Tag 33: Dorf – Vikafjell – Stadt

Och, eigentlich will ich ja gar nicht raus. Zumindest ein Teil von mir versucht mich zu überreden, dass ich doch einfach hier bleiben könnte. Die Freundschaft mit Jøtul könnte ich genüsslich vertiefen und die Planung mal Planung sein lassen. Scheinbar will etwas in mir sesshaft werden. Ob es Nomaden früher auch so ging? Erst Bewegungsdrang, aufbrechen, umherziehen, irgendwann nach nem schönen Plätzchen schauen und dann wieder ein Weilchen da bleiben, bis das Weiterziehen wieder reizvoller erscheint, als das Dableiben.

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Aber nix da, sesshaft werde ich wieder früh genug sein. Klar, der leichte Nieselregen trägt sicher auch dazu bei, nicht raus zu wollen, aber bei 12°C schwitze ich trotzdem in kurzen Klamotten. Gestern hab ich in der Hütte irgendwann einfach vor mich hin transpiriert, 23°C bin ich offenbar nicht mehr gewohnt. Jetzt geht es mit dezenter Kühlung von außen steil bergan. Jetzt mit voller Beladung kann ich auch wieder ordentlich fahren.

Das dörfliche Örtchen Vik i Sogn. Die kleine Wolke hat sich im Fjord verlaufen, Mama und Papa sind wohl schon weiter gezogen.

600hm mit 8-9%, das ist 4 mal die Branichstraße am Stück. Der Wind ist hier noch ruhig, soll aber oben im Fjell genau gegen mich blasen. Mal sehen. Und irgendwie fahren hier ständig große LKW beladen mit Steinen herum. Das habe ich öfter gesehen und wundere mich, denn wenn es eines überall in Norge gibt, dann sind es doch Steine. Es geht gut, die Pause hat sich gelohnt.

Gegen Ende denke ich dann doch, dass entweder Piepsi spinnt und das hier viel steiler als 9% ist, oder die Power doch schon wieder raus ist, bis ich 50hm weiter merke, dass ich im 3. Gang fahre! Gelegentlich gehe ich aus dem Sattel in gemütlichen Wiegetritt, um die Belastung abzuwechseln, dabei schalte ich ein paar Gängenhoch. Und danach hatte ich wohl das Runterschalten vergessen. Jetzt geht es wieder gut. Tja, wenn der Sauerstoff in den Beinen gebraucht wird, kommt oben manchmal nicht mehr so viel an.

Die Birken kriegen Herbstlaub. Die kleine Wolke möchte bitte aus dem Sognefjord abgeholt werden.

Nur 1h 15min später bin ich oben, also am Ende der großen Steigung, und hinein geht es in einen Tunnel. Vorher noch die langen Sachen überziehen – besonders praktisch ist da die Hose, deren Beine ich bis zum Knie aufzippen kann und somit nicht die Schuhe aus- und wieder anziehen muss, mit dem unvermeidlichen Gleichgewichtsgehampel. Noch einen LKW abwarten und los. Ich pfeife ein paar Liedchen, denn der Sound hier drinnen ist irre.

Da, ein Fleckchen blauer Himmel! Ob es Hoffnung gibt? Hat Yr sich vielleicht geyrrt?

Auf der anderen Seite komme ich im Fjell heraus, dem Vikafjell. Und es ist ungemütlich und windig. Das ist zwar kein Nieselregen, aber mehr als Nebel, als ob eine dichte Wolke zu Boden sinkt. Werde ich gerade durchweicht? Oder trocknet das doch schnell genug ab? Würde mir in Regensachen zu warm werden? Ich beschließe, die kleine Steigung von 100hm, die demnächst kommt, noch abzuwarten, und dann die Regenschicht überzuwerfen.

Will ich da raus? Hmm.

Das Fjell bekommt Herbstfarben. In die unzähligen Grüntöne mischen sich Rot, Orange, Gelb. Die Schattierungen sind unglaublich. So karg es aussehen mag, es trägt Reichtum und Schönheit. Besonders mit diesem Nebelwolkenregen, der kühlen Luft (inzwischen 7°C) und dem frischen Wind fühle ich mich ein bisschen wie in arktischen Gefilden. Die nördliche Tundra muss ähnlich sein.

Einzig wenig idyllisch sind die LKW, und das scheinen immer wieder die gleichen zu sein. Ich grüße, sie grüßen zurück, wir nehmen beiderseits Rücksicht. Sie überholen mit viel Abstand und nur, wenn es sicher ist, und ich schaue, dass ich Ausweichstellen gut nutze, oder fahre kurz von der Straße und halte an, wenn es zu eng wird. Wenn ein 40-Tonnen-Gigant einmal bremsen und wieder auf 80 km/h beschleunigen würde, wie weit käme ich wohl mit der dafür gebrauchten Energie?

Herbstmode. Hinten die Linie ist meine Straße.

Des LKW-Rätsels Lösung ist eine lange Straßenbaustelle. Dafür karren die so viel Material hin und her. Tatsächlich stehen die Norweger in Sachen Straßenbau den dafür gerühmten Schweizern in nichts nach. Es gibt sogar zahlreiche Straßenbaumuseen, bisher hatte ich aber nie Gelegenheit, eines zu besuchen.

Der Gegenwind aus Süden bläst natürlich Wolken rauf, die sich hier abregnen, oder zumindest dem Berg nicht mehr ausweichen können und gemächlich kollidieren. Die Regensachen sind nötig und gut, auch die neongelben Schuhüberzieher kommen drauf. Eine Käppi hält die Kapuze der Regenjacke gerade und etwas Regen aus den Augen, die Brille verschwindet in der Tasche, denn ohne sehe ich inzwischen mehr. Jetzt ist besser, so könnte ich den ganzen Tag fahren.

Froh bin ich auch um die extra langen Schutzbleche. Das vorne verhindert unnötiges Spritzwasser und damit Dreck auf die Kette, das Hintere wäre zum Nutzen eines Mitfahrers, damit dieser dicht auf im Windschatten fahren könnte, ohne vollgeschmoddert zu werden. Mir bringt das Hinteren jetzt wenig, außer ein paar Gramm Gewicht, aber wer weiß, mit wem ich mal zusammen fahren werde.

Viel zu sehen gibt es nicht, und Pausen sind auch nicht attraktiv. Der Magen meldet Füllstandsuntergrenze, aber hier oben ist es recht unwirtlich, da muss man einfach durch. Gleich geht es bergab, und unten ist sicher besser. Die Abfahrt ist spannend. Erstmal die Bremsen testen… Ha, einwandfrei. Aber jetzt ist richtig Nebel, ich sehe ein paar zig Meter in alle Richtungen. Dann geht das so:

Rollen, Rechtskurve, dann Bodenwellen, rechts ein Bach? Linkskurve, Oh, ne Felswand links, Achtung Schlagloch, Rechtskurve, tatsächlich ein Bach! Schemenhafte Hügelrücken, Linkskurve, rollen rollen wie schnell bin ich? Rollen Haarnadel rechts! LKW hinter mir? Nee, selber so laut. Oh, Bodenwellen, Wasserfall voraus, Haarnadel links, gleich wieder rechts herum. Wolkenschwaden eilen vorbei. Vage Aussicht? Bremsen, Foto!

Unter der Wolke. Wow.

Bergauf ist intensiv, und bergab ist intensiv. Die zwei sind total verschieden, ich liebe beide. Weiter geht es etwas weniger spannend, dafür mit mehr Yr. In einem Bushaltestellenhäuschen esse ich Müsli kekse, die sind sogar viel besser als Bixit Haferkeksenoder Hobbits. Noch ein Stückchen Marzipan hinterher, jetzt kann ich bis Voss durchradeln.

Höhenluft bekommt Bächen nicht so, die werden ganz wild davon. Hier unten hat er sich ausgetobt, liegt tief schwarz in der kurzen Klamm.

Endlich in Vossevangen radel ich ohne große Erwartungen auf den Campingplatz, der aber überraschend klein und nett ist. Ich hadere noch, ob ich zelten und ein nasses Zelt riskieren will, das womöglich morgen nur schwer trocken zu kriegen sein wird, oder einfach ne kleine Hütte nehme. Erstmal Yr checken, das hilft aber nicht weiter. Also plaudere ich mit dem Besitzer, der überraschend Neuseeländer ist und mir erstmal nen Kaffee anbietet. Letztlich gibt er mir ne kleine Hütte für nen Sonderpreis, den mir der Kiwi von sich aus anbietet. Ich bin ein paar Sorgen los und kann in die Stadt, um Kalorien zu ergattern und den Bahnhof auszuchecken.

Morgen geht es nämlich mit der Bahn weiter. Damit erfülle ich mir einen lange gehegten Wunsch, mit der Bergenbahn zu fahren. Die Strecke ist irre schön, gibt es auf Youtube, und Wikipedia schreibt auch ausführlich darüber. Allerdings fahre ich nur bis Finse, ein kleines Stück. Mehr verrate ich noch nicht, so ganz sicher ist das alles nämlich auch noch nicht. Aber damit morgen früh alles glatt geht und ich den Zug um 9 ohne Stress bekomme, schaue ich mich heute schon mal um.

Und während Vik wie gesagt eher dörflichen anmutet, macht Voss einen auf Stadt. Der Buss- und Zugbahnhof kann sich sehen lassen, Architektur wird hier gelebt. Autos gibt es auch viel mehr, Leute wollen auffallen durch Klamotten, Gehabe, Düfte, Schminke, Laute Motoren, aber sie schauen einen nicht an, und wenn man grüßt, ist man komisch. Irgendwie kommt es mir albern vor, dieses städtische Verhalten: auffallen wollen, aber nicht bereit zum Kontakt zu sein.

Busbahnhof und große Holzhäuser, wirklich architektonisch toll.
Okay, auch hier fahren Züge auf Gleisen und werfen nicht etwa von Wandertrollen getragen oder so. Kriege ich hin, morgen.
Eine Gleisunterführumg, bei der ich ohne Vorbehalt vom Boden essen würde. Dazu voll accessible und in jeder Hinsicht top.
Nochmal die modernen Holz(hoch?)Häuser. Cool, was so alles geht.
Direkt daneben und mittendrin die alte Steinkirche. Und irgendwie beißt es sich nicht.

Ich laufe durch die Einkaufsstraße. Diese Gerüche! Der eigentümlich Geruch eines Klamottenladens, der auf die Straße weht. Dann eine Pizzeria (kleine Pizza 10€, geht sogar) mit lockenden Düften. Wohlparfumierte Damen passieren, die Duftwolke bringt mich zum Luftanhalten. Ein Sportgeschäft mit dieser speziellen Mischung aus Schuhsohlen und Trainingskleidung. Alten Männer sitzen vor dem Café, das könnte ich hier mit geschlossenen Augen erschließen.

Nach dem quasi geruchsfreien Fjell, in dem ich jedes einzelne vorbeifahrende Auto rieche, ist das hier gerade Overkill. Irgendwie genieße ich die Erfahrung, das alles zu erschnüffeln, als wäre es ewig her, dass ich das erlebt habe, und nicht nur einen Monat. Aber ich habe jetzt Distanz dazu, als wäre ich der Fremdkörper, der nicht hierher gehört. Einen Tag halte ich das aus, aber ich freue mich schon wieder auf das Draußen.

Die Einkaufsviertelmeile
Pizza. Hmmm. Aber nein, eine kleine macht mich bestimmt nicht satt, und ich will da nicht rein und bestellen und warten müssen. Lieber selbst was kochen.

Echt ne kleine Stadt. Dabei hat Vossevangen selbst gerade mal 5.000 Einwohner, mit Umland 14.000, aber hier brummt es. Ja, Brummen, irgendwie sammeln sich hier alle mit lauten Motoren und Vorheige-KFZ. Einkaufen und zurück zur Hytta. Eine Stunde Stadt ist genug.

Jeder Platz ist anders, und man weiß nie, wie es wird. Ist auch ein reizvoller Teil des Reisens.

Ich geh noch am See entlang und lass Steinen übers Wasser springen. Das entspannt. Hier hat es seit 2 Monaten nicht wirklich geregnet, darum ist der See recht leer. Dafür war der letzte Winter so kalt, dass das Eis auf dem See einen ganzen Meter dick war. Ungewöhnliches Wetter. Die Gletscher schmelzen auch hier rapide dahin. Dass der Meeresspiegel steigt, ist kein Thema, denn Skandinavien hebt sich selbst langsam aus dem Meer – eine Folge der letzten großen Eiszeit, als Norwegen unter 2km dickem Eis begraben war, dessen Gewicht die Kontinentalplatte herabgedrückt hatte, so dass sie sich jetzt wieder hebt.

Aber der Golfstrom ist ein Thema. Grönlands Eis schmilzt, und das Schmelzwasser verlangsamt den Golfstrom bereits. Ohne die Wärme aus der Karibik hätten wir in Deutschland richtig eisige Winter, und hier in Norwegen könnte die Küste zufrieren. Bis die Gletscher dann wieder soweit wachsen, dass sie die Täler überrollen, wird es noch lange dauern, aber die Winter wären richtig lang und hart.

Öl hat Norwegen reich gemacht, und das ist immer wieder politisches Thema, so wie derzeit im Wahlkampf. Alles Öl, das aus dem Boden gepumpt wird, wird verbrannt werden. Norwegen ist bereits reich und längst nicht mehr so vom Öl abhängig wie vor Jahren noch. Darum mehren sich Überlegungen, kein Öl mehr zu fördern. Die radikalsten Forderungen im Wahlkampf setzen den Förderstopp auf 2035. Ohweh, Menschheit, so wird das nix.

Entspannt da liegen wie das Wasser. Das ist jetzt erstmal Programm.

So, morgen geht es wieder früh raus. Urlaub und Ausschlafen gehen nicht immer gut zusammen. Ich hab die letzte Runde Radeln zusammengestellt, Es warten 383km und 5300hm auf mich. Das sollte in 7 Tagen zu schaffen sein. Die Zahlen sind planbar, die Erlebnisse weniger. Ich habe mir wieder kleine Straßen übers Fjell ausgesucht, auf denen ich wieder viel erleben darf, und freue mich sehr drauf. Irgendwie bin ich süchtig.