Tag 38: Um den Totak und durch das Setesdal

Still. Es ist irre still hier. Keine Menschen, keine Autos, kein rauschendes Wasser, kein Wind. Nur gelegentlich ein Tier in den Bäumen. Ich schlafe zwar gut, aber doch zu kurz. Wieso trifft man hier immer so interessante Menschen?

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Keine Schneckenplage, aber das Zelt ist sehr nass vom Tau. Wer glaubt, hier im Norden seien die Tage ja immer noch viel länger, der irrt. Klar, im Sommer schon, aber am 21. September ist Tag-Nacht-Gleiche, da dauert der Tag überall auf der Welt genau 12 Stunden, und bis dahin ist es nur noch ne gute Woche. Die Sonne kommt zu spät über den Berg, alles ist kühl und nass. Das gebratene Gemüse aus der Lunchbox ist noch lecker, aber kalt. Zum Aufwärmen hab ich keine Lust, zu viele Umstände. Das Zelt wandert wieder nass in den Packsack, und ich wandere wieder in die noch feuchten Fahrradklamotten. Nach dem dringend nötigen Waschen gestern konnten sie nicht mehr trocknen. Nunja.

Um 9 bin ich startklar. Zumindest technisch. So richtig Lust hab ich nicht. Wie das manchmal so ist: Du stehst auf und weißt genau, was du heute tun wirst. Und womöglich hast du dich darauf gefreut und viel vorbereitet dafür. Jetzt ist es soweit, und du magst gar nicht. Macht aber nix, man kann Sachen auch machen, ohne Lust drauf zu haben – besonders, wenn man weiß, dass es hinterher doch wieder toll gewesen sein wird. So verbiete ich dem kleinen Teufelchen, das mich zum faulen Herumlungern überreden will, den Schnabel, und fahre los.

Die Strecke führt um den See Totak. Der ist 306m tief, wurde wie ein Fjord vom Gletscher ausgehobelt. Und er ist lang. Die Bergwände werden immer steiler, felsiger, richtig schön. Norwegen hat ja irre viele Seen. Der Tinnsjå, an dem ich gestern früh noch war, ist 460m tief, liegt aber nur auf 190m, und ist 35km lang. Aber was sagen schon Zahlen. Wenn man das Gefühl hat, der See hört gar nicht mehr auf, und wenn das Bild des Sees sich auf dem Weg mehrmals wandelt, dann gewinnt man eine vage Vorstellung von dessen Größe. Drauf paddeln wäre auch mal schön.

Der Totak, entwässert in den Fluss Tokke, der in den Bandak mündet. Da fahr ich morgen hin, mit geringfügigem Umweg.
Blick zurück. Diesen coolen Effekt der verschmierten Kamera kriegt nicht mal Insta hin.

Irgendwie war das Frühstück nicht das Wahre. Nächstes Mal besser wieder Kohlenhydrate in Form vom Marmeladenbroten oder Müsli, das hat bisher besser funktioniert. Aber auch die fehlende Stunde Schlaf merke ich deutlich. Nach dem See geht es endlich bergauf, das kann ich gut, da werde ich wach. Oben geht es nur kurz, dafür sehr hübsch, übers Fjell, bevor es hinab nach Haukeli geht, wo es den ersten Supermarkt gibt. Bisher war ich in der Einöde, alle 5 Minuten mal ein Auto, und wenn man jemanden sieht, wird sofort wild gegrüßt. Echt schön.

Fels und Wald, blauer Himmel. Musste wieder zur Sonnencreme greifen, dachte eigentlich, das wäre vorbei. Trotzdem kühl mit 10°C

Haukeli ist kein Ski-Ort, sondern ne normale Stadt. Also, ein Dorf. Immerhin gibt es sogar 2 Supermärkte, und der Spar (ja, hier gibt es die Kette „Spar“) ist super, denn erstens hat er leckerste Süßteilchen, und zweitens ne kleine Stube mit Selbstbedienung an der Kaffeemaschine. Zahlen tut man für den Becher an der Kasse, füllen tut man ihn selbst, vielleicht klammheimlich auch zweimal, nennt sich dann „med påfyll“, also mit Nachfüllen. Hier merke ich erst, wie kühl es draußen doch ist. Die kurzen Sachen heute früh waren vielleicht doch optimistisch, ging aber. Bin wohl nordisch akklimatisiert.

S&K. Und „Karri“ ist Curry. Tut man hier in den Kaffee, seit die Wikinger in Indien… Quatsch. Meines ist leer, und hier gab es endlich gescheite Gewürze. Also gleich zugegriffen.
Prima ausgestattet und wieder diese herrliche Vertrauensbasis. So funktioniert Gemeinschaft irgendwie schöner.

Die Pause tat gut, waren ja immerhin schon 450hm und 37km, also knapp die halbe Höhe und ein Drittel der Strecke heute. Mit S&K-Antrieb geht es jetzt die längste Steigung des Tages rauf, danach kommt nur noch welliger Kleinkram. Am Ortsausgang steht ein großes Zelt, Sami verkaufen hier alles vom Rentier: Geweihe, Felle, Dörrfleisch und noch mehr, sowie andere Handarbeitsprodukte. Ich hätte doch mal rein gehen sollen, sowas hatte ich ja noch nie gesehen. Nächstes Mal bestimmt. Diesmal will ich zügig bergan, ist ja noch weit und schon Mittag, und wurde gleich wieder zur Pause gezwungen.

So ein Rentierfell ist bestimmt schön warm. Ob so ein Geweih ein guter Abstandhalter am Fahrrad in Deutschland wäre?

Eine Baustelle lässt den Verkehr stauen. Die Felswand ist steil, und in der Wand sind Arbeiter, die lose Steine abschlagen, bevor diese von alleine demnächst herunter purzeln. Ich staune nicht schlecht, als aus 50m Höhe ein großer Brocken herab fällt, an der Felswand aufschlägt und zerbirst, und unten kopfgroße Geschosse in der Straße und daneben einschlagen. KaBäämm! Ja, da warte ich gern. Von nem norwegischen WoMo-Fahrer werde ich angesprochen und wir vertreiben uns die Zeit mit einem kleinen Reiseaustausch – bequem auf Englisch diesmal.

Weiter oben waren noch mehr Arbeiter in der Wand. Die Straße war ziemlich zerdellert, die Leitplanke regelrecht zerschlagen.

Das Gute an solchen Baustellen, die für ne Weile dicht machen, ist, dass ich danach erstmal in Ruhe fahren kann und niemand überholt. Ich wundere mich nicht schlecht, wie flott die 400hm vergehen. In den ersten Wochen war sowas Quälerei, jetzt denke ich „ach, nur 400, das ist ja locker.“ Die Aussicht auf das Tal ist schön, da muss ich wohl auch mal lang fahren. Ein andermal.

Da unten lang ginge es schneller zum Bandak. Aber wer will hier schon schnell ankommen?

Es passiert doch plötzlich, der Übergang von Wald und Hang zum Fjell, zum Obendrauf. Auf einmal ist überall Wasser, die Straße geht nur noch leicht auf und ab, die Bäume sind klein oder weg, und etwas weiter in der Ferne erheben sich Berge. Herrlich.

Diese kleinteilige Landschaft bringt ständig Abwechslung. An hunderten solcher kleiner Gewässerchen rolle ich heute vorbei.
Da wird wohl gebaut, wo kein LKW hinfahren kann. Der geübte Pilot transportiert im Minutentakt riesige Säcke Material.
Bilderbuch. Bald wird auf Wandern gewechselt, dann geht’s in so ne Wildnis hinein.

Pausen brauche ich heute keine nennenswerten mehr. Dachte ich. Irgendwann lassen dann doch die Kräfte nach, und ich melde Notfall: Zeit für Marzipan! In großen Bissen verschlinge ich die restlichen 100g, und das nur 2km vor dem Supermarkt in Bykle, in dem ich heute Kalorien jagen muss – danach kommt keiner mehr. Ist auch der erste seit Haukeli, also seit fast 60km. Fjell heißt eben auch: wenig Infrastruktur. Im Winter sind viele Pässe gesperrt, also gibt’s da nix außer privaten Hütten und Touri-Kram.

Aber es ist ja eh besser, nicht mit Heißhunger einkaufen zu gehen, also genieße ich jeden Bissen, bevor ich die letzten Meter zum Shoppen rolle. Zu meiner großen Enttäuschung ist das Marzipan dort gerade aus. Aber die Etappe morgen ist nur die Hälfte der heutigen, also werde ich das schon auch ohne schaffen. Zum Dinner gibt es wieder Kichererbsen, Tiefkühlerbsen und vorgewürzte Tomatenpatsche, mein Leibgericht. Wie immer reichlich Öl, Curry und Salz anheizen, die abgetropften Kichererbsen anbraten bis sie wild herumspringen, dann Erbsen und Tomatensauce drauf. Damit die Erbsen vorher schnell auftauen, fülle ich eine meiner Trinkflaschen mit heißem Wasser und lege die Tüte Erbsen drauf. Es wird immer weiter optimiert. Aber das Kochen kommt ja erst später, noch kaufe ich ein.

Im Supermarkt entdecke ich noch ein tolles Werkzeug, das ich am liebsten mitnehmen würde, aber bei uns daheim lohnt sich das kaum. Na, was ist das wohl?

Eine Lemmingfalle? Oder für die Pflege von Wikingerbärten? Oder die billige Version eines folkloristischen Musikinstruments?

Nach dem Fjell ging es allmählich hinab ins Setesdal, immer an der Otra entlang. Es wurde waldiger, das Flüsschen breiter. Idyllisch. Nach Bykle wird es auf einmal steil, das Tal tiefer eingeschnitten, und rechts, dann wieder links, dann wieder rechts blanke Felswände, hunderte Meter hoch. Gewaltig. Die Kinnlade klappert irgendwo unten in den Speichen. Überhaupt bin ich heute sehr froh, dass ich schon so viel Übung auf diesem Rad habe, so kann mein Blick oft und lang in der Landschaft verweilen, ohne dass ich die Spur verliere. Und hier lohnt es sich, langsam zu machen und zu genießen.

Ich fahre durch ein Bilderbuch.
Von vielen tollen Stellen konnte ich keine Aufnahmen machen, wegen zu schnell am abwärts sausen, doofen Stromleitungen, fiesem Gegenlicht, oder einfach weil es kein Fotomotiv ergab. Das Setesdal ist meilenlang irre schön.

Allmählich reicht es doch, die Sonne steht tief und ich muss das Zelt noch trocken kriegen, sonst wird es schwierig. Also hopp, ich gebe Gas und fahre auf den Campingplatz Flateland. Wie war das? „Stengt“ heißt „geschlossen“? Stengt for sesongen. Ja, das braucht keine Übersetzung. Verfloxt! Aber warte, vor 2km war doch ein kleiner Campingplatz, eigentlich nur Hütten… Website? Nix. Infos im Web? Gar nix. Nur ne Telefonnummer. Egal, ich düse hin und stelle das Zelt auf, Hauptsache trocken, denn hier in Flateland versteckt sich die Sonne bereits hinter dem Berg.

Puh, so ne lange Etappe und jetzt nochmal ein Sprint, aber es geht. Der Platz ist winzig, an der Rezeption steht ein Schild, man soll sich einfach ne Hütte nehmen und per Vipps bezahlen, einer weit verbreiteten skandinavischen Bezahl-App, die ich nicht nutzen kann. Egal, Zelt muss trocken werden. Ratz fatz steht das Zelt, und am Sanitärhäuschen gibt es draußen Wasser, ich könnte also einfach so hier bleiben und in der Otra baden. Trotzdem rufe ich die Nummer an, und kurz später kommt der Besitzer, der vermutlich im Haus gegenüber wohnt, und sperrt die Duschen und Toilette auf, macht den Strom an. Eigentlich hätten sie schon zu, aber ich darf gerne bleiben, Barzahlung ist natürlich kein Problem. Manchmal sind die guten alten Papierscheinchen doch noch zu was gut.

Endlich wieder ein Premium Platz, und das Bad ganz für mich alleine.

Duschen, Kochen, Mampfen, ständig Sachen räumeln, weil irgendwas trocken werden muss, oder was anderes getrocknet ist, oder jetzt was ins Zelt kann, oder was für später vorbereitet werden kann, oder ein Akku Hunger hat. Die Sonne ist bald weg, es wird schnell kühl, alles beginnt schon feucht zu werden. Alles ins Zelt und zu machen, ich mach mich auch fertig: trinken, Klo, Zähne putzen, und ins Zelt. Die Bilder hab ich beim Essen aussortiert und quälend langsam ins Netz gequetscht, jetzt kann ich schreiben. Es wird eh schon richtig dunkel, ob vor dem Zelt oder im warmen Schlafsack macht auch keinen Unterschied. Außer, dass hier warm ist.

Ein letzter Blick zur blauen Stunde. Idyllisch, mal wieder.

Der Tag wurde doch noch gut. Ich glaube, dieser komische Winterstellplatz der letzten Nacht hat auch zu meinem Miesmut beigetragen, daß war kein feiner Zeltplatz, sondern eher mit einem anti-Flair behaftet. Dafür entfaltete sich die Strecke heute wunderschön. Rauf aufs Fjell, an Seen entlang, der Fluss beginnt, und ich begleite diesen bergab bis ins tiefe Tal.

Eigentlich könnte ich weiter an der Otra entlang und wäre in 2 Tagen in Kristiansand, am Südzipfel. Das ergäbe auch ne nette Story, ne schöne Reise, und hätte nen feinen Endpunkt. Mit dem Bus käme ich binnen einen Tages locker ins Zielgebiet. Aber es reizt mich mehr, ohne Bus und Bahn dahin zu gelangen, wo ich hin will. So werde ich morgen die Strecke nach Dalen zurück fahren, die ich an Tag 7 hierher gefahren bin. Auch schön, und vor allem nochmal ein wenig Fjell.