wird hübsch, glaub ich.

Einmal sehe ich was im Wasser, halte an und schaue genauer. Schweinswale! Alle 10 Sekunden taucht einer auf und atmet, nur 100m von mir weg! Ich kann sie laut schnaufen hören. Minutenlang stehe ich da und schaue zu. Zählen ist nicht möglich, ich sehe immer nur einen, höchstens zwei. Habe keine Ahnung, wie oft ein Schweinswal atmet, bevor er wieder länger taucht. Der Fjord ist hier bis 640m tief und 2-3 km breit, die Berge rechts und links 700m hoch. Irre.

Die letzte Abfahrt rolle ich genüsslich hinab, direkt bis zu den Østerhus Fjordhytter, wo ich mein Glück versuche. Tatsächlich bekomme ich ein für mich alleine viel zu großes Haus, Alternativen gibt es aber nicht, das hab ich gestern gründlich recherchiert, und mein Knie lässt mich heute nicht mehr über den Berg kommen. Pause muss jetzt sein. Ein Traum ist schon erfüllt, alles Weitere ist Kür, und endlich höre ich auf, mich zu hetzen. Ich verordne mir einen Tag Couch und bezahle gleich 2 Nächte.

Just auf dem Weg vom Vermieter zur Hütte treffe ich Thomas und Tina beim Supermarkt. Schon wieder 🙂 Jetzt würde es sich ja anbieten, das große Haus gemeinsam zu nutzen, aber die beiden treibt es weiter, sie wollen über den Berg und gen Norden. Ja, die sind halt 10 Jahre jünger da geht das noch mit weniger Pausen. Nee, im Ernst, die beiden sind irre fit und reißen echt was! Ich könnte da nicht mithalten. Muss ich ja auch nicht, und so trennen sich unsere Wege doch gleich wieder. Sie werden dann sicher vor mir in Odda sein, aber vielleicht treffen wir uns in Flåm wieder, wohin die beiden den Rallarvegen entlang von Haugastøl aus Radeln wollen, und ich mit der Fähre von Gudvangen hinkommen will. Mal sehen, ob es passt, wäre echt witzig. Dann müssten wir wieder nen Tag zusammen verbringen und uns erzählen, was wir inzwischen alles erlebt haben.

Das Linke ist meines. Daneben ist das Meer, also der Fjord.
Bevor ich einkaufen gehe, gibt es Kaffee und Marzipan. Ist nötig, bin schon zu schwach, um die Kamera gerade zu halten. Ja, es hat hier Kaffee im Schrank, und ne Filtermaschine. Yay!
Direkt vor dem Haus. Hier halte ich es aus, muss mich gar nicht bewegen, Ausblick gibt es von der Couch aus.
Ein Boot gehört auch zur Hütte. Ob ich morgen ne Runde drehe? Hmm…
Auch hier wechselt das Wolkenspiel und die Stimmung ständig. Dasitzen und zuschauen macht gerade glücklich.

Ich gehe shoppen: Kartoffeln, Erbsen, Bohnen, Tomatemmatsch, diesmal sogar ne Zwiebel! Ein Festmahl wird das. Zuerst telefoniere ich noch mit daheim, das tut gut. Zu zweit hier sein hätte auch was, wäre noch schöner. So mampfe ich alleine, studiere das Touri-Material für die Umgebung und recherchiere, wie ich hier an ein Nikon Akkuladegerät komme. Ich könnte es zur Post in Odda bestellen und dort abholen. Oder nen lokalen Fotoclub anschreiben, ob sie mir aushelfen. Oder auf dem nächsten großen Campingplatz überall herumfragen, irgendwer könnte sowas ja dabei haben. Ein Akku ist schon fast leer. Hier im Blog sind ja nur die lausigen Handybilder, die echten Fotos gibt es erst in ein paar Monaten, wenn ich daheim bin und sie in Lightroom entwickelt habe. Warum hab ich die 100g gespart, die das Ladegerät wiegt? Grmpf. Dachte echt, 2 Akkus würden genügen. Aber wenn jetzt schon einer fast leer ist, langt das nie.

So ist das: kaum hab ich Ruhe, gibt es die nächsten Sorgen. Und Pläne und Ideen und Lösungen. Aber morgen will ich wirklich wenig Zeit am Bildschirm zubringen, lieber draußen sitzen, ne kleine Runde spazieren, viel essen und lesen. Für heute ist genug. Morgen kann ich vielleicht darüber sinnieren, warum Norweger so überaus erpicht darauf sind, ihren Rasen zu pflegen. Das fällt echt auf, und ich hab da Theorien…

Abendstimmung um 22 Uhr, Blick gen Westen.

Tag 11: Nach Norden

Früh um 6 reißt mich der Wecker aus der wohlverdienten Muskelregeneration. Ich fühle kurz in mich hinein, ob ich wirklich die Fähre um 7:10 nehmen will und damit auch 1100hm heite fahren werde, oder mich im heute gar nicht mal allzu warmen Schlafsack einfach umzudrehen und den Sonnentag hier im Lysefjord verbringen sollte. Irgendwie zieht es mich weiter. Zu sehr an diesem Fleckchen verweilen scheint mir gefährlich, als müsse sich hernach der Rest der Reise an diesem Ort messen. Also los. Geht doch. Einmal in Bewegung, fällt es gar nicht mehr schwer. Draußen ist es auch schon hübsch, das lädt ein, und so stehe ich bereits um kurz vor 7 am Kai.

Ganz hinten ist Sonne, hier am Ende des Fjords noch nicht.

Das Licht wechselt ständig, ich muss an mich halten, um nicht die ganze Zeit zu knipsen. Die Fähre ist Teil des ÖPNV und günstig, dafür rauscht der Katamaran mit über 40km/h dahin, vorsorglich habe ich mich warm angezogen. Eigentlich war Sonne angesagt für heute, aber Wolkenbänder hängen zwischen den Wänden.

Da kommt die Abholung angeprecht.
So schöne Stimmung gibt es so schnell sicher nicht wieder.

20 Minuten und 3 Stopps später bin ich in Songesand, jetzt geht es wieder rauf aufs Fjell. Zunächst parallel zum Meer führt die Straße entlang eines Bachs, der sich teils tief in den Fels geschnitten hat. Hier wohnen Menschen. Unglaublicherweise stehen hier Wohnhäuser. Es ist absolut still, rund herum nur Natur, und die Welt ist ein ganzes Stück weg, und doch recht nah. Irre. Nach 250hm bietet sich ein Abstecher an, um mit Blick auf den Fjord zu frühstücken. Der Magen ist noch leer, bis auf ein paar Kekse noch nichts gegessen. Kein Wunder fühlen sich die Beine etwas schwer an.

Der Gipfel hinten ist jenseits des Fjords.
Ich frage in Schriesheim mal an, ob man mit dem Kanzelbach nicht was machen kann. Da ist doch arg viel Luft nach oben.

Jetzt wird es steil, und meine Kniesehne mag das heute gar nicht. Vielleicht wäre ein Pausentag doch gar nicht so verkehrt gewesen. Die Strecke ist schön, und mir begegnen bis oben nur 3 Autos und ein Helikopter, der im Arbeitseinsatz Material quer über den Fjord trägt. Ob der mich nicht flink… ach was, ich schaff das aus eigener Kraft. Bäche kreuzen, Schafe queren, ich keuche, sammle in gelegentlichen Pausen Blaubeeren vom Wegesrand.

Norweger werden die letzten sein, die verdunsten. Irre, wie viel Wasser es hier gibt.
Und wieder bin ich oben in der schönen Landschaft.
So, 2/3 der Höhenmeter sind geschafft. Yay!

Jetzt merke ich es deutlich im Bein, aber auch die Lust ist nicht recht da. Die Oberschenkel brennen noch vor Muskelkater, und ich musste wieder fies auf Kraft fahren. Schön ist es hier, und ich genieße es, über das kleine Plateau entlang der großen Seen zu fahren, bevor eine lange Abfahrt mich hinab führt an die Westküste. Naja, also wo jetzt genau die Westküste hier ist, ist schwer zu sagen. Eigentlich ist das eher ein zig Kilometer breiter Landstrich bestehend aus Inseln und Fjorden. Der Übergang zwischen Meer und Land ist fließend.

Diese Gegend also, nennen wir es Westküste, ist um Stavanger herum dicht besiedelt. Größere Straßen verbinden die recht nah beieinander liegenden Städtchen, es gibt mehr Verkehr, etwas Industrie und einiges an Viehwirtschaft. Nach dem Highlight von gestern ist mir gar nicht so sehr nach Fotografieren zu Mute. Ich setze öfter an, aber es kommt nichts dabei heraus. Naja, die Etappe heute ist eher ne Übergangsfahrt.

Blick zurück. Hinten die hohen Berge, vorne eher flacheres, im Vergleich regelrecht fades Land.
Der letzte lange Anstieg von 350hm macht mir echt zu schaffen. Uffz.

Auf der großen Straße fahren einige Lastwagen, rauschen gewaltig an mir vorbei. Aber sogar die nehmen spürbar Rücksicht – vielmehr als die Deutschen Autos, die doch wieder eng und knapp überholen. Mit einigen Knieschonenden Stopps bin ich endlich oben und rolle lange und genussvoll bis nach Hjelmeland hinab. Direkt hinter dem Fährkai ist ein Zeltplatz mitten in der Stadt. Naja, also, eigentlich ist es eine Gjestgiveri mit großem Garten. Ist wohl ein eher uriger Zeltplatz, dessen gute Rezensionen sich hier niemand recht erklären kann. Da werde ich keine 2 Nächte bleiben, morgen muss ich weiter. Zumindest ein bisschen. 20km und 300hm trennen mich von Jøsenfjorden, so weit muss ich es schaffen. Ich hab ja nen ganzen Tag Zeit.

Zelt steht, und ich steige spontan auf Motorrad um. Zack bumm, so schnell geht das.

Mit einer jungen Familie im WoMo bin ich am Quatschen, darf mein Handy und Garmin bei ihnen aufladen. Wir sitzen gerade gemütlich, da radelt ein Reiseradler daher. Den kenn ich doch… Thomas, dicht gefolgt von Tina trudeln ein! Wir hatten zwar damit gerechnet, dass wir uns womöglich wiedersehen könnten, aber gleich am nächsten Tag? Die 2 waren heute früh auf dem Preikestolen und haben außer Nebel nicht viel gesehen. Offenbar hatte sich ein Wolkenband an dem kantigen Felsvorsprung verheddert. Sonnentage sind hier offenbar auch was anderes als daheim.

Dann das übliche: Futter im Supermarkt jagen, in der merkwürdigen Küche zubereiten, mampfen, quatschen, Fahrt morgen planen… oh oh viel zu spät, will doch noch Blog schreiben… Naja, dann muss ich ein paar Details heute auslassen. Das Erlebnis gestern ist eh nicht zu toppen, da gibt es jetzt ne kleine Durststrecke.

Tag 10: Ankommen im Fjord

So ein eigenes Zimmer hat was. Zwar habe ich wegen ner Runde Kniffel und einiger Black Stories nicht wirklich lang, dafür aber gut geschlafen. Ich glaube, ich freu mich auch wieder darauf, alleine im Zelt zu schlafen. Der Luxus war nun reichlich, das darf ne Weile genügen. Wir stehen um halb 7 auf, denn die beiden wollen gern die Fähre in Lysebotn um 15:30 nehmen und wir wollen noch auf den Kjeragbolten. Das wird sportlich. Also schnell frühstücken und packen, bereits kurz nach 8 strampeln wir los. Es hat 7°C, das Wetter ist sonnig, die Klamotten erstmal lang. Suleskard liegt auf 570m, wir schrauben uns rauf auf 930, die Klamotten werden kürzer und verschwitzt, und das Fjell wird noch fjelliger. Eine Dänin meinte neulich, es sei wie ne Mondlandschaft, nur mit ganz viel Grün und Wasser und wunderschön. Irgendwie hat sie recht.

Hier noch gemäßigt mit Bäumen. Oder Bäumchen. Die kleinen Haine aus Moorbirken sind zauberhaft.
Überall kleine Gärten, die künstlich nachzubilden unmöglich sein dürfte.
Puh, wieder oben.
Mehr oben, mehr schön.
Mondlandschaft in grün, nass und hübsch.
Da hinten muss der Lysefjord schon sein. Irgendwo.

Und endlich das lang ersehnte Schild, das vor der steilen Abfahrt warnt. 29 Spitzkehren, eine davon wird im Tunnel sein. Wir fahren aber noch nicht ganz ab, nur bis runter auf 750m, denn da geht ein Wanderweg los zum Kjeragbolten. Der stößt bald auf den Hauptweg, auf dem erstaunlich viele, aber immer noch verhältnismäßig wenig Leute unterwegs sind. Die Hauptsaison ist rum, es ist Montag, die Straße ist wegen Bauarbeiten nur gelegentlich frei, und die Fähre kommt nur 4 mal am Tag. So stolpern heute keine Horden umher, aber doch Leute aus vielen verschiedenen Ländern.

Ich fahr garantiert mit der Fähre weiter. Aber uns kommen 3 tapfere und wohltrainierte Rennradler entgegen. Reiseradler nicht. Aber erst später, wir gehen erst noch flink wandern.

Alle wollen sie sich auf den selben Stein stellen, den Kjeragbolten, und ein Foto von sich haben. Wir auch, klar. Dabei sind hier nicht die Menschen das Schöne, sondern die Landschaft. Dagegen kommt keine Beauty Queen an. Trotzdem muss es halt sein, weil… äääh… weil es halt so sein muss. Der Weg ist 5km lang und geht 500hm rauf. Statt der angegebenen 3h sind wir in 1h20 da. Recht wenige sind hier, so müssen wir nicht ewig anstehen, wie es hier zur Hauptsaison üblich ist, sondern nur kurz warten, und können ausgiebig Bilder machen.

Immer den Menschen und den Steinmännchen nach. Verfehlen geht nicht. Trittsicher muß man trotzdem sein.
Lysebotn von oben. Ich glaube, von hier springen die Basejumper. Könnten jedenfalls. Heute leider niemand hier.
Test bestanden, der Bolten hält mich aus.
Direkt nebenan ist die Aussicht besser. 1000m tief geht es runter.

Dann zügig zurück. Wir sind zwar flott unterwegs und gut in der Zeit, aber viel Puffer haben wir nicht. Die Abfahrt ist irre. Enge Kehren, konstant steil, leider fast keine Aussicht. Ein Tunnel führt tief in den Berg hinein, macht ne Kehre, und führt wieder zurück, das ganze immer noch steil bergab. Erst danach bietet sich ein schöner Blick, und der wirkt.

Dieses kleine Wort „Fjord“ genügt hier nicht. Vielleicht wäre dies eher ein Fjordissimo?
Tadaaa!

Und jetzt bin ich da. Aus eigener Kraft von Oslo nach Lysebotn, von Fjord zu Fjord. Ich bin nicht nur da, ich komme wirklich an. Bisher war so vieles ungewiss, jetzt ist alles klar. Ich juble, tanze, freue mich wie lange nicht mehr! Da. Wirklich und echt und tatsächlich da. Irgendwas macht dieser Ort mit mir, dieser Fjord, bewegt mich. Diese gewaltige Landschaft macht mich glücklich. Warum, das weiß ich nicht. Aber es ist so, und das ist gut.

Da.

Der Abschied von Tom und Tina ist herzlich. Unsre Routen werden sich noch ein paar Male kreuzen, so dass wir uns vielleicht wiedersehen. Ich bin dankbar für die gemeinsame Zeit, die 3 Tage, welche sich anfühlen wie eine Ewigkeit. Immerhin haben wir einen Teil unserer Abenteuer geteilt. Und ich fühle mich nicht mehr wie ein Alien, ein Außenseiter oder Verrückter, der immer komisch angeschaut wird, sondern wie einer von wenigen, die etwas Besonderes machen.

Bald steht das Zelt unter einem 400m hohen Wasserfall. Also nicht drunter, sondern… Siehst ja.

2/3 Packung Spaghetti mit Tütentomatensauce, Sojabröseln, 1/4 Tube Tomatenmark und viel Olivenöl. Die mampfe ich genüsslich in der sich ständig ändernden Lichtstimmung.

Zehn Tage schon. Oder erst? Die erste Etappe ist geschafft, Zeit für eine kleine Bilanz. 468 km, 6663 hm, 28 Stunden und 17 Minuten am treten. Mindestens 6 Mal Kaffee mit Süßteilchen genossen, unzählige Liter getrunken, aberwitzige Mengen an Kalorien verbrannt und gemampft. 3 Mal Sonnencreme gebraucht und 2 mal benutzt. Einmal im Regen gefahren. 8 mal geduscht, 1 mal im See gebadet. 7 mal im Zelt geschlafen (mit heute Nacht) und 3 mal in ner Hütte. Ein Traum erfüllt.