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Nach Uvita… und Gedanken zu Corcovado

Sonntag, 08.02.2026, Uvita

Ausschlafen mit Klimaanlage, das ist schon Luxus. Um halb 8 haben wir endgültig ausgeschlummert. Nein, mit präseniler Bettflucht hat das wenig zu tun (hoffe ich), sondern eher daran, dass es schon 2 Stunden länger als gestern waren.

Ich spring vorfreudig zum Bäcker, um mich an der reichen Auswahl zu laben, muss aber feststellen, dass der frühe Ara die Schokocookies kriegt. Fast alles ist schon weg, und das um kurz vor 8. Kein Wunder, denn um 9 macht die Panaderia schon zu. Ein Baguette und ein paar Cookies kommen trotzdem mit.

Gestern Abend haben wir im Supermarkt Obst gejagt, so gibt es Papaya und Mango zum Frühstück, dazu Baguette mit Avocado, die leider nicht ganz reif ist. Hier kosten die Dinger aber auch kein Vermögen. Mit uns frühstücken winzige Ameisen, die den Zucker in der vermeintlich fest verschlossenen Dose in der Küche gefunden haben. Sie transportieren ihn Korn für Korn ab. Auch irgendwie niedlich.

Anja und Katrin machen sich auf zum Strand und entdecken dort unser erstes kleines Kroko. Das lag gemütlich neben der Brücke in einem Mangroven-artig bewachsenen Bach, nen guten Meter lang das Kriechtier. Wir haben Zeit, denn der Bus fährt doch nicht um 9, sondern erst um 13 Uhr. Jaja, ein zuverlässiges Portal mit allen Busverbindungen wäre ein schönes IT-Projekt für dieses Land. Fühlt sich zufällig irgendjemand aufgerufen? Hmm?

Ich nehme mir die Zeit, um die letzten 3 Tage zu verarbeiten, die hatten es durchaus in sich. Das Wandern durch den Corcovado Nationalpark bleibt wohl unvergesslich. Costa Rica ist besonders, und dieser Wald ist ein Herzstück davon.

Costa Rica ist wirklich klein, beherbergt aber 5% der Biodiversität unserer Erde. Das klingt… abstrakt. Konkreter: die Vielfalt des Lebens ist hier 250 mal so hoch wie in Mitteleuropa.

Noch anschaulicher: hier gibt es rund 250 mal so viele verschiedene Arten wie bei uns daheim. Zähl alle Baumarten auf, die Du kennst. Ergänze um all die Baumarten, die bei uns heimisch sind, und die Du nicht kennst. Und jetzt nimm die Liste 250 mal. BÄM!

Pflanzenarten im Urwald zu bestimmen geht kaum, da man ständig neue Arten entdeckt. Dito bei Insekten, Pilzen, … Das ist einfach irre und absolut schützenswert.

Wir durften das hautnah erleben, das ist ein Geschenk. Jetzt reisen wir weiter. Rechne also mal lieber mit weniger faszinierenden Bildern und Erlebnissen, zumindest was die Natur angeht.

Die Busreise ist unspektakulär, und ich bin damit beschäftigt, die Bilder der letzten Tage in den Blog zu basteln. Letztlich kommen wir in der Dämmerung in Uvita an und nehmen flink ein Taxi zur Unterkunft.

Ohne Jeeps wirkt es einladender. Ist aber wirklich hübsch hier.

Kleine Holzhäuschen auf Stelzen säumen einen Pool. Alles voller Palmen, wir hören das Meeresrauschen, Vögelchen zischen zwischen den Blättern und rufen fremde Klänge. Ein Pärchen Aras fliegt krächzend über uns weg. Die Unterkunft ist einfach, genau wie wir es brauchen. Gut, dass „2 Schlafzimmer“ bedeuten kann, dass ein Bett einfach in der Küche steht, die gleichzeitig Wohnraum ist und die Eingangstüre direkt hineinführt, das fällt wohl unter Interpretationsspielraum. Die Mückennetz an den Fenstern (ohne Glas) sind nicht ganz dicht, über der Eingangstür ist ein fingerbreiter Spalt. Nicht schlimm, wären da keine Moskitos. Aber Katrin pinnt ihr eigenes Mückennetz fürs Bett einfach an der Hokzdecke fest, und gut ist.

Wir suchen uns eine Soda zum essen. Sodas, das sind kleine Straßenrestaurants, meist mit lokaler Küche, einer handvoll Tische und Takeaway. Meist günstig, abwechslungsreich und oft gut. Heute besonders: die quirlige Köchin singt lauthals zu den Liedern mit, die Katrin vom Salsa Tanzen kennt. Und singt richtig gut! Die dezente Verpeiltheit gibt dem Ganzen etwas Komisches, und somit wird es richtig unterhaltsam.

Die kleine Soda mit der unterhaltsam singenden Köchin und dem leckeren Mampf.

Danach in den Pool, noch flink duschen und ab in die Falle. Morgen wollen wir Wale finden gehen. Nicht ganz auf eigene Faust, nein, das wäre sicher vergebens. Hier sollen die Chancen gut sein, bei einer Whale Watching Tour welche zu sehen. Wer weiß, vielleicht haben wir ja Glück. Gebucht haben wir einfach an unserer Rezeption, und dann jemandem per WhatsApp geschrieben, dass wir dabei sind. Umgehend kommen die wesentlichen Infos, alles ein bisschen improvisiert, aber immer funktioniert es, und hat dazu eine menschliche Note. Herrlich anders.

Corcovado Nationalpark – Tag 3

Samstag, 07.02.2026, Puerto Jimenez, Osa Halbinsel

Irgendwie gewöhne ich mich ein bisschen an das tropische Klima. Knapp über 30°C und rund 90% Luftfeuchte bedeuten für mich permanentes Transpirieren. Während Katrin sich beim Frühstück um 6 Uhr pudelwohl fühlt, ist es mir bereits 5 Grad zu warm. Dafür versüßt uns ein Kolibri den Tagesanfang, der direkt neben uns Blüten ausschlürft und sein Liedchen pfeift. Okay, eher: lautstark sein Revier verteidigt.

Wir sind heute etwas später dran, denn wir müssen die Ebbe abwarten, um einen Fluss zu durchwaten. Da sind auch Krokodile drin. Mal schauen, wie das wohl wird. Wir packen unsere 7 Sachen und verabschieden uns mit einem Gruppenbild von der Station.

Heute gilt es wieder zügig zu laufen. Die Hälfte wird am Strand sein, und wir hoffen auf bedecktes Wetter wie gestern. Bald sind wir am Fluss. Während eine andere Gruppe durch den breiten Teil ohne Strömung watet, queren wir am Strand, wo das knietiefe Wasser uns die Füße wegziehen will, so stark ist die Strömug. Aber es sind nur ein paar Meter, und alle kommen rüber.

Insgesamt gab es noch keine Verluste: niemand ist umgeknickt, keiner hat sich was aufgeschürft. Keine Stacheln in die Haut gebohrt, keine Pflanzen mit fies brennenden Abwehrstoffen angefasst. Niemand wurde von Tieren gebissen, niemand ist in einen der vielen Bäche und Flüsse gefallen. Keiner hatte Ameisen im Rucksack, kein Gepäck wurde bei einer Rast vergessen. Fast schon langweilig – spricht aber sehr für die Gruppe.

Anfangs nehmen wir uns noch Zeit, um einige Dinge zu entdecken. Wir haben für diese Etappe noch 2 Teilnehmer aufgenommen, so sind wir heute zu neunt. Für die sind einige Sachen neu, und Christian zeigt mit unermüdlicher Begeisterung die tausend schönen Dinge hier. Für uns ist die Faszination des Zum-ersten-Mal-Sehens bereits etwas vergangen, so dass wir beim neuerlichen Gebrüll der Brüllaffen bereits geübt mitmachen und treffend imitieren – zumindest ein paar Jungs, die Mädels fühlen sich nicht so animiert zum imitieren. Ob da ein paar tief sitzende Instinkte aktiv werden?

Andersherum ist es, als wir eine Klammeraffen-Mama finden, deren sehr kleines Kind sich fest in ihrem Pelz klammert, um bei den grandiosen Turnübungen in 20 Metern Höhe nicht plötzlich verloren zu gehen.

Highlights gibt es auch heute, keine Frage. Wir haben noch lange nicht alles gesehen, sondern eben nur das, was in ein paar Tagen geht. So staunen wir immer wieder und sind dankbar, dass wir hier gedulded und von den Tieren nicht als offensichtlicher Feind wahrgenommen werden.

Iguana
Nasenbären
Ameisenbär
Riesige Bäume mit gigantischeen Luftwurzeln

Das Gehen ist heute anstrengender. Die Sonne scheint die meiste Zeit, und am Strand sowie im Sand zwischen den Kokospalmen ist es beschwerlicher als auf festem Waldboden. Christian zieht nach der ersten Pause das Tempo an, damit wir rechtzeitig ankommen. Gut 20 km sollen es werden.

Klar haben wir die 50er Sonnencreme drauf. Dennoch lange Hosen, auch als Schutz gegen fiese Tierchen und nesselnde Pflanzen (von denen es dankbar wenige gibt). Ich wollte ja noch einen Hut kaufen, kam aber nicht mehr dazu. In der prallen Sonne hilft mir mein Buff: wie eine edle Dame aus den 60ern das Tuch über Kopf und um den Hals bindet, so beschattet das Buff die Ohren, Wangen, dazu Nacken und Hals. Edel sieht das nicht aus, eher wie Bankräuber. Mangels Banken in der Gegend geraten wir deswegen aber nicht in Schwierigkeiten.

Ein Termitenbau aus Lehm und Spucke. Darin wohnt…
… eine Fledermaus! Scheinbar haben die Termiten nichts gegen sie. Oder zumindest nichts, was hilft.

Die zweite Rast ist an einem schönen Bach, der lädt zum Abkühlen ein. Wir ziehen die Schuhe und (inzwischen ziemlich… duftigen Socken) aus, krempeln die Hosenbeine hoch und genießen das kühlende Nass. Nach einigen Minuten klärt sich mein Kopf spürbar. Wahrscheinlich war die Kerntemperatur meines Körpers bereits um 1-2 Grad erhöht, so dass ich mich wie mit leichtem Fieber fühle. Jetzt geht es wieder.

Keimende Kokosnüsse gibt es hier alle paar Schritte
Große Würgefeige ist groß

Uns begleiten immer wieder Geier, und Aras sehen und hören wir mehrmals. Die Aras sind riesig! Hier gibt es fast keine Rabenvögel, keine Krähen und Elstern. Die Niche der intelligenten, neugierigen, krächzigen großen Vögel wird treffen von Papageien gefüllt. Die Aras fliegen zu sehen ist wirklich schön, einmal sind 7 auf einmal über uns. Verrückt irgendwie, dass diese Paradiesvögel, die ich zeitlebens nur aus dem Zoo oder aus Tierdokus kenne, hier einfach wild und frei leben.

Aras sind neugierig, was wir hier unten treiben.
Truthahngeier warten darauf, dass wir verdursten

Am Ende zieht es sich dann doch. Die Füße werden platt, der Strand ist lang. Der Sand ist ganz dunkel, denn er besteht aus Vulkangestein, nicht aus Muschelbröseln oder so.

Ein Erdrutsch, der hier vor 7 Jahren geschah, bringt noch einmal Abwechslung: Pionierpflanze Nummer 1 ist Balsa! Aus dem nackten Boden wachsen große Bäume und bereiten den Boden für die nächste Welle des nachwachsenden Waldes. Eingegriffen wird hier natürlich nicht, klar.

Erdrutsch vor 7 Jahren, von Balsabäumen erstbesiedelt.
Wir haben durchgehalten. Äätsch! Da guckt der Geier doof, hätte er uns wohl nicht zugetraut.

Endlich erreichen wir die Station, tragen uns aus dem Nationalparkregister aus und kommen an einem wundervollen Hotel vorbei, in dem ich heute unglaublich gern übernachten würde: unter Palmen, am Strand, mit Hängematten, den Wald direkt daneben, kein Lärm. Das fühlt sich nach einem stimmigen Abschluss an. Sicherlich ne kleine Spur teurer, und auch umständlicher mit dem Gepäck… vielleicht das nächste Mal.

Wir laufen noch eine Stunde, steigen in einen klapprigen Kleinbus-Jeep und klappern die holprige Straße in Richtung Puerto Jimenez. Die paar Kilometerchen können ja nicht so lange dauern, oder? Oder?? Es werden dann doch fast 2 Stunden, bis wir die rund 35km bewältigt haben. Zwischendurch regnet es kräftig, mal haben sich 4 Kühe auf die Straße verirrt und wissen nicht wohin. Es geht vorbei an imposanten Einfahrten, scheinbar haben sich hier ein paar Leute mit Geld ihren Rückzugsort verwirklicht.

Nicht unsere Straße, sondern die Landebahn. Schade.
Am Ende noch Regen, dem sind wir immer entgangen.

In Puerto Jimenez löst sich die Gruppe schnell auf. Wir holen das Gepäck vom Büro, stapfen müde zu unserer Unterkunft, duschen und gehen wieder da essen, wo wir vor 3 Tagen schon waren: ein einfaches Soda (mini-Restaurant) mit 4 Tischen, das auch Take-Away bietet. In Sirena Station wäre schon das Licht aus, wir brauchen noch etwas, bis wir ins Bett fallen. Diesmal mit Klimaanlage, die unser Zimmer auf 26°C runterkühlt, yay!

Corcovado Nationalpark – Tag 2

Freitag, 06.02.2026, Stacion Sirena, Corcovado

Die Nacht war warm und klebrig, das Laken zum Zudecken für mich überflüssig. Ich erinnere mich an die Szene im Buch Homo Faber, in der das klebrige Herumliegen beschrieben wird. So fühle ich mich. Ohrstöpsel sind wichtig, die Nacht war nicht ruhig. Anja konnte vor lauter faszinierenden Geräuschen der Nacht wenig schlafen, allen voran Schnarchen.

Um 4:30 klingelt der Wecker, zügig machen wir uns ausgehfertig. Um 5 Uhr geht es mit Stirnlampen los. Frühstück gibt’s nach der morgendlichen Tour. Ein bisschen unheimlich finde ich es schon, denn man weiß ja nicht, was für Viechzeug jetzt unterwegs ist. Taranteln und Giftschlangen gibt es hier, und jede Menge Spinnen – der Waldboden glitzert voller reflektierender Spinnenaugen. Mit Guide Christian aber kein Problem, und bald fängt es an zu dämmern, mit dem Licht kommt Sicjerheit. An Fotos ist natürlich noch nicht zu denken dafür genügt es nicht.

Wir entdecken Frösche, die sich eng an Blätter kleben, um nicht aufzufallen. Eine Gottesanbeterin wartet auf Beute. Dicke Nachtfalter schwirren durch das Lampenlicht. Eine Fledermaus huscht um unsere Köpfe. Einen Ziegenmelker können wir kurz beobachten. Wir gehen bis zu einem Fluss, Krokos können wir aber keine entdecken. Wenn sich Gruppen begegnen, tauschen die Guides schnell ihre Entdeckungen aus, so dass es mehr zu zeigen gibt.

Morgenstimmung an der Flussmündung, ohne Krokos deutlich entspannter.

Wieder an der Station gibt es ein riesiges Frühstück, diesmal mit Hühnchen. Nicht auf dem Teller, nein, es läuft gemütlich direkt neben unserer Veranda entlang. Danach kurze Pause, und um 8:30 wieder in den Wald. Zur Ruhe kommt man nur kurz, bevor wir wieder nach Unbekanntem Ausschau halten und von Christians scharfen und geübten Augen überrascht werden.

Frühstück mit Hühnchen

Die zweite Tour führt uns an den Strand, zum ersten Mal stehen wir am Pazifik – immer gerade aus, nächster Halt Neuseeland, Australien, Papua-Neuguinea, Japan. Dreh einen Globus, oder den Erdball in Google Earth, mal so, dass der Pazifik den meisten Raum einnimmt, dann ist kaum noch Land zu sehen. Unvorstellbar weit.

Wir entdecken ein Rudel Nasenbären, das am oberen Rand des Strandes im Sand nach Futter sucht, und etliche der kleinen Krabben vernascht, die hier um unsere Füße wuseln. Ein großer Jesus Christ Lizard sonnt sich auf einem Baumstamm, mit über einem halben Meter von Kopf bis Schwanzspitze die größte Echse, die ich wild gesehen habe. Ein Tapir, der tagsüber im Schlamm schläft, und von dem wir durch das Blattwerk hindurch nur Schnauze und Öhrchen erspähen können.

Wir schauen dem Tapir beim Schlafen zu

Mittags verabschieden sich 3 Leute unserer Gruppe, sie fahren per Boot zurück. Zu siebt ist es gleich viel ruhiger und gemütlicher, vielleicht auch weil die Amerikanerin jetzt weg ist.

Spätes Mittagessen um 13 Uhr, Pause und Siesta bis 14:30, dann zum dritten Mal los. Wanderwege um Sirena Station sind breit und gut, viele Tagestouristen kommen früh per Boot und sind ab Mittag wieder weg, dann wird es schlagartig ruhiger. Wir laufen weniger, können dafür mehr Gucken. Zum Glück ist es meistens bewölkt, im Gegensatz zu gestern finde ich es regelrecht erträglich, so dass die schwelenden Kopfschmerzen verschwinden und ich spürbar klarer denken kann. Jetzt setzt auch mehr Neugierde ein.

Wir sehen einige schöne Spinnen, allen voran der Golden Orb Weaver, von dem ein Prachtexemplar die Station gegen Mücken verteidigt. Immer wieder sind Affen hoch über uns in den Bäumen. Teils neugierig schauen sie zu uns hinab (oder auf uns herab?), teils ignorieren sie uns einfach, wohlwissend, dass wir nicht zu ihnen rauf kommen.

Arachnophobie Trigger Warnung!

Golden Orb Weaver. Das kleine oben ist das Männchen. Die große Dame hat später noch eine Libelle (!) in ihrem Netz gefangen und nen Burrito draus gemacht.
Manche Fledermausarten schlafen an Bätter geheftet…
… andere schlummern tief in den Klüften der Luftwurzeln.
Der Baum dazu.

Dann große Aufregung: Das erste Freddy! Kannst du es erkennen?

Guide Christian ist klasse. Erst hat er studiert, dann mehrere Jahre lang die Ausbildung zum Guide gemacht. Jetzt ist er Freelancer und sehr viel draußen unterwegs. Das macht ihm sichtlich Spaß, er scheint seine Berufung gefunden zu haben. Er trägt viel Verantwortung für die Gruppe, insbesondere auf den langen Wanderungen. Die häufigsten Probleme sind wohl Umknicken, Hitzschlag und verdorbener Magen. Das hat er dann gut um Griff. Sollte sich jemand ein Bein brechen oder sowas, dann muss natürlich improvisiert werden, dann wird es spannend.

Zum Sonnenuntergang sind wir am Pazifik. Das Wasser ist warm wie in der Badewanne, irre. Wir entspannen, aber nicht nur die Romantik lockt uns zu dieser Tageszeit hierher. Wir warten auf den Tapir, auf dass er Lust hat, mit Einbruch der Dunkelheit aus seinem Schlammbad zu kommen. Aber leider verkrümelt er sich entweder in eine andere Richtung, oder er döst einfach noch weiter, bis die glotzenden Menschenaffen endlich vondannen gezogen sind.

Wir genießen ein ordentliches Abendessen, und – zack – ist schon wieder Schlafenszeit. Um 8 Uhr geht – klack – das Licht aus. Gut so, denn morgen steht unseren strapazierten Füßchen ein ordentlicher Marsch bevor. Gestern waren es knapp über 20km, heute insgesamt rund 15 km. Es kommt doch einiges zusammen. So holen wir uns reichlich Schlaf, diesmal sogar besseren als vorherige Nacht.

Tadaaa, Reis mit Bohnen, dazu Gemüse, Salat, und diesmal knusprig frittierte Teigteilchen. 3 mal am Tag so eine Portion hält uns bei Kräften und Laune.

Corcovado Nationalpark Tag 1

Donnerstag, 05.02.2026, Stacion Sirena, Corcovado

Wir haben Urlaub, um 4:30 klingelt der Wecker. Morgens. Opfer müssen eben erbracht werden für tolle Erlebnisse. Treffpunkt um 5 vor der Bäckerei, es ist noch dunkel. Die ist überraschend voll und hat eine tolle Auswahl. Das meiste kenne ich gar nicht, also werden einfach 2 süße Sachen probiert, während Anja einen Tee und Katrin einen Kaffee schlürfen.

Mehrere Gruppen starten hier, Jeeps und Guides warten. Es ist schnell erkennbar, wer auf Tagestour geht, und wer 55 km durch den Urwald wandern will. Gepäck und Leute in die Jeeps, der Guide meint beim Einladen meines Rucksacks: „Too heavy!“ Ich versuche ihn zu beruhigen, dass ich das gewohnt bin, und da ja 3,5 Liter Wasser drin sind… „Too heavy!“ Jetzt ist es eh nicht mehr zu ändern, also los geht’s. Aber etwas nachdenklich bin ich schon.

Wir fahren raus aus Puerto Jimenez, dann in eine unbefestigte Seitenstraße. Am Ende geht es in ein breites Flussbett, das zur Regenzeit sichtlich viel Wasser führt, jetzt jedoch großteils trocken ist. Überall wachsen Pionierpflanzen, oder eben die, die es mögen, ein halbes Jahr lang abzusaufen und dann neu auszutreiben. Wir sehen Ibise und Löffler, genießen die holprige Fahrt, die überraschend lange dauert.

Um kurz vor 7 sind wir da, der zweite Jeep mit Gästen und unserem Guide Christian kommt auch bald. Wir sind 10 Leute, 2 Tschechen, 2 Franzosen, eine Amerikanerin, ein Ire und Schweizerin, und wir. Es bleibt bei einer sehr kurzen Vorstellung, wir wollen ja schließlich laufen, nicht quatschen. Hui, jetzt wird es abenteuerlich!

Wandering Palm – der Baum kann wirklich laufen. Nur 1-2 cm pro Jahr, aber doch genug, um sich zu lichteren Flecken zu bewegen.

Ein schmaler, sehr guter Pfad führt durch das Dickicht. Es ist trotz Trockenzeit leicht matschig, Wurzeln machen den Weg holprig. So stolpern wir schnell, wenn wir in die Gegend schauen. Aber Wow! So grün und groß und vielfältig ist das alles hier!

Während ich ahnungslos auf das viele Grün starre, entdeckt Christian viele Kleinigkeiten und erzählt uns was dazu. Pflanzen, deren Blätter wie Klett an der Kleidung haften. Würgefeigen, die an anderen Bäumen hochwachsen, sie komplett einverleiben und töten. Blattschneiderameisen mit riesigen Bauten und Straßen voller wackelndwandernder Blätter.

Wir scherzen unwissend, dies sei wohl eine Treppe für Affen – und tatsächlich heißt diese Liane Monkey Stairs

Mehrmals geht es durch Bäche, dann heißt es Schuhe und Socken aus, durch das kühle, klare Wasser, und wieder rein in die Schuhe. Nass ist eh bald alles, dann sind auch nasse Füße egal. Die Klamotten kleben eh schon am Leib.

Wir sehen: 4 Affenarten: Brüllaffen, Kapuzineraffen, Klammeraffen, Totenkopfäffchen (kennen wir von Pippi Langstrumpf). Vögel, Frösche, Minifrösche am Bach, Echse, Kröten. Libelle mit gelben Punkten, die schwirren wie Helikopter. Überall Ameisen. Aras. Tukan. Termitennester und -straßen. Walking (wandering?) Palm. Pecari, das hiesige Wildschweinsurrogat.

Die Brüllaffen sind nicht so erfreut heute, sie machen Drohgebärden, schlagen sich mit ihren langen Armen unter die Achseln und brüllen dabei. Oder ist es eine Aufforderung, das Deo aufzufrischen? Wundern würde es uns nicht.

Im Primärwald, also Urwald, ist alles riesig, dicht, vielfältig. Es gibt kaum Licht, nicht einmal GPS. Alles ist feucht, aber trieft nicht. Es hat über 30°C und ist schwül wie im Dampfbad. Elektronik macht keine Probleme, auch die Linsen von Kameras und Fernglas bleiben sauber, da hatte ich mehr Sorgen als nötig.

Würgefeige beim Erwürgen. Software-Architekten kennen ja das Strangler Fig Pattern, hier live in allen Stadien zu beobachten.

Es geht mal leicht bergauf, mal bergab, aber es gibt keine nennenswerten Andtiege, keine Hügel. Mit dem Rucksack geht es gut – aber die Wärme! Am Ende habe ich über 5 Liter getrunken, war aber nur einmal den Wald mit Stickstoff versorgen. Wüste und Regenwald sind also gar nicht so verschieden.

Die Erdschicht ist so dünn, dass viele Bäume Luftwurzel ausbilden. An diesen komplexen Stützstreben kann ich mich nicht sattsehen.

Die letzten paar Kilometer führen durch Sekundärwald, der Übergang ist sehr plötzlich. Früher lebten hier rund 170 Menschen, bis der Staat sie reichlich ausgezahlt hat, um sich ein gutes anderes Zuhause suchen zu können. Bereits 50 Jahre ist die Gegend um die Station Sirena unberührt, aber es macht trotzdem einen riesigen Unterschied!

Urwald, einmal gestört und zerstört, braucht Ewigkeiten. Da Urwald direkt nebenan ist, und die Fläche am Sekundärwald nur einige Quadratkilometer beträgt, wäre hier vermutlich in einigen hundert Jahren der Unterschied verschwunden. Ist kein Urwald in der Nähe, oder wandern fremde Pflanzen und Tiere ein und machen sich breit, braucht es wohl abertausende von Jahren. Ist die Erde erst einmal weggewaschen, noch einmal länger.

Der Common Black Hawk sitzt entspannt auf dem Geländer der Veranda. Noch. Er passt auf, dass sich hier alle bemehmen.

Kurz vor 17 Uhr sind wir an der Station Sirena. Diese ist überraschend groß und sehr gut organisiert. Dutzense Leute arbeiten hier als Küchenkräfte, Putzmannschaft, Hausmeister, Techniker. Die meisten Guides sind Freelancer, die von den Büros engagiert werden, oft sehr spontan. Die Zahl der Guides erkennt man am Parkplatz der Spektive zur Mittagszeit.

Alles ist total offen gebaut, Fenster mit Glas gibt es keine, wie in den meisten Häusern Costa Ricas auch. Wir bekommen einen frischen, kalten Fruchtsaft und dürfen kurz die Füße hochlegen. Überraschenderweise gibt es WLAN, daher gab es ein paar Nachrichten aus dem Nirgendwo.

Katrin ist jetzt zum vierten Mal hier an der Station Sirena und beschreibt es wie Heimkommen, hier fühlt sie sich wohl. Wundervolle Natur, prima Klima, chilliges Leben und viel zu entdecken. Die Station hat sich über die Jahre ganz schön entwickelt, beim ersten Mal in 2008 waren es nur Matratzen auf dem Boden mit Mückennetz drüber. Selbst kochen war angesagt, Internet gab es natürlich auch nicht. Man durfte auch ohne Guides hierher, jetzt darf man ohne Guide nicht von der Station weg.

Sie macht auch gleich ihren Bat Detector klar und sammelt Fledermausarten anhand deren Rufe per App. Letztlich werden es 3 oder 4 – recht wenig. Aber das lieht auch daran, dass wir nachts nicht ohne Guide raus dürfen, schon gar nicht in Flip-flops: giftige Schlangen, die gern in die Knöchel beißen, bringen jeden schnell vom Wumsch ab. Außerdem wird nachts vieles wach, was tagsüber schläft. Das soll nicht gestört werden.

Dann Lager beziehen, Doppelstockbetten mit Mückennetz. Die Matratze ist in Plastik eingepackt, dann Stoff drüber, so schimmelt nichts. Ein einfaches Laken zum Zudecken genügt völlig.

Endlich eine Dusche (warmes Wasser ist überflüssig), dann essen: Reis mit Bohnen und Spaghetti, Gemüse und Salat. Uwe lernt: Scharfe Soße ist scharf. Don’t mess with Chili in Middle Americas. Jetzt sitzt ich da und schwitze noch extra! Aber von einem Inder habe ich gelernt, dass die Schärfe die Durchblutung an der Hautoberfläche fördert und der Körper damit mehr Wärme abgibt, so also die Kerntemperatur gut senken kann. Es ist lecker und reichlich. Ich habe noch literweise getrunken.

Kurz vor 8 Uhr sind wir im Bett, denn pünktlich um 8 gehen alle Lichter aus. Klack dunkel, kein Strom mehr. Nur Zikadenkonzert, Waldtiere, und das zarte Schnarchen der Leute um uns herum.

Gute Nacht

Kein Quetzal, aber…

Dienstag, 03.02.2026, Jaboncillo, Parque Nacional Los Quetzales

Ein sonnenschöner Morgen erwartet uns, fast strahlendblauer Himmel. Wow. Die Nacht war frisch, und so machen wir uns zm Frühstück heißen Tee und Kaffee, dazu frische Ananas und mehr. Heute wollen wir den Quetzal finden, den sagenumwobenen Göttervogel. Der hat uns hierhergebracht. Um es nicht allzu spannend zu machen, hab ich’s ja in der Überschrift schon verraten. Aber. Aber das „Aber“, das uns entschädigt… huiuiui!

Wir haben Tipps gesammelt, wo wir den Quetzal sehen könnten. So laufen wir die einzige Straße hinab ins Tal. Dort ist irgendwann Sackgasse – bis dahin laufen wir nicht, aber so hält sich der Verkehr in Grenzen. Von der Straße aus sehen wir mehr als von einem Waldpfad, und die blühenden Gärten locken viele Vögelchen an. So geht es langsam voran, gibt ja viel zu sehen.

Ein Schild warnt Autofahrer vor vogelbeobachtenden Touristen auf der Straße
Maracuja vom Wegesrand

Eine Hecke aus Engelstrompeten gibt es bei uns daheim eher nicht. Auch sonst stehen hier viele Blüten und Pflanzen einfach in der Gegend herum, die wir daheim vom Blumenstrauß oder Gartenmarkt kennen. Ich komm damit noch immer nicht ganz klar, denke immer, die erfrieren doch im Winter…

Einige Dutzend Vogelarten können wir sichten und bestimmen. Mit den vielen Schmetterlingen fangen wir gar nicht an uns zu beschäftigen. Und dann taucht dieser kleine Drache am Wegesrand auf. Wir sehen über den Tag verteilt ein paar kleine Echsen, und alle haben auffällig aufgestellte Schuppen, ganz anders wie die Eidechsen bei uns daheim.

Die Ortsbeschreibungen sind alle sehr vage. Selbst mit vorgehaltenem Google Maps ist es schwierig, klare Ortsangaben zu bekommen. Nach etwas über 5km finden wir einen Künstler, der unheimlich schöne Quetzals auf alles Mögliche malt. Den fragen wir – und erfahren, dass wir schon viel zu weit sind. Etwa 3km zu weit. Hmja. Also drehen wir rum und stapfen die Straße wieder rauf.

Inzwischen steht die Sonne hoch, und wir kehren in ein Restaurant ein. Angelockt wurden wir von Hummingbird Feeder, also kleinen Tränken für Kolibris. Und das lohnt sich! Total verzückt kommen wir kaum zum Essen, denn ständig kommen neue kleine schwirrende Flitzevögelchen zum Trinken. So erleben wir, warum sie „Humming“-birds heißen, denn sie summen und brummen beim Fliegen richtig schön.

Gestärkt geht es weiter. Die Straße ist teils sehr steil. Wer mit unserer Auffahrt daheim Probleme hat, sollte hier nicht entlang. Irre, wie kleine LKWs und Busse das meistern, sowohl Mensch als auch Maschine haben da einiges zu tun.

Ja, ist echt steil teilweise!

Den Quetzal sehen wir nicht, aber eine ganze Liste anderer Vögelchen. Anja wird gegen Ende wohl eine Liste zusammenstellen. Natürlich führt sie genau Buch, welche Arten wir sicher bestimmen konnten.

Statt des letzten Teils der Straße versuchen wir einen Pfad durch den Wald. Der Tapir lässt uns vermuten, dass der Pfad in der Nähe unserer Unterkunft herauskommen müsste, denn da ist eine Lodge mit diesem Logo. Aber ob das stimmt?

Mehr Flechten als Holz
Der Wald lässt sich wirklich Wirklich nicht mit dem Handy fotografieren.

Es geht einen kleinen Bach entlang, der Pfad ist schmal und anspruchsvoll, aber gepflegt und oft begangen. Sehr überraschend finden wir Tisch und Bänke aus Stein, fernab der Straße. Es ist heute doch gut warm geworden, und so wärmen wir das ziemlich kalte Wasser mit unseren überhitzten Füßen.

Allmählich bekomme ich einen Blick für das viele Grün, die zahllosen Blattformen, die wilden Strukturen, die tausend Details. Und so wird der Wald mit der Zeit immer schöner, je länger wir darin laufen.

Wer da wohl wohnt? Tapfere schaffen es, mit dem Unwissen weiterzuleben, statt übermütig der Neugierde freien Lauf zu lassen.

Nachmittags zieht es zu. Wir haben noch bei Sonnenschein auf unserer Veranda schön Pause gemacht, bevor es nochmal losgeht, diesmal zu 2 Wasserfällen. Irgendwie ist das Wort „Wasserfall“ ziemlich langweilig, typisch deutsch beschreibt es die Fakten. Im Norwegischen ist das ein „Foss“, schön lautmalerisch. Spanisch steht dem in nichts nach, nennt das fallende Wasser „Catarata“. Klingt auch schön. Und sag das 10 mal hintereinander!

Auf dem Weg dorthin hören wir einen Bell Bird singen. Der Klang ist unverwechselbar, aber leider können wir ihn nicht entdecken. Er klingt regelrecht elektronisch, wie eine alte Türklingel, oder ein Signalton von einem Gerät. Ein Freddy finden wir auch hier nicht, aber das war zu erwarten. Vielleicht morgen.

Die Lodge, welche die Wege zu den Cataratas pflegt, hat viele blühende Büsche und Sträucher gepflanzt, welche Kolibris anziehen. Nochmal die kleinen Summvögelchen! Verzückt und verzaubert bestaunen wir die kleinen Wuselflieger, wie sie unfassbar agil und schier unermüdlich durch die Lüfte zischen.

Unermüdlich? Nicht ganz. Da sitzt dann doch mal einer minutenlang still, verteidigt vehement seinen Busch gegen alle Eindringlinge, putzt sich zwischendurch und lässt sich derart wunderbar ablichten, wie ich es mir nicht hätte träumen lassen! An den Futterstellen wuseln ein Dutzend Kolibris, mindestens 5 verschiedene Arten, umeinander, wir kommen aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Ein Nickerchen muss auch mal sein
Der tapfere Buschverteidiger plustert sich auf, um sich zu putzen

Morgen fahren wir weiter, ins warme Tiefland. Schade irgendwie. Die Berge sind wirklich besonders. Hier, zwischen 2000 und 3000 Metern über dem Meer, ist eine Artenvielfalt, wie ich sie noch nicht erlebt habe. Die steilen Hänge, das viele, klare Wasser, die Wolkenspiele, und die vielen Kolibris. Unser kleines Häuschen und die Leute, die auch jeden Touri grüßen.

Aber wir haben ja noch was vor. Und vermutlich werde ich auch den nächsten Reisezielen mit viel Staunen begegnen dürfen.

Anja will ganz früh nochmal nach dem Quetzal schauen gehen. Ob ich es schaffe mitzukommen, weiß ich noch nicht. Jetzt ist 21 Uhr und wir gehen schlafen, so dass wir um kurz nach 5 wieder aus den Federn kommen. Ist eh wieder kühl geworden, und der Ofen ist ja kaputt, also gibt es keinen Grund, noch wach zu bleiben.

Draußen leuchten unzählige Sterne, ein gigantischer gelber Nachtfalter will durchs Fenster rein, draußen heult ein Rudel Tiere, die wir nicht kennen, ein Frosch quakt wie ein klingelndes Telefon. Auch das legt sich, und alles wird ruhig. Gute Nacht.

Zum Parque Nacional Los Quetzales

Montag, 02.02.2026, Jaboncillo, Parque Nacional Los Quetzales

Irgendwann um 4 Uhr nachts fährt jemand mit extra lauter Hupe durch die Stadt. Muss irgendein Idiot sein, der nicht mitgekriegt hat, dass alle anderen schon schlafen gegangen sind. Im Dreiviertelschlaf verfluche ich den Kerl. Erst beim Frühstück geht mir auf, dass das der Zug war! Die Bahnübergänge haben keine Schranken, daher wird per brachialer Lautstärke für Sicherheit gesorgt.

Der Jetlag lässt uns früh aufwachen, das ist auch mal praktisch. Kühle 16 Grad hat der Morgen, wir frühstücken mit Pullover und Jacke – es gibt im Hostel kein geschlossenes Drinnen, alles ist offen. Das ist gut, denn Dauerlüften ist bei dem Klima schlicht nötig. Aber heute ist es doch frisch.

Katrin muss nochmal los, um ihre Zeit nach ihrem Geburtstag zu organisieren. Anja und ich laufen zum  Bushalteterminal und versuchen, 3 Tickets zu ergattern. Anja radebricht mit ihrem Duolingo-Spanisch, denn die Dame am Schalter spricht kein Englisch. Es gibt etwas Verwirrung und Aufregung, denn die Zeit läuft. Fast hätten wir noch schnell zu einem anderen Terminal gemusst, aber wir kriegen es raus und haben Tickets. So ganz stimmt das doch nicht, dass man hier mit Englisch super durchkommt! Mehrmals schon wären wir ohne Spanisch nicht oder nur sehr umständlich weitergekommen.

Der Bus ist sehr gemütlich, die Fahrt auch. Die Straße aus San Jose ist voll, es reihen sich kleine Häuschen an Autowerkstätten an Einkaufscenter (inklusive H&M!) an kleine Restaurants an Wellblechbarracken. Alles sieht abgenutzt und verbraucht aus. Alles? Nein, zwischendrin steht ein sauerster KFC, auch die anderen großen Ketten haben ihren internationalen Standard und stechen heraus.

Es geht stets bergauf, bald im Nebel. Die Botanik ist eine grüne Wand aus fremden Pflanzen. Es mehren sich Pflanzen, die auf Pflanzen wachsen, die auf Pflanzen wachsen. Riesige Farnwedel ragen aus dem Gesträuch, die Bäume rasieren sich nicht und tragen dicke Flechten als Bärte. Urig sieht das aus im dichten Wolkennebel.

Nach einer Stunde Fahrt macht der Bus Pause bei Läden, die Passagiere kaufen Kaffee, Erdbeeren und was der Laden alles hergibt. Wir kaufen Obst: Mango und Ananas werden uns die nächsten Tage versüßen. Dazu getrocknete Bananen, eingeschweißt sind sie lange haltbar. Sie sind nicht ganz getrocknet wie Bananen chips und echt lecker.

Endlich kommen wir an, am Abzweig nach Quebrador lässt uns der Busfahrer raus. Abgeholt werden wir von einem alten Pickup, Katrin fährt auf der Ladefläche mit den Rucksäcken mit. Langsam geht es die sehr steile, holprige Straße hinunter. Es gibt hier zwar keine Lebensmittel mehr zu kaufen, aber 3 Restaurants und eine kleine Pizzeria. Verhungern werden wir sicher nicht.

Unser Casa 1 ist herrlich! Wir gönnen uns Tortillas mit Bohnen Matsch auf der Terrasse mit dem wundervollen Ausblick und genießen die Ruhe. Nur der kleine Fluss rauscht tief unten, und ein paar Vögel rufen. Da sind auch schon die Kameras und Ferngläser draußen und wir werden schnell wieder aktiver.

Der erste Kolibri im Kasten!

Es ist früher Nachmittag, wir wollen noch was erleben, Runter zum Fluss führen kleine Pfade, wir laufen eine herrliche Runde. Für die 4 km brauchen wir 2,5 h, es gibt einfach wundervoll viel zu entdecken! Alles ist fremd, artenreich, eindrucksvoll. Da wir hier auf rund 2500m sind, also 500m unter dem Bergrücken, haben wir keinen Wolkennebel und sogar etwas Sonne. Es ist angenehm warm, und so können wir uns alle Zeit nehmen, um den Wunderwald an diesen steilen Hängen zu bestaunen.

Selbst Erfahrensten lokale Botaniker können hier oft nur die Gattung der Pflanzen bestimmen, selten die Art. Es gibt einfach unglaublich viele Pflanzenarten! Moose und Flechten wachsen dick und dicht auf allem, sogar auf Blättern. Ohne Pfad gäbe es kein Durchkommen.

Es klappt einfach nicht, diese dichte, vielfältige Vegetation zu fotografieren. Die Bilder sind einfach unstrukturiert grün, das erspare ich dem verwöhnten Leser. Ein paar Vögel konnten wir auch entdecken, sogar fotografieren und bestimmen. Die Bilder krieg ich heute aber nicht mehr aufs Handy rüber.

Ruhe, endlich. Aber auch frisch wird es mit der schwindenden Sonne. In 3 Tagen werden wir uns danach zurücksehnen (außer Katrin, die mag es heiß), aber jetzt wird es doch ganz schön kühl. Wir packen uns gut ein und gehen in einem kleinen, sehr gemütlichen Restaurant essen. Dort bringen wir auch in Erfahrung, wo man den Quetzal am besten sehen kann. Um diesen zu sehen sind wir hergekommen. Klar, ist alles andere hier auch schön, aber dieses Vögelchen ist so besonders, dass es diesem Nationalpark sogar seinen Namen gab.

Zurück in unserem Casa stellen wir ernüchtert fest, dass der kleine Elektroofen nicht funktioniert. So gibt es noch nen Tee, der uns beim Pläneschmieden und Blogschreiben etwas wärmt.

Morgen wollen wir früh raus und einige Kilometer wandern. Entlang der Straße werden wir vermutlich mehr Natur entdecken als vom Wanderpfad aus, denn der Wald ist einfach sehr dicht, so dass man nur wenige Meter weit gut sehen kann. Ein Freddie haben wir noch immer nicht entdeckt, die verirren sich wohl auch nicht in die Berge oder in die Großstadt. Da müssen wir noch ein wenig Geduld haben.

Jetzt sind die Füße kalt, der Bauch voll, der Kopf müde und die Hoffnung groß. Wünsch uns Glück!

Packen, Dokus und Orakel

Gute Nachricht: Anja darf mitkommen. So hat Kanada entschieden und ihr eine Reiseerlaubnis erteilt, puh. Wär sonst schade gewesen, denn Uwe hätte alleine niemals die vielen Vögelchen bestimmen können. Dann erfüllt sich das Orakel vielleicht, das ich gestern aus einem Glückskeks gezogen habe

Und noch ne gute Nachricht: dieser Beitrag ist der Erste, den ich mit einer Tastatur mit 10 Fingern schreibe. Die ist klein da faltbar, leicht, praktisch – und hat nur einen Flaw, der ist dafür richtig mies: das „B“ ist auf der rechten Seite der Faltkante, und so muss ich 10-Finger-Tipper jetzt das „B“ mit dem rechten Zeigefinger statt mit dem linken Tippen. Aber hey, ich kann mit mehr als nur den Daumen schreiben! 1234567890. Das wird gut.

Zur Einstimmung haben wir ein paar Dokus geschaut, und die 2 schönsten wollen wir gern teilen.

Zahlen, Fakten, Geschichte: 20 Minuten Überblick und Hintergründe

https://www.arte.tv/de/videos/114573-001-A/mit-offenen-karten/

Unterwegs mit einer Biologin und Wildtierärztin mit vielen schönen Bildern und Geschichten in 43 Minuten.

https://www.zdf.de/play/dokus/terra-x-faszination-erde-mit-hannah-emde-dokureihe-100/terra-x-faszination-erde-mit-hannah-emde-costa-rica-das-pure-leben-doku-100

Das Wetter ist grau, es regnet, wir packen. Viel kann nicht mit, schließlich sind wir mit dem Rucksack unterwegs und haben nur für einige Tage ein Auto. Uwe ist ja eher reisefiebrig, und je mehr Zeit vergeht, desto größer wird der Stapel, der in den Rucksack soll. Kompensation der Ungewissheit. Zum Glück hilft Anja beim Aussortieren, sonst wären wir am Ende völlig overequipped. Wie in Norwegen, nur dass diesmal kein Fahrrad die Last trägt, sondern alles die Schultern schultern. Ääh.

Mit dem Rad zwischen Fjord und Fjell – ein Resümee

Jeder Tag ne andere Farbe, Cheats gestrichelt. Hier geht das gerade nicht besser. GPX Track kommt noch, und auch andere Karten. Gerne auch anfragen. Für heute muss das genügen. Hier die Karte in hoher Auflösung.

Ich bin in 6 Wochen eine 8 gefahren, oder eher ein &-Zeichen rückwärts. Also: In Oslo im Osten gestartet, dann in den Südwesten an den Lysefjord. Von dort hoch gen Nordosten entlang des Hardangerfjords und zweimal über den Sognjefjord, weiter zwischen Jostedalsbreen und Jøtunheimen hindurch nach Lom. Dann nach Westen an den Nordfjord und möglichst nah am Jostedalsbreen nach Süden, zurück über den Sognefjord. Die Hardangervidda nördlich gestreift und dann im Osten und Süden eng umrundet, bis das Setesdal mich nach Süden führt, und zum Abschluss nach Osten an den See Bandak. Puh.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Gewählt habe ich all die kleinen, ruhigen Straßen zwischen Fjord und Fjell. Es sollte bergig sein und viele Landschaftswechsel haben, an den höchsten Bergen und tiefsten Fjorden vorbeiführen, ohne von zu viel lästigem Verkehr abgelenkt zu werden. Wo große Tunnels darauf warten, Autos zu verschlingen, fuhr ich über alte, einsame Pässe. Küste, Inland und Städte interessierten mich diesmal gar nicht. Norweger, denen ich die Strecke beschrieb, meinten, ich hätte viele der schönsten Teile Norwegens gesehen, die man per Straße erreichen kann. Und ich würde alles gern nochmal fahren und sehen.

Zahlen, Daten, Fakten
An 33 von 41 Tagen gefahren
1.955 Kilometer, davon etwa 35 in Tunnels
27.717 Höhenmeter: 3 mal der Mount Everest, oder 154 mal der Branich
115 Stunden 36 Minuten am Fahren
240 Höhenmeter pro Stunde Fahrzeit geklettert
1 gebrochener Seitenständer, 1 Zinken aus der Gabel gebrochen, sonst keinerlei Defekt oder Panne

30 mal im Zelt geschlafen, 10 mal in einer Hytta
7 mal Fähre gefahren, 1 mal Zug, 2 mal per Anhalter durch für Radls verbotene Tunnels
Ein Dutzend Reiseradler getroffen, mit 2 Rennradlern zusammen 3 Pässe erklommen
5 Stabkirchen besucht

Mampf & Schlürf
7 Laibe Brot
6 Packungen Müsli
5 Gläser Marmeladen und 5 Gläser Erdnussbutter
6 Blöcke Käse á 500g
3 Packungen Marzipan á 400g
5 Flaschen Öl á 500ml ins Abendessen gekippt
6 Flaschen Sirup, Blaubär und schwarzer Johannisbär
82 Beutel Schwarztee aufgebrüht
4 Bier genossen (3 davon spendiert bekommen)
Eineinhalb Dutzend Liter Orangensaft, dito Packungen Kekse
Abertausende Kichererbsen und Erbsen
Ungezählte, weil unzählige, Süßteilchen und Kaffee zwischendurch

Begegnungen
Dies sind diejenigen, mit denen ich Zeit verbracht habe, Gespräche geführt habe, Etappen gefahren bin, oder die mir geholfen haben. Überdies bin ich vielen weiteren tollen Menschen begegnet, mit denen ich mich ausgetauscht habe.
Thomas & Tina
Hannes
Matthias & Filiz
Eva & Partner
Michael & Dagmar
Tor Ove
Norbert & Elke & Casjen & Seya
Eirik
Bernice & Rick
Frank & Yvonne
Heidi & Petro
Aina
Corentin, Chloe & Guillaume
Roar
Justin
Marita
Per Morten & Beata, Ove & Mette
Borghild
Aron
Romain & Clarisse

Aber warum Fahrrad, ausgerechnet in Norwegen, wo es doch nie flach ist? Zu Fuß kommt an an die tollsten Stellen, aber kann immer nur ein kleines Fleckchen auf der Landkarte erkunden. Mit dem Auto ist man wuuusch viel zu schnell und hält doch zu selten an. „Hast Du das gesehen rechts, der Bach? Der war schön!“ – „Häh? Oh, nein, verpasst, schade.“ Mit dem Velo hat man das richtige Tempo, um die Landschaft sich entfalten zu sehen. Man ist so langsam, dass man alles aufnimmt, stets anhalten kann, jederzeit pausieren kann. Und trotzdem legt man so große Strecken zurück, dass die Landschaft sich verändert. Zudem ist es leise. Und man ist draußen, atmet die Luft, erduftet den Wald, fühlt den Wind. Und jedes Fjell ist hart erarbeitet, der Körper belohnt den willigen Geist mit reichlich Glücksgefühlen. Mein Ziel waren nie Orte, sondern das Erleben während der Fahrt. Wenn ich ankam, hatte ich selten das Bedürfnis, noch etwas sehen zu müssen oder erkunden zu gehen, denn das habe ich ja bereits den ganzen Tag gemacht. Ich würde diese Reise jederzeit wieder so tun.

Als Reiseradler genießt man besonderen Status. Fremde Menschen schauen und grüßen, Autos überholen mit reichlich Abstand, Leute helfen gern, ich komme schnell ins Gespräch und werde oft angesprochen. Anfangs hatte ich Sorge um meine Packtaschen und Sachen, aber das verflog – je größer die Stadt, desto vorsichtiger sollte man dennoch sein. Gerade hier, wo es nicht so viele Verrückte gibt, die sich das antun wollen, ist man eine Ausnahme, aber auch daheim bei der kleinen Testtour habe ich bereits erfahren dürfen, dass Reiseradler die Welt anders erleben dürfen und andere Begegnungen haben, viel Freundlichkeit und Offenheit erfahren. Gerade alleine zu reisen hat viele Begegnungen ermöglicht, auch die mit mir selbst. Das alles war eine wirklich tolle Erfahrung.

Ich habe viel über Norge gelernt. Verstehen tue ich hier noch lange nicht alles, vieles ist mir gar ein Rätsel. Die Sprache rudimentär snakken zu können hat vieles erleichtert und verständlicher gemacht, nicht nur die Zutatenliste von Mampf im Supermarkt bei der Wahl des Dinners. Ich habe nicht nur die Landschaft erfahren, sondern auch ein Stück weit das Land kennen gelernt – mehr als ich erwartet hatte.

Mein Ziel, den Kopf frei zu kriegen, hab ich definitiv erreicht. Jetzt bin ich erst einmal erlebnismüde. Der Körper schaltet in Regenerationsmodus und verlangt nach Wärme, Tee, Sofa und Keksen. Und Marzipan, natürlich. Der Kopf verlangt nach Ruhe, bitte nichts Neues jetzt. Da gibt es wohl noch ne Menge zu verarbeiten. Wenn ich die Augen schließe und an die vergangenen Wochen denke, blitzen tausend schöne Bilder und Erinnerungen auf, alle mit Gefühlen und Namen und Erlebnissen verknüpft.

Dieser Blog diente mir als Tagebuch, und ich werde die Einträge und Bilder sicher einige Male durchgehen. Was daraus entsteht, und wie weit mich das verändert haben mag, wenn überhaupt, das wage ich heute gar nicht abzuschätzen. Danke für alle Unterstützung, Nachrichten, Fragen und Anregungen. Ich mag zwar alleine unterwegs gewesen sein, einsam war ich aber selten. Jetzt freue ich mich darauf, altbekannte Freunde wieder zu treffen und zu erfahren, was inzwischen so alles passiert ist.

Der Gråskjegg verabschiedet sich. Dies war mein erster Reiseblog, jedoch sicher nicht mein letzter.

Tag 41: Kurzes Finale nach Lårdal

Es regnet doch noch, Yr hatte recht – und es bleibt nicht beim Yr, beim Nieselregen, sondern macht ganz ordentlich alles nass. Das Tröpfeln auf dem Zeltdach bringt mich schnell in tiefen Schlaf. Ans Schlafen im Zelt hab ich mich inzwischen sehr gewöhnt, überhaupt ans Zeltleben. Das auf-dem-Boden-Herumkrauchen hat auch was von Yoga, finde ich. Ein paar Yoga-Übungen mache ich ohnehin gegelentlich, denn so sehr ich mich an die 2cm dünne Isomatte gewöhnt habe, eine Matratze ersetzt sie nicht. Auch ist die Belastung und Haltung beim Radeln eher einseitig, so dass natürlich auch Verspannungen kommen, denen ich entgegenwirken will.

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Irgendwann wache ich auf, bin überzeugt, es ist schon längst später Morgen, bin auch hellwach und fühle mich ausgeschlafen – der Blick auf die Uhr verrät: 3 Uhr. Oh wow. Na, ich bin ja erholt. Das Licht kam von den doch ziemlich hellen Laternen auf dem Zeltplatz, welches natürlich problemlos auch im Zelt die Nacht zur Morgendämmerung macht. Problemlos schlafe ich tief und fest, schlummere in die echte Morgendämmerung hinein, der Regen lässt nach, und ich bleibe liegen, solange es meine Blase erlaubt.

Auch im Zelt gibt es reichlich Tau. Nein, hier hat es nicht reingeregnet.

Anziehen, Bad, zurück zum Zelt, Tee und Topf und Flasche zur Küche tragen. War da nicht noch was? Als das Wasser kocht, fällt es mir ein: der Topfgriff. Mit spitzen Asbestfingern schaffe ich es, das kochende Wasser in die Flasche zu füllen, stopfe die Teebeutel dazu, schraube die Flasche zu und trage sie am praktischen Henkeldeckel zurück. Und weil ich gerade da bin, nehme ich auch noch ne halbe Pizza mit, die soll heute mein Frühstück sein. Und was für eines! Mjam! Da es wieder nieselt, genieße ich diesmal den kulinarischen Tagesstart mit Tropfenmusik im Zelt.

Pizza a lá françoise- die Zweite. Nicht nur der Hunger treibt es rein, ist immer noch lecker.

Heute geht es wirklich weiter, ich packe also gemütlich vor mich hin, ziehe mich um und warte, bis der Regen etwas abnimmt und Anja sich von unterwegs aus meldet. Ich werde rund 2 Stunden brauchen, sie etwa 3 Stunden. Gut abgestimmt könnten wir etwa gleichzeitig in unsrer Bleibe eintrudeln. Warte, nur 2 Stunden Fahrradfahren heute? Hm, das ist schon arg wenig. Aber machen kann man nicht viel, die Möglichkeiten sind begrenzt. Ich freue mich immer noch auf die Fahrt im Regen. Mal sehen, ob das was wird, oder mir diese Erfahrung verwehrt bleibt.

In der Küche treffe ich wieder Clarisse und Romain, denen die Reisepause sichtlich gut tut. Sie kommen endlich dazu, über mehr zu sprechen als Kalorienjagd, Unterschlupfsuche, Streckenalternativen und Wetter. Wir tauschen unsere Kontaktdaten und sind uns ziemlich sicher, dass wir uns wiedersehen – sei es in Grenoble oder Heidelberg, oder vielleicht ganz woanders. Da meldet sich Anja, dass sie bereits von der Fähre runter und gut unterwegs sei, und ich hab noch nicht mal das Zelt eingepackt! Oha, nun aber zackig. Zum Glück hab ich 6 Wochen geübt, so geht es wirklich flink, und kurz später bin ich abfahrbereit. Nach nur 2km wird es ne Weile steil bergauf gehen, also starte ich bei leichtem Yr und 10°C in kurzen Sachen – genau richtig, wie sich bald herausstellt. Ein kurzer aber herzlicher Abschied von den beiden Franzosen, und ich bin unterwegs.

Gråskjegg geht wieder auf Tour mit Blåjernhest – dem blauen Eisenpferd
Keine Minute später muss ich schon bremsen. Verfloxt, jetzt ne ordentliche Aussicht… keine Zeit dafür, leider. Wolken machen Berge schön – erwähnte ich das bereits?

Es geht mit 11% kontinuierlich bergauf, mein Puls ist mitunter deutlich jenseits der 140, aber das ist heute egal. Ne Stunde halte ich das gut durch, das weiß ich. Und tatsächlich klettere ich in der ersten Stunde satte 570hm hinauf, das ist Rekord mit dem Gepäck! Ach, was würde ich gern weiterfahren und erkunden, wie fit ich eigentlich werden kann. Ich hab gestern bei Duschen schon bemerkt, dass ich 2 weitere Kniescheiben habe – zumindest sah es von oben so aus, so dick sind die Muskeln geworden. Die zusätzliche Motivation, Anja bald wieder zu sehen, gibt mir sicher auch ein bissl Schub.

Leider gibt es Aussicht von oben nur mit Strommast im Weg. Norwegen ist leider voller Strommasten und -leitungen.

Die Wolken wabern wild durch das Tal und über den Bandak, immer wenn ich runterschauen kann, sieht es anders aus. Dann bin ich selbst in ner Wolke, der Niederschlag wird heftiger, aber mich stört das nicht. Noch nicht. Zwischen Regentropfen läuft trotzdem der Schweiß, auch bei inzwischen nur noch 8°C. Ich genieße es, so intensiv lebt es sich sonst selten: die kühle Waldluft, die schöne, gleichmäßige Anstrengung, das vorüberziehende Grün, der gelegentliche Ausblick, und heute erstaunlich viele Aufmunterungen von Autofahrern – einer filmt mich sogar. Im Home Office ist es definitv langweiliger.

Hey, die kenn ich doch! Die Stabkirche von Eidsborg, diesmal nass. Die werden wir die nächsten Tage bestimmt nochmal besuchen, dann hoffentlich mit englischer Führung.

Als ich so ziemlich oben bin, merke ich beim ersten kurzen flachen Stück, wie kühl es mit Fahrtwind wird. Also schnell die langen Sachen drüber, und ein paar hundert Meter weiter auch die Regenjacke, dafür pack ich die Brille weg. Ohne seh ich mehr als mit. Regenhose und Schuhüberzieher lass ich mal weg, ich will wissen, was die Softshellhose kann und wie gut es mit nassen Wollsocken in nassen Trailrunningschuhen geht. Die Hose kann einiges und geht auch nass, die Schuhe sind auch nass wunderbare Treter. Trocknen müssen wollte ich das Zeug nicht im nassen Zelt bei Dauerregen, aber später erwartet mich ein Holzofen, da ist Zeit für Experimente.

Klar? Nicht so. Ohne ist besser.
Kann das denn Spaß machen? Ja. Eindeutig ja. Zu erleben, dass man den Elementen gut trotzen kann, ist einfach schön. Und sobald man mal nass ist, ist es auch egal. Nass werden ist bäh, nass sein dagegen okay.

Ich war flink über den Berg und kann mir jetzt Zeit lassen. Die letzte Abzweigung führt mich auf eine unbefestigte Straße, die sich aber super fährt, fast als wäre es Asphalt. Nur einmal kommt mir ein Auto entgegen, dafür rasant, aber Platz ist genug. Hier soll man bei Dämmerung gut Elche sehen können. Überhaupt habe ich keinen einzigen Elch gesehen auf dieser Tour. Auf anderen Trips in Norwegen hab ich die schönen großen Tiere immer nur in der Dämmerung angetroffen.

Und das ist auch was doofes beim Radeln mit Zelt: man ist an den Tag gebunden und kann nicht zur frühen Morgenstunde oder in den Abend hinein unterwegs sein. Das heißt, gehen ginge es schon, aber nur mit erheblichen Umständen. Um früh unterwegs zu sein, müsste man vor der Dämmerung aufstehen und packen und beladen und losfahren, Frühstücken wäre da kaum möglich, kalt wäre es auch, also erstmal ein paar Stunden mit Kleinfutter überleben. Und tagsüber müsste man dann alles trocknen, also länger Halt machen, einiges auspacken, aufbauen… uffz.

Um in den Abend hineinzuradeln, müsste man schon kochen und essen, bevor man das Zelt aufschlägt, denn im Finstern macht das keinen Spaß, und hungern oder nur von Nüssen und ähnlichem ernähren geht ja auch nicht wirklich. Also Halt machen, auspacken, kochen, sauber machen, einpacken, beladen, in den Abend fahren und im Halbdunkel nen Zeltplatz finden? Und dann verschwitzt in den Schlafsack? Sich waschen im finsterer Kälte ist ja nun nicht gerade erstrebenswert. Hmm, ich kann es mir nicht so recht vorstellen. Dabei sind es die Grenzen des Tages, welche oft tolle, ruhige Stimmungen bringen, und in denen dahinzurollen eigentlich schön wäre. Nur halt so ungemein unpraktisch, zumindest zu dieser Jahreszeit in Norwegen.

Da gibt es auch nen Campingplatz in Lårdal? Hmm… falls ich es mit festem Dach über dem Kopf nicht aushalte, kann ich ja schnell flüchten.
Schotterpiste, kleiner Bach, viel Wald – garantiert Elchgebiet.

Viel zu schnell geht es heute, da bin ich schon da. Die Vermieter der kleinen Wohnung sind super nett, ich darf auch das Zelt zum Trocknen im Garten aufbauen, der Ofen ist vorgeheizt, die Wohnung super gemütlich, die heiße Dusche tut gut. Ich glaube, hier kann ich es ein paar Tage aushalten. Ja, ich bin schon auch froh, mal was anderes zu machen und ne Weile an einem Ort zu bleiben. Ewig unterwegs, die Straße als Heimat, stetiger Wechsel – das ist zumindest derzeit für mich nicht vorstellbar.

Da steht es, und darf auch stehen bleiben. Natürlich ohne Gepäck.

Bald kommt auch Anja, und das Wiedersehen ist mehr als herzlich! Lang haben wir uns vermisst, 6 Wochen sind schon wirklich arg lang. Es gibt viel zu erzählen, aber erstmal sich ansehen, fühlen, nah sein. Und essen. Am Tisch, auf Stühlen, mit jeder Menge Auswahl und frischen Tomaten und Paprika aus dem Garten daheim. Ein Festmahl.

Im Joker sogar ein wirklich leckeres Brot entdeckt, das wir zu zweit auf Anhieb fast niedermachen.

Diese Seite heißt ja nicht umsonst kurz mal raus, denn so ergeht es Anja und mir immer wieder: „Komm, lass mal kurz raus gehen“ – „Okay“ … „Warum wird es eigentlich schon dunkel?“ So geht es auch diesmal, als wir uns nur mal kurz die Beine vertreten wollen. Schon sind wir auf dem Weg durchs Gestrüpp, um eine Abkürzung zum Lårdalstigen zu nehmen, wo es ne schöne Aussicht auf den Bandak gibt. Kurz vor Sonnenuntergang sind wir dort, genießen kurz den Augenblick, bevor uns der Wind den Schweiß kühlt und wir den steilen Weg durch den schnell dunkler werdenden Wald wieder nach unten düsen.

Nee, das ist wirklich nicht bearbeitet oder gestellt. Das war so. Echt jetzt.
Die Aussicht. Ich weiß, schon wieder See, Wolken, Berge, Wald. Mein landschaftlicher Geschmack dürfte inzwischen geklärt sein.

Auf den letzten Metern kommt noch der Mond hinter den Bergen raus und beleuchtet die schwindenden Wolken, die ersten Sterne lassen sich sehen. Es wird regelrecht romantisch. So darf eine große Tour enden, das ist schöner als zurück in die große Stadt und Trubel und Fähre und Menschen und Zugfahren und all der Stress, Lärm, Hektik. Hier in einem einsamen Dorf zusammen mit der Liebsten bin ich bereit, das Abenteuer zu beenden. Das nächste kommt bestimmt bald. Morgen will ich versuchen, die Tour auf eine Karte zu malen und ein paar Zahlen, Daten und sowas zusammen zu schreiben, quasi ein Fazit. Heute schaff ich das nicht mehr, das weiche Bett ruft dafür zu laut.

Tag 40: Französische Pause

Warte, Du liest immer noch mit? Irre! Nee, jetzt ganz ehrlich: ich hab keine Ahnung, wer hier alles mitliest. Tust Du mir nen Gefallen? Schreibst Du mir ne Mail? Egal wie kurz, sogar ein „Ich lese mit“ genügt, aber gern darfst Du mir verraten, wie es Dir beim Lesen so ging. Und Fragen beantworte ich natürlich auch, klaro. Danke Dir!

Aber jetzt zur Sache. Die Sache, also die Hauptsache heute, ist erstmal Ausschlafen. Ausschlafen tut gut. Nachts bin ich gelegentlich wach, und ich spüre meine Oberschenkel deutlich. Das ist ein klares Zeichen dafür, dass ich nicht viel fahren sollte. Weit ist es ja eh nicht mehr, also mache ich mir keine Sorgen. Um 8 bin ich putzmunter, während Clarisse und Romain noch nichts von sich sehen lassen.

RoutenplanungTag 1Tag 10Tag 20Tag 30

Heute soll es im Laufe des Tages regnerisch werden, und jetzt ist es bewölkt, die Luftfeuchtigkeit hoch, alles trocknet deutlich langsamer. Ich mache mir Tee in der Küche und rühre ein großes Müsli mit Schokopulver, Blaubeersirup und heißem Wasser an. Auf nem Stein sitzend schaue ich auf den Fluss und esse genüsslich, lasse so den Tag beginnen. Draußen sein ist gut, tut gut. Muss ich daheim wieder mehr machen.

Der einzige Zeltplatz mit Strom für Zelter, an jeder Laterne gibt es 4 Steckdosen. Luxus.

Die Franzosen ruhen immer noch, und nachdem Clarisse gestern meinte, sie sei etwas reisemüde, vermute ich ganz richtig, dass die beiden nicht wie Thomas und Tina weiterziehen, solange es irgendwie geht, sondern hier Pause machen. Ich packe gemütlich ein paar Sachen und lasse mir Zeit. Ah, zahlen muss ich ja noch, und jetzt ist der Besitzer auch an der Rezeption, vor welcher die beiden Reiseradler auf der klassischen Tisch-Bank-Kombo frühstücken. Wir unterhalten uns, ich kriege nen Kaffee, und stehe auf einmal vor der Wahl, auch noch nen Tag hier zu bleiben, aber morgen den Rest im Regen zu fahren. Entweder heute hier Gesellschaft genießen, oder aber alleine bei Regen im Zelt sitzen und reflektieren und Blog schreiben. Als Romain meint, wir könnten heute zusammen Pizza machen, fällt mir die Entscheidung sehr leicht: wenn Franzosen zum kochen einladen, dann isst man mit.

Also wird ein Einkaufszettel erstellt, Romain und ich gehen Mampf kaufen. Vorher schaue ich noch bei ner Werkstatt vorbei und bekomme Miljøbensin für den Kocher, das ist Benzin mit weniger Additiven, das rußt weniger und ist gesünder. Der Werkstattmensch ist sehr skeptisch, meint, Benzin sei gefährlich und fragt besorgt, ob ich denn auch im Zelt koche. Hab ich schon ein paar Dutzend Male gemacht, im gut belüfteten Vorzelt, und habe keine Sorgen. Ob ich die Dichtung der Flasche erneuert hätte? Ja, habe ich gerade erst. Zugegeben, nach 10 Jahren das erste Mal, und es war nötig. Er mahnt zur Vorsicht, wirkt noch immer skeptisch. Mir scheint, der Gute hat üble Erfahrungen mit Benzin erlebt oder zu hören bekommen.

Tatsächlich ist der Benzinkocher, ein MSR Whisperlite, schon gewöhnungsbedürftig und nicht so sauber und bequem wie ein Gaskocher. Anheizen dauert ne Minute und qualmt etwas, mit Rein- oder auch Waschbenzin ist das deutlich angenehmer, aber trotzdem immer etwas Aufwand. Regulieren ist auch nicht so leicht, und er brennt beim Ausmachen immer etwas nach. Dafür hält eine Flasche echt ewig, man bekommt überall Nachschub, und muss nie leere Gaskartuschen herumschleppen. Den Vorteil, dass er auch bei eisiger Kälte einwandfrei brennt, musste ich bisher nur einmal nutzen, als ich im Februar auf dem Gletscher des Similaun gezeltet habe (mache ich so schnell nicht wieder). Ich mag es, Feuer zu machen, und der Geruch dabei ist bei mir inzwischen fest verdrahtet mit Outdoor, Wildnis, Abenteuer. Trotzdem freue ich mich auf ne Lösung, die ohne fossile Brennstoffe auskommt.

Wir 3 tauschen uns viel aus, spielen dann eine Weile Ping Pong mit aalglatten Plastikschlägern, mit denen man überhaupt keinen Effet erzeugen kann, so dass meine uralten Reflexe mich ständig in die Irre führen. Macht trotzdem Laune. Ein Spaziergang auf der Insel führt zu romantischen Plätzchen, die auch bestimmt gut zum Angeln sind – Romain hat am Fahrradrahmen eine Teleskopangel befestigt, bisher bekamen die beiden es aber nicht übers Herz, nen Fisch auch zu töten. Er verzichtet deshalb auch heute auf den Versuch, nen Wurm zu baden.

Das soll ein Regentag sein? Na, kann ja noch werden.

Irgendwann ist Pizza-Time. Ich befolge Anweisungen, Romain dirigiert. Im Supermarkt haben wir vorgebackene Pizzaböden gefunden, diese werden mit Creme Fraiche bestrichen und dann dick belegt, zuoberst kommt Brie. Italiener würden uns dafür, dass wir dies „Pizza“ zu nennen wagen, vermutlich mit Betonschuhen im Bandak versenken. Ich bin auch skeptisch. Der Aufwand ist nicht unerheblich, denn alle Beläge werden vorgegart oder angebraten. Aber als ich probiere, verfliegt jeder Zweifel. Das norwegische IPA, das ich spendiere, passt mit seiner herben Fruchtigkeit prima dazu. Wow. Das ist die erste richtige Mahlzeit seit Beginn der Reise. Heute hier zu bleiben war ne gute Entscheidung, der Tag war echt schön.

Neben dem Kochen lerne ich auch, auf Französisch zu fluchen.
Französische Pizza und norwegisches IPA. Skål und bon appetit. 4 Pizzas backen wir, verschieden belegt, aber schaffen nur zweieinhalb.

Wir erzählen noch, natürlich auch über unsere Arbeit. Dabei merke ich deutlich, wie sich die Gesichter, die Haltung, die Sprache verändern. Lebhaftigkeit und Frohsinn weichen Ernst und Frust. Verfloxt, irgendwas machen wir doch falsch im Arbeitsleben, wenn das so aufzehrt und die Kräfte raubt. Aber ich merke auch wieder, warum ich den alten Job gekündigt habe, und warum ich für den neuen so brenne.

Ich möchte Software so bauen, wie es sein soll, und die Möglichkeit, das zu gestalten, werde ich haben. Da freue ich mich drauf, und merke auch deutlich, dass die Altlasten weiter weg sind, sich fern anfühlen. Ja, da kommen noch Frust und Verzweiflung hoch, wenn ich davon erzähle, wie schwerfällig ein Großkonzern ist, und wie wenig man als Einzelner insgesamt ausrichten kann. Aber es sind fernere Erinnerungen einer doch eher schon vergangenen Zeit, die mich nicht mehr so belasten. Ich bin merklich freier. Befreiter.

Mein Einhorn leuchtet bei Bedarf sogar. Ein Leuchthorn. Oder ne Hornleuchte? Ein Einleuchter? Ja, das ist einleuchtend.

Inzwischen hat ganz schleichend ein leichter Dauerregen eingesetzt. Zwischen Zelt und Toilette genügt eine Softshelljacke, beim Wandern oder Radeln wäre man ratz fatz durchweicht. Das ist uns schon öfter passiert: Erst machen die paar Tropfen nichts aus, dann könnte es ja bald wieder aufhören, und bis man denkt, Regensachen wären doch ganz gut, ist man bereits total nass. Ich schreibe wieder im Zelt, bin dankbar für die 3kg Stoff, die mich so gut schützen. Die Niederländer nebenan, die mit Zelt und Auto unterwegs sind, haben ihre Fahrräder mit nem Plastiküberwurf geschützt. Mein geliebtes Fahrrad steht draußen und wartet geduldig auf mich, damit wir morgen die letzte Etappe bewältigen.

Mein tapferer Gefährte. Es braucht noch nen Namen. Vielleicht erträume ich heute Nacht einen…